01.01.1979

BÜCHERDer rote Korsar

Pier Paolo Pasolini: „Freibeuterschriften. Die Zerstörung der Kultur des einzelnen durch die Konsumgesellschaft. Verlag Klaus Wagenbach, Berlin; 144 Seiten; 14,80 Mark.
Pier Paolo Pasolini ist bei uns erst durch seinen Tod richtig bekannt geworden, jenen grausamen, schäbigen und banalen Tod, der wie eine Szene aus einem seiner Filme wirkt; der Bäckerjunge in der römischen Vorstadt, der den homosexuellen Regisseur niederschlägt, mit einer Latte, wie einen streunenden Hund, und dann mit seinem Wagen überfährt.
Daß Pasolini nicht nur Filme gemacht, sondern Gedichte, Romane, Essays geschrieben hat. daß er im Bewußtsein der italienischen Öffentlichkeit vor allem als Schriftsteller zählte, war hierzulande bis vor kurzem noch fast unbekannt. Erst 1975, im Jahr von Pasolinis Ermordung, dokumentierte Rowohlts "Literaturmagazin" eine Kontroverse zwischen Pasolini und dem Schriftsteller Italo Calvino, mit einem Kommentar von Peter Kammerer, der dem dichtenden Regisseur die Flucht in "reaktionäre Ausweglosigkeit" vorwarf.
Pasolinis "Scritti Corsari", seine Freibeuterschriften, die damals verstreut in italienischen Zeitungen erschienen und jedesmal erregte Debatten provozierten, sind nun zum ersten Mal in einer Auswahl gesammelt auf deutsch erschienen, übersetzt und erläutert von Agathe Haag und Thomas Eisenhardt, mit einem sehr lesenswerten Vorwort von Maria-Antonietta Macciochi. Diese Essays ermöglichen es. Pasolinis Leben und Arbeit, die stets eine untrennbare Einheit bildeten, besser zu verstehen.
Eigentlich müßte ich diesem Buch eine Warnung vorausschieken: Es ist radikal, nicht im Sinne von Ideologien und Parteiprogrammen, sondern in seiner kompromißlosen Absage an jede Ideologie, einschließlich der der Ideologiefeindlichkeit. Pasolini ist ein Radikaler, der jeden Radikalenerlaß sprengt; er ist anstößig im doppelten Sinn: Er gibt Anstöße -- nicht nur Denkanstöße -, und er stößt an die Grenzen unserer angeblich so aufgeklärten Toleranz.
Dabei hat er keine Angst, inkonsequent und widersprüchlich zu erscheinen. Nachdem er die KPI, der er lange Zeit die Treue hielt, als Vollstreckerin des Willens der multinationalen Konzerne angeprangert hat, legt er plötzlich ein Bekenntnis zur Sowjet-Union ab, in deren Städten ihn die Uniformität der Menschen, anders als in der westlichen Konsumgesellschaft, nicht stört, ja sogar "in Begeisterung versetzt".
Nachdem er sieh vehement für die Rechte sexueller Minderheiten ausgesprochen hat, schockiert er die italienische Linke (und die Frauenbewegung), indem er in der Frage der Abtreibung Verständnis für die Position der katholischen Kirche äußert und zugleich die Familie, ja die Zweierbeziehung überhaupt, als "kriminelle Vereinigung" bezeichnet.
Dahinter steht kein "kleinbürgerliches Schwanken" zwischen rechts und links, auch keine Provokation um der Provokation willen, sondern eine genau durchdachte und leidenschaftlich formulierte Parteinahme für die von der zweiten Technischen Revolution bedrohte Natur und Kultur des alten. bäuerlichen Italien, dessen Werte er gegen die heraufziehende Barbarei des 21. Jahrhunderts in Schutz nimmt: "Ich gäbe", schreibt Pasolini in einem Aufsatz über das Verschwinden der Glühwürmchen, "den ganzen Montedison-Konzern für ein Glühwürmchen her:'
Gegenüber den Methoden dieses "neuen Faschismus" (Pasolini) erscheint der traditionelle als hoffnungslos veraltet und ineffektiv: Mit Hilfe der elektronisehen Medien. allen voran des Fernsehens, verbreitet der "neue Faschismus" seine Konsumideologie, gepaart mit sexueller Permissivität und falscher Toleranz. bis in den letzten Winkel der Erde und nivelliert und standardisiert alle lokalen und regionalen Kulturen zu einem Einheitsbrei.
Man muß Pasolinis Kritik ernst nehmen, nicht nur wegen der rhetorischen Brillanz, mit der er sie formuliert hat. Gibt es eine eindrucksvollere Bestätigung für die Richtigkeit seiner Thesen als den Aufstand der alten Welt, der gegenwärtig den Iran erschüttert, und von dem linke und rechte Reaktionäre nicht müde werden, uns "u versichern. er sei reaktionär?
Pasolini hat sieh in seine Essays als Person voll eingebracht. nicht nur intellektuell; so wie er umgekehrt an seinen Gegnern aus dem politischen und kulturellen Establishment die maskenhafte Leblosigkeit der Gesichter und Anzüge oder an den Jugendlichen von 1 968 die schein-revolutionäre Botschaft ihrer langen Haare kritisiert: "Wir sind
Langhaarige. Wir gehören zu einem neuen Menschengeschlecht, das in diesen Tagen den Erdkreis betritt, das seinen Ausgang von Amerika nimmt und von dem man in entlegenen Provinzen überhaupt noch nichts weiß ..."
Pasolini liebte sein Volk, er liebte es körperlich, dieses italienische Volk, das er als degeneriert, verkommen und krimi nell verspottete, das Subproletariat der römischen Vorstädte, in denen er lebte und starb und wo die meisten seiner Filme spielen. Die Gewalt, der er selbst zum Opfer fiel, hat er schon früh diagnostiziert "eine Einstellung, die das Leben der anderen als ein Nichts und das eigene Herz lediglich als einen Muskel betrachtet" -- ebenso wie die Heucheleien des linken und rechten Establishments, das ihm, nach jahrelanger Verleumdung und Verfolgung, bei seinem Tode die Kränze flocht.
Pasolini war ein Besessener, der die Sünden und Laster unserer Epoche auf sich genommen hat, um deren angebliche Normalität als kriminellen Wahn zu entlarven, ein Poète maudit vom Schlage Antonin Artauds, neben dem unsere angepaßten Intellektuellen sich wie brave Schuljungen ausnehmen. Hons Christoph Buch

DER SPIEGEL 1/1979
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