22.01.1979

Das kranke England

Neben den Kupferschmieden hämmern die Schuhmacher, auf winzigen Waagen wiegen Gewürzhändler die kostbaren Safranfäden ab. Nicht weit entfernt schabt der Hafimwala, der Drogenhändler, sorgsam dünne Scheiben von einer kindskopfgroßen dunklen Masse -- Rohopium.
Dazwischen flöten Schlangenbeschwörer ihre Kobras aus geflochtenen Körben, stechen Fakire sich spitze Bambuspflöcke durch Handteller und Wangen, betteln nackte kleine Kinder unermüdlich die Vorbeigehenden an, rempeln tief gebückte Lastträger in schmutzigem Lendenschurz die Menge zur Seite, preisen Kebab-Griller und Melonenhändler lauthals ihre Köstlichkeiten an.
Es duftet nach allen Wohlgerüchen des Orients -- und stinkt nach all seinem Abfall. Die Lärmkulisse aus Klopfen, Kreischen, den Schreien von Kamelen und Eseln, religiösem Singsang, Klagelauten und saftigen Flüchen ist unverwechselbar: ein Basar im Herzen Südasiens, wo immer zwischen Khaiberpaß und Burma, unverändert seit Jahrhunderten.
Doch abgeschirmt vom Lärm der Basars und der Slums, abgetrennt von den Sackzelten und Lehmhütten der Eingeborenen durch weite Eukalyptushaine, Parks und Hecken existierte eine andere, eine neue Welt: Auf weiten grünen, sorgfältig bewässerten und geschnittenen Rasenflächen Bungalows mit überdachten Veranden rundum, von prächtigen Bougainvillas überwachsen, Palmen, Oleander- oder Rosenhecken davor.
Zwischen Springbrunnen tollen weißgekleidete Kinder herum, beaufsichtigt von blaßhäutigen Damen unterm Sonnenschirm. In Rikschas, gezogen und geschoben von Farbigen in betreßten Phantasie-Uniformen, sitzen rotgesichtige Männer mit Tropenhelmen und wischen sich mit weißen Taschentüchern den Schweiß vom Gesicht. Abends kommt aus dem "Burra -- Klub ("Dogs & Indians not allowed") der Klang von Eiswürfeln in Gingläsern und das Knallen von Champagner-Korken -- unverwechselbar: ein Cantonment, ein Quartier der Weißen, im Herzen Südasiens, wo immer zwischen Rawalpindi und Maimensingh.
Die aseptisch grünen Inseln inmitten orientalischer Buntheit, das war die Welt der Sahibs. Es waren die Garnisonen und Residenzen weißer Herren über ein vielfarbiges Universum. Es waren Gettos in exotischer Umgebung, aber sie waren für die Bewohner so golden wie das Zeitalter, in dem sie lebten.
Es war damals "so herrlich, jung und Engländer zugleich zu sein", wie der britische Autor George McDonald Frazer schweigt: die hohe Zeit des Empire, "gewaltiger als alle Eroberungen der Römer und Alexander des Großen, Tschingis Chans, der Kalifen oder Napoleons" (so die Autoren des Bestsellers "Um Mitternacht die Freiheit", Collins und Lapierre) -- jenes Weltreiches, in dem drei Jahrhunderte lang die Sonne nicht unterging.
Und das "wahrhaft strahlende und kostbare Juwel in der Krone des Königs, die Quelle von Ruhm und Kraft des Imperiums" (Winston Churchill) war das Wunderland Indien.
Es war das Land, in dem auch die einfachen weißen Subalternen in den Kolonialarmeen oder den Comptoirs der Handelshäuser und Banken über einen Haushalt mit Dutzenden von Bediensteten herrschten, die außer Peitschenhieben nicht viel kosteten.
Zu jedem Bungalow gehörten zumindest ein Koch, ein Butler. mehrere Gärtner, männliche und weibliche "sweeper" für die Schmutzarbeit, die Zofe für die Dame des Hauses, die Aja für die Kinder, der Bursche für den Hausherrn, der Pferdepfleger und der "Pankawala", der mittels großer Fächer für die Ventilation des Hauses zu sorgen hatte.
Der Herr über die Kolonie aller Kolonien, der Vizekönig von Indien, der vom Bengalengolf bis zum Roten Meer hin befahl, residierte von 1876 bis fast zur Mitte dieses Jahrhunderts im "Haus des Vizekönigs" in Delhi -- in einem Sandstein-Palast, dessen Größe nur von Versailles und dem Zarenschloß Peterhof übertroffen wurde. 37 Salons und 340 Zimmer und ein weiter Park wurden von mehr als fünftausend Dienern in Schuß gehalten. Allein hundert Köche sorgten für die Menüs, 418 Gärtner pflegten Rasen und Blumenbeete, 50 Jungen waren als springende Vogelscheuchen engagiert.
Im Victoria-and-Albert-Museum in London bestaunen heute noch täglich viele Briten mit stummer Sehnsucht nach der Welt von gestern die vielen hundert Räume voller geschenkter und manchmal auch geraubter Juwelen, Kleider, Waffen, Gläser und Teppiche aus jener Zeit, da die "Erde Englands Auster war", wie es der Historiker E. J. Hobsbawn sah.
Damals war alles britisch, was auf der Weltkarte blaßrot leuchtete -- und die blaßroten Flächen beherrschten jeden Erdteil, blaßrote Punkte besprenkelten die Ozeane.
