26.03.1979

SÜDAFRIKASchlimmer als Lockheed

Eschel Rhoodie, einst Staatssekretär in Pretoria, will die Regierung Botha zum Rücktritt zwingen: mit 41 Tonbändern über einen weltweiten Korruptionsskandal.
Messermann, der lange Heinrich, der schmutzige. Harry und Thor, der Donnergott, hatten einen Plan. Warum immer einzelne Leute bestechen? hatte Thor angeregt. Kaufen wir doch gleich den ganzen Laden. Die anderen waren einverstanden.
Der schmutzige Harry sollte den Coup ausführen. Er packte seinen Diplomatenkoffer voll Geld und flog damit nach Amerika. Beinahe hätte es auch geklappt. Denn der Plan war gut. Er hatte nur einen Haken: Der Geschäftspartner war nicht bestechlich. So mußte der schmutzige Harry mit seinem Geldkoffer wieder nach Hause fliegen.
Der Plan, den "Washington Star" zu kaufen und damit einen wichtigen US-amerikanischen Meinungsträger unter südafrikanische Kontrolle zu bringen, ist eines der wenigen Projekte, die dem agilen Politquartett in Pretoria mißrieten. Sonst waren sie erfolgreicher. So erfolgreich, daß nun die Regierung in Pretoria darüber zu stürzen droht.
Denn einer aus dem Viererbund will auspacken: Eschel Rhoodie, derzeit flüchtiger Ex-Staatssekretär im Informationsministerium -- von seinen Freunden auch "Thor" genannt
verlangt, daß Premierminister Pieter Botha ihn in Ehren heimkehren läßt. Andernfalls will Rhoodie 41 Tonbänder veröffentlichen, die beweisen sollen, daß Mitglieder der südafrikanischen Regierung, unter ihnen auch Ex-Premier Johannes Vorster, als stille oder aktive Teilhaber an den illegalen Operationen beteiligt waren.
Vor dem Johannesburger Geschäftsmann Josias van Zyl und dem Ex-Geheimdienstchef Hendrik van den Bergh ("Der lange Heinrich"), die Botha als Parlamentäre nach Paris schickte, lüftete Rhoodie vorletzte Woche einen Zipfel seines Geheimnisses.
Was hervorlugte, ließ, wie van Zyl sich schaudernd erinnert, "den Lockheed-Skandal wie das Picknick einer Sonntagsschule erscheinen. Neben van den Bergh, Vorster und Ex-Informationsminister Connie Mulder werden auch Regierungschef Botha ("Messermann"), Finanzminister Owen Horwood und Mulders Abteilungsleiter Les de Villiers ("Schmutziger Harry") schwer belastet.
Obwohl Rhoodie die wichtigsten Beweisstücke unter Verschluß hält, sind Konturen und Methoden des Propagandakrieges nicht mehr zu verwischen. Unter Rhoodies Ägide gaben die Meinungsmacher insgesamt 150 Millionen Mark aus einem Geheimfonds aus, um sich Politiker und Gewerkschaftsbosse gefügig zu machen, Zeitungen zu gründen oder Journalisten auf Apartheid-Kurs zu bringen. Rhoodie behauptet unter anderem:
* In Oslo finanzierten Rhoodies Werber dem Geschäftsmann Anders Lange mit 70 000 Mark die Gründung einer burenfreundlichen Partei, die 1973 mit vier Abgeordneten ins norwegische Parlament einzog. > In den Vereinigten Staaten kassierten prominente Gewerkschaftsbosse Anfang 1977 größere Summen für ihre Bereitschaft, den vom Internationalen Bund Freier Gewerkschaften gegen südafrikanische Schiffe verhängten Boykott zu unterlaufen.
* In Großbritannien und Japan zahlte Pretoria stattliche "Beraterhonorare" an namentlich bekannte Parlamentarier.
* In Frankreich, Kenia und den Niederlanden war das südafrikanische Informationsministerium finanziell an der Gründung von Zeitungen und Presseagenturen beteiligt.
* In den USA, Frankreich und der Bundesrepublik hält sich Pretoria für Millionensummen einen ergebenen Kreis von bezahlten Sympathisanten; in Washington den Anwalt Donald de Keiffer, für den aus dem Geheimfonds der Manipulateure 150 000 Dollar jährlich angewiesen wurden, in Paris die "Amis francais des communautés sudafricaines" (Ehrenpräsident: Ex-Premier Antoine Pinay), in Hamburg die Werbeagentur "Pro International" (Hauptgesellschafter: Eduard Graf Wiekenburg).
Wer dem "Prinzip der abgestuften Beeinflussung" (so der Johannesburger "Star") zum Durchbruch verhelfen wollte, durfte nicht am falschen Ende sparen. "Wenn es notwendig war, der Frau eines Verlegers einen Nerzmantel zu kaufen", gestand Rhoodie später, "sollte das genauso möglich sein, wie einen Mann mit seiner Geliebten für einen Monat in die Ferien nach Hawaii zu schicken."
Weil Politiker und Journalisten auf allzu platte Bestechungsversuche bisweilen befremdet reagierten, bot das Informationsministerium potentiellen Freunden eine breite Palette von unverdächtigeren Vergünstigungen an.
