02.04.1979

Eine barocke Gruppe 47

DDR-Autor Rolf Schneider, 46, der 1976 die Petition gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns mitunterschrieb und seitdem Schwierigkeiten mit der Staatsmacht bekam, hat zuletzt seine Situation in dem Roman "November" verschlüsselt dargestellt.
Schriftsteller schreiben, was denn sonst, über sich selbst; und es machen die Vorgaben von Geschmack, Phantasie und Opportunitär, ob man dabei mit Maskierungen auftritt und welcher Art die seien, die des biblischen Joseph vielleicht oder die eines verwachsenen Kinds mit Trommel. Man schreibt über das, was man kennt, und allemal ist das nächste Objekt aller Kenntnis das eigene Ich.
Der Konflikt zwischen dem schönen Geist und der allgemeinen Macht ist ein ehrwürdiger epischer Topos, zumal bei den Deutschen; und wenn schon nicht die Konflikte, so doch sind die Entfernungen zwischen den benannten Kontrapositionen im Begriff, sich unentwegt zu vergrößern. Der Schriftsteller hat Anlaß, seine Entfremdung zu bedenken, seine Resignation aufzusagen, und derart wird die ganze Irrelevanz von literarischem Tun in unseren Zeiten einbekannt.
Was aber ist. mit den sozialen Instinkten des Künstlers? Sofern sie nicht gänzlich unter Eigenbrötelei verkümmern, wird man dann zu seinesgleichen streben; nur so wird erklärlich, daß die allerexzentrischsten Figuren immer wieder zu Gruppen, Bünden und Schulen finden, die allemal auch Schulen der gegenseitigen Quälerei sind; das reicht von der Gruppe 47 als einem jungen Beispiel bis zu den Uranfängen neuhochdeutscher Poesie, die man im Nürnberger Meistersang oder in den fruchtbringenden Gesellschaften des Barock erblicken mag.
Nun ist spätestens seit Goethes "Tassso" das Verfahren erprobt, daß Dichter über Dichter schreiben und, natürlich, dabei immer nur sich selbst meinen. So läßt zu diesem Literaturfrühling Christa Wolf in Winkel am Rhein den jungen Heinrich von Kleist auf Günderode treffen.
Zum gleichen Termin und im selben Verlagshaus nimmt es Günter Graß, der gargantueske, gleich mit einem Halbdutzend barocker Dichterschulen auf und vereint über zwanzig von deren Mitgliedern in einem Brückenhof geheißenen Gasthaus zu Telgte, dem Wallfahrtsort.
Wie kommt er auf Telgte? Er könnte den Ort während seiner Reisen für Espede und Willy Brandt erlebt haben. Im "Tagebuch einer Schnecke" erscheint das Münsterland als "Verdichtung aus Weihrauch, Gipsstaub, Dummheit und Armsünderschweiß". Außerdem ist Osnabrück nahe, so nahe wie im Kriegsjahr 1647 der dortselbst ein Jahr später unterfertigte Frieden war, und der war da fast so nahe wie 300 Jahre später die erste Tagung der Gruppe 47 in Bannwaldsee bei Füssen der bedingungslosen Kapitulation.
"Was in Telgte begann", so Graß, "schreibe ich auf, weil ein Freund. der im siebenundvierzigsten Jahr unseres Jahrhunderts seinesgleichen um sich versammelt hat, seinen 70. Geburtstag feiern will." Schrieb es und las erstmalig zu eben diesem Anlaß daraus vor; die Feier war wie eine Gruppentagung gerichtet, und zum Ende verkündete Hans Werner Richter, Schluchzer im Mund, nun sei es aus; man sah's im Fernsehen.
"Was die Gruppe 47 ist", schrieb Reinhard Lettau vor zwölf Jahren, brauche "nicht erklärt zu werden". Inzwischen wohl doch. Sie war der Wunderborn, aus dem die westdeutsche Nachkriegsliteratur erst ans Licht, dann in den Weltruhm stieg. Sie war eine fliegende Veranstaltung, gelegentlich zweimal, meistens einmal im Jahr; es wurden ungedruckte Dichtertexte erst vorgelesen und dann debattierend gewogen. Vorsitzer war Hans Werner Richter; und so wie Richter, dies die Graßsche Erfindung, läßt der Königsberger Poet Simon Dach deutsche Dichter zusammenkommen.
