29.01.1979

Das kranke England

Auf dem Grabstein des Buchhalters Thomas Butler steht gemeißelt, wie er zu Tode kam: Ein Tiger hat ihn gefressen.
Der General Henry Durand von den Pionieren Ihrer Majestät starb nach einem Sturz vom Elefanten. Er hatte die lichte Höhe eines Stadttores überschätzt -- darunter war nur Platz für den Elefanten, nicht mehr für den Reiter in seiner Sänfte.
Alexander, Sohn des Eisenbahners Johnson Scott, erlag der Cholera. Er war erst sieben Monate alt. Elf Tage später raffte die Seuche auch seinen vierjährigen Bruder dahin.
Es sind drei von über zwei Millionen Gräbern in Indien, in denen Briten liegen. Ihre verfallenden Grabsteine mit Namen, denen so oft ein "Mac" vorgesetzt ist -- denn besonders die Schotten zog es mit Macht nach Asien -, erinnern überall auf dem indischen Subkontinent an die Zeit des "Radsch", der britischen Herrschaft über das Kronjuwel des Kolonialreiches.
Es ist eine von den Briten verklärte, von den Indern oft verfluchte Vergangenheit. Die einen erbeuteten in dem fernen Märchenland sagenhafte Reichtümer, mit denen sie nicht selten die Industrialisierung ihres Landes finanzierten, die anderen fühlten sich, wie der Diplomat Sadar Panikhar, von einer "Räuberbande" ausgeplündert. Geprägt von den Spuren einer 200jährigen gemeinsamen Geschichte sind beide Völker bis heute.
Viele der großzügigen Herrensitze im Süden Englands (die heute von neureichen Scheichs ersteigert werden) wurden mit in Indien erworbenen, oft auch zusammengeplünderten Reichtümern gebaut. Viele Vermögen der ersten Familien des Inselreiches stammen von dort -- etwa das der Familie des großen liberalen Premiers Gladstone.
Die englische Sprache ist voller Begriffe aus indischen Dialekten, die auch Eingang ins Deutsche fanden: Bungalow, Pyjama, Dschungel, Sandale, Veranda oder Schal. Indische Gewürze verfeinerten, wenn auch ohne bleibenden Erfolg, die fade englische Küche. Sogar die Mode beeinflußten die Inder. Sie kreierten die "Jodhpurs" britischer Herrenreiter.
Und Polo, das harte Männerspiel auf schnellen Pferden, wurde zuerst von Nomaden im Norden Indiens gespielt, mit den Köpfen erschlagener Feinde.
Ein unübersehbares Erbe alter kolonialer Herrlichkeit, das heute vielen Briten als Fluch erscheint und rassistischen Faschismus in der Heimat der modernen Demokratie gedeihen läßt, sind die fast 1,5 Millionen Inder, Pakistani und Ceylonesen auf der Insel. Die "Nationale Front" fordert längst ihre Deportation.
Kaum beliebter ist jene zahlenmäßig kleinere, aber einflußreichere Rasse, die Britanniens Beamte und Soldaten in Indien zurückließen: die Anglo-Inder, etwa eine halbe Million stark, die einzige Minderheit mit europäischem Blut, die in Asien das Kolonialzeitalter überlebt hat.
Ihre Frauen, wegen exotischer Schönheit berühmt und begehrt, stellten zeitweilig bis zu 80 Prozent des Krankenpflege-Personals -- eine Arbeit, die für kastenbewußte Inder tabu war.
Die Männer, früher vor allem Eisenbahner und Telegraphenbeamte, sind in den Offiziersrängen der heutigen indischen Armee überrepräsentiert. Über ein Drittel der Piloten in den Luftwaffen Indiens und Pakistans wurden aus der anglo-indischen Minderheit rekrutiert.
Ihr Heldenepos erlebten die Kolonialbriten in Indien während jenes einjährigen Gemetzels, das in britischer Lesart die "Meuterei", für die Inder der Beginn ihres Freiheitskampfes war: der Sepoy-Aufstand von 1857.
Unter den Sepoys, den eingeborenen Soldaten der britischen Indien-Armee, verbreitete sich damals das Gerücht, die Engländer hätten die Patronen für das neue Enfield-Gewehr mit Rinder- und Schweinefett eingerieben. Die Patronen mußten vor dem Laden mit den Zähnen abgerissen werden -- unvorstellbar für Hindus, denen die Kuh heilig ist, aber auch für Moslems, denen das Schwein unrein ist.
Es kam zum Aufstand. Rebellische Regimenter, die im nordindischen Kanpur mit vielfacher Übermacht drei Wochen lang vergebens gegen die Briten-Garnison angerannt waren, versprachen den Belagerten schließlich freien Abzug -- doch dann massakrierten sie die Männer, nahmen über 300 Frauen und Kinder gefangen und erschlugen sie, als eine englische Entsatz-Kolonne anrückte. Die zerstückelten Leichen warfen sie in einen Brunnen.
Der Britengeneral Havelock rächte die Ermordeten grausam. Er ließ gefangene Sepoys das Blut der Niedergemetzelten auflecken, bevor sie gehenkt wurden. Bis zum Ende der Kolonialherrschaft wehte auf dem Fort zu ihrem Gedenken ein Union Jack, der 89 Jahre lang nicht eingezogen wurde.
Beamte verwalteten wie absolute Lehensfürsten.
Von den tausend Kanpur-Briten überlebten nur zwei. Der britischen Revanche fielen über 30 000 Inder zum Opfer, viele vor Kanonenrohre gebunden und von Schrapnelladungen zerfetzt. Abermillionen Pfund an Plündergut aus Palästen und Tempeln, berichtete der "Times"-Korrespondent Russel, wurden damals nach England verschifft.
Von Britengreueln bis weit ins 20. Jahrhundert berichten Inder-Denkmäler wie ein Park in Amritsar. Dort ließ noch 1919 der Britengeneral Dyer in eine Versammlung unbewaffneter Inder schießen, die wegen der Häuser und Mauern ringsum nirgendwohin flüchten konnten. Das Massaker endete mit 400 Toten und 1200 Verwundeten.
