30.04.1979

Film: Die Wiederkehr des frechen Oskar

Zwanzig Jahre nach seinem Erscheinen ist der bekannteste deutsche Nachkriegsroman verfilmt worden: "Die Blechtrommel" von Günter Graß. Volker Schlöndorf fand für die Hauptrolle mit dem zwölfjährigen David Bennent eine Idealbesetzung -- neben Fassbinders "Maria Braun" ein zweiter Durchbruch des deutschen Films?

Im Alter von drei Jahren beschloß er, mit dem Wachsen aufzuhören; von seiner Trommel, mit der er seine kleinbürgerliche Umwelt drangsalierte, trennte er sich nie; wenn er losbrüllte. konnte er mit seinen schrillen Schreien Gläser, Lampen und Fenster Zerspringen lassen; am liebsten flüchtete der Gnom unter Weiberröcke, und seine Verwandtschaft trieb er ungerührt unbeabsichtigt in den Tod:

Die Geschichte dieses Giftzwergs namens Oskar Matzerath, der aus der Maulwurfperspektive von scheinbar großen Zeiten und ihrem kläglichen Ende erzählt, wurde zum bekanntesten und umstrittensten literarischen Ereignis der Nachkriegszeit.

1959 erschien "Die Blechtrommel" von Günter Graß und wirbelte mit ihren gargantuesken Schlägen den restaurativen Staub der Adenauer-Ära und den moralinsauren Muff der frömmelnden Wirtschaftswunderjahre auf.

Der damals 33jährige Autor erhielt zwar schon vor Erscheinen des Romans nach einer Lesung den begehrten Preis der Gruppe 47 und wurde in enthusiastischen Rezensionen mit Rabelais und Grimmelshausen verglichen, sein kaschubischer Mammutroman als ein neuer "Wilhelm Meister" gefeiert.

Aber neben schulmeisterlichem Tadel des Großkritikers Reich-Ranicki in der "Zeit" ("Schaumschlägereien", "schäbige Witzeleien" und "chronische Geschmacklosigkeit") und des konservativen Günter Blöcker in der "FAZ" ("peinliches Vergnügen") provozierte der vorwiegend im Danzig der Nazizeit und im Düsseldorf der Währungsreform spielende Grotesk-Roman mit seinen Blasphemien und seiner sexuellen Unbekümmertheit die geifernde Entrüstung von Heimatvertriebenen und Klerikalen.

Die im bigotten Würzburg erscheinende "Deutsche Tagespost" entrüstete sich, die "Blechtrommel" sei "eine Rebellion des Schwachsinns und des erzählerischen Unvermögens, die in klinischen Phantasmagorien endet".

Ähnlich attestierte "Christ und Welt" Graß einen "anomalen Hang zum Ekligen".

Die Heimatvertriebenen-Zeitung "Unser Danzig" nahm Grassens ehemalige Landsleute altväterlich in Schutz ("So kann sie nur jemand darstellen, der wahrhaft Nihilist ist") und warnte: "Einem jungen Menschen darf man diesen Roman nicht in die Hand geben."

Der katholischen Kirche war der Wälzer prompt verpönt, deutsche Literaturpreise wurden dem Werk skandalös entzogen, und noch Jahre später, als Graß für die SPD und Willy Brandt in den Wahlkampf zog, galt das ihm von rechts angeklebte Attribut "Blechtrommler" als Synonym für ungehemmte Ferkeleien, Kirchenschändung und schnöden Heimatverzicht.

Wie sich die Zeiten ändern! Aus der "kaschubischen Rübensau" ist längst der poeta laureatus der Bundesrepublik geworden, eine Art Thomas Mann der siebziger Jahre.

Und die Verfilmung der einst anstößigen "Blechtrommel" verspricht, obwohl sie von den ehemaligen Anrüchigkeiten des Werks nichts verharmlost oder verschweigt, zum deutschen Filmereignis des Jahres zu werden.

Schon vor dem Kinostart am 4. Mai in 55 deutschen Städten erhielt das Zweieinhalbstunden-Werk die Goldene Schale, den höchsten offiziellen Filmpreis. Bei den Filmfestspielen in Cannes ist die "Blechtrommel", neben Werner Herzogs "Woyzeck", deutscher Beitrag im Wettbewerb.

