30.04.1979

Wird der eiserne Käfig nur vergoldet?

SPIEGEL-Korrespondent Tiziano Terzani über China unter Teng Hsiao-ping

Sehen Sie, sehen Sie, niemand folgt uns!" sagt Jang Ping-schin, 67, der auf einer Straße in Tientsin den Fremden anspricht, angeblich um sein Englisch zu üben. Er hat in den letzten dreißig Jahren kein Englisch mehr gesprochen, um "nicht in Schwierigkeiten zu geraten". Mit schlecht verborgener Ironie sagt er: "Ich bin Arbeiter..., Arbeiter."

Sang Ping-schin stammt aus einer reichen Familie. Sein Vater besaß im deutschen Viertel der Stadt ein kleines Haus. Nach der Revolution arbeitete Jang in einer Fabrik. Er durfte in dem alten Haus wohnen bleiben -- die Familie oben, die "Diener" unten.

Während der Kulturrevolution erklärten die Roten Garden diese Situation für untragbar und erzwangen den Umzug: Die Familie nach unten, die "Diener" nach oben.

Im Juni 1976 dann kam das große Erdbeben, kurz vor Maos Tod. Die beiden oberen Stockwerke des Hauses wurden verwüstet. "Gott weiß", sagt Jang und macht lächelnd eine Geste zum Himmel.

Das Erdbeben hat in Tientsin verheerende Spuren hinterlassen. Viele Häuser sind eingestürzt, Dächer zusammengebrochen. Tientsin hat vieles von einer europäischen Stadt aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg, wie es sie heute nicht mehr gibt: Die Kirchenkuppeln überragen die Bäume, die Bäume die Häuser, und die kleinen Straßen sind ohne Verkehr.

Die Hauptstraße, je nach Kolonialepoche Rue de la France, Via haha, Kaiser-Wilhelm-Straße und Victoria Road genannt, heißt heute "Straße der Befreiung". Im alten Café Kieseling aber wird unten im Erdgeschoß immer noch heiße Schokolade serviert, während oben auf der Balustrade junge Arbeiterpärchen inmitten von Jugendstil-Spiegeln und -Lampen mit Messer und Gabel Wiener Schnitzel oder Bockwurst mit Sauerkraut zu sich nehmen.

Früher war Tientsin zusammen mit Schanghai Symbol für ausländische Ausbeutung und Kapitalismus. Heute ist es gleichsam zu einer Art Sprungbrett für eine gewisse Form der "kapitalistischen Restauration' geworden.

Hier lebt Herr X, dessen Namen die chinesischen Behörden nicht nennen. um ihn zu schützen. Er war 1949, als die Kommunisten kamen, einer der reichsten Männer Tientsins. Daß die neuen Machthaber diese Eigenschaft nicht schätzten, war ihm klar. So sträubte er sich denn auch nicht, als sie seinen gesamten Besitz beschlagnahmten.

Dabei verschwieg er allerdings, daß er 290 000 US-Dollar an Aktien und harter Währung in einem sicheren Depot bei einer ausländischen Bank untergebracht hatte. Die Regierung kam ihm jetzt erst auf die Schliche. Aber statt ihn zu bestrafen, erkannte sie bereitwillig sein Vermögen an und half ihm, das Geld nach China zu transferieren: Sein Beispiel soll andere Kapitalisten ermutigen, ein Gleiches zu tun und ihre Ansprüche bei ausländischen Banken und Gesellschaften anzumelden.

Kapitalist zu sein ist in China heute keine Sünde mehr. Formell gesehen gibt es keine Kapitalisten mehr, denn der Begriff wurde inzwischen abgeschafft: Niemand wird heute mehr als Kapitalist, Grundbesitzer, Reaktionär oder schlechtes Element abqualifiziert.

Das während der Kulturrevolution beschlagnahmte Privateigentum wurde sogar an die rechtmäßigen Besitzer zurückgegeben. Familien, die von den Roten Garden aus ihren Häusern vertrieben wurden, erhielten inzwischen die Aufforderung, zurückzukehren und ihre Bücher, ihre Gemälde- und Porzellansammlungen -- oder was nach dem Scherbengericht der Radikalen davon übriggeblieben ist -- wieder in Besitz zu nehmen.

"Die Bourgeoisie als Klasse existiert nicht mehr. Daher stellen diese Leute keine Gefahr mehr dar. Im Gegenteil, sie können zur Modernisierung beitragen', erklärt ein Funktionär in Peking.

