05.03.1979

Für Berlin eine „Halle Größenwahn“?

Das größte und teuerste Bauwerk Nachkriegsdeutschlands ist fertig: Am 2. April wird das „Internationale Congress Centrum Berlin“ eröffnet. Die Tagungsmaschine bietet Platz für 20 000 Menschen. Der Super-Bau, schon jetzt für zwei Jahre ausgebucht, erregt gleichwohl das Mißfallen der West-Berliner Opposition: Der Koloß sei „zu groß und zu teuer“, meint die CDU. Baukosten: mehr als eine dreiviertel Milliarde Mark.
Es wird Pannen geben", wußte der Architekt Ralf Schüler schon während der Bauzeit, "jede Menge Pannen." So ein Mordsding wie das von ihm und Frau Ursulina entworfene "Internationale Congress Centrum" (ICC) in West-Berlin könne gar nicht auf Anhieb funktionieren.
Die ersten Pannen gab es bereits, noch vor der Eröffnung: Letzte Weihnachten kippte ein Stahlgerüst von einer Verbindungsbrücke und begrub den Kleinbus einer Jazzband aus der DDR; einen Monat später war die elektronische Schaltzentrale kaputt. Die Polizei schloß in beiden Fällen Sabotage nicht aus: Mal fehlten Halterungen, mal war ein Relais ausgebaut.
Für die Berliner CDU aber ist die größte Panne das ICC selbst. Vier Wochen vor der geplanten Eröffnung -- und zwei Wochen vor den Wahlen zum West-Berliner Abgeordnetenhaus -- bleiben die Christen dabei: Die Sozis hätten eine "Halle Größenwahn" gebaut, die Finanzierung sei ein "Stück aus dem Tollbaus".
"Mein Gott", erkundigte sich CDU-Fraktionschef Heinrich Lummer bei Finanzsenator Dr. Klaus Riebschläger (SPD), "sind Sie denn bekloppt?"
Mindestens 800 Millionen Mark wird die Tagungsstätte gekostet haben, wenn am 2. April der unvermeidliche Herbert von Karajan seinen Weihestab hebt. Die CDU hat den Betrag längst nach oben abgerundet: Als "Milliardenbau in Witzleben" rangiert der "politische Dauerbrenner" (Lummer) in ihrem Wahlkampfwortschatz.
Wie ganz anders als von den harten Bänken der Opposition sich Nachkriegsdeutschlands größtes und teuerstes Bauwerk von der Regierungsbank aus sehen läßt, diese Erfahrung machte vor vier Jahren die FDP.
Vor den Wahlen, noch in der Opposition, erschien ihr das "Monstrum" wie den Christdemokraten "prinzipiell unvertretbar"; der SPD-Senat werde damit "Schiffbruch erleiden". Nach den Wahlen, als Koalitionspartner, sah sie im ICC die Chance für "wirtschaftliche Impulse", eine "weltweite Visitenkarte" für Berlin.
"Nur wer investiert, kann Gewinne machen", fand plötzlich der FDP-Bürgermeister und Wirtschaftssenator Wolfgang Lüder. Kongresse, die "bisher (für Berlin) nicht erreichbar" waren, könnten "endlich angemessen" untergebracht werden.
Den Architekten ist klar, daß andere länger, "vielleicht zehn oder 15 Jahre", brauchen werden, "bis sie verstehen, was da entstanden ist": ein Großstadt-Klotz, der in seinen Abmessungen, in der Ausstattung und in den technischen Möglichkeiten ohne Vorbild ist -- mehr Maschine als Gebäude.
In optimaler Verkehrslage zwischen Autobahn und Stadtautobahn, nur Minuten vom Kurfürstendamm, mit den Messehallen unter dem Funkturm durch ein dreigeschossiges Brückenwerk verbunden, liegt der aluminiumverkleidete Stahlkoloß, auf den die Stadt sich nun wird einrichten müssen -300 Meter lang, 85 Meter breit, 40 Meter hoch, ein Haus für 20 300 Menschen.
Der Super-Bau, außen rot und silbern, innen blau und gelb, bildet die Hülle für eine hochtechnisierte Anlage. Die achtsprachige Dolmetscheinrichtung an 8000 Sesseln soll so reibungslos funktionieren wie die Kaffeebrühmaschine in der Kantine (5000 Tassen in 15 Minuten).
Insgesamt 80 Räume -- zwischen sieben und 6000 Quadratmeter groß -- bieten jeweils sechs bis 5000 Menschen Platz. Saal 1 läßt sich verwandeln: von einem Auditorium für 5000 in ein Großraumbüro für 2500 Personen -- jeder zweite Sitz wird dann durch einen Arbeitstisch ersetzt. In Saal 2 (4000 Sitze) läßt sich die gesamte Tribünenanlage unter die Decke hieven. Zwischen den Sälen befindet sich eine komplette Bühne.