Daß aus dem frechen Oskar erst nach 20 Jahren ein Kinoheld wurde, nimmt wunder in einer Filmlandschaft wie der deutschen, die., subventionsbegünstigt, von Fontane über Böll bis Simmel sich kaum ein Stück Literatur unverfilmt entgehen läßt.

An Versuchen, die Blechtrommel für die Leinwand zu adaptieren, hat es nicht gefehlt -- obwohl sich das 736-Seiten-Epos eigentlich gegen eine Verfilmung sperrt. Und zwar aus mehreren Gründen: Einmal, weil Graßens Roman, der oft auch mit Christian Reuters "Schelmuffsky" aus der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts verglichen wurde, aus barocken Wortkaskaden besteht, aus phantastischen Sprachbildern, die in der optischen Realität leicht zur bloßen Illustration zu verkümmern drohen. Zum anderen, weil der zwergenhafte Held Oskar, dem Märchendäumling nachempfunden, als Rolle nicht zu besetzen schien.

Gerade diese Schwierigkeiten reizten den Münchner Filmproduzenten Franz Seitz, der schon 1960 versucht hatte, das sperrige Buch dem sperrigen Autor für eine Verfilmung abzuhandeln. Mehrere, auch amerikanische Produzenten, die mit teils "absurdesten Vorstellungen" (Graß) an ihn herantraten, ließ der Autor abblitzen: "Einmal kam ein amerikanischer Regisseur, der ganz begeistert von dem Buch sprach, das ging eine Viertelstunde lang; dann aber fragte er: "Muß das unbedingt sein, daß dieser Junge mit drei Jahren sein Wachstum einstellt?' Ich habe ihn rausgeschmissen."

Seitz dagegen erhielt vor vier Jahren für ein von ihm verfaßtes werkgerechtes 50-Seiten-Treatment den Zuschlag. Doch damit war weder der Regisseur noch der Knirpsdarsteller gefunden. Seitz fühlte bei Theater- und Filmregisseur Johannes Schaaf ("Trotta") vor, der bei seiner Bühnenarbeit schon eine Vorliebe für Zwerge und Liliputaner offenbart hatte. Doch Schaaf sagte ab. In dem Exilpolen, dem Hollywood-Ärgernis Roman Polanski glaubte Seitz den idealen Regisseur und Hauptdarsteiler (lichte Höhe 1,66 Meter) gefunden zu haben. Doch zum Abschluß kam es nicht.

Schließlich wurde Seitz mit Volker Schlöndorff handelseinig, für den er schon 1965 die Musil-Verfilmung "Der junge Törless" produziert hatte -- Schlöndorffs Erstling, die Geschichte einer pubertären Verwirrung.

Ähnlich wie einst Graß, wurde Schlöndorff in den letzten Jahren zum bundesrepublikanischen Ärgernis, als er die (vom SPIEGEL erstabgedruckte) Böll-Erzählung "Die verlorene Ehre der Katharina Blum" 1975 verfilmte. Denn Buch und Film handeln anhand eines fiktiven Falls von der deutschen Realität der Terroristenhysterie.

Die Titelheldin, die einen flüchtigen vermeintlichen Terroristen beherbergt, wird von einer bestimmten Boulevardpresse (Böll: "Ähnlichkeiten mit den Praktiken der "Bild'-Zeitung sind weder beabsichtigt noch zufällig, sondern unvermeidlich") so sehr in die Enge getrieben, daß sie einen Journalistenmord begeht. Springer-Kolumnist Habe zeterte in der "Welt am Sonntag": "Schlöndorffs "Katharina Blum'-Film gehört zu den übelsten Propagandastreifen der Gegenwart ... Volker (Schlöndorff) hat nicht einmal das Talent des Veit (Harlan). Ein linker "Jud Süß."

Vollends ins Sperrfeuer der Springer-Presse geriet der Regisseur, als er Beirat des vom RAF-Verteidiger Klaus Croissant gegründeten Rechtshilfefonds für Baader-Meinhof-Häftlinge wurde. Man verleumdete ihn, den Schauspieler und späteren Terroristen Christoph Wackernagel politisch beeinflußt zu haben, und ordnete ihn kurzerhand den "geistigen Wegbereitern des Terrorismus" zu, gegen die im deutschen Herbst nach Buback, Ponto, Schleyer und Mogadischu zur Jagd geblasen wurde.