Im Zenit seiner Macht und Ausdehnung, unter der 1,55 Meter kleinen Königin Victoria, umfaßte das Britische Weltreich Ende des letzten Jahrhunderts ein Viertel der Landmasse der Erde, bewohnt von einem Viertel der Menschheit.
Auf dem Höhepunkt dieses in der Geschichte beispiellosen Imperiums wehte der Union Jack in allen Winkeln der Erde. Briten wachten vom Eismeer bis zur Antarktis, ihre Flotte beherrschte unangefochten die Meere.
Zu diesem Empire gehörten ein ganzer Kontinent Australien -- und ein halber -- Kanada -- sowie eine der volkreichsten Regionen der Welt, der indische Subkontinent mit Ceylon (heute: Sri Lanka) und Burma.
Drei Dutzend Millionen Engländer auf einer Insel, nicht größer als die Bundesrepublik, "so deutlich dazu ausersehen, diesen Planeten zu beherrschen" (wie ihnen das die "New York Times noch um die Jahrhundertwende bestätigte), regierten ein Reich, das im diamantenen Jubiläumsjahr der Herrschaft Victorias (1897) noch 91mal so groß war wie die Mutterinsel und damals 400 Millionen Einwohner zählte. Heute nur noch "ein Pünktchen auf der Landkarte".
Erobert hatten sie es als Seefahrer und Kaufleute, mit fremden Söldnern (darunter Zehntausenden Deutschen) und dem festen Glauben an ihre Überlegenheit. Sie hielten es mit sprichwörtlich insularer Zähigkeit. überzeugt davon, (laß der Welt nichts Besseres passieren könne als die Ausbreitung britischer Zivilisation.
Noch in den 40er Jahren dieses Jahrhunderts, während und kurz nach dem von Hitler entfachten II. Weltkrieg, konnte sich der Vater der heutigen Britenkönigin, Georg VI., zu Recht "Imperator" nennen; damals gehörten zum Britischen Reich immer noch rund 30 Millionen Quadratkilometer. und der britische Premierminister galt bei den neuen Großmächten, den Russen und Amerikanern, als gleichberechtigter Partner, als ein Partner zudem, der als einziger vom ersten bis zum letzten Tag des Krieges gegen Hitler gekämpft und damit den entscheidenden Anteil an der Niederwerfung Nazi-Deutschlands beanspruchen konnte -- eine Leistung, der die Briten heute noch mit Stolz und Wehmut gedenken.
Hitler selbst war von diesen Briten zeitlebens seltsam fasziniert: "Sie sind von beispielloser Frechheit, aber ich bewundere sie doch, da haben wir noch viel zu lernen." Er wollte ihnen einmal sogar 60 deutsche Divisionen für die Verteidigung ihres Imperiums anbieten.
Heute, drei Jahrzehnte danach, ist die einst riesige Fläche, die von London aus regiert wurde, zusammengeschrumpft zu "einem Pünktchen auf der Landkarte", wie der Labour-Unterhausabgeordnete Robert Mellish klagte.
Selbst dieses Pünktchen droht sich nun zu atomisieren; denn die Teile des Vereinigten Königreiches streben auseinander, in Schottland wächst eine separatistische Bewegung, in Nordirland versuchen Terroristen, Ulster von London loszusprengen, Wales will Autonomie: Der "Daily Telegraph" sieht die Briteninsel bereits "auf der Rückkehr zum Tribalismus".
Heute ist der Ruch von Reichtum, Macht und Effizienz, der Großbritannien um die Jahrhundertwende von allen Quellen bescheinigt wurde, weithin verflogen. 1887 hatte Meyers Konversationslexikon vermerkt: "Die Industrie im engeren Sinn und das Manufakturwesen stehen in keinem Land in solcher Blüte wie in Großbritannien. Kein Zweig der Industrie läßt sich denken, der nicht von den Briten in den Bereich ihrer Tätigkeit gezogen, keiner der nicht von ihnen zu hoher Vollkommenheit gebracht worden wäre."
Und Lenin krittelte 1917, daß England es sich leisten könne, "allein für Pferderennen und Fuchsjagden jährlich 14 Millionen Pfund Sterling" auszugeben, "etwa 130 Millionen Rubel", wie er sauertöpfisch nachrechnete.
Heute ist "the once Great Britain", das einstmals große Britannien, wie Engländer manchmal selber spotten, bei den meisten Zeitgenossen auffallend nur noch wegen seines liebenswert staubigen Zeremoniells, wegen seiner Königin und ihrer seltsamen Hüte.
Aus der "verglühten Asche des Empire" (so der Schriftsteller Anthony Sampson) konnten die Briten noch nicht einmal retten, was ihnen einst zur weltweiten Macht verhalf und ihnen auch heute in nachkolonialen Zeiten einen sicheren Platz unter den einflußreichen Nationen gesichert hätte: ihren Kaufmannsgeist und ihre industrielle Potenz.
Der gute Leumund der englischen Wirtschaft, die einst von Konkurrenten weltweit gefürchtet und von Kunden gepriesen wurde, ist längst vertan durch immer wahnwitzigere Streiks und absurde Arbeitsordnungen wie etwa jene, daß ein vor der Tür des Premierministers stehender Polizist eben die Öffnung derselben einem Kollegen überlassen muß, durch Teepausen und jenen Witz mit einem Korn Wahrheit, wonach britische Firmenchefs kaufwilligen Kunden antworten: "More orders could only embarrass us" -- mehr Aufträge könnten uns nur in Verlegenheit bringen.
