23.04.1979

Das innere Elend unserer Herrscher

Carl Amery, 57, wurde durch seine linkskatholische Kritik am deutschen Katholizismus ("Die Kapitulation“, 1963) bekannt. Er veröffentlichte Romane ("Die „große deutsche Tour") und Bücher über „Die gnadenlosen Folgen des Christentums“ und „Natur als Politik. Die ökologische Chance des Menschen“. -- Horst Eberhard Richter, 55, ist Professor für Psychosomatik und Psychotherapie in Gießen und Autor des Bestsellers „Patient Familie“.
Mit dem "Gotteskomplex" legt Richter sein bisher wohl ehrgeizigstes Buch vor. Es ist damit, was niemanden verwundern sollte, wohl auch sein verwundbarstes geworden. Für Leute wie den Rezensenten, der die öffentliche Angelegenheit Seele als zu dringlich betrachtet, um sie den Fachleuten allein zu überlassen, ist es damit zu einem sehr respektablen Buch geworden -- dessen Einzelheiten deshalb besonders eingehend kritisiert werden müssen.
Zunächst das Wichtigste zum Inhalt. Der "Gotteskomplex"** ist keineswegs ein atheistischer Angriff auf die Grundlagen unserer Kultur. Vielmehr kommt es Richter gerade darauf an, zu zeigen, daß der "atheistische" Angriff der Neuzeit, der prometheische Aufstand gegen die religiös gefühlte und religiös verbrämte Ohnmacht des Menschen, die eigentlich aktuelle Ausprägung des "Gotteskomplexes" ist.
Sie folgt, für Richter fast zwangsläufig, aus der meist "mittelalterlich" genannten Frömmigkeit des kirchlich gebundenen Monotheismus, aus dem von tiefer Ohnmacht gekennzeichneten "kindlichen" Glaubensgefühl an einen machtvollen, allmachtvollen Gott-Vater. Der "Mensch der Neuzeit", also der Mensch des prometheischen Aufstandes, gleicht jenen Kindern, die plötzlich darauf bestehen, nun ihrerseits die totale Kontrolle über alles zu übernehmen, was mit ihnen und um sie herum geschieht -- weil sie nur so dieser frühkindlichen Ohnmacht glauben entrinnen zu können.
In dieser Phase kommt es zu der Allmacht-Phantasie, die das eigentliche Symptom des "Gotteskomplexes" ist. All das, was als Schwäche, Unvollkommenheit, Evidenz der Nicht-Allmacht gefürchtet wird, muß folgerichtig unterworfen, verdrängt werden, in die zweite Linie treten: das weibliche gegenüber dem männlichen Element, die "raison du coeur" (Pascal) gegenüber der reinen Rationalität, die Innenwelt gegenüber den Ansprüchen der sogenannten Wissenschaftlichkeit.
Dies drückt sich selbstverständlich auch gesellschaftlich-politisch aus: in all den Mechanismen der Entmündigung, der Unterdrückung der Menschlichkeit, die wir gerade in diesem Jahrhundert kennengelernt haben. Der Preis, den der kollektive Egozentriker für sein Machtstreben zahlt, ist für Richter in erster Linie "Die Krankheit, nicht leiden zu können" (Titel des zweiten Teils); die zunehmende Hilflosigkeit unserer Kultur, echte, nämlich lebendige Kompetenzen für Leid, Mit-Leid, Mit-Sterben zu entwickeln beziehungsweise festzuhalten.
Einerseits Ersatzbefriedigungen jeder Art, andererseits die "Verwandlung des Leidens in projektiven Haß" sind die bekanntesten Auswege, die wir aus dieser Unfähigkeit, dieser Krankheit des Nicht-leiden-Könnens suchen. Die Aufgabe, die sich stellt: Überwindung der psychischen und der sozialen Selbstspaltung des Menschen.
Den Abschluß des Buches, seinen vierten Teil, bildet der (für mich) spannendste: eine Psychoanalyse aus der Nachkriegszeit als Lehrstück, das grauenvolle Dokument einer Vater-Sohn-Beziehung, wie sie (leider) gerade in Deutschland als typisch angesetzt werden kann.
Wie schon angedeutet, ist der Inhalt, sind die Thesen des Buches eminent politisch. Ausgesprochen wohltuend und auf ihre Weise zwingend wirkt die Aufhebung der Schein-Alternative Theismus/ Antitheismus durch Richter, eine Aufhebung, in die ihm zahlreiche Christen (und unter ihnen auch sicher zahlreiche Theologen) mit einem Seufzer der Erleichterung folgen werden: Sie bietet einleuchtend genug die Korrektur eines "Gottesbildes" an, das für die fruchtbare Verkündigung so gut wie nichts mehr zu bieten hat.
Was Richters Buch (mehr als seine Thesen) verwundbar macht, sind, meine ich, die geistesgeschichtlichen Ex-
* Spanische Wandmalerei um 1123.
