08.01.1979

WUUUUUSCH!!! Superman ist da!

Der teuerste Film der Welt, "Superman", kommt in diesem Monat in deutsche Kinos. Das 35-Millionen-Spektakel, mit internationalen Stars wie Marlon Brando, Gene Hackman und Maria Schell auch in Nebenrollen hoch besetzt, basiert auf Amerikas erfolgreichstem Comic-Mythos, dem 1938 geborenen allmächtigen Superman.

Seit vor vier Jahren erstmals Flugzeuge mit klotzigen Spruchbändern während des Filmfestivals von Cannes über die Croisette flogen und die Verfilmung der Comic-strip-Serie "Superman" ankündigten, kursierten in der Branche die wildesten Gerüchte um das Mammutprojekt. Von Steve McQueen und Robert Redford in der Titelrolle war die Rede, von bis zu 80 Millionen Dollar Produktionskosten wurde gemunkelt, und alljährlich zur Maienzeit zogen als running gag die Werbeflieger ihre Kreise über Cannes. Nun endlich ist Superman höchstpersönlich gelandet. Seinen Kinoeinstand feierte er im erlauchten Kreise von seinesgleichen. Zur Weltpremiere in Washington, einer Benefizveranstaltung für eine Behinderten-Olympiade, erschienen die irdischen Kumpel des fliegenden Muskelmannes von Präsident Carter bis Body-Builder Schwarzenegger, von Pelé bis Kissinger. Witzelte der einst als "Super-Kraut" und Superman karikierte Ex-Außenminister: "Danke, daß Sie zu einem Film gekommen sind, der meinem Leben gewidmet ist."

Eine teure Widmung. Für 35 Millionen Dollar, das ist mehr als "Krieg der

* Titelfigur (C) DC Comics.

Sterne" und "Der weiße Hai" zusammen gekostet haben, drehte "Omen"-Regisseur Richard Donner mit einer Starbesetzung von Marion Brando bis Maria Schell das bislang aufwendigste Kinospektakel der Welt. Das Risiko zahlte sich aus: Bereits in den ersten beiden Wochen spielte "Superman" allein in England, USA und Kanada 60 Millionen Mark ein.

Mitte Dezember erhielten die Superman-Macher nach der Europapremiere in London auch noch die Weihen königlichen Beifalls -- die Mythen und die Mächtigen wie immer Hand in Hand.

Superman -- das war ohnehin der mächtigste Mythos im amerikanischen Comic-Himmel, der, nicht anders als das nordische Asgard und der griechische Olymp, übervölkert ist mit Märchenfiguren, Wunschtraumhelden, Halbgöttern, gegen die eine ganze Hölle von Schurken und Teufeln wuselt.

Im Depressionsjahr 1938 wurde Superman geboren. Amerika war voll von Arbeitslosen, die kleine und die große Kriminalität regierte die Städte, in Europa schickte sich Hitler an, die Tschechoslowakei zu annektieren, der Krieg stand bevor, das Bedürfnis nach einem Helden, einem möglichst superstarken, omnipotenten, war da.

Supermans Zeit war gekommen: Vorher hatten die Erfinder des "Größten", der Texter Jerry Siegel und der Zeichner Joe Shuster, fünf Jahre lang mit ihrem Helden hausieren gehen müssen. Niemand wollte die neue, auf dem Comic-Markt ungewöhnliche Gestalt haben.

Ursprünglich war der Comic, neben Jazz und Hollywood der wichtigste Beitrag der USA zu einer neuen Trivial-Kultur, lustigen Episoden und Streichen vorbehalten gewesen.

"Die Schurken

waren besser dran."

Die ersten Comics, The Yellow Kid von 1896 und vor allem The Katzenjammer Kids von 1897, zeigten deutlich europäische Einflüsse der Fliegenden Blätter. Die Katzenjammer Kids, im schauderhaften Englisch deutscher Emigranten artikuliert ("Der Dorg wouldnt bite you"), übertrugen die Abenteuer von Wilhelm Buschs "Max und Moritz" in die USA. Der Comic, der schnell seine genormte Welt aus Wortblasen, festen Symbolen, filmischen Bildsequenzen, schematisch gestanzten Helden und seinen lautmalerischen Wortschöpfungen ("Vrroaaaw!", "Boom!", "Crash!", "Fzoppp!", "Blammm!") gefunden hatte, entwickelte sich zu verschiedenen Gattungen.