Die Briten konnten nie begreifen und nie verwinden, daß die Inder nicht dankbar für die Herrschaft des Radsch waren. Unter den Engländern war Indien zum erstenmal in seiner neueren Geschichte geeint und lebte relativ friedlich. Die Briten schafften auch indische Horror-Bräuche wie "Thagi", den Ritualmord an Reisenden, oder " Sati", die Verbrennungen von Witwen bei lebendigem Leibe, ab.
Für viele Briten war Indien nicht nur die "Futterkrippe der Oberschicht", so der Autor James Mill, nicht nur Karriere-Schlachtfeld für Generationen englischer, schottischer und irischer Generäle. Das Riesenreich wurde für die Briten, die dort lebten, zum exotischen Paradies.
Die Profitraten im Bengalenhandel sanken selten unter 60 Prozent. Gouverneur Clive, der den Grundstein zur Eroberung Indiens legte, erhielt von einheimischen Fürsten in acht Jahren Geschenke von zwei Millionen Pfund -- in einer Zeit, da ein Schreiber der Ostindischen Handelskompanie mit fünf Pfund pro Jahr auskam.
Britische Beamte des Indian Civil Service -- niemals mehr als 2000 für 300 Millionen Menschen -- verwalteten Gebiete, so groß wie Belgien mit Millionen Einwohnern, in der Art absoluter Lehensfürsten. Sie füllten sich als Gottes Stellvertreter auf heidnischer Erde.
Dem entsprach ihr privater Lebensstil. Dinner-Partys mit einem halben Hundert Gästen (und mindestens ebensoviel Dienern) waren selbst für mittlere Ränge die Regel. Tischgetränk war Champagner, der auch im Tornister eines Kadetten nicht fehlen durfte.
Die jeweiligen Klein-Britanniens der Weißen-Gettos, aus denen später ganze Städte entstanden, wie das pakistanische Rawalpindi oder Sekunderabad im Hochland von Dekkan, säumten großzügige Sportanlagen. Hockey, Cricket, Polo, Lanzenstechen, Squash, Tennis, Golf waren die bevorzugten Freizeitvergnügen.
Die Golftasche des Snob-Sahib bestand aus der Penishaut eines möglichst selbst geschossenen Elefanten.
Die weißen Herren waren gewaltige Nimrods. Sir James Outram, ein Ire, der sich als General während des Sepoy-Aufstands Ruhm erwarb, brüstete sich allein zwischen 1825 und 1834 folgender Strecke: 125 Tiger, 25 Bären, 25 Büffel, 15 Leoparden.
Ein Mikrokosmos britischer Pracht und Herrlichkeit im Glitzerland des Ostens war die Sommerhauptstadt Simla -- heute ein museal verstaubtes, aber immer noch eindringliches Denkmal kolonialer Glorie am Dach der Welt.
Jeweils zu Beginn der fast unerträglichen Sommerhitze in den staubigen Ebenen Nordindiens mit ihren Tagestemperaturen um die 50 Grad siedelte der Machtapparat des Radsch für fünf Monate um in den Schatten der kühlen Kiefern- und Pinienwälder des 2200 Meter hoch gelegenen Simla.
In der Viktorianischen Zeit erstand auf dem Höhenrücken im Angesicht der gewaltigen Eisriesen des Himalaja eine seltsame Mischung zwischen Sussex-Städtchen und Schweizer Kurort. Dort regierten die Herren über die halbe Welt zwischen Rotem Meer und Burma und genossen ein von der Höhenluft hektisch angeregtes Pläsier. Es war eine, wie die Indien-Autoren Collins und Lapierre schildern, "Atmosphäre von rauschenden Bällen und Ehebruch". Zwischen der weißen viktorianischen "Christ Church Cathedral" mit einer Glocke aus der Bronze erbeuteter Sikh-Kanonen, dem Gouverneurs-Palast, Barclays Bank und dem "Clarks Hotel" war die "Mall" exklusivste Flanier-Meile des ganzen großen Empire.
Nur drei Kutschen, später Autos, waren auf ihr erlaubt: die des Vizekönigs, des Gouverneurs der Provinz Pandschab und des Oberbefehlshabers der Indien-Armee. Alle übrigen Simla-Sommergäste einschließlich der Minister und ausländischen Botschafter mußten sich mit Rikschas begnügen, die in den steilen Straßen des Bergortes von vier Kulis gezogen wurden, oder mit Sänften.
Inder, die nicht Kulis oder Diener waren, durften die Mall bis zum Ersten Weltkrieg nicht betreten -- und nachher, bis zum Unabhängigkeitstag 1947, nur, wenn sie europäisch gekleidet waren. Für das farbige Volk war die "Lower Mall" da, 50 Meter unter jener der Herrenrasse.
Heute verfallen die viktorianischen Giebelhäuser zu Ruinen. Im Palast des Vizekönigs arbeiten statt der 400 livrierten Diener (davon hundert Köche) Beamte des Bundesstaates Himachal Pradesch an Steuerakten.
Für eine Fahrt mit dem einstigen Sonderzug des Vizekönigs, der noch immer die fast 2000 Meter in die Ebene auf Schmalspur-Schienen hinuntertuckert, lassen sich reiche Inder in Wartelisten eintragen. Auf den Gräbern der früheren Herren turnen Affen.
"Das einzige, was vom guten alten Simla geblieben ist", erinnert sich wehmütig der Hotelkönig Oberoi, Eigner des "Clarks", "ist die anregende Höhenluft."
Nicht überall im weiten Empire, in dem während seiner größten Ausdehnung die Sonne nicht unterging, war die Kolonialpracht so protzig, nicht überall die Umgebung so bunt und die Kultur der unterworfenen Völker so reich und so alt wie in Indien, das mit Recht als Juwel des britischen Weltreiches galt.