Noch im November 1978 wies ein Münchener Gericht Schlöndorffs Klage gegen den CSU-Abgeordneten Günther Müller ab, der Schlöndorff öffentlich als einen "hauptverantwortlichen Informationsstrategen der "Rote Armee Fraktion"' bezeichnet hatte.

Eher zögerlich hielt die SPD, für die er im Verwaltungsrat der Filmförderungsanstalt sitzt, zu Schlöndorff, als CDU samt Springer-Presse ("Welt"-Überschrift: "Ein SPD-Mann fördert Filme und Verteidiger der RAF") seinen Rücktritt aus diesem Gremium forderten. Denn in der SPD fürchtete man nicht zuletzt, daß ein Rücktritt Schlöndorffs Ansehensverlust im Ausland bewirkt hätte, wo man den Regisseur zu den renommiertesten Vertretern des ohnehin vielbewunderten neuen deutschen Films zählt.

Frühen Ruhm in Frankreich erntete schon der Pariser Gastgymnasiast Volker Schlöndorff, als er 1958, gerade I9jährig, nach nur zwei Jahren Französisch-Unterricht im "Concours géné ral", dem Wettbewerb zwischen den besten französischen Abiturienten, den zweiten Preis im Fach Philosophie errang, was die Pariser Presse als ein "noch nie dagewesenes Ereignis feierte".

Als kürzlich das französische Fernsehen zur Europawahl in einer Sendung die Bundesrepublik vorstellte, durfte Schlöndorff wiederum für Deutschland in elegantem Französisch brillieren.

In Frankreich hat Schlöndorff auch sein Handwerk erlernt, als Regieassistent von Louis Malle ("Viva Maria"), Alain Resnais ("Letztes Jahr in Marienbad") und Jean-Pierre Melville ("Der Teufel mit der weißen Weste"). In Cannes erhielt sein Erstling "Der junge Törleß" 1966 den Kritikerpreis. Danach drehte Schlöndorff bis zur "Blechtrommel" zwölf Filme, darunter 1969 das Brecht-Stück "Baal" mit Rainer Werner Fassbinder in der Titelrolle. Der geborene Hesse Schlöndorff schuf außerdem mit "Der plötzliche Reichtum der armen Leute von Kornbach" eine Art Anti-Schinderhannes.

Als sich Ende 1977 neun deutsche Regisseure zu dem kollektiven Episodenfilm "Deutschland im Herbst" zusammentaten, der die gefährliche Stimmungslage nach den Terroristenmorden beschwor, war Schlöndorff mit einem satirischen Beitrag dabei. Nach einer Idee von Heinrich Böll zeigte er eine Fernsehratssitzung, in der die offiziellen Sachwalter der öffentlichrechtlichen Ausgewogenheit vor der Ausstrahlung der antiken "Antigone" des Sophokles zurückschrecken, da man Anklänge an das Baader-Ensslin-Begräbnis befürchtet.

Für seine "Blechtrommel" -Verfilmung engagierte der frankophile Schlöndorff den Drehbuchautor Jean-Claude Carriére' der vor allem für Bunuel gearbeitet hatte. Das so entstandene Script mußte ins Deutsche rückübersetzt werden und verlor dadurch eine Menge metaphorischen Ballast. Graß, dem die Carriére-Fassung zu "protestantisch und kartesianisch" vorkam, steuerte schließlich erneut katholischbarocken O-Ton bei.

Nun machten sich Seitz und Schlöndorff auf die Suche nach Klein Oskar und besuchten Zwergenkolonien, Zirkusvorstellungen' Liliputanertreffen und den Kongreß für Kleinwüchsige. Fündig wurden sie erst durch den Münchner Medizin-Professor Otfried Butenandt, der sie auf einen seiner kleinsten Patienten aufmerksam machte: auf den zwölfjährigen David Bennent, dessen gehemmtes Wachstum -- er mißt 1,17 Meter und kann im günstigsten Fall 1,55 Meter groß werden -- die Ärzte als Nanosomie bezeichnen.

