01.01.1979

Kaviar im Gepäck

Schmuggel als Sportler-Privileg, Pannen bei der Planung und Sportler-Schicksale in der UdSSR beschreibt das Buch eines emigrierten Insiders.
Wassilij Alexejew, der lebende Kran aus Rjasan, stemmte mehr Weltrekorde als alle anderen. Außerdem hob er das sowjetische Prämien-System aus den Angeln.
Als Alexejew Weltniveau erreichte, belohnten die Funktionäre einen Heber-Weltrekord noch mit 3000 Mark. Dann stürzte er 1971 im Moskauer Gorki-Palast sieben Weltrekorde an einem Abend. Anschließend rollten die Rubel nur noch nach Bestleistungen bei internationalen Veranstaltungen.
Da wuchtete Alexejew in zwei Jahren zehnmal prämienreife Lasten. Wegen der Rekordinflation werteten die Sportsowjets die Prämien auf 1500 Mark pro Rekord ab. Bis 1978 verbesserte Alexejew dann 80 Weltrekorde, oft nur um ein halbes Kilo. Zu Ehren der Olympischen Spiele 1980 in Moskau verpflichtete er sich offiziell zu neuen Höchstleistungen.
Anekdoten wie diese und Insider-Geschichten aus dem sowjetischen Sportalltag sammelte der russische Emigrant Jurij Brochin zu einem Buch*, das schildert, wie Prämien und Privilegien den Roten Sportapparat ölen und Planungspannen ihn stottern lassen. Autor Brochin schloß seine Ausbildung im Moskauer Institut für Kinematographie ab. Er arbeitete als Texter, später als Direktor im sowjetischen Fernsehen und in der Filmbranche häufig mit Spitzensportlern und -trainern zusammen. 1973 blieb er in den USA.
Er beschreibt, wie sich die Funktionäre an gewaltigen Teilnehmer-Zahlen im Massensport berauschen, obwohl die oft nur auf dem Papier stehen: Planerfüllung. Aber auch bei der Talentauslese für den Höchstleistungssport spielt oft der Zufall mit. So hatten die Funktionäre den begabtesten Sprinter der Sowjet-Union schon abgeschrieben.
Denn Walerij Borsow trainierte bei einem Außenseiter, dem Biologen Walentin Petrowski. Der ignorierte die zwei wichtigsten Grundsätze des Sowjetsports: durch härtestmögliches Training Weltformat zu erarbeiten und sich schriftlich zu verpflichten, zu bestimmten Terminen vorausberechnete Höchstleistungen zu vollbringen.
Petrowski verfuhr umgekehrt: "Laßt uns versuchen", lautete sein Leitsatz. Andere Sprinter trainieren an fünf Wochentagen jeweils fünf Stunden -- Borsow nur an vier Tagen jeweils zwei Stunden. Zur Überraschung der Funktionäre sprintete er 1972 zur sowjetischen Meisterschaft und war nun bei der Olympia-Auswahl nicht mehr zu übergehen. In München gewann er zwei Goldmedaillen.
* Jurij Brochin: "The Big Red Machine" Random House, New York; 224 Seiten; 8,95 Dollar.
Durch starre Trainings-Doktrinen sei, wie Brochin beschreibt, mancher Sowjet-Athlet verschlissen worden. Er zitierte den Staatstrainer Wiktor Lonski, der 1972 eine kritische Schrift veröffentlicht habe, in der er beklagte, daß "ein wohlbekannter Gewichtheber als junger Mann ernsthaft herzkrank wurde, ein berühmter Läufer ständiger Behandlung bedarf, ein ungewöhnlicher Turner mit 33 Jahren stirbt und ein bekannter Boxer als Invalide endete".
Am schlimmsten traf es den erfolgreichsten Langstreckenläufer der UdSSR. Bei Soldaten-Wettkämpfen in Leningrad war dem Staatstrainer Grigorij Nikiforow 1949 der Marinesoldat Wladimir Kuz aufgefallen. Damals beherrschte Emil Zátopek, die "tschechische Lokomotive", die Ausdauerrennen. Ohne zu murren, trainierte Kuz wie Zátopek, nur noch härter:
Er rannte täglich 40 Kilometer in Teilstrecken, etwa von 30mal 400 Meter bis zu fünfmal 2000 Meter, teils in Knobelbechern mit einem Sandsack im Genick. 25 Läufer hetzten ihn als Staffel über 10 000 Meter. Kuz lebte in strenger Diät und verkehrte mit seiner Ehefrau Raisa, einer Journalistin bei "Sowjetskij Sport", nur noch brieflich.