Zum Empire gehörten auch triste, unwirtliche und dünnbesiedelte Gegenden wie der Südsudan in Afrika, Inseln, deren Bewohner auf dem kulturellen Niveau der Steinzeit lebten, wie Neuseeland, Landstriche, die zuvor schon von kontinental-europäischen Bauern besiedelt worden waren, wie Teile Südafrikas, riesige rohstoffreiche, aber fast menschenleere Flächen wie Kanada und Australien und winzige Enklaven, wie das Briefmarken-Eiland Mauritius.
Briten siedelten als Kolonisatoren oder als Verwalter der Interessen ihres Landes in tropischen und subtropischen Zonen und in der Nähe des Nordpolarkreises.
"Niemals hatte die Welt einen so gerechten Herrn"
Und dennoch lebten und herrschten sie überall ähnlich. Auch im entlegensten afrikanischen, asiatischen und kanadischen Vorposten gab es einen Klub, galten die in London geprägten gesellschaftlichen Rituale und -- spätestens seit dem frühen 19. Jahrhundert -das im Mutterland entwickelte Recht. Selbst die "Times", die Londoner Tageszeitung der konservativen Oberschicht, wurde dort, schon zu einer Zeit, als noch altmodische Dampf schiffe die einzige Verbindung zum Mutterland waren, täglich gelesen, wenn auch mit einem Jahr Verspätung.
Die riesige Fläche, die Briten auf diese Weise mit ihrer Zivilisation überzogen, war auf dem Höhepunkt der englischen Macht mehr als zehnmal so groß wie das einstige Imperium der Römer. Zum Empire gehörten zeitweilig bis zu 607 Kolonien und vier sogenannte Dominien, die eigene Parlamente hatten, aber dennoch der britischen Krone unterstellt blieben; unter den Untertanen der Monarchen in London waren fast alle Rassen der Menschheit vertreten. Eine Kolonie, die Ascension-Insel im Südatlantik, wurde als "Schiff" geführt; Gouverneur war stets ein Kapitän zur See.
Zwar hatten auch andere europäische Mächte Reiche zusammengerafft: Frankreich etwa besaß noch in den späten Vierzigern dieses Jahrhunderts 20 Kolonien mit 12 Millionen Quadratkilometern; selbst kleine Staaten wie Belgien und die Niederlande herrschten bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts über exotische Völker in Übersee.
Aber: Kein anderes Kolonialreich erbitterte so sehr die Gegner, keines faszinierte so sehr die Bewunderer weltweiter Macht wie das britische.
Vor allem Großbritannien galt jenen linken Gesellschaftskritikern der Jahrhundertwende, die den Besitz und den weiteren Erwerb von Kolonien für eine besonders bösartige, aber unausweichliche Weiterentwicklung des Kapitalismus hielten, als Paradebeispiel des Imperialismus -- als ein Land zudem, dessen "Arbeiter flott mit von dem Weltmarkt- und Kolonialmonopol" zehren, wie Friedrich Engels 1892 kritisierte.
Und wenn andererseits konservative Schwärmer die Kraft und Macht weißer Weltbeherrscher priesen, waren fast stets nur die global regierenden Briten gemeint, über die etwa der amerikanische Philosoph George Santayana noch 1922 schrieb: "Niemals seit den Tagen der hellenischen Helden hatte die Welt einen so liebreizenden, gerechten, jungenhaften Herrn." Falls er jemals die Macht verliere, so Santayana, werde das "ein schwarzer Tag für die menschliche Rasse werden".
Als der Tag kam, schien er vor allem vielen Briten tiefdunkel zu sein. Es begann mit Indien, das nach einem langen, erbitterten, aber gewaltlosen Freiheitskampf am 15. August 1947 seine Unabhängigkeit von London erreichte. Und bereits in den darauffolgenden 20 Jahren verloren die Engländer ihre wichtigsten Besitzungen in Asien, Afrika und Nahost.
Heute sind vom Empire noch 14 Kleinst-Territorien übrig, vom Gibraltar-Felsen und Hongkong bis zu den Pitcairn-Inseln im Pazifik (66 Einwohner). Das Mutterland, das einst eine Welt regiert und finanziert hatte, scheint nun kaum noch in der Lage, der Probleme auf der eigenen Insel Herr zu werden.
Für manchen Briten hat sich damit nur erfüllt, was der Empire-Poet und Nobelpreisträger Rudyard Kipling (1865 bis 1936) ebenso prophezeit hatte wie Winston Churchill.
Der Verlust Indiens, mit dem dann die Erosion des Weltreiches auch tatsächlich begann, so weissagte Churchill 1931, "wäre entscheidend und tödlich für uns. Er würde unweigerlich eine Entwicklung einleiten, die uns auf die Bedeutung einer zweitrangigen Macht zurückwerfen würde", Indien, das war, wie einer seiner britischen Vizekönige, Lord Curzon, feststellte, "die Achse unseres Imperiums".
Die Versuchung, den Niedergang Britanniens als schicksalhafte Folge der kolonialen Verluste anzusehen, sei immer noch groß, beobachtete der englische Publizist Paul Einzig. Doch jeder, der ihr erliege, so Einzig, sei "wohlberaten, die neuere Geschichte Frankreichs, Hollands und Belgiens zu studieren". Denn: "Diese Länder haben auch den größten Teil ihrer Kolonien verloren, und trotzdem hat sich ihre relative Stellung in der Welt nicht verringert."
Freilich, in keinem der anderen ehemals kolonialistischen Staaten blieb die Welt von gestern so lange lebendig wie in Britannien. In keiner anderen Nation wurde das Auswahlverfahren und Training der Elite so dauerhaft geprägt durch die imperialen Aufgaben und Verhaltensweisen.