Neben die Mäuse- und Tierwelt Walt Disneys, der mit Donald Duck dem amerikanischen Durchschnittsbürger ein märchenhaftes Denkmal setzte, neben Tarzan, dem amerikanischen Traum von natürlicher Unschuld, neben Eisenherz, der US-Sehnsucht nach einem eigenen Mittelalter, traten in den dreißiger Jahren mehr und mehr Detektiv-Comics auf den Plan -- phantastische Rächer der Enterbten und Kämpfer gegen das Böse, das im Comic kahlköpfig, machthungrig und gern ausländisch auftrat.

Man hat im Comic die bildhafte Ausgeburt einer von Bildern und Phantasien freigeräumten puritanisch-protestantischen Welt gesehen. Man hat dem Comic vorgeworfen, er mache Zeitungsleser süchtig nach einem neuen Halb-Alphabetismus -- lange vor dem Fernsehen.

Richtig ist, daß mit den Comics sich Zeitungskonzerne und Syndikate um die frühe Phantasie ihrer Leser prügelten, sie zu Heftchen-Süchtigen umfunktionierten, deren Hirne mit einer Ersatz-Wirklichkeit besetzten.

Die Vorläufer von Superman, Kämpfer gegen das Böse wie Dick Tracy, Buck Rogers, Flash Gordon oder "The Phantom", hatten den Nachteil, daß sie normale Comic-Menschen waren: sie siegten zwar über das Übel, aber die Wirklichkeit ihrer Leser sprach diesen Siegen Hohn.

Meinte der amerikanische Kultur-Essayist Jules Feiffer, der zunächst mit den Vorläufern von Superman aufwuchs: "Die Schurken waren unendlich viel besser dran als die dümmlichen unseligen Helden. Das lehrten uns nicht nur die Comics, das lehrte uns das Leben. Niemand mochte glauben, daß irgendein gewöhnlicher Sterblicher die Bösen besiegen könne. Da mußte etwas Größeres her. Jemand mit einer Berufung." Superman.

Superman ist nicht von dieser Erde. Auf dem Planeten Krypton geboren, wird er von seinem Vater kurz vor der Explosion dieses Gestirns in eine Rakete gesetzt. Das Kind landet wohlbehalten auf der Erde, wächst bei Pflegeeltern auf und vollbringt schon früh unerhörte Kraftakte. Er kann Autos in die Luft stemmen, schneller als ein D-Zug laufen und über Wolkenkratzer springen (eine Achtelmeile weit, wie es mit olympischer Rekord-Akkuratesse im Land der Zahlen und Rekorde heißt) und ist fast unverletzlich, weil nichts außer einer explodierenden Granate seine Haut verletzen kann.

Der muntere Kleine, eine US-Mixtur aus Jung Siegfried oder Moses (die ja auch ausgesetzt wurden) und Herakles (der ja auch wahre Wunder an Kraftakten vollbringt), erhält durch seine übernatürliche Herkunft die Züge eines Strichmännchen-Heilands.

Prompt ist er auf der Erde, um Gutes zu tun: Er "beschloß", so sein Programm, "seine titanischen Kräfte in Kanäle zu leiten, die zum Wohle der Menschheit gereichten. Und damit war geschaffen: Superman, der Champion der Unterdrückten, das körperliche Wunder, das sich geschworen hatte, seine Existenz der Hilfe für diejenigen zu weihen, die in Not sind".

Diese messianische Aufgabe vollführt er 1938. 1940, Superman kann inzwischen fliegen ("Look! Up in the sky! lt"s a bird! lt"s a plane! lt"s SUPERMAN!), kämpft er den "nie endenden Kampf für Wahrheit. Gerechtigkeit und die amerikanische Lebensweise Ein Comic-Christus, der patriotisch fühlt.

