22.01.1979

„Die Heimat von Ausbeutern reinigen“

Es war im Frühjahr 1963, als sie sich das letzte Mal persönlich gegenüberstanden: Schah Mohammed Resa Pahlewi, Alleinherrscher über 35 Millionen Iraner, und der Ajatollah Ruholah Musawi Chomeini, ein vom Volk verehrter Religionslehrer aus der heiligen Stadt Ghom.
Der Perserkaiser hatte gerade mit lautem Propaganda-Wirbel die von ihm verordnete "Weiße Revolution" ausgerufen, der Ajatollah das Dekret in der Teheraner Basar-Moschee "ein Verbrechen" genannt und ihren Erfinder den "Scheitan", den Teufel.
Der gereizte Perserkaiser in der befohlenen Audienz: "Wenn Ihr weiterhin Unruhe macht, ziehe ich die Schuhe meines Vaters an." Der Ajatollah: "Die Schuhe Deines Vaters sind Dir um mehrere Nummern zu groß."
Der hagere, weißbärtige Alte mit dem schwarzen Turban, dem Zeichen seiner schiitischen Autorität, hat recht behalten. Damals, vor über 15 Jahren, wurde er ins Gefängnis geworfen und mußte, als der Druck der Straße seine Freilassung erzwang, ins politische Exil gehen.
Aber vorigen Dienstag, nach einer Rebellion gegen den Schah, die im Laufe eines Jahres einem Steppenbrand gleich immer weiter um sich griff, mußte auch Mohammed Resa gehen. Die 37jährige Regierungszeit, für alle Perser eine totalitäre, für viele eine Schreckensherrschaft, ist zu Ende. Und der Mann, der den Monarchen stürzte, heißt Chomeini.
Der Abgang des großen Autokraten Mohammed Resa war schwach. Der Schah, Nachfolger eines Kyros und Xerxes, hatte sich in keiner Phase fähig gezeigt, die Krise zu steuern, noch den Mut gehabt, den Weg für einen neuen Anfang im Iran durch rechtzeitigen Rücktritt freizumachen.
Bevor er am Dienstag in den Pilotensitz seiner Boeing 727 mit Namen "Schahine" (Königsfalke) kletterte, um höchstpersönlich seine Frau Farah nebst zwölf Rennpferden vor dem Volkszorn zunächst auf die Elefanten-Insel nahe der ägyptischen Stadt Assuan zu retten, hinterließ er sein Reich in einem Chaos, in dem nur zwei Kräfte stabil zu sein scheinen: das nach politischer Macht drängende religiöse Schiitentum und die supermodern ausgerüsteten, amerikanisch gedrillten 400 000-Mann-Streitkräfte, die sich politisch über Monate hin zurückhielten.
So bleibt das Schicksal des Landes, das nun schon zwölf Monate im Aufruhr ist, auch weiterhin ungewiß, mehr noch: In das gefährliche Machtvakuum drängen sich die noch im Kampf gegen den Schah solidarischen Konkurrenten. Alle zusammen fürchten sie das Militär: Werden die vom Schah verhätschelten Generäle der längst beschlossenen Demontage ihres kostspieligen Arsenals und ihrer imperialen Rolle so wenig Widerstand entgegensetzen wie dem Sturz des Großkönigs Resa?
Zwar jubelten in Teheran die Massen über den errungenen Sieg - über zwei, vielleicht an die vier Millionen Menschen strömten vorigen Freitag zur größten Kundgebung in der Geschichte des Landes zusammen. In der Hauptstadt schmückten die Soldaten ihre Panzer mit dem Bild des Oppositionsführers Chomeini; aber in der Provinz, in der Ölstadt Ahwas, in Arak und in Desful schoß das Militär am Mittwoch und Donnerstag erneut unbewaffnete Demonstranten zusammen. Blutige Bilanz: über 30 Tote.
Es werden, so ist zu befürchten, nicht die letzten der iranischen Revolution sein. Weder für Chomeini noch für Karim Sandschabi, den Chef der politischen Sammelbewegung "Nationale Front", ist der Kampf bereits vorbei. Der Ajatollah im fernen Frankreich ließ wissen, für seine Rückkehr nach Teheran sei es "noch zu früh", und Sandschabi warnte: "Die Abreise des Schah ist nur der erste Schritt zur totalen Machtübernahme durch das iranische Volk. Der Schah hat das Land verlassen, das System existiert noch."
