19.02.1979

SüDTIROLAlarmstufe drei

Das Urlaubsziel vieler Deutscher wird durch Skilifts, Straßen, Hotels verschandelt. Viele einheimische Südtiroler fordern jetzt, die Erschließung zu stoppen.
Um den Fremdenverkehr anzukurbein, beschloß der Gemeinderat von Ratschings, in der Riednaugasse, "einem der schönsten Flecken unseres Gebietes", einen Skilift zu hauen. Doch just der Verkehrsverein protestierte.
Durch die Liftanlage, wetterte Vereinschef Rudolf Siller, werde auch dieser schöne Flecken zuzementiert. "Die Zukunft unseres Landes, auch die des Tourismus, liegt heute in der Erhaltung der Landschaft, nicht in der Zerstörung."
Wie in Ratschings kommt es vielerorts in Südtirol zu Konflikten zwischen wachstumsbesessenen Bürgermeistern und hartnäckigen Naturschützern. Überdies klagen Einheimische erstmals offen darüber, daß es ihnen wegen des Massenansturms von Urlaubern, besonders aus der Bundesrepublik, im eigenen "Landl" unbehaglich wird.
So ärgerte sich ein Meraner Bürger unlängst, daß "einem statt des fröhlichen "grüß Gott" überall nur "guten Tach' entgegenschallt", und daß die alten Heimarbräuche zur Touristen-Gaudi verflachen. Die Tageszeitung "Dolomiten" sorgte sich: "Südtirol, quo vadis?"
Das Land zwischen Brenner und Salurner Klause wird Winters wie sommers von Touristen überschwemmt. 1978 registrierten die Hoteliers und Pensionswirte der Provinz über zwei Millionen Gäste, der Fremdenverkehrsumsatz kletterte auf eine halbe Billion Lire (1,2 Milliarden Mark).
"Unversehrte Natur" oder "unberührte Landschaftsidylle", so preisen Prospekte und Bildbände die Vorzüge der Alpenprovinz. In Wahrheit freilich opferten die Südtiroler ein Stück Natur nach dem anderen.
Schon 1967 schrieb der deutsche Bergschriftsteller Walter Pause über das Grödnertal: "Hier, in einem der schönsten Winkel der Alpen, herrschen heute gefräßige Planierraupen. Gegen alle italienischen Schutzgesetze, aber mit allen Mitteln schlauer Ellbogentaktik wurden binnen neun Jahren 77 Lifte und Bahnen errichtet."
Das war nur der Anfang. Seither holzten die Südtiroler weitere Wälder ab, betonierten sie die Bergwelt weiter mit Liftstationen, Imbiß-Stuben, Pensionen. Etliche Dörfer der Nachbarprovinzen Trient und Belluno, die gleichfalls im Dolomiten-Revier liegen, hielten mit. Heute gibt es zwischen Cortina d"Ampezzo und Karerpaß, zwischen Seiser Alm und San Martino di Castrozza 359 Aufstiegsanlagen sowie 850 Kilometer Piste: ein gigantischer Ski-Zirkus.
Gewiß, die Tourismus-Manager und Baulöwen gelangten nicht überall ans Ziel -- gelegentlich setzten sich schon mal die Naturschützer durch. Beispielsweise im Villnöser Tal, unterhalb der bizarren Geisler-Spitzen:
Der Villnöser Bürgermeister Johann Ranggatscher plante mit seinem Gemeinderat bereits 1968 die Anlage von sechs Skiliften und einer vier Hektar großen Hotelzone. Und der Bozener Heimatpflegeverband sammelte 1974 fast 10 000 Unterschriften für die "Aktion zur Erhaltung der Geisler-Gruppe". Unter dem Druck der Öffentlichkeit griff die Südtiroler Landesregierung ein. Im April 1978 erklärte sie einen Großteil des Geisler-Gebiets zum Naturpark.
Ob derlei Maßnahmen wirklich Schutz vor Verbauung und Zersiedlung bieten, bleibt gleichwohl fraglich. Bei den Naturparks, so ein Bozener Heimatpfleger, "handelt es sich um ziemlich willkürlich abgegrenzte Gebiete, die der Wirtschaftsentwicklung doch auf die Dauer nicht standhalten können". Viele Bergbauern sträuben sich gegen die Naturparks, weil sie fürchten, daß sie ihre Wiese nicht mal gewinnbringend an Liftgesellschaften oder Gastwirte verkaufen können.
Bis 1973 hatten der Südtiroler Alpenverein und der Heimatpflegerverband immerhin noch ein bestimmtes Mitspracherecht, wenn über neue Bauprojekte abgestimmt wurde. 1973 aber legte ein Gesetz fest, daß die Vertreter beider Organisationen in der sogenannten Landschaftsschutz-Kommission nur noch Berater-Status haben. In der Kommission dominieren Wirtschaftsinteressen.
Gefahr droht der Südtiroler Landschaft auch durch den Boom der Ferienwohnungen. Am Karerpaß zum Beispiel baute der Bozener Spekulant und Architekt Peter Paul von Putzer trotz des Widerstands der Naturschützer Hunderte von Urlauber-Häuschen, im Volksmund "Schwammerl-Bungalows" genannt.
Vor allem Bundesdeutsche kaufen sich gern ein Feriendomizil in der Provinz Bozen. Im Rotwein-Dorf Kaltem, stellte die "Südtiroler Volkszeitung" fest, wurden in den vergangenen zehn Jahren über 50 Hektar Grund (Wert: 40 Millionen Mark) an Ausländer verkauft. Die Fremden besitzen dort bislang 75 Wohnungen sowie 51 Einfamilienhäuser.
Bei der Betonierung Südtirols wollen auch die Straßenbauer nicht zurückbleiben. Geplant ist etwa eine Autobahn Bozen-Meran -- zum Ärger der Etschtaler Bauern, die ihre "wertvollen Kulturgründe" erhalten möchten.
Wirtschaftsgruppen in der Lombardei wie in Bayern fördern unterdes das Projekt einer Autobahn Mailand-Ulm. hauptsächlich für den Schwerlastverkehr. Auf diese Weise, prophezeite der Chefredakteur des Tageblatts "Dolomiten", Josef Rampold, "verwüstet man den Obervintschgau".
"Es herrscht Alarmstufe drei", schrieb Rampold Anfang Oktober 1978. "Der Kampf gilt heute all jenen, die dieses herrliche Land für ein paar Silberlinge verschachern möchten."
Schützenhilfe erhalten die Naturfreunde um Bozen und Meran neuerdings sogar von manchen Urlaubern. So mahnte der Norddeutsche Egon Kopiske in einem Leserbrief an die "Dolomiten", die Fremdenverkehrs-Manager sollten den Bogen nicht überspannen. Bei jedem Südtirol-Besuch stellte er "wieder neue Zerstörungen von einst idyllischen Plätzen" fest.
Tourist Kopiske: "Für wirkliche Naturfreunde ist Südtirol bald kaum noch eine Reise wert."

DER SPIEGEL 8/1979
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