Drei Dinge braucht der Superman: Zunächst die überirdischen Kräfte, die im Laufe der Zeit wachsen, wachsen und wachsen, so daß er zum Ende des Zweiten Weltkrieges Atom-Explosionen unbeschädigt übersteht und längst den Röntgenblick hat.

Dann das unverwechselbare hautenge Kostüm (in der Regel blau) plus fliegendes rotes Cape -- eine Modemischung aus Ritterrüstung (mit Wappen-Initial auf der Brust), Leichtathletendress und Zirkus-Artisten-Gewandung, das er für seine Kämpfe anziehen muß wie alle seine Comic-Brüder und Nachfahren, für die er zu einer Art Dior der Berufsuniform wird.

Und schließlich seine geheime Identität.

Um auf Erden wandeln und seine guten Werke vollbringen zu können, muß er unerkannt bleiben -- jedenfalls dann, wenn er nicht in Aktion ist. Supermans Freizeitberuf ist der des durchschnittlichen Amerikaners, er ist der nette Junge von nebenan, ist unauffällig, erfolglos und wird hin und her geschubst wie die meisten seiner Leser.

Es ist, als ob seine Superman-Existenz, zu der er sich mal eben rasch in einer Telephonzelle in seine Uniform wirft, der Papier gewordene Traum seiner glücklosen, realen Bewunderer wäre.

Diese Doppelexistenz eines einfachen Normalbürgers, der sich nur für seine Heldentaten in ein überirdisches Fabelwesen verwandelt, teilt Superman mit allen anderen Comic-Heroen.

Mit dem Unterschied, daß Helden wie Batman oder Hawkman oder Plastic-Man Menschen sind, die ab und zu Übermenschen spielen, während Superman ein Übermensch ist, der ab und an einen Menschen spielen muß -- und zwar den schusseligen. schüchternen. unbedarften Reporter Clark Kent, der in der Zeitung "Daily Planet" bestenfalls über Superman berichten darf, der er doch selbst ist.

Als Reporter liebt er seine Kollegin Lois Lane, die aber ihrerseits nur für Superman schwärmt, der sie zwar immer wieder rettet, sie aber nicht liebt.

Feiffer hat dies "Ménage à Trois" zwischen zwei Leuten als eine "typisch amerikanische Romanze" beschrieben und an Superman die verqueren amerikanischen Sexualvorstellungen der vierziger Jahre analysiert.

Superman, Clark Kent und Lois: Dieses Dreieck verdeutlicht eine amerikanische Männerphantasie, markiert den Unterschied zwischen einem "richtigen" Mann und einem Schwächling: "Ein Schwächung begehrt Mädchen, die ihn zurückweisen, ein Mann weist Mädchen zurück, die ihn begehren. Unser Gegenbild zu einem Mann, der mit den Frauen nicht zurechtkam, war niemals der Mann, der mit ihnen zurechtkam -- sondern eher der Mann. der es hätte können, wenn er gewollt hätte, es jedoch trotzdem nicht tat."

"Das Ideal der männlichen Kraft und Stärke", so Feiffer weiter, "ob es sich um die Gary Coopers, Lil Abners oder die Supermans handelt, war stets das, so viril und gutaussehend zu sein und sich in einer solchen Position der Stärke zu befinden, daß man sich Frauen niemals auch nur zu nähern braucht. Es sei denn, um ihnen zu helfen."

Dieses puritanisch verquere Männlichkeitsideal, in dem sich die Versagungen und Frustrationen der Comic-Leser spiegeln, verkörpert auch Superman, unter dessen hautengem Kostüm sich so wenig verbirgt, daß er auch nackt offenbar des Feigenblatts seiner antiken Vorgänger nicht bedürfte.

Superman trotzt der Wasserstoffbombe.