Der Sohn des Münchner Schauspielers Heinz Bennent (er spielt in der "Blechtrommel" den Gemüsehändler Greff mit Topfhaarschnitt, kurzen Pfadfinderhosen und homophilen Neigungen) erweist sich als die Idealbesetzung -- ähnlich wie Boris Karloff als Frankensteins Monster. Für den Böse-Wicht bringt er nicht nur die gnadenlos neugierigen Glubschaugen und in seinem Benehmen die altkluge Chuzpe mit, sondern er hat auch für Grassens kaschubische Prosa einen vertrackttreffenden Tonfall. Sein Deutsch wirkt kindlich arrogant näselnd, weil er, in der Nähe Genf s aufgewachsen, vorwiegend französisch erzogen wurde.

Diesen Oskar konnte Schlöndorff auf den Originalschauplätzen des Romans trommeln lassen, in Grassens Danziger Heimat, wo er sogar mit polnischen Statisten die Vertreibung der Deutschen nachstellte. Die Naziaufmärsche mit Massen in brauner Uniform und Hakenkreuzfähnchen mochte er allerdings, wo möglich, den Polen nicht zumuten und drehte das "Sieg-Heil"-Geschrei in Jugoslawien.

Das in dreieinhalbmonatiger Drehzeit entstandene Werk spielt, anders als der Roman, fast ausschließlich in Danzig. Während der Oskar des Romans nach der Vertreibung aus Danzig nicht nur wuchs, sondern auch im Düsseldorf der Nachkriegszeit die Währungsreform erlebte, Kabarett spielte und im Irrenhaus landete, endet der Film mit der Fahrt des Flüchtlingszugs aus Danzig. Daß Schlöndorff auf das ohnehin schwächere letzte Drittel des Romans verzichtete, hat einen simplen Grund: Er wollte dem Film neben dem kleinen Bennent keinen zweiten erwachsenen Oskar antun.

So ist Schlöndorffs Blechtrommel die geschlossene Geschichte einer Danziger Kindheit geworden, die eine politische, kaschubische und kleinbürgerliche ist.

Er schildert, beim Zuschauer allerdings sehr spezielle historische Kenntnisse voraussetzend, das seltsame Schicksal Danzigs, das nach dem Ersten Weltkrieg zum deutschsprachigen Freistaat mit polnischem Postamt und abgezwacktem polnischen Hafen wurde und das Hitler deshalb als ein Vorwand diente, den Zweiten Weltkrieg vom Zaun zu brechen.

Spielball dieser Politik waren vor allem die Kaschuben, ein slawischer Volksstamm, der sich weder den Deutschen noch den Polen zugehörig fühlte und daher vom deutschen und polnischen Nationalismus weitgehend zerrieben wurde.

Täter und Opfer in einem waren die Danziger Kleinbürger, denen Oskar seine beiden Väter verdankt: den deutschen, aus dem Rheinischen stammenden Kolonialwarenhändler Alfred Matzerath (Mario Adorf) und den kaschubischen Postbeamten Jan Bronski (Daniel Olbrychski, Polens bekanntester Schauspieler), der für die Polen votiert. Oskars Mutter Agnes (Angela Winkler) liebt den Postler (und zwar einmal wöchentlich) und heiratet den Krämer (und zwar wegen seiner Kochkunst).

Oskar durchschaut diese kleinbürgerliche Toleranz als Schwäche und treibt seine Väter daher so folgerichtig wie zufällig durch die politischen Verhältnisse in den Tod. Der eine stirbt zu Beginn, der andere am Ende des Zweiten Weltkriegs. Als Held wider Willen wird Jan Bronski bei der Verteidigung der Danziger Polnischen Post am 1. September 1939 von den Deutschen erschossen. Nach Einmarsch der Russen 1945 stirbt Alfred Matzerath einen kläglichen Mitläufertod, als er versucht, sein Naziparteiabzeichen zu verschlucken, das ihm sein mißratener Sohn in die Hand gesteckt hatte.