Selbst in der offiziellen kommunistischen Presse heißt es jetzt, die ehemaligen Kapitalisten verfügten über ein Reservoir dringend benötigter Fähigkeiten und Erfahrungen im Umgang mit der Außenwelt, an das die kommunistisch erzogenen Parteifunktionäre nicht heranreichten. Die ehemaligen Geschäftsleute könnten den Tourismus entwickeln, Außenhandel und Gemeinschafts-Fertigung mit ausländischen Investoren betreiben.

Maos Gleichheits-Ideologie ist vergessen, wie einige Wandplakate bereits monierten. Beim Schneider Hung Dou im ehemaligen Gebäude der Reisegesellschaft Wagons-Lits-Cook im alten Kolonialviertel Pekings drängen sich Parteikader und rehabilitierte Kapitalisten, um für die noch immer obligaten Mao-jacken aus teurem Stoff maßnehmen zu lassen. Geräumige, je nach Rang graue oder schwarze Limousinen befördern im dichten Verkehrsgewimmel Tausender Fahrräder und überfüllter Busse nur einen einzigen Fahrgast -- hinter zugezogenen Vorhängen, einem weiteren Symbol für erworbenen Status.

Unlängst verkaufte ein Ausländer über einen Freundschaftsladen seinen alten VW und sah ihn später dann im Verkehr wieder -- ausgerüstet mit zugezogenen braunen Vorhängen. Ein Parteifunktionär hatte ihn erworben und ausgestattet.

Das maoistische Streben nach einer egalitären Gesellschaft ist selbst als Vorwand inzwischen aufgegeben worden. Eine der Grundvoraussetzungen der maoistischen Klassen-Analyse, daß die Bourgeoisie überlebe und in Zeiten des Aufbaus des Sozialismus daher eine Gefahr darstelle, wurde gar völlig über Bord geworfen.

Kritik am verstorbenen Steuermann ist auch nach der neuerlichen Einschränkung der Meinungsfreiheit kein Tabu-Thema mehr und versteckt sich nicht hinter Allegorien.

"Mao war wie die Kaiser vergangener Zeiten, die unweigerlich alle verdienstvollen Beamten umbrachten, nachdem sie ihre eigene Macht gefestigt hatten. Gott allein weiß, wie viele Menschen nach der Devise "Diejenigen, die sich Mao widersetzen, sind Konterrevolutionäre! getötet wurden, schreibt die Untergrund-Publikation "Aufklärung", die jetzt zum dritten Mal herauskam.

Die Angriffe gegen Mao stimmten offenbar, wie die meisten Angriffe auf den Wandzeitungen, mit den Ansichten höchster Stellen überein. Auch wenn die Wandzeitungs-Kampagne inzwischen weithin abgebrochen wurde, verschwinden in ganz China allmählich die Spuren des Mao-Kults: Die Mao-Tse-tung-Bibliothek im Internationalen Klub von Peking wurde in einen Schönheitssalon umgewandelt, der Sonderverkaufsstand im Hotel Peking, der früher die Werke des Vorsitzenden verkaufte, bietet jetzt französischen Champagner und amerikanische Zigaretten an.

Auf dem Campus der Pekinger Universität steht zwar noch eine große Zementstatue Maos, doch in der Öffentlichkeit wird der Name des Vorsitzenden kaum noch erwähnt. Niemand leistet Maos theoretischem Beitrag auch nur Lippendienst oder erweist Maos sterblichen Überresten gebührenden Respekt: Das Mao-Mausoleum ist geschlossen.

Seit Januar bilden sich auf dem Platz des Himmlischen Friedens keine langen Schlangen von Menschen mehr, die aus ganz China herbeiströmten und geduldig darauf warteten, vor dem in eine rote Fahne gehüllten Führer unter der Glasglocke den Kotau zu vollziehen.

Ein kleines Baugerüst und ein handgemaltes Schild weisen darauf hin, daß im Gebäude Bauarbeiten im Gang sind. Gerüchten zufolge wurde der Leichnam Maos so schlecht konserviert, daß er bis zur Unkenntlichkeit verfallen ist und daher nicht wieder ausgestellt werden kann.

"Das kommt davon, wenn man etwas ohne unsere technische Hilfe macht, äußerte ein sowjetischer Diplomat kürzlich gegenüber einem westlichen Kollegen. "Sehen Sie sich einmal in Hanoi an, was wir mit Ho Tschiminh gemacht haben."