"Hier ist", schreibt der österreichische Schriftsteller Oswald Wiener über Superman, "eine Saga vom männlichen Amerikaner, der aufgrund seiner Omertà, ein Macho, so viele Frauen haben kann, wie er nur will, aber, absorbiert von seiner männlichen Welt und abgestoßen von seiner eigenen Begehrtheit, nichts mit ihnen anfangen kann -- ganz anders als der Schwächling (der er zugleich ist), dessen Impotenz sich paradoxerweise an seiner positiven Einstellung zu den Frauen offenbart, eine Saga auch von der gesellschaftlichen Stellung der Frau auch noch im zwanzigsten Jahrhundert.

Erst im Comic der sechziger Jahre, bei "Barbarella" beispielsweise, oder in den Underground-Comics von Robert Crumb taucht der unterdrückte Sex dieser infantilen Traumwelt offen und, weil verspätet, ins Übergroße verzerrt auf.

Bei Superman jedoch erschöpft sich die Beziehung zu der ihn anhimmelnden Lois darin, daß er sie (keine Angst vor dem Fliegen) immer wieder aus gefährlichen Situationen rettend durch die Lüfte trägt. Und sie dann abliefert wie ein Packer ein kostbares Möbel.

"Sein wahrer Bezug", so Feiffer höhnisch, "waren nicht die Frauen. Sein wahrer Bezug waren die Schurken. Deshalb verfolgte er sie so unbarmherzig."

So konnte Supermans von Frauen ungeschwächte Energie auch protzig in den Krieg gehen. Jedenfalls war er das Idol der amerikanischen GIs, die auszogen, Deutschland und Japan zu schlagen.

Nach 1945 geriet er in den Kalten Krieg und wurde, so der Autor Günter Metken in seinem Comic-Buch, der jederzeit und allerorten "verfügbare Weltpolizist". Hatte er in der Nazizeit deutsche U-Boote schon einfach zu Brezeln zusammengebogen, so trotzte er jetzt der Wasserstoffbombe und Anschlägen chemischer Kriegsführung.

Eine Grundeigenschaft jedoch blieb ihm erhalten: mit seinem Verstand sah es nicht zum besten aus.

Jerry Siegel, Supermans Autor, dazu: "Wir haben die intellektuelle Seite Supermans nicht betont. Die Leute träumen nicht davon, superintelligent zu sein.

Auch Siegfried, Supermans germanischer Vorläufer, strotzte nicht gerade vor Intelligenz. Klugheit beim Haudrauf war noch nie gefragt. Intelligent waren die Bösewichter oder zwielichtigen Gestalten wie der böse Hagen.

Intelligent sind (heute noch) die teuflischen Erfinder und perfiden Intellektuellen. Das Gut-und-Böse-Schema von Superman ist also älter als alle faschistoiden Schemata und perpetuiert nur, daß das Träumen von Superkräften leichter ist als das Vertrauen in anstrengendes Denken. Superman verhalf und verhilft seinen Lesern kaum auf einen zweiten Bildungsweg.

Superman gegen Muhammad Ali.

Die erfolgreiche Figur, die Superman darstellte, buchstäblich ein Aufsteiger, ließ die Konkurrenz nicht ruhen.

Superman, schon in den frühen Vierzigern auch Radio-Held (Superman-Sendungen liefen damals jeden Wochentag in Comic-Manier verstückelt zu Fünfzehn-Minuten-Abenteuern) und Filmstar (bis 1943 drehte die Paramount 17 Superman-Zeichentrickfilme), war 1942 Romanheld geworden, kam in den Fünfzigern ins Fernsehen und wurde singender Held eines Musicals am Broadway.

Doch er hatte längst Gefährten. Der erfolgreichste war der von Bob Kane gezeichnete Batman von 1939. Anders als Superman mußte sich dieser Kraftprotz seine überirdischen Leistungen in einer Art Body-building-Kurs mühsam antrainieren.

Batman, ein Vorläufer des Mannes, der rot sieht, beschließt, ein zweiter Superman zu werden, nachdem seine Eltern schurkisch ermordet worden waren. Da er Held im Do-it-yourself-Verfahren ist, zeigt er seinen Bewunderern, daß man auch als Schwächling ein Superman werden kann, wie ein Tellerwäscher ein Millionär.