"Is England at work or not?" fragte mal zur Weihnachtszeit ein deutscher Kunde bei der örtlichen Handelskammer nach, "arbeitet England eigentlich?" Er erhielt die Antwort: "Im Prinzip ja", doch das half ihm wenig. Alle Firmen und Ämter, mit denen er zu tun hatte, machten zwischen den Feiertagen Weihnachten und Neujahr blau.
Der Zustand der Insel insgesamt gilt unterdes als Krankheit und bekam -- schweren Seuchen gleich, die häufig in ihrer Vulgär-Bezeichnung den Namen des Landes führen, in dem sie (angeblich) am meisten auftreten -- das einst stolze Beiwort "englisch".
"Und die Ausländer", so klagt der Londoner Polit-Ökonom George Cyril Allen, die früher seinem Land wenigstens verkniffen Respekt gezollt hatten, sprechen nur noch mit "Entsetzen oder Schadenfreude" von eben dieser englischen Krankheit.
Immer ist sicher eine Spur von Herablassung dabei, wenn etwa der durchaus anglophile Bonner Bundeskanzler Helmut Schmidt mit "stählernem Blick" ("The Guardian") den Briten "ihren Schlamassel" vorhält.
Der Gegensatz zwischen dem Britannien von gestern und dem von heute ist so scharf und so schmerzlich, daß die einst global orientierte Inselnation trübselig am liebsten nur noch nach innen blickt und auf eine noch gar nicht so lange verblühte Vergangenheit, in der ein gut Teil der Welt britische Herren hatte, in der Weltwirtschaft und Welthandel fast gleichbedeutend waren mit britischer Ökonomie und Zahlungsmittel eigentlich nur britische Pfunde sein konnten.
Heute können Amerikaner und Kontinentaleuropäer, Japaner und Australier längst alles, was den Briten einst als ihre einmalige, nicht nachahmbare Errungenschaft galt. Sie können es sogar besser, billiger oder pünktlicher: spinnen und weben, Erze verhütten, Stähle härten.
Mehr noch: An diese wirtschafts- und machtpolitischen Zwerge von einst haben die Briten, die einmal den Welthandel beherrschten, ihre alten Märkte verloren.
Auf dem Höhepunkt ihrer wirtschaftlichen Vormachtstellung, in den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts, bewältigten die Ex- und Importeure in London und in den Industriezentren der Insel noch ganz allein (ohne den Handel, den die Kolonien betrieben) fast ein Viertel des Welthandels.
In den 60ern dieses Jahrhunderts war der Anteil der Briten am internationalen Warenaustausch, dessen Fachsprache sie prägten und dessen Kürzel immer noch englisch sind, auf elf Prozent gesunken; 1978 betrug er nur noch knapp sechs Prozent.
Und mit der Bedeutung als Handelsnation schwand auch der Wert der Währung. Vor dem 1. Weltkrieg war das britische Pfund die einzige internationale Handelswährung für alle und wertstabiler als derzeit Gold. Heute stehen die Noten der "Bank of England", die allein in den vergangenen zehn Jahren um über 60 Prozent (gegenüber der Mark) abgewertet wurden, im Geruch ständiger Auszehrung.
Das Pfund, im Slang Hamburger Hafenkneipen noch immer Synonym für 20 Mark, vor genau zehn Jahren tatsächlich noch 9,40 Mark wert, pendelt derzeit mal knapp unter, mal knapp über 3,70 Mark.
Das Land, das vor zwei Generationen noch die Industrieschmiede der Erde war, rangiert unter den entwickelten Nationen nur noch in der zweiten Liga. Vor hundert Jahren wurde auf der britischen Insel ein Drittel der gesamten Industrieproduktion der Weh gefertigt. Heute stoßen die Maschinen des Vereinigten Königreiches höchstens noch ein Zwanzigstel aller im Westen gefertigten Güter aus.
Nirgendwo ist die einstmals führende Industrienation noch erstrangig nicht einmal in jenen Bereichen, in denen sie so unschlagbar schien, wie beispielsweise im internationalen Warentransport.
In den 99 Jahren zwischen dem Ende des Kampfes gegen Napoleon und dem Beginn des 1. Weltkrieges transportierten Briten jährlich bis zu 40 Prozent der gesamten Welt-Tonnage. Heute stellen die einstigen Chef-Spediteure der Welt nur noch acht Prozent des Seefrachtraums. Am neuen und schnell wachsenden Transportgeschäft in der Luft haben sie gar nur einen Anteil von vier Prozent.
Sicher war es unvermeidlich, daß der relative Anteil der allerersten Industrienation an Handel, Wandel, Produktion und Verkehr sinken mußte, nachdem andere begonnen hatten, ihren Erfolg zu kopieren. Doch das Tempo und das Ausmaß, in dem Britanniens Anteil am wachsenden Wohlstand der westlichen Welt wegbröselte, sei -- so klagt etwa L. J. Williams, Wirtschaftshistoriker und Ökonom an der walisischen Universität in Aberystwyth -- doch "beängstigend" gewesen.
Das Abrutschen in der Einkommensrangliste begann zunächst unmerklich und endete während der vergangenen Jahrzehnte in einer schwindelerregenden Sturzfahrt, einem "ebenso raschen wie unvermeidlichen Verfall", so der Politologe Tony Burkett.
