30.04.1979

NS-VERBRECHENÄußerlich dabei

Ein CSU-Bürgermeister im Bayrischen, der einst bei der Judendeportation aus Frankreich mittat und jetzt wegen Beihilfe zum Massenmord angeklagt wurde, gilt in seiner Gemeinde weiterhin als Ehrenmann.
Ernst Heinrichsohn, Bürgermeister zu Bürgstadt in Bayern, war stets auf dem Posten. Als SS-Unterscharführer im besetzten Paris half er während des Zweiten Weltkriegs bei der Deportation Tausender französischer Juden nach Auschwitz. Nach dem Krieg, als CSU-Mitglied und Kommunalpolitiker, fand er Gefallen am Dienst in der Gemeinde.
Auch die Aussicht auf künftiges Ungemach läßt Heinrichsohn, nun angeklagt wegen des Verdachts auf Beihilfe zum Mord in über 20 000 Fällen, nicht wanken: "Falls ich verurteilt werde, verbringe ich eben den Rest meines Lebens im Zuchthaus. Wenn ich meinem nach wie vor sehr geliebten Vaterland damit dienen kann -- bitte."
Einstweilen aber braucht der Bürgermeister um seine Gefolgschaft in der Gemeinde sowenig zu bangen wie um seine Zukunft. Denn seit die Bürger von Bürgstadt im März 1977 von der Vergangenheit ihres Vorstehers als Sachbearbeiter im Judenreferat der Sicherheitspolizei (Sipo) und des Sicherheitsdienstes (SD) in Paris durch ein von der Kölner Staatsanwaltschaft eingeleitetes Ermittlungsverfahren erfuhren, hat das Heinrichsohn daheim keinen Makel eingebracht. Die Eröffnung des Hauptverfahrens ist noch nicht in Sicht.
Anlaß für die 3600 Einwohner zählende Gemeinde, den Verfolgten sogar noch zu feiern, gab es in Bürgstadt am 9. Mai 1977: Heinrichsohns 25. Jubiläum als Bürgstadter Kommunalpolitiker. Die Blaskapelle vom Musikverein "Germania" und die "Fränkischen Rebläuse" musizierten, der Chor des Sängerbundes "Liederkranz" sowie die "Singvögel vom Untermain" brachten dem früheren SS-Mann ein Ständchen.
Als "dienstverpflichteter SS-Staffelunterscharführer", so hatte der Jubilar vorher Reportern erzählt, habe er in "untergeordneter Stellung" im Pariser Judenreferat lediglich "Bürotätigkeiten" ausgeübt.
Doch das war nicht alles. Zusammen mit seinem Referatschef, dem nach dem Krieg umgekommenen SS-Hauptsturmführer Theodor Dannecker, war Heinrichsohn einer der beiden Deutschen, die Anfang Juli 1942 im "Aktionsausschuß für die Judentransporte aus Frankreich" gemeinsam mit französischen Vichy-Beamten die Einzelheiten für die Verhaftung von etwa 30 000 Pariser Juden festlegten: Durch Inspektoren der Präfektur, der antijüdischen Polizei und weibliche Hilfskräfte (werden) die in Betracht kommenden Karteikarten herausgezogen und arrondissementweise sortiert. Dann erhält Direktor Hennequin (Police Municipale) diese Karten und verteilt sie weiter an die Polizeikommissare der Arrondissements. Diese haben nach den Karten die Verhaftungen vorzunehmen ...
Die Juden werden dann in den einzelnen Burgermeistereien gesammelt und anschließend zum Hauptsammelplatz (Vel d'Hiver) abtransportiert. Den Abtransport in die einzelnen Lager übernehmen Franzosen selbst. Es wurde die Altersgrenze "16 bis 50 Jahre" festgesetzt. Zurückbleibende Kinder werden gleichfalls an einem gemeinsamen Platz gesammelt und anschließend von der Union der Juden in Frankreich übernommen und in Kinderheime übergeführt ...
Es wurde festgelegt, daß aus jedem Lager pro Woche ein Transport gestartet wird ... Somit werden jede Woche vier Züge mit je 1000 Juden das besetzte Gebiet in Richtung Osten verlassen...