Einzelne Wunschvorstellungen verschiedener Käuferschichten werden bald mit einem Heer von Übermenschen bedient. Es gab Captain Marvel und Captain America, The Flash, Submariner und Hawkman, schließlich Wonder Woman oder Dr. Doom -- alles, im Unterschied zu Superman, keine allseitig fähigen Superhelden, sondern meist Einseitige mit einer herausragenden Eigenschaft, die Superman im mythologischen Comic-Himmel umgeben wie die griechischen Spezial-Götter den allmächtigen Zeus.

So ist der schnellfüßige Flash schon äußerlich ein Nachfahre des Handelsgotts Hermes: Er trägt die gleiche Flügelmütze. Der germanische Donnerer Thor tritt gleichnamig in der Comic-Walhalla auf. Hawkman, dessen Attribut eine Falkenmaske ist, beherrscht die Lüfte, Submariner (seine Kleidung ist, versteht sich, nur eine züchtige Badehose) sorgt unter Wasser für Ordnung.

Die Superman-Zukunft gehörte den Spezialisten, die von den Heftchen-Machern auch gegeneinander ins Turnier gejagt wurden. Superman selbst kämpft einmal sogar gegen Muhammad Ali.

Doch während die andern nur eines konnten und Superman immer mehr, nämlich alles (fliegen, mit Blicken töten, Staudämme vor dem Bersten bewahren, Flugzeuge abfangen wie Mücken), avancierte seine Stärke auch zu seiner Schwäche.

Die Handlung explodiert in Weltkatastrophen.

Denn nichts ist auf die Dauer langweiliger als ein Held, der unbesiegbar, ja ungefährdet ist, weil ihm selbst das Strategische Atomgeschwader nichts anhaben konnte.

Zum Heldentum gehört Gefahr. Und so erfand man in den fünfziger Jahren das Element Kryptonite, das von Supermans Heimatplaneten Krypton stammte, anfangs rot, später grün war und dann in allen Regenbogenfarben explodierte, auf jeden Fall den bisher Unangreifbaren ernsthaft bedrohte: Es konnte ihn zum Beispiel in eine Schlange oder in einen Verrückten verwandeln. Superman hatte seine Schwachstelle, wie Achilles seine Ferse, wie der gehörnte Siegfried seine Lindenblatt-Blöße.

Supermans Aktionen waren trotzdem inzwischen immer blödsinniger, gigantischer geworden, neben ihm focht längst eine Schwester, das Supergirl und auch der Strich der Zeichnungen hatte längst den ursprünglichen Charme einer infantilen Einfachheit eingebüßt, auf den Bildern explodierte die Handlung nur noch in Weltkatastrophen.

Superman schien zu den Akten gelegt. Die Comic-Szene gehörte so drolligen Kerlehen wie Asterix, der mit den Römern seinen anachronistischen Schabernack spielte -- auch er ein Kraftmeier, aber ein ironisch gebrochener. Bis der Film dann erneut auf Superman verfiel.

Drei Autorenteams setzten die beiden Jungproduzenten Ilya Salkind und Pierre Spengler, beide 31, an das Superman-Filmprojekt, bis jener zeitgemäße Ton aus Camp, Naivität und Pseudoreligiosität gefunden war, der schon den Kassenvorbildern "Krieg der Sterne" und "Unheimliche Begegnung der dritten Art" weltweiten Erfolg gesichert hatte.

Die Urfassung des Drehbuchs stammt vom " Paten"-Schreiber Mario Puzo, der den Superman-Mythos tiefernst zur antiken Tragödie hochstilisiert hatte. David und Leslie Newman und Robert Benton, die 1966 bereits ein Superman-Musical am Broadway kreiert hatten, überarbeiteten das Puzo-Werk in die entgegengesetzte Richtung. Statt Tragödie Parodie. James-Bond-Bearbeiter Tom Mankiewicz erst brachte die richtige Balance.