Einige Beobachter glauben allerdings, die Zersetzung sei vor allem ein politisches Phänomen, und das Mausoleum werde, wenn es je wieder seine Pforten öffnen sollte, nicht mehr seinem ursprünglichen Zweck entsprechen: Mao werde womöglich ganz verschwunden sein, da er den Ehrenplatz nicht mit dem derzeit in China am meisten verehrten Toten teilen kann -- Premier Tschou En-lais Leiche wurde verbrannt, die Asche aus einem Flugzeug über China verstreut.

Zur Zeit ist selbst das Museum der Revolution geschlossen, denn: "Sie haben noch nicht entschieden, wer Revolutionär ist und wer nicht", sagt ein Herr mittleren Alters, der sich spontan als Fremdenführer empfiehlt. Er wurde vor zwei Monaten aus einem Umerziehungslager "Reform durch Arbeit" entlassen und hat jetzt nichts zu tun.

Wie er werden mindestens eine halbe Million Menschen, die während der Kampagne gegen rechtsgerichtete Gruppen 1957 oder während der Kulturrevolution zehn Jahre später in Schwierigkeiten gerieten, rehabilitiert und kehrten zu ihren Familien zurück. Sie haben keine Arbeit: Ihre alten Posten wurden von anderen Leuten übernommen. Sie wurden aufgefordert, sich zu gedulden und keine persönliche Rache zu üben: Eine Wiedergutmachung des Unrechts vergangener Zeiten würde ungeheure Probleme schaffen.

Die Liberalisierung, die jetzt zurückgenommen wurde, hatte den meisten Menschen das Gefühl vermittelt, die Grenzen ihrer persönlichen Freiheit erweitern zu müssen; bei den rehabilitierten Mao-Opfern führte das zum Verlangen nach Entschädigung für frühere unrechtmäßige Strafen.

Bei den Einwohnern Tientsins, die zur Zeit des Erdbebens kleine Backsteinhütten an den Bürgersteigen errichteten, förderte die neue kleine Freiheit das Selbstbewußtsein: Sie wagten, sich der Regierungs-Order, die Hütten zu verlassen, zu widersetzen. Denn inzwischen haben sie sich an die zusätzlichen Räumlichkeiten gewöhnt, die sie gut gebrauchen können, um Kohle für den Winter einzulagern oder auch eine Tochter zu verheiraten.

Studenten, die früher nach ihrem Mittelschulabschluß aufs Land geschickt worden waren, fühlen sich gegenüber ihren jüngeren Kollegen benachteiligt, die direkt nach der Schule zur Universität gehen oder eine Anstellung in den Städten finden können. Nun äußern sie offen ihren Unmut.

Bei allem Freimut herrscht viel Disziplin. China ist ein Land, in dem Sozialismus nicht gleichbedeutend ist mit verstaubten Schaufenstern oder Unachtsamkeit im Umgang mit Staatseigentum. In den staatlichen Restaurants wird der Gast selbst nach langem Warten noch zuvorkommend bedient. Das Klischee vom sauberen, ordentlichen China entspricht der Realität. Die Straßen und öffentlichen Plätze sind sauber, sogar die öffentlichen Toiletten, in denen Weihrauchstäbchen für guten Geruch sorgen.

In den Zügen werden selbst die Abteile mit den harten Sitzen für die Massen ständig gefegt, damit die Spuren der offenbar unausrottbaren chinesischen Unsitte des Spuckens beseitigt werden. Auf den Bahnhöfen wischt eine Frau die Türgriffe, bevor die Reisenden einsteigen.

Das ist immer noch das Ergebnis einer sozialen Erziehung, die vom Regime vermittelt wurde. in ganz China besteht ein ausgeprägter Sinn für das Gemeinwohl: Die Gruppe zählt mehr als die Einzelperson. Die Soldaten der Volksbefreiungsarmee benutzen beim Besuch der Großen Mauer ihre kleinen Bajonette denn auch nicht, um den eigenen Namen in die jahrhundertealten Steine zu ritzen, sondern den Namen ihrer Einheit.

Die zunehmenden Ansprüche und Forderungen, die sich dennoch aus der Lockerung der früheren strengen Disziplin ergeben, mußte die Regierung auffangen. Sogar ein europäischer Diplomat erkannte:.. Für China gleicht die Demokratie einer Büchse der Pandora: Sie ist voller Überraschungen, aber auch voller Gefahren." Modernisierung ist das Zauberwort, mit dem unter Teng Hsiao-ping Regierung und Volk alle Probleme zu lösen hoffen.

