05.02.1979

FILMLanger Jammer

„Die Faust in der Tasche“. Spielfilm von Max Willutzki. Deutschland 1978; 106 Minuten; Farbe.
Mit Mut und Zuversicht geht alles besser, und ist die Lage noch so mies -- ein simples Rezept, das Max Willutzki mit seinem Film "Die Faust in der Tasche" zur Linderung einer sozialen Misere anbietet.
"Wir werden die Oma schon schubsen", tönt es trotzig-optimistisch aus dem Mund von Wolle und aus dem seiner Freundin Elke, zweier Jugendlicher aus Berlin-Kreuzberg, einem Liebespaar vom Kiez, das nach einigen Zerwürfnissen beim pathetischen Film-Finale wieder traulich vereint ist.
Wolle (Ernst Hannawald) hat nach der Lackierer-Lehre keine Anstellung gefunden, sieht sich als Versager, verschweigt seiner Elke (Ursela Monn) aus Scham die Arbeitslosigkeit und fängt an zu saufen. Eine Zeitlang kann Elke ihren betrunkenen Freund gar nicht mehr leiden.
Der handgreiflich und theatralisch absolvierte Krach zwischen den beiden Identifikationsträgern aus der Unterschicht ist nur einer von vielen groben Akzenten, mit denen Willutzki seinen Film über Jugendarbeitslosigkeit dem Publikum im Alter Wolles und Elkes schmackhaft machen möchte. Mit reißerischen, klischeesatten Sequenzen voller Remmidemmi, mit Prügel-Szenen, wüsten Saufereien, Raubzügen und Motorrad-Exzessen schmeißt er
* Mit Manfred Krug (M.) und Ernst Hannawald (r.)
sich ran an die angeblichen Sehgewohnheiten des sogenannten breiten Publikums. Dabei versinkt sogar ein Kameramann wie der Italiener Mario Masini ("Padre Padrone") ins Mittelmaß.
Schon zweimal hat sich Willutzki, Absolvent der Berliner Filmakademie, an Sozialkritik versucht, in dem dokumentarischen Spielfilm "Der lange Jammer", Thema: die Wohnsituation von Sozialmietern in einer Trabantenstadt, und in dem Film "Vera Romeyke ist nicht tragbar", in dem das Sujet der Berufsverbote einer grobgewirkten Dramaturgie zum Opfer fiel.
In Willutzkis Arbeitslosen-Drama kommt ein kräftig chargierendes Typen-Personal kaum zum Luftholen" weil es ständig mit der krausen Handlung auf Hochtouren laufen muß. Da gibt es den rauhen, herzlichen Sozialarheiter Lukas (DDR-Emigrant Manfred Krug in seiner ersten westdeutschen Kino-Rolle), der Wolle und seine Clique durchs Beispiel cooler Taten und mit lockeren Sprüchen aus der Kneipe ins kirchliche Jugend-Freizeitheim holt. Wegen seiner unorthodoxen Methoden von der Kirchenleitung schief angesehen, erweist sich "Bruder Lucky" als patenter Jugendhelfer.
Wann immer einer seiner Schutzbefohlenen in der Bredouille sitzt, ist er sofort zur Stelle -- er fährt, mit Schneid, ein schweres Motorrad. In seinem flotten Heim schwindet im Handumdrehen die Angriffslust der arbeitslosen Jugend, die sich zuvor im Wirtshaus noch in Keilereien entladen hatte.
Willutzki entzündet die Konflikte, die der Film benötigt, um nicht an Tempo zu verlieren, weniger an handfesten sozialen Widersprüchen als an einer Kino-Konstellation, die auch vor spießiger Denunziation eines gestrauchelten Außenseiters nicht zurückschreckt. So bietet der Film einen veritablen Schurken auf, den kriminellen Archie: "Die Faust in der Tasche" hat auch ihren Mephisto. Der macht dem Kirchenmann [ukas mit fatalistischen und unfreiwillig treffenden Einwänden zur Lage der Jugend schwer zu schaffen. Archie (der Sänger und Parodist Tommi Piper), eine Art Pate von Kreuzberg, verführt Wolles Elke in der untergrund-modisch möblierten Fabriketage und die mittellose Jugend zu Diebestouren. Perfide reicht er Elke ihren ersten Joint: "Nimm doch mal "n Zug, das macht glücklich."
Macht es aber nicht. Elke kehrt aus der Lasterhöhle zu Wolle zurück, der unterdessen aus dumpf alkoholisierter Passivität zum Heldentum erwacht ist. Als am Ende eine Polizei-Kolonne zur Räumung des Jugendheims angetreten ist, dirigiert er seine Freunde per Megaphon in den Widerstand.
Von Arnd Schirmer

DER SPIEGEL 6/1979
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