Der Pariser Advokat Serge Klarsfeld, mit Ehefrau Beate unermüdlicher Fechter für die "Internationale Liga gegen Rassismus und Antisemitismus", hatte im fernen Bürgstadt den SS-Mann im CSU-Gewand ausgemacht.
Klarsfeld fand auch neues Material über den einstigen SS-Mann: Mutterseelenallein hatte Heinrichsohn am 27. August 1942 für das "Judenreferat" in Paris mit dem Generaldelegierten der französischen Polizei im besetzten Gebiet, Jean Leguay, sowie dessen Adjutanten Commandant Sauts das "September-Programm" für den Juden-Abtransport auch aus dem unbesetzten Gebiet Frankreichs besprochen. Aktenvermerk Heinrichsohns hierüber: Danach kommen folgende Züge. in den ersten Septembertagen an: Am 1., 2., 3. und 4. September je ein Zug mit 1000 Juden. Ober die Anlieferung der Gesamtjudenzahl des September-Programms konnte Herr Leguay im Augenblick noch nichts Bestimmtes sagen ... Herr L.
* Zeitungsausschnitt aus "Bote vom Untermain" vom 10. Mai 1977.
sicherte zu, daß er nochmals in Vichy vorstellig werden wird, daß die Juden nur mit den notwendigsten und erforderlichen Gepäckstücken aus gerüstet werden
Und dazu als Nachtrag:
Am Freitag, dem 28. 8. 1942, ist der 25 000. Jude abgeschoben worden.
Serge Klarsfeld versuchte die französische Presse mobil zu machen. Als im Oktober 1977 das Pariser Appellationsgericht über den Fall des in Frankreich festgenommenen Stuttgarter RAF-Anwalts Klaus Croissant disputierte, warnte der Advokat in "Lc Monde" vor Croissants Auslieferung "an das Deutschland Heinrichsohns".
Prompt regte das CSU-lastige "Aschaffenburger Volksblatt" an, "die gegen den Bürgstadter Bürgermeister vorgetragenen Argumente ins Verhältnis zu amerikanischen oder französischen Ausschreitungen in Vietnam oder Algerien" zu setzen.
Im brechend vollen Gasthaus "Adler" erkor der CSU-Ortsverband Burgstadt den einstigen SS-Kämpen am 6. Dezember 1977 für die Kommunalwahlen einstimmig wieder zum Bürgermeister-Kandidaten -- und der CSU-Kreisvorsitzende Henning Kaul versicherte den Parteifreund dabei der "Solidarität des Kreisverbandes".
Im März vergangenen Jahres war Bürgstadts alter auch Bürgstadts neuer Bürgermeister. Und auch den nächsten Zwischenfall überstand Heinrichsohn ungerupft: Im Juni kreuzten an einem Sonntagmorgen die Klarsfelds mit siebzig meist jüdischen Landsleuten per Autobus auf dem Engelsplatz in der benachbarten Kreisstadt Miltenberg auf, wo Heinrichsohn eine gutgehende Rechtsanwaltspraxis betreibt.
Die Franzosen entfalteten Spruchbänder mit der Aufschrift "Franz Josef Strauß schützt NS-Verbrecher Heinrichsohn", rissen das Praxisschild herunter und malten ein "Nazi" nebst Hakenkreuzen an die Hauswand. Der Bürgermeister ging derweil im nahen Amorbach spazieren und hörte erst am Abend von der ihm zugedachten Visite. Anderntags offenbarte er sich Reportern: "Am Abend war schon alles wieder beruhigt. Ich habe das Fußballspiel Deutschland-Holland gesehen und dazu mein Bier getrunken."
Kurz danach erhob die "Zentralstelle für die Bearbeitung von NS-Massenverbrechen in Konzentrationslagern" bei der Staatsanwaltschaft in Köln Anklage gegen Heinrichsohn. Mit ihm angeklagt wurden der in Köln lebende einstige SS-Obersturmbannführer Kurt Lischka, der als Steilvertretender Befehlshaber der Sicherheitspolizei und des SD in Frankreich, und der frühere SS-Sturmbannführer Herbert Hagen, der als persönlicher Referent des für Nordfrankreich und Belgien zuständigen Höheren SS- und Polizeiführers Carl-Albrecht Oberg mit den Deportationen aus Frankreich zu tun hatte. "Auf alles gefaßt", wartet Bürgstadts Bürgermeister seitdem auf den nächsten Akt, die Eröffnung des Hauptverfahrens. Von seiner Pariser "Bürotätigkeit" in "untergeordneter Stellung" ist von ihm kaum noch etwas zu hören. Als "wehruntauglich" von der Wehrmacht entlassen, verteidigt er sich, sei er 1940 in Berlin ohne sein Zutun zum Reichssicherheitshauptamt dienstverpflichtet worden: "Die haben gefragt: Wie heißen Sie? Und dann haben sie erklärt: Jakobsohn' Iwansohn, Heinrichsohn -- kommt in die Judenabteilung."