"Durch Modernisierung werden wir Demokratie erlangen, durch Demokratie Modernisierung", stand auf einer Wandzeitung, auf der es dann weiter hieß: "Modernisierung ohne Demokratie würde nur bedeuten, den eisernen Käfig, in dem wir jetzt sitzen, zu vergolden."

Dabei birgt der Pfad der Modernisierung auch eine Gefahr: daß bestimmte Kategorien von Menschen Vorteile gegenüber anderen gewinnen. Das wiederum wird zu neuen Ungleichheiten und Konflikten führen, vor allem zwischen der Bevölkerung der Städte und der Landbevölkerung, deren Hauptsorge immer noch ist, Armut und Hunger zu überleben.

Nach westlichen Maßstäben führen die meisten Menschen in den Städten ein erbärmliches Dasein. Die Modernisierung aber bedeutet für sie mehr als die Möglichkeit, schließlich das WC reparieren zu können, das die Roten Garden als Symbol des Revisionismus während der Kulturrevolution demoliert hatten.

"Die Armut unseres täglichen Lebens ist von zweitrangiger Bedeutung, das Schlimmste ist die geistige Armut", sagt ein Mitteischullehrer, der in einem Zimmer lebt, nur vier mal vier Meter groß, in dem nicht einmal Platz für die Wiege des neugeborenen Babys ist. "Gegen meine Lebensumstände lehne ich mich nicht auf", so der Lehrer, "aber daß ich keine Bücher habe, erbittert mich zutiefst."

Bücher wird es bald wieder geben. Vor der Hsinhua-Buchhandlung in der Pekinger Wang-Fuj-ing-Straße bildet sich täglich eine lange Schlange von Menschen, die eine neuerschienene englische Grammatik für den Lohn von zwei Arbeitsstunden kaufen wollen.

In Peking gibt es keine Krankenwagen. Muß jemand ins Krankenhaus gebracht werden, wird er, in eine Decke gehüllt, auf einem fahrradgezogenen Holzkarren transportiert. Krankenhäuser aber gibt es immerhin.

In den entlegenen Kommunen dagegen sind Tausende von Menschen auf rudimentäre Sanitätseinrichtungen und den Rat des Feldschers angewiesen. Aus den Städten ertönt der Ruf nach mehr Demokratie, vom Lande der Ruf nach elementarer Versorgung.

"Women jau tschifan! Women jau tschifan!" (Wir wollen essen! Wir wollen essen!) rief eine Gruppe von 200 Bauern, die, in Lumpen gekleidet, die Kinder ohne Mäntel, die alten Männer in Tränen, das Eisentor der Großen Halle des Volkes zu stürmen versuchten. Die Halle erstrahlte in hellem Lichterglanz, Musik drang heraus in die Nacht.

Tausende auf Hochglanz polierte Limousinen parkten in endlosen Reihen auf dem von lähmend kalten Winden gepeitschten Platz des Himmlischen Friedens. 30 000 Staatsgäste, die drinnen feierten, repräsentierten symbolisch den Beginn der neuen Ära.

Die oberste Führung des Landes, einschließlich der rehabilitierten Kader wie (ler Witwe Liu Schao-tschis, lauschten den Klängen westlicher Musik, sahen eine Flamenco-Darbietung und tanzten Walzer -- auf dem größten Bankett in der Geschichte der Volksrepublik China.

Die 200 ungeladenen Bauern jedoch, die aus dem Dunkeln kamen und den Sitz der revolutionären Macht stürmen wollten (sie wurden von einer Einheit der Sicherheitswachen aufgehalten und diskret zerstreut>, erinnerten an die Nöte, die China noch zu bewältigen hat.

Wochenlang durchstreiften Hunderte dieser armen Bauern die Pekinger Innenstadt, kampierten unter dem Hatamen-Tor, lagerten nachts vor dem Dschung-Nanhai, dem roten Eingang der Residenz Hua Kuo-fengs, wärmten sich in der Mittagssonne an den Mauern der Verbotenen Stadt oder starrten in die Fenster der Warenhäuser, in denen neuimportierte japanische Farbfernseher zum Preis von hundert Monatslöhnen angeboten werden.

Sie hatten von dem neuen politischen Klima gehört und waren wie in früheren Jahrhunderten aus den entlegenen Provinzen angereist, um den Kaiser um mehr Gerechtigkeit zu bitten. Sie stammten nicht aus Musterkommunen, die man Ausländern vorführt.