Nun ist Superman zwar immer noch schneller als der Windhund. zäher als Leder und härter als Krupp-Stahl, doch er kämpft mit einem selbstironischen Charme, der in den gewalttätig-idiotischen Superman-Comic-Serien der letzten Jahre völlig fehlt.

Regisseur Richard Donner blieb der Vorlage streng treu, die er im Vorspann ausdrücklich zitiert. Supermans Geburtsstern Krypton sieht aus wie eine Mischung aus Eispalast und Disco, eine in gleißendes Licht getauchte Kristallandschaft, bewohnt von Wesen, die sich kleiden wie ein in den Mehlsilo gefallener Chor aus den Meistersingern von Nürnberg.

Supermans Vater Jor-El, für die phantastische Gage von 3,7 Millionen Dollar von einem weißperückten Marlon Brando gespielt, hält zu Beginn des Films Gericht über drei Verräter. Die holographisch anwesenden Ratsherren und Damen stimmen Jor-Els Verdikt zu, die Schurken werden auf einen quadratischen Chip projiziert und ins Weltall geschleudert.

Als der Planet Krypton zu explodieren droht und der Rat sich weigert, Jor-Els Evakuierungsplänen zuzustimmen, schickt der besorgte Vater seinen kleinen Sohn luftdicht verpackt ins rettende Weltall in Richtung Erde. Dort landet Superbaby im amerikanischen Mittelwesten, wie ihn Norman Rockwell nicht kitschiger hätte malen können.

Seinem irdischen Stiefvater, dem Sisyphus-Farmer Jonathan Kent, geht das bullige Kerlchen, kaum seiner Raumfähre entstiegen, gleich zur Hand, indem er sich als Wagenheber betätigt, damit Daddy einen Reifen wechseln kann. Das außerirdische Findelkind, dem die Eltern den Namen Clark geben, wächst im Lassie-Country

* Oben: mit Marlon Brando und Susanna York; unten: mit Christopher Reeve und Margot Kidder.

auf und hat großen Spaß am Wettrennen mit der Eisenbahn.

Nach dem Tod seines irdischen Vaters treibt es den nun 18jährigen an den Nordpol, wo er im "Fort der Einsamkeit" seine kryptonische Bar-Mizwa-Weihe empfängt: Es erscheint ihm dort das Bildnis Jor-Els, der seinem Sproß den Sisyphus-Job aufträgt, das Böse in der Welt zu bekämpfen, ihm aber gleichzeitig in sadistischer Weisheit verbietet, sich in die Politik einzumischen.

Nach landläufiger amerikanischer Aufassung sammelt sich die Schlechtigkeit der Welt in den Städten, und so verdingt sich Superman als hornbebrillter, schusseliger Reporter bei der Zeitung "Daily Planet" in Metropolis, sprich New York.

Als Männchen für alles kümmert er sich erst mal um Kleinkram. Er packt Straßenräuber, Einbrecher und Kleinganoven beim Schlafittchen und liefert sie auf dem Luftwege bei der Polizei ab, er bringt, nachdem durch einen Blitzschlag ein Triebwerk perdu ging, die Präsidentenmaschine samt Insassen heil zu Boden und holt auch mal einem weinenden Mädchen das entlaufene Kätzchen aus der Baumkrone. Nach des Tages Müh und Last gönnt er sich -- glänzend gefilmte -- Luftakrobatik über den Wolkenkratzern, die, so "Time", einen Adler veranlassen könnte, den Gurt anzuschnallen.

Erzengel, der er ist, braucht er als wahren Gegner auch einen Erzschurken. Und die sind, James Bond weiß davon ein Lied zu singen, auf Erden so leicht nicht mehr zu finden, seit wir im Zeitalter der globalen Entspannung leben. Die Japse und die Krauts, der Iwan und die gelben Schlitzäugigen aus den comic-seligen Zeiten des heißen und kalten Kriegs können dafür nicht mehr herhalten.