Der vom Schah eingesetzte und mithin auch von ihm diskreditierte Regierungschef Schahpur Bachtiar (zu deutsch: "glücklich") war von Anfang an zu schwach, das abgewirtschaftete System allein und ohne Unterstützung noch zu retten.
Während die Schah-Denkmäler fielen, wurde im Land auf Order der Opposition noch immer gestreikt. Parlamentarier, die dem Premier noch am vorletzten Wochenende Treue schworen, haben ihre Mandate niedergelegt - auf Empfehlung des Exilpolitikers Chomeini, ein wohl einmaliger Vorgang. Justizminister Jahja Sadik Wasiri, erst knappe zwei Wochen im Amt, trat zurück, weil er nicht genügend Unterlagen in seinem Ministerium vorfand, "um ernsthaft die Korruption zu bekämpfen".
Das Volk nannte Bachtiar einen Verräter und forderte in Sprechchören seinen Kopf, seine Freunde von der oppositionellen "Iran-Partei", die er einst mitbegründete, haben ihn lebenslänglich ausgeschlossen. Nur Sandschabi will für Eventualfälle den Draht zu ihm nicht abreißen lassen.
Dennoch unternahm der Regierungschef den verzweifelten Versuch, sich noch mit Chomeini zu arrangieren. Im iranischen Fernsehen lobte er den Todfeind des Schah als "hervorragende Persönlichkeit", und am Donnerstag landete in Paris als Emissär der Chef des Regentschaftsrats, Dschahal Teherani, ein ehemaliger Minister für Post und Fernsehen. Er wurde von Chomeini nicht empfangen, Geheimkontakte fanden dennoch statt.
Selbst die verstörte US-Regierung, die noch vor wenigen Tagen ihre ganze Hoffnung auf Bachtiar gesetzt hatte, macht sich nun kaum noch Illusionen. Im State Department, so meldete die "Washington Post", habe man den Nachlaßverwalter des Schah einen "Alexander Kerenski" genannt, "aber keiner sieht einen Lenin, weder links noch rechts".
Auch darin, so scheint es, haben sich die Asien-Experten in Washington geirrt. Denn der fromme Ajatollah Chomeini ist zwar von der politischen Farbe her gewiß kein Lenin, steht ihm aber in der Entschlossenheit nicht nach, die Gunst der Stunde zu nutzen. Dabei hat der Schiiten-Führer - im Gegensatz zu den Bolschewiki des Jahres 1917 - die große Mehrheit des Volkes auf seiner Seite.
Für die Bevölkerung des Iran ist der unbestrittene Sieger im Volksaufstand gegen den gehaßten und immer noch geschaßten Schah der Ajatollah Chomeini, und was er vollbrachte, hat selbst in der langen und an Helden reichen Geschichte des Orients Anspruch auf Einmaligkeit.
Waffenlos, umgeben von nur wenigen Anhängern, als politischer Emigrant im Pariser Exil rund 4500 Kilometer von seinem Land entfernt, hat der Kirchenführer allein mit der Autorität und der Integrität seiner Person einen der mächtigsten und reichsten Herrscher der Welt in einem zermürbenden Kleinkrieg vom Thron gestoßen.
Es ist, als ob der russische Dissident Alexander Solschenizyn von seinem Exil Cavendish im US-Staat Vermont aus versuchen würde, der Macht des Moskauer Politbüros ein Ende zu setzen, um in der Sowjet-Union eine Herrschaft altrussischer Popen zu errichten.
Und nach dem Erfolg von Chomeinis ungleichem Fernduell wird zwar nicht entschuldbar, so doch verständlich, warum Stalin seinen großen Widersacher und Todfeind Trotzki noch in dessen entlegenem Exil Mexiko derart fürchtete, daß er ihn umbringen ließ.
Wie schon manche große Revolution, brach sich auch die persische aus kleinem Anlaß Bahn: Ein Hetzartikel gegen den greisen Iman Chomeini in der größten iranischen Zeitung "Ettelaat" - wie inzwischen bekannt, wurde er von der Geheimpolizei Savak lanciert - führte am 9. Januar 1978 zum ersten Proteststurm in der heiligen Stadt Ghom. Fortan bestimmte Chomeini Umfang und Tempo des Volksaufstandes, trotz der 50 000 Geheimpolizisten und der stärksten Armee im Nahen Osten, die der Schah sein eigen nannte.