Keine andere versuchte so nachhaltig, die einstigen Kolonien wenigstens innerhalb eines losen Staatenbundes, genannt Commonwealth, an das frühere Mutterland und seine Krone zu binden und damit einen schwachen Abglanz des Weltreiches in nachimperiale Zeiten zu retten. Keine andere richtete ihre Bündnis-, Außen- und Außenwirtschaftspolitik so lange an den Daten von gestern, an den Bedürfnissen eines längst zerbröselnden Imperiums aus -- und versäumte damit beispielsweise die Chance, die 1951 und 1957 festgelegten Regeln der Europäischen Gemeinschaft mit zu beeinflussen. Keine andere trägt deshalb auch so schwer an der Bürde einer gloriosen Vergangenheit.
"Die Menschen", so schrieb etwa die ehrwürdige "Times" in den späten fünfziger Jahren, "wollen noch immer, daß England ein großes Land bleibt."
Und Größe -- das hieß auch für die Nachkriegsbriten immer noch räumliche Größe, hieß Empire oder wenigstens Commonwealth, mit den Briten als Erste unter Gleichen an der Spitze eines Vielvölkerbundes.
Es war die Zeit des Rudyard Kipling, der in Millionenauflage die Überzeugung verbreitete, daß beispielsweise die Herrschaft über Indien "von der Vorsehung auf die Schultern der britischen Rasse gelegt wurde".
Die "Größe der britischen Rasse" feierte die empirestolze "Daily Mail" zum diamantenen Herrscherjubiläum Victorias, die über 60 Kolonialkriege führen ließ, in goldgedruckten Lettern.
Es war die Heldenzeit des Imperiums, in der sich die Briten als "die Römer des 19. Jahrhunderts" -- so Premier Palmerston -- sahen und der Tritt ihrer Legionen in der halben Welt zu hören war.
In jenen Jahrzehnten artete britisches Sendungsbewußtsein ins Maßlose aus -- artikuliert vom Parade-Imperialisten Sir Cecil Rhodes, "der Koloß" genannt.
Rhodes, der durch die Kimberley-Diamantenmine in der Kap-Kolonie zu sagenhaftem Reichtum gekommen war (er hatte dafür mit dem bis dahin höchsten Scheck der Geschichte bezahlt -- 5 338 658 Pfund -- und allein in den ersten zehn Jahren Diamanten für 65 Millionen Pfund herausgeholt), verfolgte das Lebensziel, Afrika britisch zu machen -- und nicht nur Afrika.
Das britische Herrenvolk sollte laut Rhodes" Visionen auch noch das Heilige Land, Südamerika, Indonesien sowie die Küsten von Japan und China besiedeln. Die USA sollten zurückerobert, die Welt unter die Regeln einer Pax Britannica gestellt, die Weltsprache sollte Englisch werden.
Die Buren beispielsweise sahen sich zunächst von britisch geführten Abenteurerbanden, dann von 300 000 Soldaten Ihrer Majestät überfallen, der größten Streitmacht, die bis zum Ersten Weltkrieg vom Empire eingesetzt wurde. Die niederländischen Bauern im Süden Afrikas lernten die Pax Britannica in Form von verbrannter Erde und Konzentrationslagern kennen, in denen 120 000 Menschen jahrelang festgehalten wurden. 25 000 Buren starben in den Lagern, davon 16 000 Kinder allein an Masern.
Unter britischer Zivilisation starben zwei Millionen Iren und 15 Millionen Bengalen an Hunger, schrumpfte die Eingeborenenbevölkerung Australiens -- Englands Sibirien, in das über 137 000 Strafgefangene deportiert wurden -- in einem Jahrhundert auf ein Sechstel ihres Bestandes.
Und die Heldengeneräle, die Britanniens Schlachten in fernen Erdteilen schlugen, erschienen den betroffenen Völkern eher als blutrünstige Eroberer: Feldmarschall Lord Kitchener metzelte im Mahdi-Feldzug gegen die sudanesischen Derwische über 11 000 Sudanesen nieder -- bei eigenen Verlusten von 28 Mann. Er ließ die Leiche des Mahdi ausgraben und die Gebeine in den Nil werfen. Die ostafrikanischen Massai wurden wegen der Ugandabahn aus den Weidegebieten ihres Viehs vertrieben, Zulus und Hottentotten in die Wüste gejagt.
Chancen bekamen die von Britannien Zivilisierten kaum: Von 300 Millionen britisch regierten Indern konnten um die Jahrhundertwende nur 12 Millionen schreiben und lesen; ein Prozent der Kinder ging zur Schule.
Dies alles zur Glanzzeit des Empire. das damals selbst nach Ansicht des Berliner Junker-Blattes "Kreuz-Zeitung" faktisch "unangreifbar" war, das aber tatsächlich gerade damals bereits den Keim des Untergangs in sich trug.
Denn in jenen Jahren, in denen das Imperium seiner größten Ausdehnung zustrebte, als Rhodes das Motto ausgab: "Wir sind das überlegenste Volk, je mehr uns von der Welt gehört, um so besser für die menschliche Rasse", als seine Landsleute der neuen Ideologie erlagen und in nur drei Jahrzehnten (1810 bis 1900) noch 13 Millionen Quadratkilometer Land mit 88 Millionen Einwohnern dazueroberten, begann der Anfang vom Ende.
Es gehört zur Ironie der Geschichte, daß gerade die damals aufkeimende und dann bis in die zweite Hälfte dieses Jahrhunderts tradierte Überzeugung, daß ein Weltreich der "Schlüssel zu Ruhm und Ehre" sei (der Berater Victorias, Lord Curzon), gerade das zerstören half, was Britannien wirklich zu Einfluß, Wohlstand und Macht gebracht hatte: Erfindergeist, Liberalität, nüchternes Kosten-Nutzen-Denken im Innern wie in der Kolonialpolitik.
Mit der Gründung einer Siedlungskolonie in Amerika namens Virginia (1584) durch Sir Walter Raleigh startete die Eroberung der westlichen Hemisphäre; ganz prosaisch, mit der Eröffnungsbilanz einer Aktiengesellschaft, begann die britische Herrschaft im Orient.
