12.02.1979

Signatur des Zeitalters

Rudolf Ringguth über Jean Tulard: "Napoleon oder der Mythos des Retters"

Vor etwa neun Jahren beklagte sich der deutsche Neuhistoriker und Frankreich-Fachmann Heinz-Otto Sieburg aus Saarbrücken: "Insgesamt scheint die unmittelbare Gegenwart ... Napoleon gegenüber sprachlos zu sein, denn wir haben keine großen Autoren, die sich darüber äußern."

Abgesehen davon, daß Franzosen noch niemals an Sprachlosigkeit gelitten haben, und schon gar nicht in Sachen Napoleon, dürfte inzwischen auch Professor Sieburg einräumen, daß nunmehr ein "großer Autor" über Napoleon Bonaparte geschrieben hat, ein Historiker, den nicht nur die Pariser Tageszeitung "Le Monde" den "besten Spezialisten der napoleonischen Geschichte" nennt: Professor Jean Tulard.

Tulard, 45, lehrt Geschichte der Revolution, des Konsulats und Kaiserreichs an der Sorbonne und ist Direktor des Institut Napoleon. 1977 erschien seine Biographie und wurde bereits im selben Jahr mit dem Großen Nationalpreis für Literatur (Sektion Geschichte) ausgezeichnet. Und noch etwas geschah: Nur ein Jahr später kam Tulards Buch auch in einer (nur selten holprigen oder gar falschen) deutschen Übersetzung heraus -- ein denkwürdiger Vorgang, da sich deutsche Verlage sonst, zumal hei Geschichtswerken des Auslandes, weitaus mehr Zeit lassen.

Die Biographie umfaßt gleichsam drei Werke in einem: eine großartige, sozialhistorisch typisierende Physiognomik des napoleonischen Zeitalters (ohne das Branchen-Blabla der Biographen über Psycho, Porno, Parvenu); ferner zu jedem Kapitel den bislang reichhaltigsten kritischen Apparat über Quellen, Memoiren, Literatur; und schließlich von Kapitel zu Kapitel kurze Kommentare zu noch offenen Streitfragen -- insgesamt ein imponierender Überblick über den aktuellen Stand der Forschung.

Dank derart akribischer Einübung ins Thema ergeht sich Tulard nicht mehr in den emotionalen, bis zum Überdruß wiederholten Klischees, mit denen Anhänger wie Gegner des Korsen dessen einmaliges Abenteuer als Heiligenleben oder schwarze Legende, als Heldenepos oder Schmierenkomödie, als Kammerdiener-Kolportage und/oder Psycho(kilo)gramm erzählt haben.

Die Fragen, ob Napoleon Kriegsherr oder Friedensfürst, Verstandeswunder oder Machtmonster, Nationalheld oder Blutsäufer, Realist oder Romantiker, Halbgott oder Dämon gewesen sei, treten daher bei Tulard in den wohlverdienten Hintergrund.

Was hingegen seine Biographie wichtig, ja unentbehrlich macht, wodurch er zum wahrhaft bedeutenden Historiker, ja zum großen Autor wird, ist eine seltene, eine singuläre Kunst: Tulard sagt ebenso kurz wie eindringlich auf wenig mehr als 500 Seiten alles oder doch fast alles, was zum Thema gehört.

Er besitzt die außerordentliche Fähigkeit, das entlegene Detail mit dem Ganzen, und zwar sowohl mit Rhythmus und Struktur des Zeitalters als auch mit der Komposition des eigenen Werkes zu verschmelzen -- ohne Bruch, ohne Leerlauf, ohne die uferlose Geschwätzigkeit der Mediokrität.

Das aber ist die angeblich einfache Kunst, nur das (historisch) Wesentliche -- das Allgemeine im Einzelnen, das Einzelne im Allgemeinen -- zu sehen und zu sagen und eben damit das Besondere, die Signatur des Zeitalters, zu treffen: Nichts ist schwieriger.

Ganz gewiß gibt es da auch Skurriles zu lesen. So begleiten 1798 Bonapartes Expeditionsarmee nach Ägypten nicht nur zahlreiche Wissenschaftler, sondern auch ein Blumenmaler und ein Pianist. Und der Erste Konsul bestellt 1800 für den Goldenen Salon seines Landsitzes Malmaison Girodet-Triosons schönes Gemälde "Ossian empfängt in Walhall die für das Vaterland gefallenen Generäle der Republik". Doch die meisten Einzelheiten, sogar das erwähnte Gemälde, gehören zu Geist und Gesellschaft der Zeit, sind für Napoleons Großfrankreich signifikant.