Von Paris aus regelte Chomeini Tag und Ort der Protest-Demonstrationen, er gab an, wann die Arbeiter auf den Ölraffinerien von Abadan streikten und wann und wieviel sie wieder arbeiten sollten. Junge Mädchen legten für ihn wieder den Schador, den schwarzen Schleier, an, den der Vater des Schah verboten hatte.
Chomeini schickte die Beamten der kaiserlichen Ministerien nach Hause, ließ Banken, Kneipen, Kinos und Spielkasinos schließen und befahl dann auch, die Demonstranten sollten sich mit den Soldaten verbrüdern, die gestern noch auf sie geschossen hatten.
Der Ajatollah ließ von Paris aus den Journalisten, die gegen die Zensur in Streik getreten waren, die Gehälter weiterzahlen. Er unterstützte die Witwen und Waisen der im Kampf Gefallenen. Täglich gingen von Persern aus aller Welt fünf bis zehn Millionen Dollar für den Kampf gegen den Schah bei ihm ein.
Mit Bildern des Greises zogen fast täglich Perser aller Schichten und jeden Alters - Männer, Frauen, Kinder, Studenten, Basarhändler, Bauern, Ärzte - in Millionenstärke auf die Straße. "Iran ist meine Heimat, und Chomeini ist mein Führer", skandierte die Menge und ging gegen Panzer und Maschinengewehre vor. Fast 10 000, nach anderen Schätzungen sogar die doppelte Zahl unbewaffneter Demonstranten, verloren in der islamischen Revolution ihr Leben, und fast immer hatten sie Chomeini-Bilder oder Transparente mit Chomeini-Losungen mit sich getragen.
Das Bild des Ajatollah ist zum Passierschein geworden.
Selbst dort, wo sich der aufgestaute Volkszorn blindwütig entlud und die Menge per Selbstjustiz an ihren Peinigern Rache nahm, waren es Orders aus Paris, die sie wieder zur Besinnung brachten.
In den letzten Monaten ging so gut wie nichts mehr im Iran ohne Chomeini. Ausländische Diplomaten, Fluggesellschaften, verängstigte Fabrikanten, ja sogar die amerikanischen Berater des Schah suchten den heimlichen Kontakt zu Chomeinis Vertrauten.
Dabei war die Methode der Nachrichten-Übermittlung ebenso simpel wie genial: Tonbänder, die der Ajatollah in Paris besprochen hatte, wurden zu Tausenden in den Moscheen abgespielt, gaben die Wünsche des Führers fälschungssicher an die Gläubigen weiter, für die Iraner, die zu über 60 Prozent noch immer Analphabeten sind, auch das praktikabelste Mittel.
Das Bild des Ajatollah ist, wie noch vor wenigen Monaten das Porträt des Schah, Versicherung gegen Volkswut und Passierschein auf nächtlichen Straßen geworden. Die Berufung auf Chomeini verschafft den Hungernden Brot und den Kraftfahrern das knappe Benzin für ihre Autos.
Der Glaube an seine Autorität hat inzwischen fast metaphysische Ausmaße angenommen. Die gleichen Demonstranten, die in Teheran die Schah-Denkmäler vom Sockel holten, tauften die große Moschee des Basars, Masdschid Soltaneh in Chomeini-Moschee um. Im Hamadan, 500 Kilometer südwestlich von der Hauptstadt, opferten seine Anhänger für den Kirchenführer Schafe, und besonders Entrückte wollen sein Gesicht sogar im Mond gesehen haben.
Der Mann im Mond ist 1902 in der Kleinstadt Chomein nordwestlich von Isfahan geboren. Er stammt aus einer alten Gelehrtenfamilie, schon sein Vater war Ajatollah - so heißen die höchsten geistlichen Führer der Schiiten, von denen es in Persien fünf bedeutende gibt. Chomeinis Vater fiel im gemeinsamen Kampf schiitischer Kleriker und liberaler Politiker gegen den Kadscharen-Schah für eine - formal noch heute gültige - Verfassung.
Ruhollah Musawi Chomeini schrieb sich nach der Schulzeit an der Islam-Hochschule in Ghom ein und belegte wie viele der heutigen Religionsführer im Iran ein islamisches Studium generale: islamisches Recht, islamische Hermeneutik, Philosophie, Mystik, Ethik und Glaubenslehre.
Der Student, der schon mit 30 Jahren den Igtihad-Grad, den höchsten theologischen Rang, erreichte, blieb auch als Lehrer in Ghom. Seine Vorlesungen waren stark besucht, bis zu seiner späteren Verbannung hat er, so schätzen Eingeweihte, rund 1500 Igtihad-Anwärter ausgebildet.
