30.04.1979

„Ein Gefühl der Übelkeit“

Knapp zwei Jahrzehnte nach den amerikanischen Atombombentests im Pazifik und in der Wüste von Nevada häufen sich die Krankheitsfälle: Hunderte von ehemaligen US-Soldaten, die damals den Tests als Beobachter zusehen mußten, fordern Entschädigungen für erlittene gesundheitliche Schäden.
Außer in Hiroschima, sagte man uns,
seien wir die Menschen, die eine Atombombenexplosion aus der geringsten Entfernung miterleben würden."
So erinnert sich Martin Simonis, 45, an jenen Frühjahrsmorgen vor 24 Jahren: Er und zwölf weitere amerikanische Marineinfanteristen wurden aufgefordert, in einem engen Schützengraben in Deckung zu gehen; derweil war auf einem Stahlgerüst, knapp zwei Kilometer entfernt, eine Atombombe montiert -- von den Technikern vorbereitet, ihre Explosionskraft über der Wüste zu entfesseln.
Simonis und seine Kameraden befanden sich auf dem Testgelände in Nevada, wo die Atomic Energy Commission (AEC) damals, während eines Zeitraums von vier Jahren, Atomwaffen explodieren ließ -- und das Pentagon den Mut seiner Leute erprobte.
Simonis erinnert sich noch genau an die Augenblicke vor der Explosion: "Auf einem Stativ neben dem Graben stand ein Lautsprecher, der mit dem Betonbunker neben uns verbunden war. Der Countdown begann. Wir wurden alle aufgefordert, uns ganz dicht zusammenzukauern. Als der Countdown bei 30 Sekunden angelangt war, wurde nach Sekunden gezählt."
230 Kilometer weiter östlich, in dem friedlichen Ort St. George (US-Staat Utah), aber auch in einigen Dörfern und Ranches im weiteren Umkreis des Testgeländes standen die Bewohner an diesem Morgen früher auf als sonst: Sie wollten ein weiteres Mal den "atomaren Sonnenaufgang" bestaunen. Daß radioaktive Wolken womöglich in wenigen Stunden über ihnen hinwegziehen würden, war nur den wenigsten bewußt. immer wieder hatten die AEC-Beamten versichert: Keine Gefahr für die Gesundheit.
Als die Bombe dann explodierte, "war es, als schossen einem 50 Blitzlichter gleichzeitig in die Augen -- und gleich danach ein Erdbeben", erinnert sich Simonis. "Es hieß, wir sollten aufstehen. So konnten wir den Feuerball sehen. Er war wie eine flammende Flutwelle, die brodelnd auf uns zukam."
Auf dem Testgelände waren Panzer aufgefahren und einige Häuser errichtet worden, um die Wirkung der Explo-
*© New York Times Magazine, 1979.
sion zu erproben. Simonis: "Wir sahen, wie die Panzertürme abgerissen wurden und die Häuser einstürzten. Dann mußten wir uns wieder hinlegen, und die Explosionswelle rollte über uns hinweg. Der Graben stürzte zusammen. Wir gruben uns wieder aus. Und bald darauf fühlten wir uns alle ziemlich krank. Gleich nach der Explosion hatten wir ein Gefühl der Übelkeit verspürt."
Dreißig Minuten später, berichtet Simonis, wurden die Männer von Hubschraubern abgeholt und nach Desert Rock gebracht, einem provisorischen Militärlager, durch das damals Tausende von Soldaten auf dem Hin- und Rückweg zu Atombomben-Explosionen geschleust wurden. Die Menschen in der Umgebung nahmen ihre Arbeit wieder auf -- für sie waren die Bomben-Blitze schon Routine.
Nun sitzt Martin Simonis, Systemanalytiker in Sterling Heights (US-Staat Michigan). seinem Anwalt gegenüber. Sein Gesundheitszustand macht ihm Sorgen. Simonis leidet an einem zu hohen Kalziumspiegel. Alle sechs Monate wird er auf Leukämie untersucht. In den letzten vier Jahren, so Simonis, war er zehnmal im Krankenhaus, einmal wegen einer Operation an der Nebenschilddrüse. "Wenn ich das Fieber kriege", sagt er' "ist es jedesmal wie ein Herzanfall."
