26.03.1979

Schmidts Ehmke-Trick

Noch sträubt sich Horst Ehmke und spricht von "Quatsch". Doch sicher ist: Der stellvertretende SPD-Fraktionsvorsitzende soll nach dem Willen von Bundeskanzler Helmut Schmidt demnächst das Bonner Verkehrsministerium übernehmen. Der Plan geht zurück auf den derzeitigen Amtsinhaber Kurt Gscheidle. Der Post- und Verkehrsminister ist der Doppelbelastung schon seit drei Jahren überdrüssig. Während eines Kuraufenthalts im Schwarzwald verlangte er von Besucher Schmidt. das Doppelministerium umgehend zu trennen. Gscheidle will sich in Zukunft nur noch um die florierende Post kümmern.

Daß der Regierungschef gerade Ehmke in seine Ministerriege aufnehmen will, mutet auf den ersten Blick seltsam an. Denn Schmidts Verhältnis zu dem einstigen Vielzweck-Minister unter Brandt/Scheel ist nach wie vor gespannt. Aber im Kabinett, so Schmidts Kalkül, könnte der eigenwillige Ehmke in die Disziplin der Regierungsmannschaft eingebunden werden.

Als Unterhändler entsandte Schmidt den kürzlich zum Vorsitzenden der Gewerkschaft der Eisenbahner Deutschlands (GdED) gewählten Ernst Haar, derzeit noch Parlamentarischer Staatssekretär bei Gscheidle. Aber Ehmke mochte sich auf das Angebot nicht festlegen. Denn der Bonn-Profi weiß, daß im Verkehrsressort mit der defizitären Bundesbahn kein Lorbeer zu gewinnen ist.

Zudem sinnt Ehmke, seit er 1974 von Schmidt demonstrativ aus der Regierung ausgesperrt wurde, auf eine Karriere in der Partei. inzwischen sehen sogar SPD-Rechte in Ehmke den kommenden starken Mann. Ein einflußreiches Mitglied aus Egon Frankes Kanalarbeitertruppe: "Der wäre ja blöd, ins Kabinett zu gehen, der marschiert doch auf die Wehner-Nachfolge." Ende vergangener Woche berichtete Haar seinem Auftraggeber Schmidt von dem erfolglosen Botengang. Schmidts Reaktion: "Wenn der nicht will, lasse ich bis 1980 alles beim alten." Die Entscheidung fällt voraussichtlich diese Woche in der SPD-Fraktion.


DER SPIEGEL 13/1979
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.

DER SPIEGEL 13/1979
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Schmidts Ehmke-Trick