Zwar wuchs das Realeinkommen (reales Bruttosozialprodukt pro Kopf) der Briten auch in der jüngeren Vergangenheit immer noch -- von 1950 bis 1975 jährlich um immerhin 2,7 Prozent, doch seither stagniert es.
Und der Wohlstand aller anderen Industrienationen nahm ungleich schneller zu. Und Jahr für Jahr überholten Kontinentaleuropäer und auch Japaner, auf die englische und schottische Geschäftsleute früher mit milder Verachtung herabgeblickt hatten, die einstigen Spitzenverdiener der Erde. Heute etwa sind die österreichischen Kleinstaatler schon weit besser dran als die einstigen Herren der Welt.
Der Londoner Wirtschaftswissenschaftler Allen beschrieb, wie sich dabei die Gefühle seiner Landsleute entwickelten:
"Die Briten hatten sich zwar schon längst damit abgefunden. ärmer zu sein als die Leute in den USA, in Kanada oder Schweden. Aber nun fanden sie sich auch noch ausgestochen durch die Westdeutschen, die Franzosen, die Belgier, die Holländer, die Norweger, die Dänen, die Schweizer, die Australier, die Japaner."
Die Kluft zwischen den neuen Armen Europas und ihren neureichen Nachbarn wurde zudem noch von Jahr zu Jahr größer. Ein britischer Industriearbeiter etwa, der noch Ende der 50er Jahre mit zu den höchstbezahlten Kräften Europas zählte, verdient nur noch vier Fünftel des Stundenlohns (in Kaufkraft gemessen), den etwa sein deutscher Kollege kassiert.
Und die britischen Manager bekommen häufig sogar nur noch zwei Fünftel des Salärs' das deutsche Topangestellte ausgeschüttet bekommen.
Noch Anfang der 50er Jahre, so errechnete der Internationale Währungsfonds (IWF), lag das Bruttosozialprodukt pro Kopf der Bevölkerung in Großbritannien um 40 Prozent über dem europäischen Durchschnitt, Mitte der 70er Jahre aber schon um zehn Prozent darunter.
"Für Großbritannien", so urteilt der Politikwissenschaftler Tony Burkett, "das sich frühzeitig an die von der Geschichte gedeckte Tafel gesetzt hatte und länger daran sitzen blieb, als ihm guttat, ist die Mahlzeit jetzt beendet."
Nach "einer der größten Leistungen der Weltgeschichte" (so der englische Historiker John Bowle) ist Großbritannien ein Großmachttorso' ein Land, dessen Ausbildungs- und Elitesystem immer noch darauf eingerichtet ist, Welten zu verwalten, das aber mit den Problemen im eigenen Land nicht mehr fertig wird -- dem Bürgerkrieg in Ulster etwa.
Trotz des Einsatzes von bis zu 25 000 Soldaten und 10 000 Polizisten in einer Provinz mit anderthalb Millionen Menschen konnte das Blutvergießen in Nordirland auch nach zehn Jahren nicht beendet werden.
20 000 Bürger wandern jährlich von der klein gewordenen Insel ab. Die meisten, die bleiben, üben sich "im Lieblingssport der Nation -- dem Selbstbetrug", so J. B. Priestley. Sie sonnen sich in dem, was von vergangener Glorie übrigblieb -- dem stolzen Bewußtsein, eine halbe Welt mitgeprägt zu haben -- zuweilen sogat mit Recht:
Einer Vielzahl von heute selbständigen Nationen auf fünf Kontinenten vermittelten die Briten ihre Zivilisation, ihr Ausbildungssystem, ihre Lebensart -- und ihre Sprache. Heute noch ist Englisch in fast allen aus der britischen Souveränität entlassenen Staaten (bisher 37 mit derzeit einer Milliarde Einwohnern) erste Landessprache.
"Unter Englands Herrschaft wurden Völker zur Freiheit erzogen", pries der italienische Politphilosoph Benedetto Croce die Briten. Und ob Stolz oder Trauer die Gefühle der einstigen Untertanen bewegen, ob Haß oder Hohngefühle gegen die einstigen Herren sie leiten, unbeeinflußt oder gleichgültig bat kein Volk das Empire verlassen, und das Erbe der Kolonialzeit ist überall noch sichtbar und lebendig.
Zuweilen ist die Hinterlassenschaft der Engländer sogar das einzige, was die jungen Nationen zusammenhält und ihnen über Machtkämpfe ihrer neuen einheimischen Eliten hinweg Kontinuität verleiht.
In Indien und Pakistan sorgt eins,. von den Engländern aufgebaute Staatsbürokratie, ein "Civil Service", der in seinen oberen Rängen immer noch das von den Briten eingedrillte Amtsethos und Pflichtgefühl tradiert, dafür, daß die Länder in Zeiten stürmischer Machtkämpfe und Regierungskrisen nicht ganz in Anarchie und Korruption ersticken, hält eine englisch geprägte Justiz, deren Richter noch immer unter gepuderter Perücke Recht sprechen, das Recht oft auch gegen Generäle und Diktatoren hoch -- oder versucht es zumindest.
Afrikaner und Asiaten übernahmen die Rituale des britischen Militärs, ihre neue Oberschicht die Manieren der einstigen Herren -- auch wenn sie ihnen manchmal zur Karikatur gerieten.