Erst 1976 kam Simonis auf die Idee, sein schlechter Gesundheitszustand könne mit der Bombe zu tun haben: "Einer der Ärzte wollte unbedingt herausfinden, wo zum Teufel ich mir etwas zugezogen haben könnte, das in meinem Alter schon das Blut so durcheinanderbringt. Immer wieder fragte er, ob meine Zähne vielleicht zu oft geröntgt worden seien oder die Schilddrüse. Ich erzählte ihm, daß ich an einer Atombombenexplosion teilgenommen hatte -- und da ging ihm wohl ein Licht auf."
Jeder Krankenhausbesuch, sagt Simonis, koste ihn im Schnitt 4000 Dollar, und das könne er sich nicht leisten. "Nur ein müdes Lachen" hätten Beamte der Veterans Administration (die in den USA alle Armee-Entlassenen betreut) für ihn gehabt, als er seinen Fall vortrug. Nun klagt Simonis gegen die Regierung der Vereinigten Staaten. Er ist verbittert -- und er steht mit seiner Verbitterung nicht allein.
Mehr als 17 Jahre lang, von Juli 1945 bis November 1962, haben die USA ihre Atombombenversuche in der Atmosphäre fortgesetzt. 181 mal explodierten, auf Testgeländen am Pazifik und im Südwesten der Vereinigten Staaten, nukleare Sprengsätze. Schätzungsweise 400 000 Soldaten und Mitarbeiter der Atomic Energy Commission sowie eine unbestimmte Zahl von Zivilisten im weiteren Umkreis der Testgelände kamen dabei, mehr oder minder stark, mit Strahlung in Berührung.
Das Risiko einer gesundheitlichen Schädigung sei praktisch null, war ihnen erklärt worden, die Tests verliefen unter strenger Kontrolle, die Strahlungsdosis sei in jedem Fall zu gering, um Schaden anzurichten.
Inzwischen ist klar, daß diese Versicherungen der Wahrheit nicht entsprachen. Seit kurzem gibt es Belege dafür, daß sich damals auch Unfälle ereignet haben, daß Warnungen vor den möglichen Gesundheitsrisiken ignoriert wurden; daß man negative wissenschaftliche Studien in Schubläden schmoren ließ und daß möglicherweise Angaben über radioaktiven Fallout von AEC-Beamten gefälscht wurden.
In rund 600 Fällen haben bisher Einwohner von Nevada, Süd-Utah und Nord-Arizona beim US-Energieministerium (dem die AEC inzwischen eingegliedert wurde) Schadenersatzansprüche wegen erlittener Strahlenschäden geltend gemacht -- im Gesamtwert von einer halben Milliarde Dollar. Zusätzlich haben rund 400 ehemalige US-Soldaten bei der Veterans Administration Antrag auf Entschädigung gestellt. Weitere Atombomben-Veteranen kämpfen gegen die Behörde vor Gericht.
Da nur die wenigsten der betroffenen Zivilisten und Soldaten medizinisch auf mögliche Strahlenfolgen untersucht wurden, wird es im Einzelfall schwierig sein, Gesundheitsschäden zu beweisen oder zu widerlegen.
Nachdem sich jedoch die Schadenersatzansprüche häuften und die Indizien immer deutlicher zeigten, daß die Tests damals nicht so sicher waren, wie behauptet wurde, steht die Carter-Regierung unter wachsendem öffentlichen Druck, die Angelegenheit schnell und gerecht zu regeln -- auch wenn es womöglich um Milliarden Dollar geht.
Mehr als 100 000 Soldaten und Zivilisten waren allein an den Atombombentests im Pazifik beteiligt, die zehn Monate nach dem Bombenabwurf auf Nagasaki begannen und sich über zwölf Jahre hinzogen.