Was bis zu 4000 Bauarbeiter gleichzeitig da in rund fünf Jahren montiert haben, erschreckt schon durch die schiere Zahl: Für 800 000 umbaute Raummeter wurden 125 000 Kubikmeter Stahlbeton verarbeitet (3000 Güterwagen). Allein die Stahldachkonstruktion wiegt zwölfmal soviel wie der Funkturm. Die Fußböden im Haus (zur Hälfte mit Teppich ausgelegt) entsprechen der Fahrbahnfläche auf dem Kurfürstendamm: 73 000 Quadratmeter.
Bevor 800 feuerfeste Türen und 64 Klimaanlagen installiert wurden, unternahmen Akustiker und Klimaforscher umfangreiche Lüftungs-, Schall- und Strömungsversuche.
Wichtige Frage: Wieviel Körperwärme geben 5000 Menschen in einem vollbesetzten Saal ab? Anderes Problem: Wie funktioniert Luftzirkulation ohne Zugluft? Wortmeldungen über Mikrophon sollen von jedem Platz aus möglich sein. Die elektro-akustische Anlage soll richtungstreues Hören ermöglichen.
Um die Innenräume gegen Vibrationen und Lärmeinwirkungen durch den Straßenverkehr abzuschirmen, entwickelten die Berliner für das ICC eine "Haus-in-Haus-Konstruktion": Innen- und Außenhaus wurden elastisch voneinander getrennt: Die. Außenwände berühren an keiner Stelle direkt -- Beton an Beton -- den inneren Baukörper.
Zu diesem Zweck steht der Innenbau auf Stützen aus Neopren, einer Kombination aus Stahl und Kunststoff. Acht außenliegende Treppenhäuser tragen das Dach, gleichfalls durch Neopren-Lager abgepuffert. Die Außenfassaden wiederum sind am Dach aufgehängt.
Die Schallschutzmaßnahmen haben die Gestaltung des Gebäudes entscheidend beeinflußt und ungewöhnliche Montageleistungen mit Deutschlands schwerstem Gerät erfordert: Träger der stählernen Dachkonstruktion sind 190 Meter lang; freischwebend überspannen sie bis zu 70 Meter.
Dieses technische Wunderwerk war keineswegs von vornherein geplant. Es ist, so peu à peu, im Laufe von 13 Jahren über die Berliner gekommen.
Bewundernswert erscheint dabei vor allem der stoische Mut des Bauherrn, des Berliner Senats. Er verlor auch dann die Ruhe nicht, als die ursprünglich veranschlagten Baukosten auf das Siebenfache stiegen und der gesamte Senat in Parlament und Presse dafür permanent Prügel bezog.
Denn begonnen hatte das Projekt ohne Aufhebens, wie eine kommunale Alltäglichkeit, als die West-Berliner "Ausstellungs-Messe-Kongress-GmbH" (AMK) im Jahre 1966 einen Wettbewerb für einen Erweiterungsbau ausschrieb -- geplant war eine Mehrzweckhalle für 4000 Leute.
Herr und Frau Niemand errangen den ersten Preis: Ralf Schüler und Ursulina Witte, die sich ihre Miete als Zeichenknechte in den Büros arrivierter Professoren verdienten. Und dabei blieb es auch geraume Zeit.
Schüler, DDR-Flüchtling, gelernter Elektrotechniker, damals 36 fahre alt, hatte sein Architekturstudium nicht einmal ordnungsgemäß abgeschlossen und widmete sich am liebsten seinem Hobby: alten Autos, Dampfmaschinen, Lokomotiven in Originalgröße.
Als Ende der sechziger Jahre dann der globale Tourismus explodierte und der dänische Reiseforscher Ejler Aljaer eine weltweite Kongreß-Lawine prophezeite, bestellten die Berliner nochmals ein Gutachten. Empfehlung der Experten: Raum für 5000 Personen und zusätzlich kleinere Räume.
Tatsächlich expandierte die Kongreßbranche stärker als alle anderen touristischen Sparten. Neben Kommunen und Kurorten, die ihre Stadthallen und Hotels ohnehin gern mit. reisefreudigen Managern und Medizinern auslasten, wetteiferten zu Beginn der siebziger Jahre auch mehr und mehr Großstädte um Kongresse.
Der Grund ist klar: Tagungsteilnehmer reisen auf Spesen und haben die Spendierhosen an. Kongreßzentren selbst arbeiten zwar unrentabel. Doch für die Städte ist nicht nur die Imagepflege wichtig. Auch die Randgewinne sind beträchtlich. So kalkulieren etwa die Berliner, daß jeder Teilnehmer pro Tag rund 200 Mark in der Stadt ausgibt.