Mag ein Idi Amin von Uganda seine einstigen britischen Herren schmähen und ihnen Tort antun, wann immer er kann -- seine Soldaten drillen britisch, seine Chargen spielen stolz mit dem Offiziersstäbchen der Engländer, er selbst hat sich eine Kopie des Victoria-Kreuzes an die Brust geheftet, und Schöneres als einen Dudelsackpfeifer im Schottenkilt gibt es für Ugander nicht. Amin schockte die Briten damit, daß er sich nach alter Kolonialherrenart in einer Sänfte tragen ließ -- von Weißen.
Immer noch ist überall ein bißchen England.
In Cricket oder Hockey schlagen die langjährigen Schüler heute zuweilen ihre englischen Meister. In der pakistanischen Armee haben Offiziere noch Anrecht auf zwei Polopferde -- Abglanz alter kolonialer Herrlichkeit.
Den von Masters und Sahibs aus England eingeführten Tee zur Morgendämmerung vergessen die einstigen Empire-Untertanen selbst in ihren düstersten Stunden nicht: Als vor zwölf Jahren im ehemals britischen Nigeria eines der blutigsten Gemetzel seit dem II. Weltkrieg ausbrach, gab es in der belagerten Sezessions-Republik Biafra bald nichts mehr zu essen.
Doch in den einstigen State Houses der Briten, in denen Biafra nun Besucher unterbrachte, pochte mitten im schlimmsten Elend morgens um sechs der schwarze Diener an die Tür und brachte den "Early morning ten, Sir" -- auch wenn es nur eine trübe Brühe ohne Milch und Zucker war.
Und zur abendlichen Dämmerstunde hat sieh überall, wo einst Briten Flagge und Lebensart zeigten, der "Sundowner" erhalten: der Gin Tonic oder Scotch, mit dem einst Kolonialbriten und Beamte aus Old England Malaria, Cholera und Heimweh bekämpften.
Immer noch also ist in allen Hemisphären ein bißchen England; immer noch gilt die Kapitale London bei vielen ehemaligen Kolonialvölkern als Hauptstadt der Welt, als Zentrum der Zivilisation und als bester Aufbewahrungsort für eigene Millionen.
Immer noch blieb unter den Briten selber jener in Eliteschulen mit Sorgfalt gezogene Typus erhalten, der schon vor hundert Jahren die Neureichen und Neumächtigen des Westens zugleich erbitterte und faszinierte: jener Typus, der abgeschabte Anzüge durch die teuersten Partys trägt mit der Attitüde eines Mannes, dessen Einfluß und Reichtum so selbstverständlich sind, daß es überflüssig wäre, sie mit Insignien zu belegen.
Es ist jener in allen Teilen der Welt immer noch gegenwärtige Oberklassen-Brite mit dem dezenten Charme der alten Bourgeoisie -- mit angenehmen Umgangsformen und der Selbstironie, die sich nur Leute leisten, die ganz sicher sind, daß niemand anderes als sie selber es wagen könnte, auf ihre Kosten zu scherzen.
In vielen Finanzkonsortien, in fast allen internationalen Organisationen wie etwa der Uno, dem Internationalen Währungsfonds (IWF) und der Weltbank hat diese Weltelite von einst immer noch erheblich mehr politischen Einfluß als jene Staaten, die England wirtschaftlich längst überholt haben.
Bei der Unesco, einer Unterorganisation der Uno für Erziehung, Wissenschaft und Kultur beispielsweise, sitzen 50 Direktoren Ihrer Britischen Majestät, obwohl es laut Uno-Proporz nur 30 sein dürften. 20 von 61 internationalen Sportverbänden haben britische Generalsekretäre, obgleich die Insel auch auf sportlichem Feld längst nicht mehr viel zu melden hat, beispielsweise seit 1966 an keiner Fußballweltmeisterschaft mehr teilnehmen konnte.
Aus den alten Zeiten, in denen "Made in Britain" als das gefragteste Gütezeichen der Welt galt, als britische Unternehmer
noch die Pioniere des Kapitalismus waren, rettete das Inselvolk auch ein materielles Polster für Regentage: jene Art des fundierten Reichtums, der nur aus dem Einkommen vieler gutverdienender, aber sparsamer Generationen aufgetürmt werden kann.
Es ist die ererbte Wohlhabenheit, auf die jüngere Industrienationen oder die Ölstaaten von heute trotz ihres im Vergleich zu Britannien klotzig steigenden Einkommens noch lange Zeit werden warten müssen -- wie auf den britischen Rasen, den man, soll er vollkommen sein, nach gängiger Legende auch jahrhundertlang pflegen muß.
Reicher als viele unter jenen Staaten, die, wie etwa die Ölscheichtümer, erst in den vergangenen Jahren in die Klasse der Spitzenverdiener aufstiegen, ist die britische Gesellschaft ohnedies. Mit ihren in vielen Jahrhunderten aufgebauten Städten, Universitäten, Parks und Verkehrsnetzen, mit einer Infrastruktur also im Wert von vielen Tausenden von Milliarden.
Immer noch gibt es auf der Insel, deren jährliches, aus Produktion und Dienstleistungen erzieltes Pro-Kopf-Einkommen in der EG nur noch von Italien und Irland unterboten wird, weit mehr fundierte Privatvermögen als in anderen europäischen Ländern. Englische Aristokraten (es gibt mehr als sonstwo auf der Welt, insgesamt etwa 5600), Firmenerben, aber auch die bürgerliche Mittelschicht besitzen oft mehr soliden Reichtum als vergleichbare Gruppen auf dem besser verdienenden Kontinent.
