30.04.1979

ITALIEN Recht auf Haß

Bürgerliche Intellektuelle sollen für die Entführung des ermordeten Aldo Moro verantwortlich sein.
Antonio Negri, Professor für Staatswissenschaft an der Universität Padua, schrieb gerade einen Artikel über sein Lieblingsthema, die Zerstörung des kapitalistischen Staates, als ihn ein Telephonanruf unterbrach: "Toni, hau ab, die Bullen sind auf deiner Spur."
Doch die Warnung, ausgesprochen von einem Negri-Freund in der Justiz, kam zu spät. Noch am gleichen Tag wurde der Hochschullehrer, Ideologe der linksradikalen Bewegung "Autonomia Operaia" (Arbeiter-Autonomie, AO) in Mailand verhaftet. In Padua und Rom nahmen Terrorismus-Fahnder etwa 30 weitere "Autonomi" fest.
Neun Autonomisten, voran Professor Negri, werden beschuldigt, sie hätten "eine Vereinigung namens Rote Brigaden geleitet, um den bewaffneten Aufstand gegen den Staat zu fördern". Im Namen der berüchtigten Roten Brigaden, die im März 1978 den christdemokratischen Parteipräsidenten Aldo Moro entführten und ihn am 9. Mai 1978 ermordeten, leitete Negri angeblich sogar die Verhandlungen mit der Familie des gefangenen Moro.
Der Schlag gegen Negri und Genossen, von Italiens Presse "il grande blitz" getauft, kam überraschend. Denn bislang galt die Autonomia Operaia als Schmelztiegel radikaler Sponti-Gruppen, die aber -- anders als die Brigaden -- Gewalt gegen Leben nicht anwenden wollten.
Staatsanwalt Pietro Calogero aus Padua und der im Fall Moro ermittelnde römische Richter Achille Gallucci sind hingegen überzeugt, daß es sich auch bei der AO um eine straff gegliederte Terror-Organisation handele, deren Führung identisch mit der Brigaden-Spitze sei. Überdies fänden sich viele "ideologische Aussagen" des Autonomie-Propheten Negri in den Kommuniqués und Flugblättern der Moro-Entführer wieder.
"Eine infame Unterstellung", antwortete der Beschuldigte auf diese Vorwürfe und beteuerte: "Ich habe die Roten Brigaden stets kritisiert." Seine Verteidiger stellten ihren Mandanten als reinen Gelehrten dar, dem man unter Verletzung der Meinungsfreiheit ein "Meinungsdelikt" vorwerfe.
Aus seiner Meinung, der bürgerlichkapitalistische Staat müsse abgeschafft werden, hat Antonio Negri nie ein Hehl gemacht. Der Bürgersohn schwärmte vom Kampf des Proletariats, wenngleich er ganz privat in bürgerlichem Wohlstand lebt und zwei schicke Wohnungen sein eigen nennt.
Negri, 45, stammt aus einer angesehenen Familie in Padua. Er wurde katholisch erzogen, ging sonntags zur Messe, war Klassenbester. Als Student schloß er sich dem Reformflügel der Katholischen Aktion an, war mit dem Bischof von Padua befreundet, aber sympathisierte dann mit den Sozialisten, Negri, frotzelte die Zeitschrift "L'Espresso", habe damals "sozusagen den Teufel und das Weihwasser miteinander vermählen" wollen.
Schon als 34jähriger wurde Negri, Autor eines Buches über "Staat und Recht beim jungen Hegel", Ordinarius in Padua. Doch wissenschaftliche Arbeit genügte ihm nicht, er verteilte linke Flugblätter vor Fabriken, marschierte bei Demonstrationen und gründete 1969 zusammen mit dem jetzt ebenfalls verhafteten Studentenführer Oreste Scalzone die radikale Klassenkampf-Zeitschrift "Potere Operaio" (Arbeitermacht) sowie eine gleichnamige Apo-Gruppe.
Als sich die "Arbeitermacht" 1973 auflöste, bildeten zahlreiche Anhänger, zumal in Universitätsstädten, "autonome Bewegungen", andere tauchten in den Untergrund, um Attentate vorzubereiten und auszuführen.
Zwar betonten die Autonomisten immer wieder: Sinnvoll sei nur "spontane Massengewalt", die sich an den "Bedürfnissen der Proletarier" orientiere, und anders als deutsche Ultras haben die Autonomisten in der Arbeiterschaft einigen Rückhalt. Sie stürmten mehrmals Geschäfte, um sich durch "proletarischen Einkauf" (sprich: ohne Bezahlung) zu versorgen. Aber sie provozierten häufig auch Schlägereien und Straßenkämpfe, die mit Proletarier-Bedürfnissen nichts zu tun hatten. Eine Selbstdarstellung der Autonomia Operaia trägt den Titel: "Das Recht auf Haß".
Ideologe Negri versuchte, selbst schiere Destruktion politisch zu verklären. "Jeder Akt der Zerstörung und der Sabotage", schrieb er 1977, "beeindruckt mich als ein Zeichen des Zusammenhalts der Arbeiterklasse" und erfülle ihn "mit fiebriger Unruhe -- wie das Warten auf die Geliebte".
Doch so radikal der Professor die bestehende kapitalistische Ordnung auch ablehnte, so deutlich distanzierte er sich doch -- zumindest rhetorisch -- von den Attentaten der Roten Brigaden. Negri nach dem Mord an Ex-Premier Aldo Moro:
Was ist die Strategie dieser Genossen? Ein agitatorisches Nichts oder ein unmöglicher Putsch. Es fehlt die politische Vermittlung zwischen der Notwendigkeit des Kommunismus und dem revolutionären Kampf ... Die Aktion dieser Genossen zeigt eine taktische Blindheit, die mich schaudern läßt.
Auch der Berufsrevolutionär Oreste Sealzone erklärte die "Hinrichtung" Moros für einen "schweren politischen Fehler". Aber die Justizbehörden sind überzeugt, daß sich die Führer der "Autonomia" nur zur Tarnung von den Roten Brigaden distanziert, in Wahrheit aber gemeinsame Sache mit den Moro-Killern gemacht hätten.
Die Polizei behauptet, daß Negri am 30. April 1978 um 16.30 Uhr von einer römischen Telephonzelle aus im Auftrag der Roten Brigaden bei Frau Moro angerufen und die "Vollstreckung des Todesurteils" angedroht habe, Doch der Vergleich zwischen der Stimme des Anrufers und der Negris belegt diese Beschuldigung nicht zweifelsfrei. Negri im Verhör: "Damals war ich ja in Mailand. Ich erinnere mich genau, denn damals starb unsere Katze."
Negris Verteidiger forderten vergangene Woche die unverzügliche Freilassung ihres Mandanten. Die Autonomi werten den "großen Blitz" der Polizei ohnehin als ein rein politisches Manöver. Die Verhaftung der Autonomistenführer, so ein AO-Sprecher in Rom, sei "ein zwischen Christdemokraten und Kommunisten abgekartetes Spiel, um vor den Wahlen die revolutionäre Linke zu diffamieren".

DER SPIEGEL 18/1979
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