Was ihn früh von anderen Religionslehrern unterschied, war sein Engagement für Nation und Politik. Schon Schah-Vater Resa versuchte, Chomeinis Vorlesungsreihe über Ethik und gesellschaftliche Probleme zu verbieten.
In seinen Schriften - er hat über 25 Bücher und wissenschaftliche Abhandlungen geschrieben - kritisiert Chomeini Mißstände im Staat, erklärt er es für "Gottes Gebot und die religiöse Aufgabe jedes Moslems, seine Heimat von den fremden Ausbeutern und ihren inländischen Verbündeten zu reinigen und zu befreien
Nicht weniger hart geht er mit den islamischen Würdenträgern um. An der theologischen Ausbildung kritisiert er mangelnden Kontakt zum Volk und fehlende Übereinstimmung mit den gesellschaftlichen Bedürfnissen. Damit zählt Chomeini bis heute zum progressiven Flügel des schiitischen Klerus.
Nach einem der zahlreichen Zusammenstöße mit Schah Mohammed Resa, der den unbequemen, bei seinen Gläubigen um so beliebteren Priester schon früh loswerden wollte, machte ihm der Perserkaiser, so wird in Ghom erzählt, ein Angebot: 20 Millionen Dollar, wenn er freiwillig außer Landes gehe. Chomeinis Antwort: "Ich gebe dir dafür 40 Millionen."
Schon 1963 gingen die Massen für Chomeini auf die Straße.
Beim Aufstand des Linken Mossadegh gegen den Schah im Jahr 1953, von dem Ajatollah Kaschani mitinszeniert, aber später aus Furcht vor der Machtübernahme durch die Kommunisten verraten, war Chomeini offenbar nicht aktiv. Englands "Guardian" vermutet: "Er hat versucht, die Erinnerung an Mossadegh zu verwischen, indem er vorgab, die einzige Tradition von Feindschaft gegen den Schah zu verkörpern."
Chomeinis Stunde kam am 4. Juni 1963. Der Schah hatte die "Weiße Revolution" begonnen, die nach Ansicht des Klerus maßgebende Rechte des Islam verletzte und zudem den amerikanischen Beratern im Lande Sonderrechte einräumte.
Chomeini wählte den religiösen Gedenktag an den Tod des Imam Hussein, der im Kampf gegen den Kalifen Jasid niedergemetzelt wurde, für eine Predigt, die in allen Moscheen verlesen wurde. Den Schah nannte Chomeini darin den "Jasid unserer Zeit". Die Gläubigen gingen gegen den Schah auf die Straße, und als der Ajatollah am nächsten Tag von der Geheimpolizei verhaftet wurde, brach ein dreitägiger Volksaufstand los. Der Teheraner Basar brannte, rund 9000 Demonstranten wurden in den verwüsteten Straßen erschossen.
Der Schah mußte ihn unter dem Druck der Straße wieder freilassen und schob ihn in die Türkei ab. Doch auch den Türken war der politisierende Priester nicht geheuer. Chomeini mußte in den benachbarten Irak ausreisen, der dem Schah nicht wohlgesinnt war.
Chomeini wählte als Exil den Wallfahrtsort Nadschaf, wo der Schiiten-Gründer Ali begraben liegt. Fortan hielt er wie früher vor Theologie-Studenten seine Vorlesungen und predigte die islamische Revolution für den Iran.
Unmißverständlich, zumindest deutlicher als in seinen Interviews der vergangenen Monate, hat der Emigrant Ende der 60er Jahre in Nadschaf beschrieben, wie er sich den von ihm erträumten islamischen Staat vorstellt: Für Chomeini ist es ein Gottesstaat (siehe Kasten Seite 100).
Danach weiß nur Gott allein, was für den Menschen auf dieser Welt und in jener gut ist, so der Ajatollah in seinen Vorlesungen. Für ihn gibt es keine Trennung zwischen Religion und Staat. Der Staat muß ausführendes Organ der islamischen Gesetzgebung sein, die Fakih, die islamischen Rechtsgelehrten, sind Richter über den Staat und sein Oberhaupt: eine Herrschaftsform also, wie es das ganz und gar nicht islamische Europa bis in das späte Mittelalter hinein kannte.
