12.02.1979

„Das ist wie ausgestorben“

Das farbige Hofbild von Schah Mohammed Resa Pahlewi hängt so hoch wie möglich, fast stößt der goldbronzierte Rahmen an die Decke des Büros. Dem im Ausland weilenden Staatsoberhaupt des Iran ist damit die gebührende Ehre erwiesen, und von außen ist das Bild kaum zu sehen. Dafür klebt am Fenster deutlich erkennbar ein eilig photokopiertes Bild des Ajatollah Ruhollah Chomeini.
Den Schah im Rücken, den Schiiten im Blick, arbeitet der deutsche Diplomingenieur Wilhelm Breitwieser, Hauptbauleiter für das Atomkraftwerk Buschihr am Persischen Golf, an der heiklen Aufgabe, das Renommierprojekt der Kaiserlichen Majestät einzumotten. Schon bald, fürchtet er, werde er hier nur noch "wie ein Museumswärter herumsitzen".
Vor drei Jahren hatte ein deutsches Firmenkonsortium unter Führung der Siemens-Tochtergesellschaft Kraftwerk Union (KWU) auf der sandigen Halbinsel eines der größten deutschen Auslandsprojekte begonnen -- den Bau von zwei Kernkraftwerken vom Typ "Biblis" mit zusammen 2600 Megawatt Leistung, Auftragswert rund elf Milliarden Mark. Das Kraftwerk sollte die Energie für ein gigantisches Industriekombinat auf der öden Ebene von Buschihr liefern.
Mitte letzten Jahres hat Baustellenchef Breitwieser seinen Auftraggeber das letzte Mal zu Gesicht bekommen. Der Schah war per Hubschrauber eingeflogen, um sein Lieblingsprojekt zu besichtigen. Seine Majestät zeigte huldvolle Genugtuung über den Baufortschritt.
Ein halbes Jahr später, Anfang Januar, kam dem Ingenieur aus Erlangen "die Einsicht, daß man so nicht mehr weitermachen kann". Wegen des Generalstreiks im Iran blieb der Nachschub aus. Schiffe wurden nicht mehr entladen, der Zoll fertigte nicht mehr ab. Rund 500 iranische Bauarbeiter marschierten vor der Bürobaracke auf, warfen Steine in die Fenster der deutschen Bauleiter und besetzten die Photokopiermaschine, um 10 000 Chomeini-Bilder zu produzieren.
Die Deutschen bedienten sich aus den Restbeständen der Druck-Aktion und schmückten die heilgebliebenen Scheiben mit dem strengblickenden Ajatollah. Dann machten sie sich daran, das zu zwei Dritteln fertige Atomkraftwerk tropensicher zu verpacken und abzureisen.
Vor Weihnachten lebten in Breitwiesers Kolonie am Golf noch 10 500 Menschen -- 6500 Iraner und Pakistani, 3000 deutsche Arbeitskräfte und 1000 Familienangehörige. Jetzt stehen noch 1500 Deutsche und 3500 Einheimische in den Computerlisten der Camp-Verwaltung.
Auf der Baustelle sieht man nicht viel von ihnen. "Das ist hier wie ausgestorben", meint der Ingenieur Christian Halangk, der seit über einem Jahr in Buschihr arbeitet. In der Turbinenhalle vom Block 1 fegt ein Iraner gedankenverloren Staub im Kreis herum, unter dem Dach zwitschern die Vögel.
In einem der unterirdischen Rohrleitungsgänge sitzen zwei deutsche Arbeiter und trinken Cola. Keiner hat noch Lust zur Arbeit. Zwanzig Minuten vor dem Beginn der Mittagspause setzt sich alles in Richtung Kantine in Bewegung. "Die sind nicht mehr zu halten", resigniert der Bauleiter.
Wenn Ingenieur Halangk seinen Rundgang über die Baustelle macht, dann kommt nur eine Frage: "Wie lange bleiben wir noch?" Die offizielle Antwort lautet: bis zum 15. April. Dann wird eine Restmannschaft von 300 Deutschen die Museumswache übernehmen.
Bis dahin läuft ein "Konservierungsprogramm. Die Baustelle soll so geschützt werden, daß die Arbeit jederzeit wieder aufgenommen werden kann. Aber die einfachsten Materialien fehlen -- 100 Tonnen Spezialsand und rund 20 Tonnen Farbe etwa, um die kilometerlangen Rohre der Kühlanlage von außen gegen Rost zu schützen. Um im Innern der Rohre die Korrosion zu stoppen, sollen sie mit Trockenluft vollgepumpt werden. Die Aggregate dafür stehen in Deutschland bereit -- keiner weiß, wie man sie herschaffen soll.
Wenn das Konservierungsmaterial ausbleibt, beginnt das Kühlsystem des Reaktors spätestens in einem halben Jahr zu verrotten. Die Sommerhitze ist am Golf so feucht, daß "sofort die Brille beschlägt, wenn man aus den klimatisierten Gebäuden hinausgeht", berichtet Breitwieser. Da frißt der Rost.
Die Ingenieure behelfen sich mit Notlösungen. In den Schaltschränken der halbfertigen Computeranlagen haben sie Glühlampen aufgehängt, um die Feuchtigkeit zu verdampfen. Doch wenn der Strom ausbleibt, hilft auch dieser Trick nicht mehr.