Oskar überlebt sie alle, auch seine arme Mutter, die sich schwanger an Fischen überfrißt und sich zu Tode kotzt. In großen Zeiten klein zu bleiben -- so die plakative Symbolik von Buch und Film -- ist Oskars Devise, mit der er durchkommt.

Aus Oskars Zwergenperspektive wirkt die Selbstüberhebung des nazistischen Übermenschentums besonders grotesk. So filmt Schlöndorff die Propagandaaufmärsche der Nazis nicht aus der Vogelschau à la Riefenstahl ("Triumph des Willens"), sondern aus dem Augenwinkel des Zwergs Oskar. Was Schlöndorff so optisch zurechtrückt, trommelt Oskar akustisch aus der Ordnung. Bei einer SA-Kundgebung schlägt er so lange auf seiner Trommel im Dreivierteltakt gegen das nationale Blech an, bis aus dem Marsch ein Wiener Walzer wird.

Mit dem Blick Fellinis verwandelt Schlöndorff die waffenstarrende Betonwelt des Atlantikwalls in der Normandie durch Oskars Auftritte im Liliputaner-Fronttheater in eine Cabaretwelt von Gartenzwergen.

Was bei Erscheinen des "Blechtrommel" --

Romans die moralische Entrüstung auf den Plan rief, war die zotige Drastik in der Schilderung pubertärer Sexualität. Doch obwohl Schlöndorff die damals berüchtigte Brausepulver- und Speichelerotik, die feucht-miefige Schlafzimmergymnastik der Vorlage ohne Abstriche ins Bild setzt, fragt man sich heute verwundert, was da wohl so anstößig gewesen sei.

Wenn sich beispielsweise Oskars Mutter Agnes mit ihrem Geliebten Jan Bronski jeden Donnerstag heimlich im billigen Stundenhotel trifft, dann zeigt Schlöndorff zwar die Hitze und Brünstigkeit des Paares, das sich in Sekundenschnelle von den Kleidern befreit, und er verdeutlicht auch die fast naturwissenschaftliche Neugier, mit der Sohn Oskar bei anderen Gelegenheiten solche Kopulationen als Voyeur beobachtet. Aber solche Szenen wirken eher wie eine romantische Liebesgeschichte zwischen Base und Vetter, die nicht zusammenkönnen. Chopinmusik liegt da näher als der Gedanke ans heute längst übliche Pornokino.

Angela Winkler spielt diese Romanze, die sich stärker in heimlichen Blicken, verstohlenen Zärtlichkeiten unterm Tisch und am Klavier und in frommen Gewissensqualen vollzieht, mit einer intensiven Sinnlichkeit, und der polnische Schauspieler Daniel Olbrychski hält die komische Balance zwischen einem skatspielenden Postbeamten und einem schüchtern-ritterlichen Liebhaber.

Überhaupt führt Schlöndorff seine Darsteller mit einer souveränen Präzision, daß selbst ein zu Übertreibungen neigender Schauspieler wie Mario Adorf als Oskars Vater alle Ängste und Hoffnungen einer Krämerseele glaubhaft offenbart.

Mit scheinbar winzigen Details kann der Film Zeitumschwünge sichtbar machen, zum Beispiel wenn Adorf seine Familie, als die Hitler-Begeisterung auch Danzig erfaßt, mit einem Volksempfänger beglückt und dabei das Beethoven-Bild über dem Klavier gegen den Führer austauscht.

Später, beim Rücktausch der Bilder im Zuge der deutschen Niederlagen von 1944, sitzt Alfred Matzerath beim eigentlich für freudigere Anlässe aufgesparten Wein und mault: "Beethoven, das war ein Genie."

Auch in der Geschichte des erotischen Dreiecks zwischen dem auf Brausepulver-Sexspiele versessenen Oskar, seinem verwitweten und daher liebesdurstigen Vater und dem gerade der Pubertät entwachsenden Hausmädchen (Katharina Thalbach) macht Schlöndorff deutlich, daß die kleinbürgerliche Enge der Ort für die eigentlichen deutschen Tragödien und Komödien war: Ödipus Oskar jedenfalls schiebt seinem Vater bei der Kopulation die Trommel in den Rücken, um dafür zu sorgen, daß auch sein so entstehender Sohn und Bruder zwei Väter hat.