Es waren Menschen, die immer noch "weißen Tee" (abgekochtes Wasser) trinken und zum großen Teil, wie selbst das Parteiorgan "Volkszeitung" zugibt, immer noch nur 0,8 Jüan pro Tag verdienen (etwa eine Mark). Ihre Aussichten auf ein besseres Leben in nächster Zeit dürften nicht groß sein.

In China sind die Preise für Agrarprodukte in den letzten Jahren stabil geblieben. In einigen Fällen sind sie sogar zurückgegangen, etwa für Gemüse. Damit aber haben sieh für viele Bauern die Einnahmen verringert.

"Früher bekamen wir für unsere Gurken sieben Pfennig je Pfund, heute dagegen erhalten wir nur fünf. Obwohl wir 171 000 Pfund mehr als im letzten Jahr produzierten, haben wir 19 500 Jüan weniger eingenommen. Dennoch müssen wir für Bambusstäbe, Plastikbeutel und landwirtschaftliches Gerät mehr ausgeben", hieß es in einem offenen Brief der Kommune-Bauern, der in der "Volkszeitung" veröffentlicht wurde -- unter der Überschrift: "Warum sollen wir Bauern umsonst schwitzen?"

China war von jeher ein Land der Bauern und wird das auch lange Zeit noch bleiben. Auf sie gründete Mao seine soziale Revolution: Er wollte die Dörfer von Armut, Unwissenheit und Sklaverei befreien.

Während er die Bauern mit seiner Gleichheits-Utopie mobilisierte, vernichtete er in den Städten die alten herrschenden Klassen der Intellektuellen, der Beamten, der Grundstücksbesitzer und Kaufleute. Auf diese Weise lähmte er die Städte, unterdrückte er die Intelligenz. Als seine Politik dann von seinen Anhängern, der "Viererbande", auf die Spitze getrieben wurde. war das Ergebnis eine kulturelle, wirtschaftliche und bildungspolitische Katastrophe.

Seit 1949 hat sich die Zahl der Bauern in China verdoppelt. Sie sind frei, aber immer noch arm. Jetzt wird die Politik Maos völlig umgekehrt. Teng Hsiao-ping will mit Hilfe moderner Technologie alle Wirtschaftssektoren Chinas entwickeln.

Aber gerade hier liegt das große Hindernis. Die Landwirtschaft läßt sich am schwierigsten modernisieren. Da der nutzbare Boden weithin erschlossen ist, können durch die Mechanisierung nur Arbeitskräfte eingespart werden, die China jedoch im Übermaß besitzt. "Sagen Sie nie, daß Ihre Maschinen die Zahl der Arbeitskräfte reduzieren würden", rät der Wirschaftsattaché einer westlichen Botschaft den Industriellen seines Landes, die nach China kommen, um dort ihre Maschinen zu verkaufen.

Frühere Pläne, die Landwirtschaft bis 1980 grundlegend zu mechanisieren, wurden bereits abgeändert. Alle Anstrengungen konzentrieren sich jetzt auf ausgewählte Bereiche der Landwirtschaft, die schnelle Erträge abwerfen -- meist Staatsgüter im Umkreis der Städte.

"Um die Jahrhundertwende", so ein amerikanischer Wissenschaftler, der jetzt China bereist, "wird es eine Milliarde chinesische Bauern geben und 300 Millionen chinesische Stadtbewohner. Diese werden dann von der Modernisierung profitiert haben, die Bauern aber werden so arm sein wie eh und je. Wir sind auf dem besten Wege, das städtische China gegen das ländliche zu unterstützen. Mit Coca-Cola allein wird China seine Anbauflächen nicht vergrößern können."

Coca-Cola ist gewiß nur ein Symbol. Als jedoch die ersten 20 000 Kisten -- ausschließlich für den Bedarf der Ausländer -- in Peking eintrafen, sahen Beobachter schon die Probleme, die sich für China aus dem langsamen, aber stetig steigenden Strom ausländischer Touristen und ausländischer Waren ergeben.

"Könnten Sie mir in Hongkong eine Sonnenbrille kaufen?" fragte ein Student in Peking den Besucher. In den Warenhäusern gibt es zwar viele Sonnenbrillen, doch die Erzeugnisse aus dem Ausland sehen besser und modischer aus. Sie sind eben westlich, sie sind modern.