Sein Herz erreichte ein Volumen von 1071 Kubikzentimetern (Schnitt: 750), seine Lungen nahmen pro Minute bis zu sieben Liter Luft auf (Schnitt: 3,5 Liter). 1954 lief er seinen ersten Weltrekord. Doch kurz vor den Olympischen Spielen 1956 maßen die Ärzte überhöhten Blutdruck und einen Ruhepuls von 120 Schlägen pro Minute. Kuz flog nicht mit der Mannschaft nach Melbourne, er päppelte sich an Bord der "Grusija" mit gewohnter Kost, mit Borschtsch und Schaschlik wieder auf.
Er siegte über 5000 und 10 000 Meter. Aber Herzbeschwerden zwangen zu monatelanger Trainingsunterbrechung. Einmal, 1957, lief er noch Weltrekord. Aber hinter dem Ziel klappte er zusammen und verließ das Stadion zwischen zwei Sanitätern auf einer Trage. Im Krankenhaus erfuhr Kuz, damals 30, daß er niemals wieder Rennen laufen könne.
Herz und Organe waren durch 72 000 Trainings-Kilometer in sieben Jahren so hochgetrimmt worden, daß er sie nur durch ein allmählich abnehmendes Laufpensum wieder an normale Belastungen hätte zurückgewöhnen können. Aber das überforderte Herz zwang ihn immer wieder auf Wochen ins Krankenhaus, und das Herz pumpte dann zu schnell zuviel Blut in einem ruhenden Körper. 1975 versagte sein Herz zum viertenmal -- endgültig.
Tragisch endete auch eine Affäre in jener Zeit, als in der sowjetischen Frauenmannschaft Athletinnen starteten, deren Geschlechtsstatus sogar im eigenen Lande strittig war. Anfang 1966 wurde die attraktive sowjetische Eisschnellauf-Weltmeisterin Inga Artamonowa-Woronina mit durchschnittener Kehle auf den Stufen ihrer Wohnung aufgefunden.
Sie war eng mit Alexandra Tschudina befreundet gewesen, einer jener Sportlerinnen, die Sex-Tests wohl nicht bestanden hätten. Als Mörder entlarvte die Polizei den Ehemann Gennadij Woronin, einen ebenfalls erfolgreichen Eisschnelläufer. Sein Motiv: Eifersucht. Das Gericht verurteilte ihn zu zehn Jahren.
Doch den meisten Athleten bescherten sportliche Erfolge vor allem einträgliche Vorteile. Besonders Mitglieder von Dynamo-Klubs, den Vereinen des Sicherheitsdienstes, dem auch der Zoll angehört, nutzten ihr Schmuggel-Privileg. Reist eine Dynamo-Mannschaft ein oder aus, kontrollieren die Kollegen vom Zoll selten -- es sei denn nach deftigen Niederlagen.
Autor Brochin zitiert den ebenfalls emigrierten Boxer Grigorij Rogalski, der von einer Wettkampfreise in die Bundesrepublik berichtete: "Ich hatte 20 Flaschen Stolitschneja-Wodka und vier Fünfpfund-Dosen Beluga-Kaviar mit." Er verkaufte sie und deckte sich mit "15 Jeans, sechs Seiko-Uhren und vier Kassettenrecordern" ein.
"Alle taten dasselbe und stopften ihre Tragetaschen voll, während unser KGB-Major so tat, als bemerke er nichts." Der Trip brachte "3000 Rubel, genug, um in Rußland ein Jahr gut zu leben".
Mit dem Umfang der Schiebungen wächst das Risiko. Wiktor Michailow, Ehemann der Turn-Olympiasiegerin Larissa Latynina und Chef der Abteilung Mannschafts-Sportarten im staatlichen Komitee für Körperkultur und Sport, versprach Autonarren gegen einen Aufpreis und ein Handgeld Wagen ohne Wartefrist aus dem Sonderkontingent für Sportstars.
Mit seinem Partner fuhr er zur Rennbahn des Armeesportklubs in Moskau. Von dort präsidierte der Revolutionsheld Marschall Semjon Budjonny dem sowjetischen Pferdesportverband. Der ahnungslose Reitergeneral unterzeichnete das begehrte Freigabeformular.