Weil holländische Händler, die Nordeuropas Gewürzversorgung nahezu ausschließlich kontrollierten, den Pfefferpreis plötzlich um fünf Shilling pro Pfund erhöhten, gründeten Londoner Kaufleute am 24. September 1599 in einem Warenlager an der Leadenhallstreet mit 125 Aktionären und einem Startkapital von 72 000 Pfund eine eigene Gesellschaft zur Beschaffung von Pfeffer, Safran und Vanille: die Ostindische Handelskompanie. Sie wurde von Elizabeth I. mit dem ausschließlichen Handelsrecht für alle Länder jenseits des Kaps der Guten Hoffnung an der Südspitze Afrikas ausgestattet.
Sie eroberte den ganzen indischen Subkontinent und verwaltete ihn gar bis 1858.
In der Zeit der ersten Elizabeth, auf den britischen Inseln immer noch als Beginn nationaler Größe verehrt, entstanden auch die ersten Elemente jener Lehre, die den Wert von Kolonien sowie die Legitimität des Faustrechts von Eroberern und Herrschern ernsthaft bezweifelte.
Damals schon entwickelte einer der berühmtesten britischen Staatsrechtler, Sir Edward Coke, den zu seiner Zeit in Europa revolutionären Grundsatz, daß "alle Angelegenheiten nach dem goldenen und geraden Maßstab des Gesetzes und nicht nach der krummen Richtspur des Ermessens" entschieden werden müßten.
Coke auch formulierte die ersten liberalen Ideen von der wirtschaftlichen "Freiheit des Untertans" -- frühe Spuren jener in England entwickelten Staats- und Wirtschaftsphilosophie, die das Gewinnstreben jedes einzelnen für rechtmäßig erklärte und den freien Handel zwischen gleichberechtigten Partnern auf Dauer für effizienter hielt als teure Unterdrückung.
Und damals, im "Elisabethanischen Zeitalter", bereits verkündete der Königin bekanntester Denker, Sir Francis Bacon (berühmtester Spruch: "Wissen ist Macht"), die Aufgabe des Menschen sei es, experimentelle Techniken zur Beherrschung der Natur zu entwickeln -- und bereitete damit das geistige Klima für industrielle und technologische Neuerung.
Bis knapp über die Mitte des 19. Jahrhunderts hinaus war England stets vorn, in der Technologie, in der Wirtschaft und im Konzert der Weltmächte, in dem die Stimme auch damals schon durch ökonomische Kraft an Laut und Gewicht gewann. Ziemlich genau bis dahin auch galt überall auf der Insel nahezu uneingeschränkt die Grundüberzeugung, daß jene, die ständig behaupten, für das Wohl der anderen oder gar zum allgemeinen Resten tätig zu sein, "noch niemals etwas Gutes" angerichtet hätten, wie der bedeutendste liberale Wirtschaftsdenker, der Schotte Adam Smith, behauptete, der im Hauptberuf eigentlich Moralphilosoph war.
Das Mißtrauen der Bürger traf Politiker, die sich zu sehr und zu gründlich für das innere Wohl engagierten: Britische Könige, die nach dem Muster ihrer absolutistischen französischen Kollegen das allgemeine und wirtschaftliche Wohlergehen durch Dekrete regeln und verordnen wollten, wurden davongejagt. Einer davon, Karl I. aus dem Hause Stuart, der -- fast 300 Jahre bevor dann Britanniens Labour Party seine Idee verwirklichte -- den Kohlebergbau verstaatlichen wollte, wurde geköpft.
Der Argwohn, sie könnten das Geld der Bürger für Dinge verwenden, die den Zahlern nur wenig oder gar nichts bedeuten, traf auch die oft erst in neueren Zeiten zu Helden ernannten Eroberer ferner Küsten und Inseln.
Das Kontobuch regierte die britische Kolonialpolitik.
Die Anteilseigner der Ostindischen Handelskompanie, der Britannien seine späteren Besitzungen im Orient verdankte, waren ohnedies vor allem an einem möglichst friedlichen Warenaustausch, der Dividende abwarf, interessiert; ruhmreiche Eroberungen fürs Vaterland zählten bei ihnen zuvörderst als Posten auf der falschen Seite ihrer Bilanz, als nutzlose Ausgaben, die nur den Profit unnötig kürzten.
Als beispielsweise Robert Clive, ein Kommis, den die Londoner Zentrale zum Generalstatthalter in ihrer Niederlassung Kalkutta ernannt hatte, 1765 für seine Chefs die drei großen indischen Provinzen Bihar, Orissa und Bengalen einnahm und damit Englands Herrschaft über den Subkontinent begründete, erntete er deshalb nicht etwa Dank, sondern kräftige Schelte.
Mürrisch teilten die Händler ihrem Angestellen mit: "Sie scheinen so von militärischem Wahn besessen zu sein, daß Sie vergessen, daß Ihre Arbeitgeber Kaufleute sind." Clive, später wegen Korruption angeklagt, fühlte sich "wie ein Hammeldieb" behandelt und nahm sich das Leben.
Von den Erben des Sir Thomas Stamford Raffies, der 1819 im Dienst der Ostindischen Handelskompanie, aber ohne ihren Auftrag Singapur erobert hatte, forderten die Aktionäre gar die Kosten der "ungerechtfertigten Mission" (10 000 Pfund) zurück.
Sogar die Regierung versuchte damals den Union Jack möglichst nur auf Territorien aufzupflanzen, die Britannien eindeutig finanziell oder militärisch Vorteile brachten. Aktiv erobert wurden meist nur Areale, die wie die Insel Ceylon im Indischen Ozean, wie Gibraltar am Südende Spaniens oder das Kap der Guten Hoffnung wichtig für den sicheren Weg der Handelsflotte waren.