In Kanton sollen zwei Fabriken fast gestreikt haben, um ihre Forderung durchzusetzen, während der Arbeitszeit über Lautsprecher Musik aus Hongkong zu hören. In Tientsin photographierte sich eine Gruppe Jugendlicher in westlichen Krawatten und Jacken, die ihnen Verwandte hei einem Besuch mitgebracht hatten.,, Das sind keine Chinesen! Das sind japanische Touristen", behauptete verlegen ein chinesischer Reiseführer.

In einem Pekinger Geschäft für Gebrauchtmöbel werden die traditionellen Bambus- und Strohstühle zum Preis von je acht Jüan verkauft, während häßliche Plastikstühle 27 Jüan kosten -- sie gelten als moderner.

Zwei Millionen Armbanduhren werden jetzt jährlich aus der Schweiz importiert. Die Warenhäuser bieten zum Preis von 1300 Jüan Rolex-Uhren an, die auch tatsächlich gekauft werden, weil sie aus dem Ausland kommen und einige Stadtbewohner genügend Geld haben. "Auf diese Weise werden die Gehaltserhöhungen und die Ersparnisse der Arbeiter in Umlauf gebracht, um die Inflation einzudämmen" erklärte ein Wirtschaftsexperte.

Tengs Amerika-Reise, die noch immer auf Bildern an den Hauptstraßen aller Städte groß herausgestellt wird, hat zu dieser mythischen Vorstellung vom Westen beigetragen, die insbesondere die USA als ein Dorado des Glücks und der Prosperität erscheinen läßt. Klimatisierte Busse für den beruflichen Pendelverkehr, Wolkenkratzer mit geräumigen Wohnungen, rotierende Restaurants oben auf den Hotels gehören zu den Dingen, die es im täglichen Leben der Chinesen nicht gibt und von denen die Menschen daher träumen.

Die Schattenseiten unserer technischen Welt wurden bis vor kurzem überhaupt nicht erwähnt. Ein Gegner Tengs muß dafür gesorgt haben, daß die meisten Kinos in China eine Satire auf den US-Fortschritt zeigten: Charlie Chaplins "Moderne Zeiten" -- als im Fernsehen die Bilder von den automatischen Farmen und den riesigen Fabriken Amerikas liefen.

Noch ist völlig unsicher, wie China auf den Strom Tausender Touristen mit ihren Gewohnheiten, Bedürfnissen, ihren Trinkgeldern reagieren wird. In der Kolonialzeit war für Hunde und Chinesen das Betreten der Parks am Schanghaier "Bund" untersagt. Hunde werden in China heute nicht mehr diskriminiert -- es gibt keine mehr. Aber die Chinesen genießen weiterhin weniger Rechte als die Fremden. Heute heißt das Verbotsschild: "Nur für ausländische Besucher."

Es hängt an den Eingängen der Läden, Warenhäuser und Ferienorte. Der schönste Strand in China, Beidaho, ist Ausländern reserviert. Neben den alten "Freundschaftsläden", die in allen großen Städten zu finden sind, gibt es andere Geschäfte. die Gemälde, Antiquitäten und Kunstgewerbe ausschließlich an Touristen verkaufen.

Auslandschinesen müssen dort ihren Paß vorlegen, ihre chinesischen Verwandten, für die sie Geschenke kaufen, müssen draußen bleiben.

Angesichts der zu erwartenden Touristenscharen dürfte sich die Zahl der Stätten, zu denen die Chinesen keinen Zutritt haben, noch weiter erhöhen.

So ist bereits geplant, das alte Sanatorium in Beidaho in ein Hotel umzuwandeln. Außer Marlboro-Zigaretten und französischem Wein dürfen die Chinesen auch keine typisch chinesischen Erzeugnisse kaufen wie Tsingtau-Bier, Maotai-Branntwein und Tausende anderer Waren, von Seide bis zu Holzschnitzereien, die ausschließlich für den Export produziert werden. So dürfte es nicht mehr lange dauern, bis sich in den größeren Städten ein raffinierter Schwarzmarkt für diese Artikel entwickelt.

Russische Sitten breiten sich aus: "Könnten Sie für mich vielleicht eine Flasche Maotai kaufen?" fragte ein Taxifahrer unlängst einen Gast, nachdem er ihn zum Freundschaftsladen gefahren hatte, und händigte ihm den notwendigen Geldbetrag aus.

Ein Ausländer hatte im Pekinger Minzhu-Restaurant 1,70 Jüan Wechselgeld auf dem Tisch liegenlassen -- der Kellner lief 300 Meter hinter ihm her, um das Geld zurückzugeben. Andere Gäste aber berichteten, daß der Etagenboy im Hotel Peking, wenn er Geld zur Bezahlung von Rechnungen erhält, bereits fragt: "Der Rest ist wohl für mich?"