Mit fortschreitender Entwicklung der Atomwaffen ereigneten sich zahlreiche Zwischenfälle, beispielsweise wurden AEC-Beamte bei einer Wasserstoffbombenexplosion, die unter dem Decknamen "Shot Bravo" 1954 stattfand, vom unvorhergesehen starken radioaktiven Niederschlag überrascht.
Damals waren durch einen Wechsel der Windrichtung 23 japanische Fischer, etwa 240 Bewohner der Marshall-Inseln und 28 US-Soldaten stark strahlenverseucht worden. Die amerikanische Regierung zahlte den Japanern zwei Millionen Dollar Entschädigung und garantierte den Bewohnern der Marshall-Inseln medizinische Versorgung sowie weitere Unterstützung. Die amerikanischen Soldaten hingegen wurden nur behandelt, dann entlassen und fortan nicht weiter medizinisch kontrolliert.
Schon 1951 hatten auch in Nevada umfangreiche Atombombentests begonnen, nachdem Präsident Harry 5. Truman ein 3500 Quadratkilometer großes Gebiet der Nevada-Wüste auf Empfehlung der AEC für die Versuche freigegeben hatte.
Rund 80 000 US-Soldaten beobachteten, von "Dog Event" (1951) bis "Little Feller I" (1962), die atomaren Detonationen aus der Nähe: aus Schützengräben, die keine zwei Kilometer vom Zentrum der Explosion entfernt waren, und im freien Gelände aus einer Entfernung von ganzen 23 Kilometern.
Bei zahlreichen Versuchen marschierten die Soldaten kurz nach der Explosion auf das Zentrum zu. Bei anderen Gelegenheiten wurden sie per Hubschrauber bis auf wenige hundert Meter herangebracht. Welcher Strahlenmenge genau sie ausgesetzt wurden, läßt sich schwer bestimmen und ist stark umstritten.
Den in der Nähe des Nevada-Testgeländes wohnenden Zivilisten wurde versichert, der radioaktive Niederschlag sei geringfügig, zu Besorgnis bestehe kein Anlaß.
Aus Dokumenten geht jedoch hervor, daß die AEC das Ausmaß der Strahlenverseuchung verharmloste. So beweisen zum Beispiel Messungen des öffentlichen Gesundheitsdienstes in der Region von St. George, Utah, daß allein bei vier Atomtests im Jahre 1953 mehr Strahlung niederging, als nach Aussagen der AEC in den gesamten ersten acht Jahren und vier Monaten bei Atombombenversuchen freigesetzt wurden.
Zusammen mit mehr als 3000 Kameraden hatte 1957 Paul Cooper eine Atombombenexplosion beobachtet -- Deckname: "Shot Smokey". Über die noch heiße Erde marschierte er auf das Zentrum der Explosion zu.
Zwanzig Jahre später lag er, tödlich an Leukämie erkrankt, in Salt Lake City im Krankenhaus und kämpfte um die Entschädigung, die ihm die Veterans Administration seiner Meinung nach schuldete.
Coopers Fall wurde von der Presse aufgegriffen und setzte eine Untersuchung der Leukämieerkrankungen unter den Smokey-Teilnehmern durch das National Center for Disease Control in Gang. Ergebnis: Die Zahl der Leukämie-Opfer unter den Test-Teilnehmern war signifikant höher, als nach der allgemeinen Statistik zu erwarten.
Zehn Monate vor seinem Tod hatte Test-Opfer Cooper mit seinen Ersatzansprüchen bei der Veterans Administration endlich Erfolg. Nach Coopers juristischem Sieg wandten sich Hunderte von Veteranen, die vordem ihre Krebserkrankungen als Schicksalsschlag hingenommen hatten, an die Behörde, um eine Entschädigung für ihre gesundheitlichen Schädigungen zu beantragen.
Ein Blick in die Akten der Veterans Administration zeigt, daß die Chancen schlecht stehen. Seit 1967 wurde nur in 19 von 231 Fällen den Schadenersatzansprüchen stattgegeben.