Auf dem Weg zum Autokaufhaus stoppte dann Polizei Michailow samt Kunden und beschlagnahmte das Geld. In Wirklichkeit arbeiteten eingeweihte Polizisten mit dem korrupten Funktionär zusammen. Der Geprellte war froh, wenn er durch ein großzügiges Bakschisch an die Beamten eine harte Strafe vermied. Schließlich deckte das KGB den Fall auf. Michailow kam knapp am Todesurteil vorbei und wurde später begnadigt.
Als "lebendes Symbol des russischen Nationalcharakters, stellt Brochin Eduard Strelzow dar, den erfolgreichsten und beliebtesten Sowjetstürmer. Die Kaderakte des gelernten Metallarbeiters enthielt schon mehrere Verweise wegen Trunkenheit und Schlägereien, die "Komsomolskaja Prawda" kreidete dem Fußballer "Startum" an.
Vor dem entscheidenden Qualifikationsspiel zur WM 1958 gegen Polen verpaßte Strelzow den Mannschaftsexpreß. Er raste im Wagen hinterher und überredete 40 Kilometer außerhalb Moskaus in Moschaisk einen Bahnbeamten, den Zug zu stoppen. Und Strelzow wurde gebraucht. Er erzielte auch ein entscheidendes Tor, übte Selbstkritik und durfte weiter mitspielen.
Eine Woche vor der Weltmeisterschaft feierte er in der Fünfzimmer-Wohnung des Nationalstürmers Boris Tatuschin eine rauschende Party mit. Nach reichlich Wodka verschwand eine Psychologie-Studentin mit ihm in einem Zimmer. Sie habe, behauptet Brochin, Strelzow an sich binden wollen.
"In der Form sowjetisch, im Wesen asiatisch" habe sie im richtigen Augenblick geschrien, Zeugen alarmiert und den Eindruck einer Vergewaltigung erweckt. Brochin führt den Photoreporter Jurij Schalamow von der "Komsomolskaja Prawda" als Zeugen an: "Es schien unglaubwürdig. Warum sollte Strelzow Gewalt anwenden, wo doch jedes Mädchen in Moskau sich glücklich geschätzt hätte, mit ihm eine Nacht zu verbringen."
Nach sowjetischen Gesetzen wird eine Klage wegen Vergewaltigung fallengelassen, wenn das Opfer sie zurückzieht. Gewöhnlich haben sich die Betroffenen dann außergerichtlich über eine Heirat geeinigt. Aber der Vater des Mädchens, einst General vor Stalingrad, "stürmte das Polizeihauptquartier mit der Pistole in der Hand und drohte, Strelzow zu erschießen, falls er entlassen würde".
Der Star erhielt zwölf Jahre. Als Zwangsarbeiter in der neuen Industriestadt Elektrostal heiratete er eine Kellnerin aus der Kantine und kehrte nach sechs Jahren zurück. 1965 schoß Strelzow erneut Tore für seinen Klub Torpedo Moskau und spielte sogar wieder in der Nationalmannschaft. Die "Komsomolskaja Prawda" wählte ihn 1967 und 1968 zum "Stürmer des Jahres 1972 trat er, 35 Jahre alt, zurück.
Die sowjetische Turnerin Olga Korhut nahm es noch als Teenager mit den Funktionären auf. Beim Olympia in München hatte sie drei Goldmedaillen erturnt und trat von da an als Star der sowjetischen Riege auf, die bei Schau-Veranstaltungen im Westen Beifall und Devisen einheimste.
Weil die Turnerinnen trotz hoher Dollarverträge nur ein geringes Taschengeld in Dollar erhielten, forderte Olga Korbut vor einer US-Tournee: "Ich möchte Geschenke für meine Schwestern, Cousinen, Nichten, Onkel und Eltern einkaufen." Die Funktionäre warnten, sie würde aus der Nationalriege gefeuert werden.
Doch die Turnerin hatte durchschaut, daß die Vertragssumme nur fällig würde, falls sie turnte, daß die Tournee ohne sie platzen mußte. Die Genossen gaben nach. In einem New Yorker Warenhaus durfte Olga Korbut einkaufen, soviel sie tragen konnte.

DER SPIEGEL 1/1979
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