Die britische Vermögensstatistik etwa weist aus, daß es im Vereinigten Königreich 1969 immerhin 61 000 Steuerpflichtige mit einem Vermögen von über einer Million Mark gab -- in der volkreicheren Bundesrepublik dagegen lag die Zahl der Vermögensmillionäre damals bei nur 19 107.
Firmen und Privatleute verfügen zudem immer noch über einen gewaltigen Auslandsbesitz. Insgesamt haben die Briten in Übersee und auf dem europäischen Kontinent Anlagen, Aktien und Konten im Wert von 27 Milliarden Pfund (100 Milliarden Mark) -- ein Betrag, neben dem die deutschen Auslandsvermögensbesitzer mit insgesamt etwa 55 Milliarden Mark fast arm wirken.
Selbst die breite Masse hat in Britannien ein bißchen Polster aus der guten alten Zeit: Immerhin besitzen 53 Prozent aller Haushalte ein eigenes Haus oder eine Eigentumswohnung. Inder Bundesrepublik, die wegen ihrer höheren Löhne als viel wohlhabender gilt, dagegen haben das nur 38 Prozent.
Diese Substanz freilich beginnen die Briten nun zu verzehren. Englische und schottische Familien verhökern, um die Kasse aufzubessern, einen Teil ihres ererbten Hausrats an ausländische Antiquitäten-Aufkäufer. Aristokraten und Mittelständler verkaufen ihre Land- und ihre Stadthäuser:
Farmer und Großgrundbesitzer versilbern ihre Höfe und Anwesen. "Britanniens Erbe gerät unter den Hammer", beklagte die "Daily Mail" den großen Ausverkauf.
In den exklusiven Wohnvierteln im Londoner Westen ist der Ausverkauf längst offenkundig. Dort hängen an vielen der feinen Villen, die früher den Wohlhabenden der Insel als Zweitwohnsitz dienten, Schilder "For sale" -- zum Verkauf -, und darunter steht oft dasselbe noch einmal in arabisch.
Denn vor allem Orientalen, teilweise noch bis 1971 unter der Herrschaft der britischen Krone, raffen so eifrig englische Immobilien, als gäbe es sie im Saison-Schlußverkauf, und trieben die Preise in schwindelerregende Höhen.
"Das feinste Souvenir einer Englandreise scheint für sie ein Stück des Landes zu sein", giftete die "Daily Mail". Allein in Südengland und London sollen nach Schätzung britischer Makler 1975 etwa 75 000 Häuser an Kunden aus dem Nahen und Fernen Osten veräußert worden sein.
Die pittoresken Reichen aus dem Morgenland und ihre oft noch verschleierten Haremsdamen prägen bereits das Stadtbild in den teuren Londoner Einkaufsvierteln, lagern nach heimischer Sitte in den Fluren der großen Hotels. Fast eine halbe Million von ihnen bevölkern jeden Sommer die Hauptstadt.
Und da "ein arabischer Besucher als Geldausgeber mehr wert ist als zwei Amerikaner oder vier Deutsche"
das errechnete die "Financial Times" -, werden die Scheichs in den exklusiven Kaufhäusern ihrer ehemaligen Kolonialherren so umworben und bevorzugt wie vorher britische Colonels in ihren heimischen Basars.
Und wie früher Rikschakulis und Kofferträger in den einst britischen Kolonien eilfertig nach Trinkgeld gebenden Weißen ausschauten, so gucken manche Londoner Taxifahrer zum Arger ihrer eigenen Landsleute an winkenden helihäutigen Kunden vorbei und suchen nach spendabel aussehenden braunen.
Den Briten, die "bloody foreigners", -- verdammte Ausländer -- schon bei der Paßkontrolle merken lassen, was sie von ihnen halten ("Was wollen Sie hier, wie tange gedenken Sie zu bleihen?") graut vor der Invasion des fremden Packs.
Ein Stadtrat verlangt
Rationierung von England-Reisen.
Zwar begrüßen Hotels und Warenhäuser die Kundenmassen als unverhofften Segen -- immerhin ließen im Jahr 1977 elfeinhalb Millionen Touristen fast zehn Milliarden Mark in England -, doch den meisten Insulanern, die davon "keinen verdammten Penny" profitieren, so Londoner Zeitungen, fällt die Fremdeninvasion nur auf die Nerven.
Stadtrat Sir Malby Crofton aus Londons nur noch halbfeinem Kensington verlangte bereits eine "Rationierung" von England-Reisen: Ausländer sollten höchstens alle paar Jahre wieder mal einreisen dürfen. Zudem sollten sie mit einer Touristensteuer belegt werden.
Dem Ulk-Blatt "Punch" fiel dazu gleich noch Besseres ein: Die Ausländer sollten künftig ganz zu Hause bleiben und nur noch ihr Geld nach Britannien schicken.
Doch die Scherze helfen nicht weiter, sie illustrieren nur, daß die Briten, sich von allen unverstanden fühlend, dazu neigen, sich abzukapseln, "to go it alone", wie eines ihrer Lieblingsschlagwörter heißt.