Da es keine gesicherten wissenschaftlichen Kriterien zur Beurteilung von Strahlenschäden gibt, beschränkt sich die Veterans Administration auf Fälle, in denen die Symptome noch während des Militärdienstes oder spätestens innerhalb eines Jahres danach auftraten. "Nur wenn wir die Strahlenwirkung sozusagen an die Wand pinnen können", so ein VA-Beamter, werde die Frage einer Entschädigung relevant.
Doch nicht nur Soldaten, auch Bürger -- vor allem Farmer in Nevada, Utah und Arizona -- wurden Opfer der Atombombentests.
"Dies ist wahrscheinlich das sauberste Stück Umwelt in den ganzen Vereinigten Staaten, hier gibt es keinerlei Industrieverschmutzung", sagt der frühere US-Innenminister Stewart Udall; sein Finger beschreibt einen 320 Kilometer langen Bogen auf einer Karte des Südwestens der USA. Der Bogen führt über Nevada, Süd-Utah und Nord-Arizona und steckt ein Dreieck aus Bergen, Tälern und Weideland ab, das sich weit nördlich und östlich des ehemaligen Testgeländes in Nevada erstreckt.
Während der Atombombentests, so Udall, wohnten hier 25 000 Menschen. Die meisten der langjährigen Bewohner dieses Gebiets sind Mormonen, die den Genuß von Alkohol, Tabak und Kaffee meiden, zudem eine überwiegend ländliche Bevölkerung -- mithin wären hier besonders wenige Krebsfälle zu erwarten.
Aber im Gegenteil kam es bei dieser Bevölkerungsgruppe in den letzten zwei Jahrzehnten zu einem erheblichen Anstieg der Krebserkrankungen. Er wisse auch, warum, sagt Stewart Udall: "Es sind die einzigen Menschen der Welt, die jahrelang mit einer verseuchten Nahrungskette gelebt haben und mehrere Jahre hindurch wiederholt atomarer Strahlung ausgesetzt waren. Ihr Fall ist bislang einmalig auf diesem Planeten."
Im Sommer letzten Jahres setzte der "Ausschuß der Überlebenden", eine Gruppe von Einwohnern Nevadas, Utahs und Arizonas, etwa 600 Schadenersatzverfahren gegen das US-Energieministerium in Gang. Die Ausschuß-Anwälte wollen den Schadensnachweis nicht in Einzelfällen führen, sondern ihre Argumentation auf dem Umstand aufbauen, daß die Erkrankungsziffern in einem umgrenzten Gebiet überdurchschnittlich anstiegen.
In diese Richtung wies auch das Ergebnis einer Studie, die Dr. Joseph L. Lyon, Direktor am Krebszentrum der Universität Utah, vor zwei Monaten veröffentlichte. Lyon stellte fest, daß Kinder, die in den Jahren gehäufter Atombombentests geboren wurden, im Durchschnitt zweieinhalbmal so häufig an Leukämie erkranken als Kinder anderer Geburtsjahrgänge.
Anwalt MacArthur Wright, der den "Ausschuß der Überlebenden" vertritt, über die Erfolgsaussichten der Klage: "Ich glaube, die Zeit ist gekommen, da die Regierung einsehen wird, daß sie etwas tun muß. Sie hat Entschädigung gezahlt an die Bewohner der Marshall-Inseln -- warum nicht auch an uns?"
Inzwischen versucht Amerika, auch im Pazifik die Spuren der Vergangenheit zu tilgen. Auf dem Eniwetok-Atoll, in den fünfziger Jahren Schauplatz von 44 Atombombentests, sollen in den nächsten drei Jahren 100 Millionen Dollar ausgegeben werden -- um die Inseln von Bomben- und Strahlungsmüll zu säubern.
Eine Insel des Atolls jedoch wird auf ewig unbewohnbar bleiben. Auf ihr soll das von den anderen Inseln eingesammelte Plutonium deponiert werden.
Wieder einmal heißt es, die latente Strahlung bedeute kein Gesundheitsrisiko für die über 1000 Soldaten und Zivilisten der Säuberungsmannschaft.

DER SPIEGEL 18/1979
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