Neue Siedlungskolonien, wie jene, die in Amerika sehr früh durch Privatinitiative entstanden und bereits 1776 vom Mutterland abgefallen waren, galten ohnedies schon um die Mitte des 18. Jahrhunderts als fast unerwünscht. So erkannte die Londoner Regierung Australien, wo der Abenteurer James Cook 1770 die britische Flagge gehißt hatte, jahrelang nicht als Kolonie an, weil ihr die Kosten für den militärischen Schutz zu hoch waren.
Das Kontobuch regierte die zweifellos profitable erste Phase britischer Kolonialpolitik -- bestimmte ihre dunklen, zuweilen auch ihre helleren Seiten.
Um Indien rationell ausbeuten zu können, zerstörten die Briten die bestehenden Strukturen. England schützte sich zeitweilig mit Zöllen von 70 bis 80 Prozent gegen Einfuhren von Baumwolle- und Seidenfertigwaren des blühenden indischen Textilgewerbes. Für britische Textilien in Indien wurden nur zwei Prozent Zoll erhoben.
Ergebnis: Binnen weniger Jahrzehnte sanken Indiens Textilausfuhren nach England auf ein Zwanzigstel, die britischen Exporte dieser Branche nach Indien stiegen um 5200 Prozent.
Die Einwohnerzahl der bengalischen Spinner- und Weberstadt Dakka nahm von 200 000 auf 30 000 ab. Britanniens Baumwollindustrie aber blühte beispiellos auf: 1850 beschäftigten die englische und die schottische Baumwollmanufaktur ein Achtel der Bevölkerung der Insel. Ein Viertel ihrer Produkte nahm Indien ab.
Die arbeitslos gewordenen indischen Weber gingen, sofern sie nicht verhungerten, aufs Land und brachten dort die Strukturen durcheinander. Die britische Verwaltung zerstörte auch die kom-
* Gründung der Ostindischen Handelskompanie in London 1599.
plett: Sie führte in den Dörfern, in denen eine Art genossenschaftliche Ordnung geherrscht hatte, das private Grundbesitzersystem mit landlosen Pächtern und Arbeitern ein.
Bis zur Unabhängigkeit waren Indiens Pächter -- oft bei Pfennigbeträgen ursprünglicher Schuld mit etwa 1,5 Milliarden Pfund, damals noch über 20 Milliarden Mark -- bei privaten Wucherern in der Kreide, das war weit mehr, als etwa die Briten an Investitionen in Indien hatten.
Gleichzeitig schuldete Indien London etwa eine Milliarde Pfund, obwohl England Jahr für Jahr 150 Millionen Pfund ohnehin schon an Abgaben aus Indien holte -- mehr als die Kolonie für ihre eigene Verwaltung ausgeben konnte.
Denn Indien zahlte für alles: nicht nur für die Kolonialbeamten, von denen es regiert, für die Briten-Regimenter, von denen es besetzt war. Die Inder zahlten auch für die Feldzüge, die Britanniens Eroberer von seinem Boden aus führten -- nach Afghanistan, nach Burma.
Solange etwas nützlich für die Briten war, wurde es abseits von moralischen oder sonstigen Skrupeln betrieben. So auch der Sklavenhandel: Weil in den neuen Siedlungskolonien in Amerika jeder freie Arbeiter sich im Zugriffsverfahren Land nehmen konnte und deshalb nur durch sehr hohe Löhne in seinem Job zu halten war, wurde die längst in Vergessenheit geratene Sklaverei wieder profitabel. Britische Reeder vor allem nutzten den Umstand, daß die Kapitalkosten (einschließlich der Ausgaben für Unterhalt) pro nutzbarer Sklavenstunde plötzlich viel niedriger waren als der Lohn für angestellte Arbeitnehmer, zu einem schwunghaften Menschenhandel zwischen Afrika und Amerika.
Allein in Liverpool, das Ende des 18. Jahrhunderts zwei Drittel des englischen und 43 Prozent des Weltsklavenhandels abwickelte, waren 1771 mehr als hundert Sklavenschiffe beheimatet, für die sogar Seiler und Wachszieher ihre Ersparnisse zusammengelegt hatten. Obwohl mehr als die Hälfte der aus Afrika Verschleppten, deren Zahl auf 25 bis 50 Millionen geschätzt wird, den Transport nicht überlebte, lagen die Profitspannen der Menschenhändler zeitweise bei über 100 Prozent.
Doch aus nüchternen ökonomischen Gründen auch -- ummäntelt mit einem Hauch von Moral -- wurde der Sklavenhandel im Geltungsbereich der britischen Flagge bereits 1806, früher als in allen anderen Ländern, gesetzlich verboten. Der Grund: Die englischen Kolonisten in Westindien waren damals schon wohlversorgt mit billigen Sklaven und hatten mit deren Hilfe ihre Tabakkulturen längst auf den noch arbeitsintensiveren Zuckerrohranbau umgestellt.
Jene Mischung aus Kaufmannssinn und Liberalität, die Britanniens Bürger in den 250 Jahren nach dem Tod der ersten Elizabeth entwickelten, bescherte dem Land eine der längsten aller nationalen Erfolgsgeschichten die zudem nicht allein nur wirtschaftlich und politisch glänzt.
So klagten etwa englische Parlamentsabgeordnete und Richter schon 1786 einen vormaligen Indien-Statthalter, Warren Hastings, der einige Aufstände auf dem Subkontinent niedergeschlagen und die wohl etwas zu üppig kalkulierten Kosten dafür örtlichen Maharadschas abgepreßt hatte, wegen "Habsucht, Raubgier, Hochmut, Grausamkeit, Tücke" (der Cheftrommler der Anklage, Edmund Burke) gegenüber den fernen Fremden an.
Der siebenjährige Prozeß, der zwar mit einem Freispruch zweiter Klasse für den Angeklagten endete, aber zugleich für die Zukunft klarstellte, daß Ausbeutung und Mord an Kolonial-Untertanen mehr als eine läßliche Sünde sei, gilt heute noch als "moralischer Triumph, der zu den strahlendsten Punkten in der britischen Geschichte gehört" (der Oxford-Ökonom und Nobelpreisträger Sir John Hicks).