Lex Luthor, Supermans. Feind fürs Leben, ist Bodenspekulant, ein Kaußen im Globalformat. Er haust tief unter der Erde von Metropolis mit einer vollbusigen brünstigen Geliebten Eve Teschmacher in einem schicken Nachbau der Grand Central Station, deren Schalterhalle er als Swimming-pool benutzt. Als sichtbares Zeichen seiner Bosheit verfügt Luthor über eine Bibliothek.

Heimlich kauft Luthor die östliche Hälfte Kaliforniens auf, weil er die westliche durch eine Atombombenexplosion im San-Andreas-Graben im Meer verschwinden lassen will.

Das von Luthor ausgelöste Erdbeben macht Superman schwer zu schaffen. Er muß berstende Staudämme dichten, einen vollbesetzten Schulbus von der schwankenden Golden-Gate-Brücke retten und eine von Luthor fehlgelenkte Atomrakete abfangen. So kommt er zu spät, um seiner Geliebten Lois Lane zu helfen, die mit ihrem Auto in eine Erdspalte gerutscht war und von den Gesteinsmassen erdrückt wurde.

Mit zornigem Super-Urschrei schießt er gen Himmel, verändert die Erddrehung und -- Einstein rotiert im Grab -- schraubt so die Zeit zurück. Lois Lane ist wieder heil. Doch vor dem Dankeschön-Kuß macht Superman sich wieder auf die Flugsocken, denn wie sein Comic-Vorbild darf auch der Kino-Mann aus Stahl keine erotischen Gefühle zeigen. Statt dessen schnappt sich Superman Luthor und seine Bande und liefert sie im Gefängnis ab. Der Augiasstall ist ausgemistet -- fürs erste.

Denn noch gibt es genügend Böses auf der Erde und im All, um den fliegenden Tunurgut für weitere geplante fünf Folgen beschäftigt zu halten. "Superman II", er soll in eineinhalb Jahren ins Kino kommen, ist bereits halb abgedreht. In ihm werden die drei auf den Chip verbannten Krypton-Verräter die Erde überfallen, das Weiße Haus zerstören, den Präsidenten entführen und schließlich die ganze Welt beherrschen.

Noch schlimmer soll es Superman ergehen. Er wird den irdischen Reizen von Lois Lane nicht länger widerstehen können und dadurch vom Samson-Schicksal ereilt werden: Zumindest zeitweise wird er durch seine menschlichen Regungen seine übermenschlichen Kräfte verlieren.

Keine Frage, James Bond, bislang erfolgreichster Serienheld der Filmgeschichte, hat Konkurrenz bekommen. Ob die Produzenten der Superman-Filme, Vater und Sohn Salkind sowie Pierre Spengler, allerdings von dieser Goldmine werden viel profitieren können, ist bislang noch fraglich.

Ihnen steht eine Reihe von Prozessen bevor. Neben dem amerikanischen Kinokettenbesitzer William Forman, der von den Superman-Machern 60 Millionen Dollar Schadenersatz wegen Übervorteilung haben möchte (SPIEGEL 1/1979), hat nun auch Marlon Brando die Produzenten auf Zahlung von 50 Millionen Dollar verklagt. Er fühlt sich um seine Beteiligungsprozente am Einspiel betrogen.

So könnte es den Produzenten ähnlich ergehen wie den Superman-Erfindern Joe Shuster und Jerry Siegel. Sie hatten 1938 ihre Rechte an dem Comic strip für 130 Dollar verkauft. Nachdem sie die Serie einige Jahre als Angestellte weitergeführt hatten, mußten sie sich neue Jobs suchen.

Shuster, auf einem Auge erblindet, schlug sich als Bote durch, Siegel wurde Postangestellter in Kalifornien. Nahezu dreißig Jahre mußten sie prozessieren, um endlich 1975 von Warner Communications, den Rechte-Inhabern des Superman-Comies, eine jährliche Rente von je 20 000 Dollar zu erhalten. Aus den Gewinnen des Films und seiner Fortsetzungen geht kein Cent an die beiden.

So sieht die "Wahrheit, Gerechtigkeit und die amerikanische Lebensweise" in Wirklichkeit aus.


DER SPIEGEL 2/1979
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