04.12.1978

„Denk an dein Herz, Bicou“

Auf geht's, ihr Kinder des Vaterlandes, der Tag des Ruhmes ist gekommen. Es weht die Trikolore, der Toten ist gedacht, nun wird "Bicou" gefeiert.
Durch ihn, einen leicht gebeugten Mann von 58 Jahren namens Emmanuel Vitria, geht ein Ruck. Im alten Rathaus von Marseille nehmen die Ehrenlegionäre und dazu eine sehr gemischte Hundertschaft ganz gewöhnlicher Patrioten ausnahmsweise die Zigaretten aus dem Mund.
"Marseille', sagt der Bürgermeister, ein weißhaariger Sozialist, "ist stolz auf Sie, Emmanuel Vitria, den Sohn unserer alten ehrwürdigen Stadt. Auf Sie und Ihr Herz!" Bicou sieht haarscharf an der Staatsmacht vorbei. Er hat die schönste Photographin im Blick, kneift schnell das linke Auge zu. O là là, Mademoiselle.
Gut dreihundert Küßchen hat Emmanuel Vitria am Montagmorgen der letzten Woche schon kassiert, tausend werden es bis zum Abend sein. Wange links, Wange rechts von der Prominenz, links-rechts-links von den Freunden und den Vierfach-hält-am-längsten-Smutschi der Familie. "Keiner liebt das Leben so wie einer, der es schon mal verloren hatte", sagt Bicou den Gästen. Champagner muß her. "Mein Herz gehört euch allen."
So ist es. Was wäre Marseille ohne das erste und das zweite Herz seines treuen Sohnes? Ein schmuddliger Hafenplatz, belastet mit dem traurigen Ruf, Heimstatt für Banditen und Heroinhändler zu sein. Jetzt aber und statt dessen: "In aller Welt ist Freund Vitria unser neuer Repräsentant geworden", freut sich sein Arzt, der Professor Jean Raoul Montiès, "seit zehn Jahren lebt er mit einem transplantierten Herzen" -- länger als jeder andere Patient, dem so geholfen wurde, und wohl auch glücklicher.
Denn Bicou ist nicht nur gut für Marseille, Marseille ist auch gut für Bicou. Von hier, aus Frankreichs tiefem Süden, zogen während der Französischen Revolution die feurigsten Söhne nach Norden. Paris, wir kommen. Ihr Kampflied, die "Marseillaise", wurde und blieb Nationalhymne: "Allons enfants de la Patrie, le jour de gloire est arrivè." Damals wie heute ging es der Freiheit, der Gleichheit, der Brüderlichkeit entgegen. In Marseille ist das nicht vergessen.
Als vor zehn Jahren, in der Nacht vom 27. auf den 28. November 1968, der damals 48jährige Weinvertreter Emmanuel Vitria in den Operationssaal des "Centre Cardiologique Medico-Chirurgical J. Cantini" geschoben wurde, war er nicht das Objekt ärztlicher Selbstdarstellung. Seine Operateure, die zum erstenmal und danach auch nie wieder ein Herz transplantierten, hatten dem Partner Vitria die Wahl gelassen und natürlich auch den Rotwein und seine "Gauloises"-Freiheit.
Das neue Leben trug dem einst Sterbenskranken Prominenz ein. Er speiste mit Pompidou und Giscard, wurde selbst Präsident der Blutspender-Union, fliegt jetzt, wenn's sein muß, in fremde Länder. Aber wohnen tut Bicou wie eh und je in einer kleinen Zwei-Zimmer-Sozialbauwohnung im Hochhaus. Keine neue Frau, keine Villa, kein "Personenschutz". "Ich bin ein Mann des Volkes" -- Gleichheit.
Alle zwölf Tage muß er morgens um sieben zu einer Routineuntersuchung ins Krankenhaus. Danach nimmt er auf der Herzstation an der ärztlichen Visite teil, als Psychotonikum. Patienten, die die Angst zu sehr beutelt, läßt Bicou -- Ohr an der Brust an seinem Zweitherz lauschen. Notfalls dosiert er das Prinzip Hoffnung auch nachts und wiederholt; "es hilft immer' -- Brüderlichkeit.
So "ungefähr zehntausendmal" hat er sein Hemd geöffnet, um die Narbe sehen und unter der Haut jenen Stahldraht fühlen zu lassen, der sein zersägtes Brustbein zusammenhält. Unerwähnt läßt Vitria die heiden taubeneigroßen Narbenbrüche, die auch ans Licht kommen Die sind ihm kein Grund zur Klage, auch Schlimmeres behält er am liebsten für sich. Nur daß er seit der Operation um 18 Zentimeter kleiner geworden, ist ihm Anlaß für einen Scherz en passant: "Wenn das so weitergeht, trägt Mutti mich bald auf dem Arm spazieren:'
Noch bevorzugt er das Rennrad. Sein Herz macht mit. Es schlägt ganz regelmäßig, Vitria hat es seit der Transplantation nicht mehr gespürt. Nur die verfluchten Knochen! Weil der Patient ohne jede Pause seit einem Jahrzehnt Cortison schlucken muß, dieses Teufelszeug, das zwar die Abstoßungsreaktion gegenüber dem fremden Muskeleiweiß unterdrückt, doch dafür den eigenen Knochen die alte Festigkeit nimmt, sind seine Wirbelkörper schmal und schmäler geworden.