Wie die Zeichen zu deuten sind, skizzieren britische Ökonomen. Um den derzeitigen Zustand ihres Landes zu definieren, erfanden sie eine neue Kategorie, ein neues Entwicklungsstadium: "the underdeveloping countries" -- Nationen, die sich allmählich zu unterentwickelten Ländern zurückbilden.
Tatsächlich sind deutliche Spuren von all dem, was als Merkmal der Entwicklungsländer gilt, in Großbritannien schon sichtbar. Da gibt es Anzeichen jenes Beschäftigungsmangels, der sonst vor allem in den armen Ländern Asiens, Lateinamerikas und Afrikas als typisch gilt: die sogenannte verdeckte Arbeitslosigkeit, die dadurch zustande kommt, daß zwei oder drei Leute Tätigkeiten verrichten, die bequem ein einziger leisten könnte.
Die Folge: Im britischen Automobilbau beispielsweise lag, nach den Recherchen einer Studiengruppe. schon 1974 der Ausstoß je Arbeitnehmer um fast 63 Prozent unter der Produktivität der japanischen Kraftfahrzeugbauer und ist seither noch weiter abgesunken.
Da scheint Lethargie durch die Gesellschaft zu schleichen, die sonst nur für nicht- oder vorindustrielle Gemeinschaften bezeichnend ist. Überall bemerken Sozialforscher Müdigkeit und ein Vorherrschen des Bestrebens, das Erreichte zu sichern.
Rund 25 Prozent aller mittleren und leitenden Angestellten, so fand das Londoner Opinion Research Center heraus, streben nicht nach Beförderung und nach höherem Einkommen. Unter der führenden Schicht, unter den Erben der erfolgreichen Pioniere, so beobachtete Wirtschaftsforscher Allen, grassiere schon seit einiger Zeit "Ekel vor dem Geschäft".
Und ähnlich reagieren auch die Arbeitnehmer. In keinem anderen industrialisierten Land nahm bei der organisierten Arbeitnehmerschaft die Sicherheit des angestammten Jobs eine solche Priorität ein, hat der gewohnte Arbeitsablauf einen solchen Vorrang auch vor der Möglichkeit, den Lebensstandard zu verbessern. Während etwa Westdeutschlands Arbeitnehmer bis in die frühen 70er Jahre hinein nahezu ausschließlich für höhere Löhne und verbesserte Arbeitsbedingungen streikten, richten sich in Großbritannien seit langem viele Ausstände gegen jede Änderung der überkommenen Produktionsmethoden.
Über die Zukunft sprechen viele der Insulaner, die einst wegen ihres nüchternen Wirklichkeitssinnes gerühmt wurden, ohnedies nach Art von Tagträumern "The British Genius", britische Genialität, so lullt etwa das Londoner Massenblatt "Daily Express" seine Leser regelmäßig ein, werde dem Vereinigten Königreich irgendwie und irgendwann eine neue große Ära eröffnen.
Überall im Lande unter den Bürgern und unter den Regierenden gibt es Symptome dieser Verhaltensweise, die sonst nur für Entwicklungsländer typisch sind: Es ist jene psychische Verfassung, die Oblomowerei heißt -- benannt nach dem berühmten, 1859 erschienenen Roman des russischen Schriftstellers Iwan Gontscharow über den Gutsbesitzer Ilja Iljitsch Oblomow, der sich stets für morgen oder übermorgen Großes vornimmt, dann aber doch weiterhin sein Leben "mit einer gewissen graziösen Trägheit" (Gontscharow) vorzugsweise im Bett zubringt, jedesmal erschöpft und berauscht allein schon von seinen schönen Plänen, von seinen Absichten und Aussichten.
Nach Oblomow-Art spannen Politiker und Geschäftsleute etwa um die Tatsache, daß vor schottischen Küsten Öl gefunden wurde, Romane über eine plötzliche neue Traum-Karriere ihres Landes -- obwohl Öl eine Handelsware wie jede andere ist, und der Erlös aus dem Verkauf des teuer geförderten braunen Saftes auch nur einmal konsumiert werden kann.
So schwärmte beispielsweise Ex-Labour-Premier Harold Wilson, sein Land werde bald "in der Oberliga" der Wirtschaftsnationen sein. Und Lord Kearton, Chef der staatseigenen Ölgesellschaft "British National Oil Corporation", malte die heroische Vision noch detaillierter aus.
In einem phantastischen Gegenbild zur grauen Wirklichkeit, in der die Briten bislang ständig auf Unterstützungskredite durch Japaner, Deutsche und Amerikaner angewiesen waren, beschrieb er ein England, das -- überlegen wie einst -- sich fragen müsse, "was wir tun können, um den armen Deutschen zu helfen".
Die heutigen Briten, so urteilte der seit Jahrzehnten in England wohnende ungarische Schriftsteller Arthur Koestler, lebten "in der stillen Überzeugung, daß Realität ein ärgerliches, vermutlich von Ausländern erfundenes Wort" sei.
So verkündete Schatzkanzler Denis Healey 1977 auf dem Jahreskongreß seiner Partei: "Die Schlacht" um Britanniens Ökonomie sei "gewonnen Und der Premierminister Ihrer Majetät, James Callaghan (Labour), sah bereits in seinem Land für die "nächsten zwanzig Jahre" ein neues goldenes Zeitalter heraufziehen -- derselbe Callaghan, der jetzt wegen lähmender Streiks den Notstand für einen Teil des Landes ausrufen mußte.
