23.04.1979

TURNIERREITENFür oder vom

Skirennlauf er umwedeln im Slalomkurs die olympische Amateurregel; Springreiter nehmen sie im Galopp. Beide kassieren als Amateure sechsstellig.
Die Verteidiger des olympischen Amateurgedankens sind hoffnungslos umzingelt: Im Osten dräut die dichte Phalanx der Staatsamateure, im Westen erhalten die Industrie-, Spenden- und Spesenamateure kräftigen Zuzug. Nun reiten die Roßhändler an zum womöglich letzten Gefecht.
Erstmals führten die Springreiter nach dem Muster der Skiläufer einen Weltcup ein, der jüngst in Göteborg entschieden wurde. "Am besten wäre es, sie würden alle Profis", mahnte Prinz Philip von England, der Präsident des Weltverbandes (FEI) seine Rittmeister zur Ehrlichkeit.
Beim Weltcup gab es 220 000 Mark zu gewinnen, in der nächsten Saison wird es noch mehr sein. Der schwedische Autokonzern Volvo finanzierte das gelungene Spektakel (59 000 Zuschauer, TV-Übertragung) mit etwa 500 000 Mark und stiftete den drei erfolgreichsten Reitern einen Volvo 343.
Weltcupsieger Hugo Simon aus der Pfalz, der als Österreicher startet, weil ihn die deutschen Funktionäre durch Nichtbeachtung vergrämt hatten, gestaltete die Siegesfeier zum Werbefernsehen: Er stülpte sich einen Sturzhelm (Marke Jofa) auf und besprühte seinen Preiswagen (14 000 Mark) mit Champagner (Moèt et Chandon). An Barprämien verdiente er fast 100 000 Mark. Trotzdem fühlt er sich weiterhin als Amateur, denn er lebe "für das Reiten und nicht vom Reiten".
Auch seine Reiterkameraden übersprangen den Vorschlag des Prinz-Präsidenten Philip. Der Profistatus verböte ihnen nur einen Olympiastart, bei dem ohnehin kein Geld zu gewinnen ist. Aber er beschert ihnen zu viele Vorteile: Verband und Mäzene leisten beim Kauf von Olympia-Pferden Zuschüsse, olympische Erfolge verhelfen ihnen zu höher dotierten Reiterverträgen in Turnierställen, oder ihre eigenen Pferde werden für einen Verkauf aufgewertet.
Den Turnierreitern könnte der entscheidende Einbruch in die Amateurstellungen des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) gelingen. Erfolgreiche Leichtathleten kassieren zwar auch Startgelder. Doch es gibt nur wenige, die 1000 Mark oder mehr pro Start verdienen. In der Regel wechseln Athleten nach dem Ende ihrer Sportkarriere in einen normalen Beruf.
Mit den alpinen Skiläufern brachen erstmals unzweifelhafte Profis in die Amateurbastion ein. Erfolgreiche Abfahrer wie der Österreicher Franz Klammer verdienten im Jahr mehr als 400 000 Mark und durften doch Olympiasieger werden, weil der Skiweltverband die Doppelstrategie unterstützt: Er definiert Erfolgsprämien offiziell als Verdienstausfall, der erst nach dem Ende der Laufbahn ausgezahlt werde.
Die Turnierreiter rechtfertigen die wuchernden Preisgelder in den FEI-Regeln als "eine den Pferdebesitzern gewährte Beihilfe zu den hohen Kosten". Soviel ist wahr: Turnierpferde erfordern im Jahr bis zu 15 000 Mark; Nachwuchspferde springen nichts ein. "Ich brauche diese Summen", erklärte Weltcupsieger Simon. "Ein Turnierstall verschlingt jährlich viel mehr."
"Heute denken doch alle nur noch ans Geld", kritisierte der frühere Olympiasieger Fritz Thiedemann. Erfolgreiche Reiter verladen ihre wertvollen Springpferde nur zu hochdotierten Turnieren, die zumeist für den Veranstalter ein Zuschußgeschäft sind. Allein die internationalen Turniere in Berlin und Bremen kosten ungefähr eine Million Mark. Das Defizit in Berlin beläuft sich auf etwa 200 000 Mark.
Überdies beschert Werbung am Pferd ein willkommenes Zubrot. Alwin Schockemöhle hängte den Namen einiger Pferde ein "Rex" an; so heißt die Firma seines früheren Schwiegervaters. Auch "Jägermeister" half einigen Reitern schon über Hürden.
Der französische Olympiasieger Pierre Jonquères d'Oriola warb für Champagner "Moèt et Chandon". Nach Speiseeis hieß der "Mr. Softee" des Briten David Broome. Sein Landsmann Harvey Smith nahm Mauern und Gräben dank "Johnny Walker".
Fünf und sechsstellige Gewinne fallen beim Pferdehandel an. Ein gutes Turnierpferd kostet mindestens 100 000 Mark. Für den Wallach "Beau Supreme" zahlte der Holländer Leon Melchior schon 750 000 Mark. Für Schockemöhles Olympiapferd "Warwiek Rex" lagen Angebote bis zu 600 000 Mark vor.
"Der kann Pferde im Dunkeln kaufen", rühmte Thiedemann den Olympiasieger Alwin Schockemöhle. Sein Bruder Paul mußte nach dem Verkauf einiger Pferde allerdings Prozesse mit unzufriedenen Kunden durchstehen. Die Unternehmungen beider Schockemöhles setzen inzwischen schätzungsweise 100 Millionen Mark jährlich um.
Verbandsoberst Philip versuchte 1973 das Prinzip Ehrlichkeit durchzusetzen und erklärte 21 britische Reiter zu Profis. Er hoffte, andere würden sich anschließen -- vergebens. Ein Deutscher verwandelte sich allerdings unfreiwillig in einen Berufsreiter:
Als dem wenig bekannten Hans-Heinrich Quellen eine Sperre drohte, wehrte er sich mit einer einstweiligen Verfügung. Ein Reitverbot' wandte er ein, komme einem Berufsverbot gleich. Da schickte ihm der Verband eine Profilizenz.

DER SPIEGEL 17/1979
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