So entwirft Tulard ein Panorama, in dem buchstäblich von allem die Rede zu sein scheint: vom Streik Pariser Bauarbeiter (trotz Koalitionsverbot) im Juli 1801 und ihrer Forderung nach zehn Prozent mehr Lohn; von der "Besessenheit im Kaiserreich. die Menschen in Karteien zu erfassen"; von der "mangelhaften Qualität des Dunges" in der Landwirtschaft; von den 1,3 Millionen Tonnen Kohle, die schon 1811 im französischen Belgien gefördert werden; vom Ruhrgebiet, das bereits im selben Jahr 2550 Fabriken mit 65 000 Arbeitern besitzt und "das am stärksten industrialisierte Departement des Kaiserreichs" ist.

Da ist zu lesen von Napoleons sonderbarer Frage auf einer Pariser Baustelle im Dezember 1813, warum es denn nur ältere Arbeiter gebe. Da ist zu erfahren, daß am 19. Januar 1813 in letzter Minute eine Pariser Brotpreis-Demonstration der Frauen gegen den durch die Stadt fahrenden Kaiser verhindert wurde. Da werden die Geldgeber von Bonapartes Machtergreifung am 18. Brumaire (9. November) 1799 erkennbar: nicht etwa die Bankiers, sondern die Heereslieferanten.

Napoleons Bruder Lucien, stellt sich heraus, hat als erster Innenminister des Konsularregimes die Zahl der Ja-Stimmen des Plebiszits über die Erhebung Bonapartes zum Ersten Konsul gefälscht. Und ein unbekannter Monsieur Duchesne wiederum trug 1802 bei der Volksabstimmung über das Konsulat auf Lebenszeit in ein Wahlregister des Departements Seine ein: "Ich antworte mit Nein, wie es jeder Freund der Freiheit tun sollte." Und Tulard berichtet: "Duchesne blieb unbehelligt."

Über Bonapartes Liebesbriefe an seine erste Frau Josephine bemerkt der Historiker nur klassizistisch-kühl: "Die klägliche Einfalt läßt ... auf eine ernsthafte Leidenschaft schließen." Und Tulard teilt mit, daß Napoleons leidenschaftlichste Einfaltsepisteln noch gar nicht gedruckt seien.

Auf die Tatsache wiederum, daß der auch sexuell leicht gereizte Korse sich ausgerechnet bei den schönsten Frauen Frankreichs -- etwa den Mesdames Tallien, Récamier, de Bleschamp -- regelmäßig eine Abfuhr holte, reagiert Tulard mit dem boshaften Bonmot: "Man könnte ins Träumen kommen über die Grenzen der napoleonischen Diktatur."

Mit der Genauigkeit eines La Rochefoucauld urteilt er über die entscheidende Schwäche der Person Napoleon: "In einer Regierung, bei der alles bei einem Manne liegt, zerstört das Selbstbewußtsein rasch jeden kritischen Sinn ... Man gleitet rasch von der Selbstgefälligkeit, besonders wenn einem der Erfolg zu Hilfe kommt, hinüber in den Zynismus: "Ich habe immer bemerkt (sagt Napoleon), daß die ehrlichen Leute zu nichts nütze sind."

Man sieht: Tulards Stil ist knapp, konzis, zuweilen maliziös der Sentenz. dem Aphorismus nahe; er ist anmutig, von musterhafter Klarheit, fast durchwegs genau.

Abruptes Wetterleuchten, schroffes Hell-Dunkel wie in den Visionen des romantischen Nationalhistorikers Jules Michelet bleiben Tulards Stil hingegen ebenso fremd wie die Hitze und Blitze Rousseaus. Tulard kennt weder die nimmermüde Advokaten-Rhetorik des Politiker-Historikers Adolphe Thiers, die dessen 20bändige Napoleon-Verehrung (und Napoleon-Resignation) erfüllt, noch das von Marschall Foch befeuerte Helden-Pathos. Louis Madelins, der die Verehrung von Thiers im 20. Jahrhundert mit 16 Bänden erneuerte (sie ist nicht etwa ausgestorben: Von 1938 bis 1975 publizierte Jean Thiry 28 Bände).