Die Ausländer werden wie in alten Zeiten, als sie an abgeschiedenen Orten lebten, von den Chinesen möglichst getrennt. Auf den Flughäfen gibt es gesonderte Warteräume für Ausländer, in den Zügen Sonderabteile, in den Restaurants Séparés. Selbst die Denkmäler, so die fünfstöckige Pagode in Kanton, haben separate Aussichtsplattformen.

Die Fernzüge führen nur einen einzigen Speisewagen. Findet sich dort zur Mittagszeit ein Ausländer ein, muß er warten, bis alle Chinesen fertig sind. Besteht er auf Bedienung, erlebt er, wie alle Chinesen mit ihren halb leergegessenen Schüsseln vertrieben werden und der Fremde allein im Speisewagen sitzt.

Offizielle Rechtfertigung: Die Chinesen möchten, daß der Ausländer sich wohl fühlt. Sie möchten ihm das Gefühl geben, ein gerngesehener Gast zu sein. Dahinter aber verbirgt sich auch der Gedanke, daß die Landeskinder vor der infizierenden Anwesenheit der "ausländischen Teufel" geschützt werden müssen.

Für den Durchschnittschinesen sind alle Ausländer gleich. Die heutigen Ausländer unterscheiden sich für sie kaum von jenen "Barbaren", die in früheren Jahrhunderten nach China kamen, um dort zu kaufen oder zu verkaufen, und sich weigerten, vor dem Kaiser einen Kotau zu machen.

Der Unterschied besteht nur darin, daß beute die Ausländer ihren Kotau leichter machen. Gesprächsfetzen wie "Ich habe noch nie soviel von Freundschaft geredet wie in diesen Tagen" oder "ich habe soviel gelächelt, daß mir meine Wangen schon weh tun", sind heute in den Fahrstühlen des Hotels Peking in den verschiedensten Sprachen zu hören. Vor dem Ersten Weltkrieg von den Russen erbaut, von den Franzosen und später dann von den Sowjets erweitert, dient das Hotel heute weitgehend den gleichen Zwecken wie in der Kolonialzeit.

Es wimmelt von Geschäftsleuten mit Aktentaschen voller Projekte, Broschüren und Angebote. Die Chinesen sind geschickt: Haben sie ein Problem, laden sie fünf verschiedene Delegationen ein, die ihnen Lösungen unterbreiten sollen. "Allein auf diese Weise schon", so ein ausländischer Diplomat, "lernen sie und bilden ihre Kader aus."

Die verschiedenen Gruppen, die China mit großem finanziellem Aufwand besuchen -- eine Ein-Mann-Delegation kostet durchschnittlich 300 US-Dollar pro Tag, wobei die meisten Delegationen aus mindestens acht bis zehn Leuten bestehen und zuweilen bis zu zwei Wochen bleiben -, lernen schnell ihre Erfolgsaussichten einzuschätzen.

"Wenn die Chinesen Ihnen nur eine Fabrik zeigen, ist Ihre Reise ein Fehlschlag". sagt ein in China ansässiger Experte. "Zeigen sie ihnen aber vier oder fünf Fabriken, ist das ein vielversprechender Anfang. Sie sind an Ihnen interessiert."

Neben den Vertretern großer internationaler Konzerne und Banken, die im Hotel Peking ständig Zimmer reserviert halten, wohnen dort auch zahlreiche mittlere und kleine ausländische Unternehmer, die nur wenig über China wissen, von den Aussichten eines so riesigen Marktes mit angeblich einer Milliarde potentieller Käufer aber angelockt werden.

So reiste ein Kanadier an, um Plastikschilder wie "Betreten des Rasens verboten" zu verkaufen. Ein Amerikaner wiederum wollte das Monopol für die Organisation von Pferderennen erwerben, ein Franzose den Chinesen, die keinen Käse essen, ein Spezial-Sortiment trockenen Camemberts verkaufen.

Ein anderer Geschäftsmann war gekommen, um Pfeil und Bogen zu verkaufen. Die Leute hielten ihn für verrückt. Doch nachdem China jetzt beschlossen hat, an den Olympischen Spielen teilzunehmen, hat sein Angebot gewisse Chancen.

Die anfängliche Begeisterung über Chinas Politik der offenen Tür ist inzwischen ein wenig abgeklungen, nachdem viele westliche Firmen und Banken erkannt haben, daß der Weg nach Peking nicht mit Gold gepflastert ist.