"Das Treffen in Telgte" ist ein Ausfluß des Opitz-Kapitels aus dem "Butt" und verhält sich zu dem dicken Erfolgsbuch ähnlich wie (das hehre Beispiel sei erlaubt) Thomas Manns "Erwählter" zu den Josephs-Romanen. Von der Substanz her ist "Das Treffen in Telgte" zunächst bloß ein Tagungsbericht, wie man ihn bis 1967 über die Gruppe 47 allherbstlich in den Feuilletons las. Bei Graß muß nun barocke Verfremdung walten, und das macht gleich ein Zweihundert-Seiten-Buch. Denn wo in Berichten über Hans Werner Richters Original die Aktualia alle und die Dichternamen überwiegend kommentarlos assoziierbar waren, muß hier fleißig angekarrt werden: Politgeschichte und Kulturgeschichte, nicht vergessen die Fülle der Anspielungen.
Zur Erholung, wir sind bei Graß, wird in den Nächten fleißig kohabitiert und an den Tagen reichlich gegessen, Mahlzeiten aus Grassens Küche der alten Deftigkeit. Mich hat besonders der mit Würsten gefüllte Hammelkopf beeindruckt.
Kommt denn nun, durch so viele Filter und Berechnungen hindurch, noch etwas herüber vom Flair der originalen Gruppe 47?
Ich denke, ja. Wer jemals an einer der Tagungen teilgenommen hat, wird es alles wiederfinden: das gereizte Interesse der versammelten Literaten aneinander, die noble Autorität des Leiters, die Changements von Kunst und Künstlichkeit, das Klima einer Klausur, die vergessen macht, daß man sich inmitten einer explodierenden oder zur Explosion begabten Welt befindet. Freilich bedurfte es zu diesem Vergessen auch der Rauschmittelchen, und nicht zufällig wirkt Westdeutschlands Belletristik seit dem Ende der Gruppe 47. als leide sie an fortgesetztem Katzenjammer.
Und natürlich ist jedermann eingeladen, die Figuren der Telgter Versammlung abzuklopfen, bis sie nach 20. Jahrhundert klingen. Daß man Dach gleich Richter setzen darf, legt Graß uns nahe; man überlegt, oh in dem bärbeißigen Magister Buchner Reich-Ranicki wohnt und ob der zarte Birken eher Walser oder Enzensberger sei. In Gryphius, auch Gryf genannt, schien mir Böll versteckt. Mit Georg Greflinger aber, der nach fleißigem Alexandriner-Machen gen Hamburg zieht, dort ein Wochenblatt herauszugeben, ist unabweislich Gruppe-47-Gast Rudolf Aug-Stein gemeint.
Hauptfigur der Erzählung neben Simon Dach ist der junge Grimmelshausen. Daß er Günter Graß zur Identifikationsfigur dient, ist ganz gerecht; der eine schrieb den ersten großen pikarisehen Roman unserer Literatur, der andere den derzeit letzten. Die simplicianischen Schriften sind gleich zweimal im Spiel; außer kurzer Erwähnung des Simplex tritt ausführlich die Landstörtzerin Courage auf; sie heißt wie hei Grimmeishausen Libuschka, ist aber in die Gastronomie gelangt: Sie führt den Brückenhof. Einmal wird der kriegerischen Ereignisse von Magdeburg gedacht.
Das muß nun Brecht assoziieren, die berühmteste Szene aus dessen Courage-Stück, da sich die stumme Kattrin zu Tode trommelt. Eine manieristische Geste des Blechtrommlers Graß, der seinerseits einmal ein Brecht-Stück geschrieben hat.
Er ist übrigens milder geworden. Sein Hackbiß ist weniger bös. Geblieben ist sein stupender Dilettanten-Fleiß, der wie selbstverständlich ein ganzes Kompendium zur Barockliteratur in die Geschichte hebt. Man muß schon ein gestandener Germanist sein. um mit Namen wie Lauremberg, Moscherosch oder Rist etwas zu verbinden.
Oberhaupt war ich manchmal versucht zu fragen, wer das alles denn richtig goutieren soll, für wen also, und das heißt auch: Warum, Graß seine Geschichte aufgeschrieben hat. Die Antwort mag überraschen. Sie lautet: wegen Deutschland.
Im Unterschied nämlich zum historischen Simon Dach, dessen Deutschtum so vage war, daß er unbekümmert Krönungspoesie für polnische Könige verfaßte, geht es dem Graßschen Dach um die Einheit von Sprache und Dichtkunst als Vorgriff auf die Einheit des zerrissenen Vaterlands, und so äußern sich die Versammelten von Telgte schließlich in einem gemeinsamen Manifest. Aber Graß läßt das Dokument am Ende in Flammen aufgehen, mitsamt der Tagungsstätte; die deutschen Literaten laufen unwiederbringlich auseinander und in alle Winde.
In solcher melancholischen Allegorie aber vereint sich die Vanitas-Empfindung des modernen Poeten mit dem politischen Kummer eines deutschen Patrioten.

DER SPIEGEL 14/1979
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