Die "Blechtrommel" ist so, nach Fassbinders "Ehe der Maria Braun", der zweite deutsche Film, dessen Macher die deutsche Kino-Provinzialität überwunden haben, gerade indem sie sich zum Thema Provinz entschlossen.

Bei der "Blechtrommel" findet sich dieses Bauprinzip schon in der Vorlage, die ja auch trotz, oder gerade wegen ihrer kaschubischen Enge zum Welterfolg wurde: "Es war einmal eine Stadt",

* Mit Hanna Schygulla.

heißt es bei Graß, "die hatte einen Vorort, der hieß Langfuhr. Langfuhr war so groß und so klein, daß alles, was sich auf dieser Welt ereignet oder ereignen könnte, sich auch in Langfuhr ereignete oder hätte ereignen können."

Und Fassbinders "Die Ehe der Maria Braun", sein bislang schönster Film, der in den ersten zwei Wochen schon die Rekordsumme von 2,4 Millionen Mark einspielte, handelt auch von einer vermeintlich provinzlerischen Randgeschichte, von einer Frau, die an ihrer Kriegsehe mit scheinbar absurder Hartnäckigkeit festhält. Ihre Wirtschaftskarriere wird so zum Schlüsselstück der deutschen Wiederaufbaujahre. Beide Filme leben auch vom Glücksfall ihrer Besetzung: Fassbinders Frauenfilm vom resoluten Charme und der nüchternen Innigkeit der Hanna Schygulla, wie Schlöndorffs "Blechtrommel" von der unbeugsamen Kindlichkeit David Bennents.

Die Ironie der deutschen Kinolandschaft will es, daß ausgerechnet diese beiden Filme mit ihrem Stallgeruch aus deutscher Provinz von einem amerikanischen Großverleih vertrieben und im Falle Schlöndorff sogar mitfinanziert wurden. An den Produktionskosten der "Blechtrommel" von 7,5 Millionen Mark, für deutsche Verhältnisse eine Mammutsumme, beteiligte sich die amerikanische Majorcompany United Artists über ihre deutsche Produktionsfirma Artemis mit einer Million.

Das allmähliche Abwandern deutscher Regisseure zu amerikanischen Verleihen -- auch Werner Herzogs Horrorfilm "Nosferatu" hat einen Hollywoodverleih -- hängt nicht nur damit zusammen, daß es deutschen Filmvertrieben nicht gelingt, derartige Summen als Verleihgarantie aufzubringen, die im amerikanischen Marketing geschulten deutschen Filialen der US-Majors können ihre Produkte auch besser auswerten, da sie in ihren FR-Kampagnen kaum kulturfeinsinnige Rücksichten nehmen.

Während Schlöndorff das Drehbuch seiner "Blechtrommel"-Verfilmung als aufwendigen Bildband mit Farbreproduktionen und Arbeitsunterlagen im Frankfurter Verlag Zweitausendeins herausbringt und in der Sammlung Luchterhand sein "Tagebuch einer Verfilmung" erscheint, rührt United Artists die Werbetrommel für die "Blechtrommel" mit Veranstaltungen vom Tingeltangel bis zum Staatsempfang.

Oskar-Inkarnation David Bennent, den das ZDF kommenden Sonntag in einer 45minütigen Dokumentation porträtiert und der diesen Freitag in "Talk nach Neun" von NDR III mit seiner ganzen Familie und seinem Regisseur zu Gast ist, wird in der nächsten Rudi-Carrell-Show "Am laufenden Band" Gläser zerschreien. Zur Weltpremiere der "Blechtrommel" am 3. Mai in Berlin wird der Regierende Bürgermeister Dietrich Stobbe dem Werk des Informationsstrategen der "Rote Armee Fraktion" die offizielle Ehre erweisen.

Im Unterschied zu Fassbinders "Maria Braun" wird Schlöndorffs "Blechtrommel" eine Promotionsklinke nicht putzen können: Da es das Buch schon gibt, kann der allzeit bereite Schriftsteller Gerhard Zwerenz es als Illustriertenroman nicht noch mal schreiben. ·


DER SPIEGEL 18/1979
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