Einige Geschäftsleute sprechen bereits von einer "chinesischen Seifenblase", denn Peking ist wahrscheinlich nicht in der Lage, das Land aus seiner Unterentwicklung herauszuführen und alles zu bezahlen, was es kaufen möchte.

"Heutzutage ist auch von dem einst gerühmten großen Potential des indischen Marktes längst keine Rede mehr", sagt ein Europäer. Doch andere glauben, daß der Mechanismus der Modernisierung und Demokratisierung bereits den Bann gebrochen habe, in dem China seit dreißig Jahren lebte. "Ist Dornröschen erst einmal wachgeküßt", so ein Diplomat, "kann man es nicht wieder in den Schlaf wiegen."

Täglich berichtet sogar die offizielle Presse den Chinesen zumindest einen Teil der Wahrheit: China ist auch in der Propaganda nicht mehr ein vollkommenes Land mit angeblich glücklichen Menschen. Selbst die Behörden geben zu, daß es Arbeitslosigkeit, Kriminalität, Umweltverschmutzung, Inflation und Korruption gibt, daß die Polizei Repression übt, die Filme langweilen und das Erziehungswesen völlig darniederliegt. Die Schuld für die Mißstände wird nicht mehr ausschließlich der "Viererbande" angelastet.

Betrachtet man die Chinesen, wie sie sich in den Bussen drängen, zur Arbeit gehen oder auf den Bänken in der Sonne sitzen und sich leidenschaftlich jenen Kartenspielen hingeben, die während der Kulturrevolution streng bestraft wurden, so hat man den Eindruck eines sich langsam erholenden, eines genesenden Volkes.

An welcher Krankheit hatte es gelitten? Nur an der schrecklichen Periode der "Viererbande"? Oder brach die Krankheit schon viel früher aus?

Auf den roten Anschlagtafeln in allen Städten steht immer noch in weißen Schriftzeichen die Parole: "Lange lebe die große, rechtschaffene Kommunistische Partei Chinas."

Diese Partei ist jetzt dabei, Millionen Menschen zu rehabilitieren, darunter auch das Symbol allen Übels, den früheren Staatspräsidenten Liu Schaotschi, den die Partei in der Vergangenheit verdammt hatte. Das bedeutet, daß die Partei in einem Punkt also doch nicht ganz so groß und rechtschaffen war. Führer, die früher als Helden bezeichnet wurden, darunter auch Mao, werden jetzt auf Normalmaß gestutzt. So verlangte denn auch der Parteichef Hua Kuo-feng, das ihm zuerkannte Tribut "weise" wieder fallenzulassen. "Nennen Sie mich einfach Genosse Hua", erklärte er im ganzen Lande.

Die Kommunistische Partei hat ihre Aura absoluter Macht und Unantastbarkeit verloren. Den Sozialismus wird sie zwar mit Sicherheit nicht über Bord werfen. Doch nachdem es jahrelang geheißen hatte, der Sozialismus sei das bestmögliche System, gibt China jetzt immerhin zu, ein unterentwickeltes und rückständiges Land zu sein, und Wandzeitungen wiesen bereits darauf hin, daß nichtsozialistische Länder wie Taiwan oder Japan wirtschaftlich sehr viel erfolgreicher sind.

China hat sich in den letzten beiden Jahren enorm verändert. Überall hat ein großer Wandel stattgefunden, auch in der Politik. Manches im System scheint außer Kontrolle geraten zu sein, doch das System als Ganzes wird immer noch von oben gesteuert.

Teng wendet ein Modell an, das er in den Jahren der Ungnade ersonnen hat. "Es setzt sich aus einem Teil Eurokommunismus, einem Teil Titoismus und immer noch sehr viel Chinesischem zusammen", urteilt ein westlicher Diplomat.

Viele Menschen in China befürchten, das neue System werde nicht funktionieren. Sie haben Angst, daß die "Viererbande" aus der Abgeschiedenheit des Sicherheitsgefängnisses Tjin Feng (nördlich der Ming-Gräber) wieder an die Macht zurückkehren könnte, falls Teng scheitert.

Das scheint nicht ganz absurd zu sein. Doch auf der -- inzwischen abgerissenen -- Wandzeitung einer Pekinger Menschenrechtsgruppe hieß es auch: "Was immer auch geschehen wird, nach diesem "Frühling' wird China nie wieder das sein, was es einmal war."


DER SPIEGEL 18/1979
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