Das zur Anlage gehörende Dieselkraftwerk hat noch für drei Monate Öl. "Daß unser Kraftwerk am Laufen bleibt", sagt Breitwieser, "ist das A und O."
Am gefährlichsten wäre der Stromausfall für den noch nicht geschlossenen Block 2 des Atomkraftwerkes. Der Reaktor steht wie ein geköpftes Ei in der Sandebene. Betonmantel und Stahlhülle sind zu zwei Dritteln der vorgesehenen Höhe fertig. Aus dem Zement ragen, schon rostend, die Eisenarmierungen, durch die Ritzen zwischen den letzten Stahlplatten dringt Licht -- das Butan-Gas zum Schweißen ist ausgegangen.
Wenn in den Hohlraum zwischen der inneren Stahlverkleidung und der Außenhaut aus Beton Regen fällt und das Wasser wegen Stromausfall nicht mehr abgepumpt werden kann, werden die in den Beton eingelassenen Dehnungsmeßstreifen für die vorgeschriebene Druckprobe beschädigt. Und dann? Chefingenieur Breitwieser zuckt mit den Schultern: "Der Block ist hin."
Selbst diese Aussicht läßt manche KWU-Ingenieure merklich kalt. "Nach meiner Meinung war die geplante Kapazität viel zu groß für den Iran", gibt einer offen zu. Dann verstummt er erschrocken: "Jetzt spreche ich ja gegen meinen eigenen Arbeitgeber."
Doch gegen den fallen jetzt sowieso harte Worte. In der dreizehnten und vorerst letzten Ausgabe der Camp-Zeitschrift "Reaktorle" zitiert ein Autor seine Kollegen "auf dieser Insel der Isolation": "... die können mich sowieso alle, und in sechs Wochen ist Schluß, und dann können sie mich erst recht -- ausgekochter Mist!"
"Es ist schlimm", sagt die Frau des Ingenieurs Halangk, die in der Schule des "Euro-Camp" als Lehrerin arbeitet, "man wird ganz rammdösig." Am Elternsprechtag hat sie heute vergeblich sieben Stunden auf die Eltern gewartet. Von 360 Kindern der "Deutschen Schule Buschihr" sind noch 90 übriggeblieben.
Das Camp, in dem früher 4000 Deutsche in Fertighäusern (Stückpreis: 100 000 Mark), Wohncontainern und dürftigen "Facharbeiterunterkünften" (drei Waschbecken für ein Dutzend Leute) lebten, wirkt wie eine Feriensiedlung in der Nachsaison.
Der Kindergarten wurde am 31. Januar geschlossen. Das 50-Meter-Becken des Schwimmbads ist leergepumpt
"wegen dringender Reparaturarbeiten".
Dafür berechtigt der Schwimmbadeausweis jetzt zum Betreten des Supermarktes. Die Maßnahme soll verhindern, daß iranische Arbeitskräfte die Vorräte der Deutschen aufkaufen. Denn die Iraner, die einen Kilometer von der deutschen Siedlung im "Hallileh-Camp" hausen (acht Mann in einem Zimmer), hatten keine Badeerlaubnis.
Ein anderer, weniger eleganter Versuch, die Iraner fernzuhalten, war letzten Monat auf Widerstand gestoßen. Die Camp-Leitung hatte die Werksausweise der Deutschen mit einer zusätzlichen Markierung versehen. Die Iraner, die bisher mit gleichartigen Ausweisen ins deutsche Lager konnten, waren damit ausgesperrt.
Empört übernahmen daraufhin Iraner die Macht an den Eingangstoren und ließen die Deutschen nicht mehr ins Euro-Camp. Erst die vom nahen Luftwaffenstützpunkt herbeigerufene Militärpolizei verschaffte den Bewohnern wieder Zugang.
Seitdem traut sich kaum noch ein Deutscher aus dem Camp, nicht einmal zum nahegelegenen Palmenstrand. In der zehn Kilometer entfernten Hafenstadt Buschihr, der einzigen Abwechslung in der Nähe des Lagers, sind die meisten schon seit Silvester nicht mehr gewesen. Als einige KWU-Autos dort in Brand gesteckt, umgestürzt und mit Steinen beworfen wurden, gab Baustellenchef Breitwieser Anweisung, tunlichst daheim zu bleiben.
Die letzten Verbindungen zur Außenwelt sind das Telephon und die wöchentliche Chartermaschine aus Deutschland. Unter militärischer Bewachung werden immer neue Ladungen von Heimkehrern an die Maschinen der Charterfirmen Condor, Montana oder Martinair auf den Flughafen von Buschihr gebracht.
Was von der deutschen Kolonie bleiben wird, ist ungewiß. Mit Sicherheit aber läßt der Reitklub seine vierzig Pferde im Lande. Und auch das Kamel, das der Sohn eines KWU-Projektleiters in wochenlangem Ritt aus Belutschistan geholt hatte, wird die persische Steppe wohl nie verlassen.

DER SPIEGEL 7/1979
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