Zur umstrittenen "Unabhängigkeit" der Transkei etwa ließen Pretorias Sympathie-Werber im Oktober 1976 annähernd 150 Journalisten aus Westeuropa einfliegen. Festgast Siegfried Maruhn, Chefredakteur der wohlhabenden Essener "Westdeutschen Allgemeinen Zeitung", ließ in seinem Bericht über die Feierlichkeiten (Überschrift: "Jetzt fahren wir nach Umtata") keinen Zweifel daran, wer die Reisespesen gezahlt hatte: "Die Regierung in Pretoria läßt es sich etwas kosten."
Die dicksten Brocken im Geheimetat des Informationsministeriums verschlangen zwei aufwendige Medienprojekte, mit denen die regierende Nationale Partei das meinungsbildende Übergewicht der englischsprachigen Presse des Landes brechen wollte.
1972 gründete Eschel Rhoodie in Johannesburg das Nachrichtenmagazin "To the Point", eine spritzig gemachte wöchentliche News-Postille' der die burische Herkunft kaum anzumerken war. Weil "To the Point" nicht nach Profit zu schielen brauchte, konnte sich Rhoodie teure Mitarbeiter und Korrespondenten in aller Welt leisten; so den Afrika-Experten des "Springer Auslandsdienstes" Hans Germani, den heutigen "Neue Revue"-Reportagenchef Horst Peters und die Löwenthal-Mitarbeiterin Brigitte Teuber, die sich vor Jahren einen Namen machte, als sie barbusig für ihren Chef demonstrierte.
Das großdeutsche Element ist auch beim "Citizen" überrepräsentiert, einer von Rhoodie ins Leben gerufenen englischsprachigen Tageszeitung mit burischem Zungenschlag, für den die Regierung 36 Millionen Mark Starthilfe auswarf.
Um den politischen Standort des "Citizen" zu verschleiern, ließen Rhoodie und sein Minister, Connie Mulder, die Anteile unter mehreren Verlegern streuen. Zu den Teilhabern gehört, neben zwei US-Bossen, einem südafrikanischen Fabrikanten und einem holländischen Verlagskaufmann, auch der österreichisch-ungarische Kronprinz außer Dienst Otto von Habsburg.
Weil sie die Ausgaben in der Regel nicht zu belegen brauchten' langten die Fondsverwalter auch außerdienstlich tüchtig in den Geheimfonds -- vor allem Eschel Rhoodie. Er flog mehrmals im Jahr erster Klasse zum Schneider nach Paris und London und im gecharterten Privatjet zum Baden auf die Seychellen.
Das süße Leben des. Staatssekretärs brachte die südafrikanische Enthüllungspresse auf seine Spur. Im März vergangenen Jahres enthüllte der liberale "Sunday Express", Rhoodie und Mulder hätten sich umfangreicher Devisenvergehen schuldig gemacht.
Informant war offensichtlich Außenminister Pik Botha, der seinen alten Rivalen Connie Mulder aus dem Amt hebeln wollte. Nur: Nachdem Mulder unter dem Druck seines Kabinettsherrn zurückgetreten war, legte auch Vorster im September sein Amt nieder.
Eschel Rhoodie hielt bis kurz vor Weihnachten durch. Als die von der Regierung eingesetzte "Erasmus-Kommission" weiteres Belastungsmaterial gegen ihn ausgrub, setzte er sich vom Kap ab. Seitdem ist Rhoodie -- angeblich verfolgt von Pretorias Killern -- auf der Flucht. Mal tauchte er in der Schweiz auf, mal am Strand von Miami, dann im südamerikanischen Quito.
Die letzte Standortmeldung kam aus dem "Sofitel" am Charles-de-Gaulle-Flughafen bei Paris. In seinem Hotelzimmer traf der Flüchtling mit Ex-Kumpan van den Bergh und dessen Begleiter Josias van Zyl zusammen, um über den Verkauf des "Muldergate"-Materials zu verhandeln. Rhoodies Preisvorschlag: 100 000 Pfund Sterling (rund 400 000 Mark) bar auf den Tisch. Doch soviel hatten die Herren aus Pretoria nicht flüssig. Das Geschäft kam nicht zustande.
Einstweilen lagert der brisante Stoff daher weiter in den Tresoren zweier unbekannter europäischer Banken. Rhoodie hat Anweisung gegeben, die Bänder zu veröffentlichen, wenn ihm etwas zustoßen sollte.
Die Vorsichtsmaßnahmen erhielten vorigen Dienstag einen Anstrich von Plausibilität, als der Johannesburger Rechtsanwalt Joseph Ludorf durchblicken ließ, vor den Wahlen im Herbst 1977 seien der Vorster-Kritiker Robert Smit und dessen Frau Cora von bezahlten Killern ermordet worden. Grund: Die beiden hätten über den Mulder-Rhoodie-Skandal auspacken wollen. Der Anwalt kennt angeblich sogar den Piloten, der die Mörder -- zwei ehemalige deutsche Kongosöldner -- vom Flughafen Luton bei London nach Johannesburg geflogen hat. Honorar laut Ludorf: für jeden 70 000 Mark.
Die neue Affäre lockte auch Johannes Vorster aus der Reserve, der sich bisher aus allem herausgehalten hatte. Sein Kommentar: Alles nur Intrige. Vorster-Nachfolger Botha nimmt die Vorwürfe ernster. Er will zurücktreten, wenn Rhoodie den Nachweis führt, daß einer seiner Minister aktiv in den Skandal verwickelt war.

DER SPIEGEL 13/1979
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