Die Berliner sahen sich mit ihrer Kongreßhalle aus den fünfziger Jahren denn auch im Hintertreffen: Mit maximal 1200 Plätzen und bescheidener technischer Ausstattung war die "Schwangere Auster" international hoffnungslos überholt.
Zusätzlich stachelten die Ostdeutschen den Ehrgeiz der West-Berliner an: Im Ostteil der Stadt baute die SED ihren klotzigen "Palast der Republik".
Im Auf und Ab der Rangliste begehrtester Kongreßstädte war West-Berlin (stets weit hinter den Giganten Paris, Genf und London) vom 10. über den 17. auf den 14. Platz gerutscht -- alarmierend genug für die Regierung einer Stadt, die außer Filmfestspielen, Theaterwochen und einem satten Strich ohnehin immer weniger zu bieten hatte. So kam die Idee auf von der "internationalen Drehscheibe".
Die AMK beschloß, "international völlig neue Maßstäbe" zu setzen, quasi eine neue Zeitrechnung im Kongreßwesen, und der Senat ließ sich auf sein bislang waghalsigstes wirtschaftliches Abenteuer ein.
Ein erster Kostenvoranschlag von 1969 -- "rd. 120 Millionen Mark" -- wurde schnell nach oben korrigiert, und noch vor Baubeginn von Parkhaus (1973) und Hauptgebäude (1975) hatten die Kalkulationen "rd. 500 Millionen Mark" erreicht. Inzwischen steht das "rd." für eine dreiviertel Milliarde.
"Traut ihr euch das zu?" hatte Senatsbaudirektor Hans Christian Müller die Preisträger gefragt. Sie trauten sich. Zeitweise zeichneten 80 Mitarbeiter im Büro Schüler-Witte an dem Riesenbau' dessen Grundkonzept der Generalbevollmächtigte des ICC' Peter W. Haupt, mit der Faustregel umreißt: "So viele Sitzplätze im Plenarsaal, so viele auch in separaten Tagungsräumen der verschiedensten Größen."
"Es gibt keinen Veranstaltungstyp' der im ICC nicht stattfinden kann", meldete des AMK -- ob nun Großkongresse oder Parteitage. mehrere Konferenzen gleichzeitig, Konzerte, Shows' Theateraufführungen' Bälle oder Bankette.
Bislang hat das ICC mehr als 100 Kongresse fest gebucht -- darunter den Soziologentag (2000) und den Betontag (2000), Treffen der Rotarier (1500) und Brauer (1800), von Zellbiologen, Juristen und Ingenieuren. 20 000 Teilnehmer sind für den Kongreß für ärztliche und zahnärztliche Fortbildung im Juni angesagt. Haupt: "Die ersten beiden Jahre sind ausgebucht."
Doch als ob überhaupt nichts mehr geht ohne Gezänk in Berlin: Nun hat sich ein neuer Streit an der künstlerischen Gestaltung des Vorplatzes entzündet, und wiederum machte die CDU sich zum Sprachrohr eines gesunden Volksempfindens. Einstimmig verurteilte die CDU-Fraktion die geplante Aufstellung einer Skulptur als "Verhöhnung der Berliner".
Eine l7köpfige Jury hatte sich eindeutig (zwei Gegenstimmen, eine Enthaltung) für die Skulptur "Ecbatane" des Pariser Bildhauers Jean Ipousteguy ausgesprochen. Das Werk zeigt Alexander den Großen vor der Perserstadt Ekbatana (heute: Hamadan) und steht bereits in sechs Güssen, so im Centre Pompidou, in Chicago und Tokio. Das Original mißt 1,65 Meter. Den Berlinern offerierte Ipousteguy eine Großausführung: Sieben Meter hoch, 16 Meter lang -- 30 Tonnen Bronze.
Als der "Bildhauer der Weltelite" ("Tagesspiegel") auf die CDU-Schelte empfindlich reagierte, reiste Bausenator Harry Ristock nach Paris und orderte das Werk zum Bruttopreis von 1,2 Millionen Mark.
Daß die CDU ohnehin alles ganz anders gemacht hätte, gab ihr Bauspezialist Klaus Franke Zeitungsleuten zu verstehen. Es wäre, meinte er, beispielsweise klüger gewesen' kleiner zu bauen, die Folgekosten dementsprechend niedriger zu halten und das Geld lieber für die Akquisition zu verwenden.
Franke: Für einen Verbandspräsidenten ein Auto, für seine Frau einen Pelz, "auf diese Weise könnte man Kongresse nach Berlin holen".

DER SPIEGEL 10/1979
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