Etwas mehr praxisbezogen und abgeleitet aus der schiitischen Religionsgeschichte, formuliert auch der Professor für Islam-Wissenschaften an der Universität Köln, Abdoldjavad Falaturi, den Machtanspruch der Religion:
Nach schiitischer Überzeugung kann nur ein Rechtsgelehrter (Fakih) mit der entsprechenden wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Qualifikation die Autorität des Oberhauptes eines schiitischen Staates genießen. Doch kann auch derjenige Staat von den Schiiten akzeptiert werden, der im Sinne einer solchen Autorität konstruiert ist.
So gesehen, ist Chomeinis abschlägige Antwort auf die oft gestellte Frage, ob er nun anstelle des Schah Staatsoberhaupt des Iran werden wolle, keine falsche Bescheidenheit und erst recht kein Verzicht - im Gegenteil, eine solche Rolle ist ihm zu gering.
Chomeini in einem Interview mit der amerikanischen Rundfunkgesellschaft CBS auf die Frage, ob er Staatschef oder Ministerpräsident werden will: "Weder noch. Ich werde ihre Tätigkeit in gewisser Weise überwachen." CBS: "Also der starke Mann?" Chomeini: "Davon dürfen Sie ausgehen."
Das Programm, wie die von ihm geforderte "Islamische Republik Iran" einmal aussehen soll, ist sein ureigenes, soweit ersichtlich. Weder in den letzten langen Exiljahren in Nadschaf noch in den letzten turbulenten Monaten in Frankreich fanden größere Programm-Diskussionen mit Gleichgesinnten statt.
Als der Irak den greisen Einzelkämpfer wegen seiner ständigen politischen Agitation gegen das Schah-Regime ausweisen ließ und Kuweit sich weigerte, den Kirchenführer aufzunehmen, flog er am 6. Oktober vorigen Jahres zu Freunden nach Paris.
Ein Beamter des französischen Außenministeriums: "Wir haben damals nicht geahnt, wer uns da vom Himmel gefallen ist." Vorsichtshalber fragte Paris auch beim Schah in Teheran an, aber auch dem fiel nichts Besseres ein, als zu empfehlen: "Laßt ihn, wo er ist."
So machten im Dorf Neauphle-le-Château, rund 40 Kilometer östlich Paris, bisher bekannt für einen würzigen Likör, plötzlich zwei schlichte, weißgekalkte Bauernhäuser Weltgeschichte: die Wohnung und die Residenz des Ajatollah Chomeini.
Bei den Interviews, die der Revolutionsheld gewährt - im Sommer im Garten, unter einem Apfelbaum -, sitzt immer ein Beamter der französischen politischen Polizei dabei.
Der übrige Stab - im langen Gewand und mit Sandalen an den nackten Füßen - ist gering an Zahl und wurde erst in den letzten Tagen durch Parteigänger und die Mitglieder des von ihm gegründeten "Islamischen Revolutionsrates" sprunghaft aufgefüllt, die eilends aus Teheran anreisten.
Die wichtigsten Männer in diesem Gremium sind zwei weltliche Schah-Gegner und Mitglieder der "Nationalen Front", die im Kreis der Frommen am wenigsten zu erwarten waren: Hassan Nasih, 57, der in der Übergangsregierung Premierminister sein soll, und Mehdi Basargan, 73, der im Iran nur "Der Unbestechliche" heißt, von Chomeini zum Staatspräsidenten erkoren.
Nasih, ein bekannter Teheraner Rechtsanwalt, wurde schon vor zwei Wochen von Chomeini nach Paris gerufen. Er war zuletzt Chef der "Iranischen Vereinigung der Juristen", die Anfang des vorigen Jahres im Untergrund an einer neuen liberalen Verfassung gearbeitet hat.
Basargan, ein Ingenieur, war ein enger Mitkämpfer Mossadeghs, der den Schah schon einmal, im Jahr 1953, außer Landes gejagt hatte. Als Chef der von Mossadegh verstaatlichten anglo-iranischen Ölgesellschaft hatte er in dem Putsch gegen den Monarchen eine Schlüsselstellung und mußte dafür später drei Jahre im Gefängnis büßen.
Beide Männer arbeiten seit zwei Jahren in der "Iranischen Gesellschaft für die Verteidigung der Freiheit und der Menschenrechte" mit. Dieser damals illegale Kreis von dreißig Politikern und Rechtsanwälten machte den barbarischen Umgang des Schah mit Regimegegnern und die Foltermethoden der Geheimpolizei in aller Welt publik und bemühte sich um die politischen Gefangenen.