** Horst Eberhard Richter: "Der Gotteskomplex". Rowohlt Verlag, Reinbek; 340 Seiten; 22 Mark.
kurse und Passagen. So klar die Zusammenhänge des Gotteskomplexes mit der europäischen Geistesgeschichte von Descartes bis Nietzsche auch sein mögen: eine Simplifikation, und zwar keine unbedeutende, muß stattfinden, wenn alle miteinander, Descartes wie Spinoza, Fichte wie Nietzsche, Marx wie Marcuse durch diesen einen "Durchblick" anvisiert werden.
Ähnliches gilt für politisch-gesellschaftliche Diagnosen, die notgedrungen Komplexität vermissen lassen. Nehmen wir nur eine der wichtigsten Teilfragen in unserem (das heißt Richters) Zusammenhang: nämlich die Frauenfrage.
Es kann gar kein Zweifel bestehen, daß die Verknüpfung der Männervorherrschaft mit dem Gotteskomplex vorhanden und wichtig ist; aber der chronologische Zusammenhang mit -- zum Beispiel -- der geistesgeschichtlichen Entfaltung des westlichen Egozentrismus müßte vom Autor doch wohl viel differenzierter aufgeschlüsselt werden.
Es ist wohl kein Zweifel erlaubt, daß die mittelalterliche Stellung der Frau noch schlechter war als die der Neuzeit, und daß es massive früh- und vorgeschichtliche "Machismen" gibt, die bestimmt nichts mit dem westlichen Gotteskomplex, aber eine Menge mit der noch immer benachteiligten gesellschaftlichen Stellung der Frau zu tun haben. Hier hätte Richter gut daran getan, ein wenig geduldiger an seinen Exkursen zu arbeiten.
Methodisch schwieriger ist ein anderer Aspekt der Richterschen These. Die "Realität" seines Gottes, das heißt eines "Allmächtigen", der entweder nur kleinkindliche Unterwerfung oder egozentrischen Trotz erlaubt, ist für den Psychologen gegeben, ist eine Realität, die ihm in unserer Gesellschaft tagtäglich begegnet. Was er ihr gegenübersetzt als Postulat, nämlich die gereifte, auch Leid und Ohnmacht akzeptierende Mitmenschlichkeit, bedarf noch der näheren Untersuchung.
Wie drückt sich diese Mitmenschlichkeit etwa politisch aus? Besteht nicht ein wesentlicher Teil unserer westlich-menschlichen Tragödie gerade darin, daß es das innere Elend unserer "Herrscher" ist, was sich in politischem Erfolg niederschlägt? Ist das Nichts der Erfolglosigkeit, der Abhängigkeit, vor dem sie zittern, nicht gerade das, was instinktiv unser gereiftes Mitleid hervorruft und uns veranlaßt, diesen verkorksten Kindern ihr Spielzeug, vom Bundestagsmandat bis zum Schnellen Brüter, zu belassen?
Ist nicht gerade dieser Typus der "erfolgreiche" Typus schlechthin -- und zwar nicht nur, weil unsere Gesellschaft ihn honoriert, sondern weil seine Todes-Angst ihn eben selbst zu überdurchschnittlichen Anstrengungen zwingt? (Besonders bemerkenswert ist hier Richters Analyse des "deutschen Erfolgsmenschen" im Spiegelbild seines fast zugrundegerichteten Sohnes.)
Das ist die Quadratur des Zirkels. Richter analysiert Gegenkulturen und Alternativen, wie sie heute allenthalben in der Jugendszene und bei den "Grünen" (im weitesten Sinne) sichtbar werden. Ihr Problem aber ist, daß die Toleranz, die Richter für sie fordert, gerade von dem Typus, den er anprangert, nicht geleistet wird und nicht geleistet werden kann -- weil eben dieser Typus ganz genau weiß, daß er sich damit selbst umbringt.
Hier, fürchte ich, muß Horst Eberhard Richters Ansatz im Vorfeld der eigentlich wichtigen Aufgabe, nämlich des Aufbaus lebensfreundlicher politischer und gesellschaftlicher Lohn- und Strafsysteme, stecken bleiben. (Es liegt nicht an ihm.)
Eine letzte Bemerkung zum Gottesbegriff. Götter sind, nach einer bestechenden anthropologischen Theorie, in erster Linie noologische* Wesenheiten, die uns durch autoritative Anordnung des Weltstoffs davor bewahren, verrückt zu werden. Diese Aufgabe haben in der Neuzeit eine Reihe von -ismen übernommen. Insofern ist Richters eigene Weltdeutung natürlich selbst ein "Gott", weil sie uns -- manchmal auf fast zu einfache und plausible Weise -- Welterklärung durch Hervorhebung und Verdrängung anbietet.
In dem Maße, in dem man sich über diese göttliche Interpretationsfunktion jeder intellektuellen Leistung klar ist (und entsprechend vorsichtig bleibt), kann und wird Richters Buch eine große Hilfe sein.
* Noologie = philosophische Lehre, die sich mit der Organisation des autonomen Geistes befaßt.

DER SPIEGEL 17/1979
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