Die ständige Flucht in euphorische Träume, die steten Beteuerungen, das Land habe "das klügste Volk der Welt" (der Energieminister und linke Labour-Propbet Anthony Wedgwood Benn), dauernde Erinnerungen an ganz ferne historische Großtaten lassen kaum mehr vermuten, daß die Briten einst wegen ihrer "praktischen Anpassung an die Zusammenhänge" (Croce) gerühmt wurden und ihre Politiker als dem Ausland "überlegene Staatsmänner hohen Ranges
Als Staatsmänner, die gekennzeichnet waren durch Erkenntnisse wie diese: "Ich glaube", so definierte etwa Lord Arthur Balfour, Premier von 1902 bis 1905, eine politische Philosophie, "daß es viel besser ist, eine erprobte Dummheit zu begehen als etwas Kluges zu versuchen, das noch nie gemacht worden ist."
Die "menschliche Weisheit", so beschrieb der liberale Premier Lord Charles Grey
(1830 bis 1834), der zu seiner Zeit als radikaler Reformer galt, sein politisches Credo "erreiche nicht mit einem Schlag" Hervorragendes. Und der konservative Lord Robert Salisbury (Premier 1885 bis 1892 und 1895 bis 1902) sah die Hauptaufgabe der Politik in dei "Aufrechterhaltung des Vertrauens".
Heute scheint auf den Parlamentsbänken und in Parteien dieser praktische Sinn und der Typus, "der es vorzieht, solide einen Schritt vorwärts zu machen, statt mit Siebenmeilenstiefeln zu experimentieren" (der englische Historiker Esmé Wingfield-Stratfort über britische Politik im 19. Jahrhundert), verschwunden zu sein.
Heutige Konservative wie der Abgeordnete Enoch Powell glauben, die Hauptaufgabe des Parlaments und seiner Politiker sei es, "das Leben zu mythologisieren" nach Art eines spannenden Theaterstückes. Heutige Reformer wie der linke Labourprophet, Energieminister Benn, meinen, daß nun "wenige Jahre" ausreichen werden, um "den Sozialismus" aufzubauen und schlagartig alle Übel dieser Welt zu heilen.
Heute gelten in dem Land, in dem der Staatsphilosoph und Schriftsteller Daniel Defoe (Robinsen Crusoe) es 1701 als große Errungenschaft gefeiert hatte, daß die "Engländer weder Sklaven des Königs noch des Parlaments" sind, die alten Grundsätze nicht mehr. Benn wie Powell, die heutigen Linken wie die heutigen Rechten behaupten stolz, daß die Parlamentarier in London, wie sie sagen, "omnipotent" (PoweIl) seien, mithin jeden noch so heiligen Rechtsgrundsatz zum Schaden aller oder zur Diskriminierung weniger -- ändern könnten. Diagnostiziert Politwissenschaftler Burkett: "Innerer Verfall des politischen Systems."
Der Niedergang trifft eine Nation, deren Institutionen, deren Staats- und Wirtschaftsphilosophie "für mehr als zweihundert Jahre das Vorbild für die zivilisierte Welt" (der österreichische Wirtschaftswissenschaftler und Nobelpreisträger Friedrich August von Hayek) waren. Fast alles, was die modernen Staaten des Westens reich und mächtig und ihre Bürger frei und wohlhabend machte, wurde auf den britischen Inseln (jedenfalls in der Neuzeit) zuerst ersonnen und praktiziert.
Dort entstand der Parlamentarismus; dort wurde bereits 1645 die Eigenständigkeit der gesetzgeberischen, der regierenden und der rechtsprechenden Gewalt gefordert; dort wurde die Idee geboren, daß nur die Herrschaft des Gesetzes, vor dem alle gleich zu sein hätten, legitim ist; dort entstanden Konzeption und Praxis des bisher effizientesten Wirtschaftssystems der Weltgeschichte, der kapitalistischen Marktwirtschaft.
Warum dort nun auch zuallererst der Niedergang begann, darüber rätseln Wissenschaftler und Politiker, Ausländer und die Briten selber.
Ist der "wirtschaftliche und politische Verfall" (Burkett) des Vereinigten Königreiches das unausweichliche Schicksal, das allen droht -- eine selbstzerstörerische Mechanik, die dem Kapitalismus innewohnt? Immerhin warnt der Londoner Ökonom Ralph Harns, Chef des Institute of Economic Affairs: "Wir haben die Zukunft der industriellen Welt bereits vor unseren Augen."
Oder ist, was in Britannien geschieht und geschah, nur eine vermeidbare Gefahr, ein warnendes Beispiel also, daß die Regeln und Institutionen, die dem Westen bisher zu Erfolg verhalfen, nicht ungestraft durchlöchert werden dürfen? Immerhin glauben angesehene Wissenschaftler wie der Österreicher Hayek, der Engländer Lord Lionel Robbins und der US-Volkswirt Milton Friedman, daß Britanniens Niedergang gebremst werden könnte, wenn es zu den bewährten Prinzipien zurückfinden könnte.
Oder aber ist das Schicksal der Briten ohnedies nur ein historischer Sonderfall, eine Art Lähmung, hervorgerufen durch den Verlust des Weltreiches, an dessen Besitz und dessen Früchte sich das Inselvolk zu lange und zu gründlich gewöhnt hatte?
Im nächsten Heft Die Welt der Sahibe

DER SPIEGEL 4/1979
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