Beide aber gehören nicht dem stärksten Flügel der "Nationalen Front" an, der von Karim Sandschabi geführten "Bewegung für den Iran". Mehr noch: Als Sandschabi im vorigen November mit Chomeini in Paris ein Zweckbündnis schloß, mit dem Ziel, die Monarchie abzuschaffen und "die nationale Staatsform auf die Grundlage des Islam" zu stellen, machte der gleichfalls angereiste Basargan nicht mit. Heute sitzt er statt des kompromißbereiten Sandschabi beim Ajatollah.
Wer auf den Koran schwört, der bekommt kostenlos ein Essen.
Der iranische Exilpolitiker Mostafa Danesch glaubt, daß das persische Wechselspiel zwischen weltlichen Politikern und schiitischen Geistlichen nur taktisch bedingt ist: "Sandschabi hat nicht nur ein zu der Vorstellung des Klerus alternatives und eigenständiges Programm vorzuweisen, er hat vor allem auch mehrfach betont, daß er und seine "Nationale Front' nach dem Sturz des Schah die Regierung übernehmen wollen."
So steht zu erwarten, daß sich die Sieger, kaum ist der Schah endlich aus dem Land gejagt, nun um die Beute streiten. Hinzu kommt, daß bislang noch Unbeteiligte, wie die Kommunisten auf der Linken und die Armee auf der Rechten, versucht sein könnten, den Kampf für sich zu entscheiden.
Die zu Mossadegh-Zeiten noch bedeutende kommunistische Tudeh-Partei ist auf allenfalls 1500 Mitglieder geschrumpft, die untereinander noch tief zerstritten sind: Aus Rücksicht auf den Schah hat Moskau die Genossen kleingehalten, und ihre Chancen beim Volk dürften, wie überall in islamischen Ländern, gering sein.
Der einzige Vorsprung, den Sandschabis "Nationale Front", inzwischen 13 Parteien, gegenüber der spontanen Volksbewegung des Ajatollah hat, sind ihre in den langen Jahren der Illegalität aufgebauten Kader und ihre Anhänger im - freilich kleinen - progressiven Bürgertum.
Gewinnen Sandschabi und die Seinen im Machtkampf oder behaupten sie auch nur wesentlichen Einfluß, dürfte ein außenpolitisch vielleicht neutralistisches Persien die Folge sein, das den Weg der Modernisierung mit westlicher Hilfe weitergeht, wenn auch gewiß weniger unbedacht.
Wenn sich aber Chomeini voll durchsetzt, könnten die Projekte westlicher Firmen in Persien schnell zu einer gigantischen Investitionsruine werden.
Die Organisation der "Islamischen Revolution" an der Basis versucht Chomeini jetzt nachzuholen. In allen Dörfern und Städten, bis hinunter zum Straßenzug, wurden sogenannte "Islamische Komitees" gegründet. In Teheran gibt es außerdem als Dachverband einen "Obersten Islamischen Rat", der täglich von Chomeini über Telephon unterwiesen wird.
Chomeini-Leute, meist ihm ergebene Mullahs, organisieren Nachbarschaftshilfen und eine improvisiert aufgestellte Hilfspolizei, die in Teheran den Straßenverkehr regelt. Sie geben der Bevölkerung ein neues Gefühl von Solidarität.
In den Dörfern hat der Ajatollah zur Bildung von Ältestenräten aufgerufen, die das Getreide verteilen und dafür sorgen sollen, daß verstärkt Korn angebaut wird. Die Banken sind aufgefordert, den Bauern günstige Kredite für Saatgut und Maschinen zu gewähren.
"Islamische Kooperativen" verteilen an Millionen Arme täglich eine kostenlose Lebensmittelration. Der Empfänger muß mit der Hand auf den Koran schwören, daß er an diesem Tag nicht schon anderswo etwas bekommen hat. Auch die Verteilung des knappen Benzins haben die Chomeini-Gehilfen übernommen. Jeder bekommt die gleiche Menge, denn "der Islam ist für Gerechtigkeit", predigt der Ajatollah.
Doch die Solidarität hat auch deutliche Grenzen. Als ein Arbeiter während einer Gefallenen-Ehrung auf dem Behescht-Sahra-Friedhof bei Teheran die Sorgen und Nöte der Massen beklagte und dabei das Wort "Proletariat" fallenließ, ging die Menge gegen ihn vor, mit dem wütenden Schlachtruf: "Tod dem Schah und Tod den Kommunisten!"

DER SPIEGEL 4/1979
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