Am nächsten steht Tulard in der französischen Napoleon-Literatur Georges Lefebvre, Autor einer hervorragenden, seit 1936 immer wieder neu aufgelegten, ebenso kritisch abwägenden, ebenso bibliographisch reichhaltigen Biographie. Aber wo Lefebvre in der Person Bonapartes den Schlüssel des Zeitalters zu suchen scheint, da findet Tulard in der sozialen Konfiguration der Epoche den Schlüssel zu Napoleons Taten, zu Napoleons Aufstieg, Glanz und Fall.

Nicht nur das: In der Person Napoleon Bonapartes verkörpert sich ihm zum erstenmal der Mythos der französischen Moderne, der Mythos des "Retters", der laut Tulard die Geschichte Frankreichs von Napoleon bis zu Philippe Pétain und Charles de Gaulle bestimmt hat. Aber wer wird gerettet: die Nation, die Revolution?

Mit aller nur wünschenswerten Deutlichkeit erwidert Tulard: "Angesichts der inneren und äußeren Gefahren, die seine Interessen bedrohten, hat es das französische Bürgertum immer verstanden, sich Retter zu erfinden. Napoleon steht am Anfang einer Reihe, die in Cavaignac (1848), Louis-Napoléon Bonaparte (1848), Thiers (1871), Pétain und de Gaulle ihre Fortsetzung findet. Und weil die Haupttugend des Bürgers die Undankbarkeit ist und sein größter Fehler der Mangel an Mut, endete die Trennung der Retter und deren Schöpfer meistens in einer nationalen Katastrophe. An ihr trägt im allgemeinen der Retter die Verantwortung ...

"Der Retter taucht unter tragischen Umständen auf (Staatsstreich, Revolution, nationale Niederlage), und er tritt in einer apokalyptischen Atmosphäre wieder ab. Ein neuer Retter wird an seine Stelle treten, und alles beginnt wieder von vorne." Solange die am Aufstieg des Retters interessierten Klassen prosperieren und von ihm begünstigt werden, unterstützen sie ihn.

Geht er andere Wege, lassen sie ihn erbarmungslos fallen: "Eine Wohlfahrtsdiktatur zugunsten der (bürgerlich-bäuerlichen) Nutznießer der Revolution, das war der tiefere Sinn der Gründung des Kaiserreichs. Weil Napoleon ... glaubte, eine neue Dynastie begründen zu sollen, die dazu berufen sein würde, über den ganzen Kontinent zu herrschen, wurde er an die Abfassung seiner Memoiren geschickt. Sankt Helena nimmt Chislehurst (das englische Exil Napoleons III.), die Insel Yeu (das Gefängnis Pétains) und Colombey (den Landsitz de Gaulles nach den Rücktritten 1946 und 1969) voraus."

Und Tulard beschließt sein Werk: "Der erste Retter war zugleich auch der größte gewesen, die ihm folgten, waren nur seine Karikaturen."

Ob dieser sozialhistorisch begründete Primat der Innenpolitik zureicht, die Geschichte des modernen Frankreichs oder auch nur die Napoleons zu erklären, steht dahin, ist jedoch jeder ernsthaften Erwägung würdig.

Als durchaus fragwürdig muß hingegen gelten, womit Tulard begründet, daß die Geschichte der "Retter" sich unablässig wiederhole:, "Man kann darin die notwendige Konsequenz aus der Abschaffung des Legitimitätsprinzips sehen, das die Grundlage der alten, 1789 zerstörten Monarchie gewesen war."

Das klingt sonderbar, das ist nicht einmal mehr konservativ. Hier wird allem Anschein nach ernsthaft behauptet: Allein das Gottesgnadentum der Könige ist zureichendes Legitimitätsprinzip der Herrschaft gewesen.

Man gerät ins Träumen, wenn man die Beschränktheit, aber auch die schrankenlosen Konsequenzen dieses Gedankens bedenkt: Kennte die Geschichte seit der Französischen Revolution kein Legitimitätsprinzip mehr, gäbe sie den Anarchisten recht -- denn sie selbst wäre nur noch eins: pure Anarchie.


DER SPIEGEL 7/1979
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