"Es bedrückt mich", erklärt er heute, "daß ich äußerlich dabei war." Aber nach Paris versetzt, habe er "mit meinen 22 Jahren" nicht gewußt, "daß die Leute umgebracht wurden". Ihm sei gesagt worden, die kämen zum Arbeitseinsatz. "Das habe ich geglaubt."
In Köln warten freilich Papiere auf den Mann aus Bürgstadt, deren Inhalt die These von dem vermeintlichen Arbeitseinsatz der abtransportierten Juden ins Wanken bringen muß. Denn spätestens durch einen vom Pariser Judenreferatsleiter Dannecker unter dem 21. Juli 1942 niedergeschriebenen "Vermerk betr. Judenabschub", der auch dem "SS-Unterscharführer Heinrichsohn zur Kenntnis und zu den Unterlagen" übergeben wurde, war klar, daß inzwischen von jüdischen Kinderheimen in Frankreich keine Rede mehr war und fortan Kinder ebenso wie Greise und für einen Arbeitseinsatz unbrauchbare Kranke nach Auschwitz verfrachtet wurden:
Am 20. 7. 1942 riefen SS-Obersturmbannführer Eichmann und SS-Obersturmführer Nowak vom Reichssicherheitshauptamt IV B 4 hier an. Mit SS-Obersturmbannführer Eichmann wurde die Frage des Kinderabschubes besprochen. Er entschied, daß, sobald der Abtransport in das Generalgouvernement wieder möglich ist, Kindertransporte rollen können. SS-Obersturmführer Nowak sicherte zu, Ende August/ Anfang September etwa 6 Transporte nach dem Generalgouvernement zu ermöglichen, die Juden aller Art (auch arbeitsunfähige und alte Juden) enthalten können.
Wie das alsdann mit den längst von ihren Eltern getrennten Kindern vonstatten ging, notierte drei Wochen später der SS-Obersturmführer Heinz Röthke, der später Danneckers Nachfolger wurde, in einem Vermerk tiber eine Besprechung im Pariser Judenreferat am 13. August 1942:
Die aus dem unbesetzten Gebiet eintreffenden Juden werden in Drancy mit Judenkindern, die sich zur Zeit noch in Pithiviers und Beaune-La-Rolande befinden, vermischt werden in der Weise, daß auf 700, mindestens jedoch 500 erwachsene Juden 300 bis 500 Judenkinder zugeteilt werden, da nach der Weisung des Reichssicherheitshauptamtes Zuge nur mit Judenkindern nicht abgeschoben werden dürfen.
Für den reibungslosen Ablauf des Abtransports sorgte Heinrichsohn selbst, obwohl seine Gegenwart, wie Zeugenaussagen in dem Klarsfeld-Dokumentarband "Die Endlösung der Judenfrage in Frankreich" belegen, "völlig überflüssig" war. Eine Zeugin erinnert sich an Heinrichsohn so:
Während meines Aufenthaltes im Lager wurden mehr als 5000 Kinder nach der Deportation ihrer Eltern in Viehwaggons geladen und nach Auschwitz transportiert. Ich habe ihren erbärmlichen Zustand nicht vergessen können, ich habe auch den Sadismus und die Brutalität des SS-Heinrichsohn nicht vergessen können, der sich in diesem Alptraum bewegte, schreiend, diese armen Kinder terrorisierend und auch diejenigen, die wie ich auf sie aufpaßten.
Bürgermeister Heinrichsohn zu der Verschleppung der Kinder heute: "Ich habe es den Herren damals abgenommen, als sie mir sagten, daß es sich bei diesen Aktionen um Familienzusammenführung handele."

DER SPIEGEL 18/1979
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