Eher als andere Nationen auch schafften die Briten die Sklavenhaltung, gegen die Londons damalige Liberale schon immer gestritten hatten, im gesamten Empire ab: bereits 1833, genau 32 Jahre früher und anders als die Amerikaner, ohne blutigen Aufstand der betroffenen Sklavenbesitzer. Denn die wurden mit jenen Mitteln besänftigt, mit denen königliche Kaufleute seit je Probleme zu bereinigen pflegen: mit Geld. Das Mutterland entschädigte die britischen Sklavenhalter in Übersee für ihren Vermögensverlust mit insgesamt 20 Millionen Pfund (nach heutiger Kaufkraft ungefähr zwei Milliarden Mark).
Der Gewinn, den England nach Abzug solcher Kosten und der Ausgaben für militärische Absicherung aus Kolonien ziehen konnte, bestand nebst Plündergut im wesentlichen aus Handels- und Schiffahrtserträgen im Drittländer-Handel, wie die Fachleute sagen aus den Spannen also zwischen dem Einkaufspreis von indischem Opium oder von karibischem Zucker und dem Erlös am Absatzort in China oder Festlandeuropa.
Die Chance, dieses Geschäft durch weitere Handelskolonien auszuweiten, so recherchierte Ökonom Hicks, "erschöpfte sich im Laufe des 18. Jahrhunderts immer mehr". Denn Länder wie Japan hatten sich gegen fremden Einfluß ganz und China immerhin teilweise abgekapselt; und das powere Afrika hatte, nachdem der Sklavenhandel verboten war, nichts zu bieten, was die amerikanischen oder europäischen Kunden der britischen Händler interessierte.
Zugleich wurde immer fraglicher, ob sich die bestehenden Kolonien wirklich lohnten. Um 1850 herum begannen auch Londons Staatslenker zu erkennen, was ihre Ökonomen seit Jahrzehnten predigten: daß der freie Handel mit unabhängigen Territorien, die nicht von teuren Soldaten bewacht und von kostspieligen Beamten verwaltet werden mußten, wahrscheinlich profitabler wäre. Der liberale Parlamentsabgeordnete Richard Cobden rechnete seinen Kollegen sogar vor, daß der gesamte damalige Ertrag aus dem Karibik-Handel von den Kolonialkosten "für gutgekleidete Zuschauer auf Kriegsschiffen, in Garnisonen und Zivilämter" wieder völlig aufgezehrt wurde.
Die weißen Siedlungskolonien Australien und Kanada bekamen weitgehende Selbstverwaltungen. Selbst Konservative, wie einer der damaligen Premiers, Sir Robert Peel, erwogen ernsthaft, zumindest einige Kolonien ganz in die Unabhängigkeit zu entlassen; bedächtige Lords im Oberhaus waren überzeugt, daß Kolonien generell "nichts wert sind" (Lord Brougham).
Doch der Meinung waren weder die gut profitierenden Kaufleute, die beispielsweise noch Mitte des 19. Jahrhunderts ein Vier-Fünftel-Monopol im Indienhandel hatten, noch die Empire-Schwärmer, die möglichst viel von die-
* 1921 beim Besuch des englischen Kronprinzen in Aden; Text des Spruchbandes: "Sag Papa, wir sind alle glücklich unter britischer Herrschaft."
ser Welt ihrer Insel zuteilen wollten, bevor etwa deutsche oder französische Imperialisten zum Zug kamen.
Statt kalter Kalkulationen galten in der offiziellen Kolonialpolitik nun glühende Konfessionen wie diese: "Erstens, ich glaube an das britische Empire; zweitens, ich glaube an die britische Rasse; drittens, ich glaube, daß das britische Volk das größte aller herrschenden Völker in der Geschichte ist" (Joseph Chamberlain, 1895). Und: Nur weitere Vergrößerung des Empire, so Chamberlain ebenfalls, sei "wahre, weise und sparsame Politik".
Ganz Europa freilich, dazu die USA und Japan, verfielen damals zwischen 1870 und 1910 in einen Eroberungsrausch. Doch keine andere Nation nahm sich soviel neue Kolonien wie die Briten, darunter so bitterarme Landstriche wie die Wüsten und Steppen von Somaliland im östlichen Afrika und die sauren Sümpfe von Neuguinea im Pazifischen Ozean.
Britanniens Empire wurde nie mehr das Riesengeschäft, das die einen erhofft und die anderen befürchtet hatten. Die meisten der über 600 Territorien, die Britannien auf dem Gipfelpunkt seiner imperialen Ausdehnung regierte, konnten der Industrie des Mutterlandes nicht genug abnehmen: Die Bevölkerung war zu power, um englische Waren en gros zu kaufen. Auch heute noch zählen die meisten Länder, die Britannien in Asien und im mittleren wie im nördlichen Afrika einstmals beherrschte, zum Armenhaus dieser Erde.
Bis Anfang der dreißiger Jahre verkauften die Briten meist weit über 60 Prozent ihrer Exporte außerhalb ihres Imperiums und bezogen zwischen 70 und 80 Prozent ihrer Importe von Ländern, in denen Britanniens Krone nicht als oberster Souverän galt.
Erst nach der Weltwirtschaftskrise nahm der Anteil des Empirehandels wieder zu. Denn wie alle anderen westlichen Industrieländer schotteten sich damals auch Britannien, seine Dominien und seine Kolonien (die teilweise schon Zollautonomie besaßen) durch hohe Zollmauern gegen Angebote der Konkurrenz ab, vereinbarten aber zugleich die sogenannten Commonwealth-Präferenzen: Britannien ließ nach diesen Verträgen, von denen einige bis in die späten sechziger Jahre gültig blieben, bestimmte Produkte. etwa Butter aus Neuseeland oder Fleisch aus Australien, zollfrei ins Land und konnte Eisen, Stahl oder Textilien dort unverteuert durch Grenzabgaben verkaufen.