Nun sitzt der Kopf tief zwischen den Schultern, der Brustkorb stößt fast am Becken an. Selbst den Unterkiefer hat das Cortison deformiert und dem Gesicht eine violette Farbe gegeben. Bicous fröhlicher Mikromimik tut das freilich keinen Schaden. Der Schrumpf-Franzose: "Die Ärzte haben die Sache jetzt fest im Griff."
Ohne diesen Optimismus wäre Emmanuel Vitria wohl seit langem ein toter Mann. Lebensfreude ist sein Elixier, wenn man von Whisky, Rotwein und Zigaretten mal absieht. "Alles mäßig, Monsieur! Ich habe mich allerdings nie als kranker Mann gefühlt" -- und schon gar nicht so aufgespielt.
Jeder in Marseille attestiert Bicou eine "großartige Moral". Manche wollen ihn gar bremsen: "Renn doch nicht so!" schrien die Zuschauer, als er mit zwei rivalisierenden Fußballmannschaften im Dauerlauf ins Stadion trabte, "denk an dein Herz!"
Dieses zweite Herz ist 23 Jahre jünger als Vitria und schlug für Pierre Ponson, einen 2Ojährigen Wehrpflichtigen, der in einem Militärlastwagen zu Tode kam. "Laßt euch Zeit", hörte Vitria in jener denkwürdigen Novembernacht die Ärzte aus dem angrenzenden Operationssaal rufen, "wir haben's noch nicht draußen."
Solche Direkt-Kommunikation ist typisch "Cardiologie Medico-Chirurgical", die nichts mit der deutschen Hochglanz-Apparate-Medizin gemein hat -- schon gar nicht den Mißerfolg.
Von außen sieht das Krankenhaus, in dem Vitria operiert wurde, so mickrig aus, daß jeder deutsche Bürgermeister das alte Gemäuer mit der Pendelbirne kurz und klein schlagen ließe
Trotzdem, oder gerade deswegen, wurde hier der "Weltrekord" geboren
in Marseille, wo die Operationssäle noch Fenster haben (statt Neonlicht), die Patienten Bewußtsein und die Ärzte kein Gottvertrauen. Vierzigmal ist in den letzten zehn Jahren in Frankreich ein Herz transplantiert worden -- viermal haben es die deutschen Chirurgen im gleichen Zeitraum versucht. Drei ihrer Patienten waren wenige Stunden später tot.
Einer hat lange überlebt. Ihm, dem damals 54jährigen Walter Schmittham-
* Mit SPIEGEL-Reporter Hans Haller.
mer, hatten Erlanger Chirurgie-Professoren im November 1968 nur noch wenige Tage prophezeit. Nur ein zweites Herz könne ihn vor dem schnellen Tod bewahren. Doch mit dem Eingriff klappte es nicht. Die Operation wurde abgebrochen, bevor das Messer den hohlen Muskel auch nur streifte -- Schmitthammer ist acht Jahre später ganz friedlich im Bett gestorben.
"Der große Durchbruch ist nicht gelungen", räumt Professor Werner Klinner, der in München zwei Herzen transplantierte, ein. Ob das wohl an den deutschen Söhnen Sauerbruchs liegt?
Könnte ja sein: Im "Medical Center" der amerikanischen Stanford University hat man jedenfalls seit 1968 insgesamt 155 Patienten ein fremdes Herz eingepflanzt, 66 von ihnen leben noch. Auch an der Cote d'Azur sonnt sich nicht nur der glückliche Bicou.
Am Tag vor seiner großen Fete flog Vitria mal schnell nach Nizza, weil dort ein kürzlich Operierter seines Zuspruchs bedurfte. Diesem Patienten haben französische Ärzte zum alten kranken zusätzlich ein junges gesundes Herz in die Brust operiert -- ein Huckepack-Verfahren ganz nach Bicous Geschmack.
"Jederzeit" würde er sich noch mal operieren lassen. Am liebsten, sagt er, wäre ihm ein "Kunstherz", genaugenommen das Aggregat, an dem sein jetziger Arzt, der Professor Montiès, werkelt. Als junger Doktor hat Montiès damals, vor zehn Jahren, mitgenäht.
Abends, die Feier nimmt kein Ende, sagt er: "Die Hoffnung, die in den Herzen der Menschen lebt, stirbt nie." Frau Vitria weint ein bißchen. Dabei hat sie nicht gehört, was der Professor privat erläutert: "Weil es für Vitria keinen Präzedenzfall gibt, gibt es auch keine Prognose." Soll heißen: Schon morgen kann alles vorbei sein. Bicou hebt das Champagnerglas.
Seinem "Retter und Freund", dem Chefchirurgen Edmond Henry, kann Emmanuel Vitria an diesem Abend nicht mehr danken. Der Professor, ein Kettenraucher, ist schon vor sechs Jahren am Herzinfarkt gestorben.

DER SPIEGEL 49/1978
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