Selbst nach dem Ende der Freihandels-Ära mit der Weltwirtschaftskrise waren nur die damals politisch schon unabhängigen und nur noch der Krone verpflichteten Dominien Australien, Kanada und Neuseeland wirklich bedeutende Absatz- und Beschaffungsmärkte für die Briten.
Der meßbare Wert des Imperiums blieb ein Mythos.
Die drei weißen Dominien nahmen sowohl in den Dreißigern ebenso wie in den ersten Jahren nach Kriegsende immer über 70 Prozent jener Exporte auf, die England in Commonwealth-Länder schickte, und lieferten den Briten stets über 54 Prozent der aus dem Commonwealth stammenden Importe.
Auch jene, die stets zu beweisen suchten, daß die überseeischen Territorien den Engländern neue gewaltige Investitionschancen eröffneten, betrogen beim Blättern in der Statistik das Auge mit der Geschwindigkeit ihrer Hand", schrieb der Imperialismus-Forscher D. K. Fieldhouse.
Zwar investierten die Briten allein zwischen 1870 und 1913, in der Zeitspanne also, in der sie ihre meisten Kolonien eroberten, jährlich fast zehn Prozent ihres Volkseinkommens außerhalb ihrer Insel. Kurz vor dem I. Weltkrieg besaßen die damals größten Kapitalexporteure der Welt bereits Auslandsanlagen im Wert von vier Milliarden Pfund (damals 80 Milliarden Goldmark).
Das meiste davon, fast 53 Prozent. war jedoch in unabhängigen Staaten angelegt hauptsächlich in den USA und in Lateinamerika. Und der Rest trug überwiegend in den autonomen Dominien Zinsen oder Dividende.
So ist der meßbare Wert des Imperium stets ein "Mythos" (so der französische Soziologe Raymond Aron) geblieben, ein Mythos zudem, der Britanniens Gesellschaft und seine Oberschicht verhängnisvoll veränderte.
Denn Vertrauen in ein Empire und imperiale Attitüden erzeugten einen Rückfall in längst überholte Gesellschaftsformen und Gewohnheiten der vorindustriellen Vergangenheit.
Englands Gesellschaft, die früher zu den fortschrittlichsten und mobilsten Europas zählte und schon im 16. und 17. Jahrhundert auch einfachen, aber erfolgreichen Kurzwaren- oder Tuchhändlern den Weg zu gesellschaftlicher Anerkennung und Adel offenhielt, wurde langsam eine der rückwärtigsten. Heute trennt dort ein so scharfer Schnitt wie in keinem anderen nordeuropäischen Land oben und unten, "sie und uns", wie die Oberschicht Britanniens zu sagen pflegt.
Erst schleichend, dann rapide hat das Empire fast alles in Britannien ins Gestrige gekehrt, und vieles davon blieb bis auf den heutigen Tag dort festgeschrieben: das Schulsystem etwa, das auch jetzt noch dafür sorgt, daß Ober- und Unterklassenbriten einfach unterscheidbar bleiben -- unterscheidbar an der Sprache.
Die berühmten Public Schools nämlich, wie Eton, Harrow oder Rugby, die ihren Schülern gegen einen Unkosten-
* v. l.: Cooray (Ceylon), Abdul Rahman (Malaya), Nash (Neuseeland), Wellenski (Zentralafrikanische Föderation), Nehru (Indien), Macmillan (Großbritannien), Ajub Khan (Pakistan), Diefenbaker (Kanada), Nkrumah (Ghana), Menzies (Australien), Louw (Südafrikanische Republik).
beitrag von 9300 Mark im Jahr feines Oxford-Englisch und unerschütterlich gute Manieren eintrichtern, wurden erst in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts zu Elite-Zuchtanstalten. Damals erst, als das wachsende Weltreich für seine imperialen Aufgaben immer mehr würdige Repräsentanten der Krone benötigte, wurden die Public Schools, von denen viele einige hundert Jahre zuvor als Stiftungen für die Erziehung armer Leute Kinder gegründet worden waren, zu den Top-Schulen der Nation.
Abneigung gegen die Geschäfte, die das Land reich gemacht hatten.
Damals auch formulierten die Public-School-Leiter jenes mittelalterlich klingende Erziehungsideal, das dann die Söhne und Enkel der kapitalistischen Pioniere prägte und auch heute noch gilt: "der junge christliche Gentleman", der sich dem Gemeinwohl verpflichtet und jedes Streben nach persönlichem Profit von Herzen verachtet.
"Die Schulen formten eine Elite, die Britanniens Bedürfnissen als imperialer Macht angemessen war ...", so kritisiert der Londoner Politökonom George Cyril Allen, "aber sie lieferten Britanniens Wirtschaft im allgemeinen und seiner Industrie im besonderen keine geeigneten Leiter. Sie verbreiteten sogar Abneigung gegen die Geschäfte, die das Land einmal reich und mächtig gemacht hatten."
Und die Verhaltensweisen blieben, als das Imperium längst zerstoben war: Immer noch gilt es in Britannien als fein, Geld und Vermögen zu haben, aber nicht, es erwerben zu wollen. Immer noch ist der "civil service", der öffentliche Dienst, und nicht eine Industriekarriere oder gar eine Unternehmensgründung das Ziel aller jungen Briten mit Ausbildung.
Die Geschichte, so verkündete Anfang der siebziger Jahre der damalige konservative Premier Edward Heath, habe dennoch auch künftig einen Platz für die Briten, "weil wir eine besondere Stärke haben; unsere Zähigkeit nämlich, einen Wettlauf durchzustehen, solange er durchgestanden werden muß".
Doch bei ihrem Wettlauf gegen die eigene Vergangenheit legten sie sich stets immer neue Stolpersteine in den Weg.
Im nächsten Heft
Der Niedergang britischer Wirtschaftskraft -- Gewerkschaftsstaat, Entwicklungsland oder schieres Chaos?

DER SPIEGEL 5/1979
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