14.05.2005

CHILEVergilbt und zerfleddert

Ein Buch über Salvador Allende sorgt für Wirbel: War die Ikone der Linken ein Antisemit und Rassist?
Die Bibliothek der medizinischen Fakultät in Santiago de Chile ist ein gespenstischer Ort. Hinter dem Lesesaal fährt ein winziger Aufzug hoch durch mehrere verwaiste Stockwerke. Zwischen Regalen mit vergilbten Anatomiehandbüchern und einem vorzeitlichen Röntgenapparat steht eine Vitrine mit Flaschen voller undefinierbarer Flüssigkeiten.
Neben dem Giftschrank führt eine Tür, die mit einem Vorhängeschloss gesichert ist, in ein kleines Zimmer. Dort lagert ein vergilbter und zerfledderter Sammelband, darin auch die Doktorarbeit des Arztes und späteren Präsidenten Salvador Allende Gossens aus dem Jahr 1933. Das Werk sei, so heißt es, "öffentlich und für jeden einsehbar".
Wirklich gelesen hat die Arbeit anscheinend erstmals der Wissenschaftler Víctor Farías, 65. Darin entlarve sich eine Ikone der Linken in Südamerika und Europa, so behauptet er nun in einem Buch, als Rassist und Antisemit, als Anhänger von Eugenik und Zwangssterilisierungen.
Damit hat der Philosoph, der seit 1974 am Lateinamerika-Institut der Freien Universität in Berlin lehrt, einiges Aufsehen erregt - und das nicht zum ersten Mal. In seinem Buch "Heidegger und der Nationalsozialismus" hatte er Peinliches und bis dahin Unbekanntes über den deutschesten der deutschen Philosophen ausgebreitet. Später zürnte halb Chile Farías, weil er in "Die Nazis in Chile" belegte, wie tief sein Heimatland einst von NS-Gedanken und NS-Emigranten geprägt worden war.
Sein neues Buch heißt "Salvador Allende: Antisemitismus und Euthanasie". Es ist bislang nur in Chile und Spanien erschienen und zielt mitten in die Erinnerungskultur. Denn Salvador Allende hat im linken Bürgertum weltweit die Aura des Opfers genossen, seit er 1973 bei einem Militärputsch umkam.
Auch in Deutschland heißen Oberschulen, Straßen und Plätze nach ihm. In vielen Städten ist, zum Dauerverdruss Konservativer, der "Revolutionär im Maßanzug" ("Frankfurter Allgemeine") gegenwärtig. Und nun das? Der Intellektuelle mit den sanften Augen, der sich beim Bombardement auf den Regierungspalast Moneda das Leben nahm - in Wirklichkeit ein verkappter Nazi?
Mit manchen Standpunkten war der junge Dr. Allende tatsächlich den Faschismusinfizierten Strömungen der ersten Jahrhunderthälfte nahe. So kolportierte er die Ansicht, dass psychische Krankheiten, Verbrechen und Alkoholismus vererbbar seien. So lautete seine Diagnose, Homosexualität sei eine Krankheit, die sich durch die Implantation von menschlichem Hodengewebe in den Bauchraum kurieren lasse.
Und: Südländer sind für Allende aufgrund des heißen Klimas nicht zu moralischem Handeln fähig. Über Juden heißt es, unter Bezug auf andere Forschungen, in dieser ominösen Dissertation: "Die Hebräer sind durch bestimmte Verbrechensformen gekennzeichnet: Betrug, Falschheit, Verleumdung und vor allem Wucher."
Farías bleibt das Verdienst, diese arg zeitgebundenen Auffassungen, die nicht erkennen lassen, dass hier ein Mann schreibt, aus dem ein bewunderter Sozialist werden würde, entdeckt zu haben. Er geht aber weiter in seinem bekannten Schwung: Er kreidet Allende an, dass er diesem Rassismus und Antisemitismus lange treu geblieben sei, jedenfalls bis hinein in die Volksfrontregierung des Präsidenten Pedro Aguirre Cerda (1939 bis 1942). Da war er Gesundheitsminister und trieb ein Gesetz zur Zwangssterilisierung von Geisteskranken voran, das freilich nie in Kraft trat.
Wahr ist aber auch, dass Eugenik und rassistisches Gedankengut lange vor der Machtergreifung der Nazis an vielen Hochschulen Europas und Amerikas zum Mainstream gehörten. In den USA arbeiteten Forscher schon Anfang des 20. Jahrhunderts mit staatlicher Billigung an regelrechten Zuchtprojekten, um die Gesellschaft gegen "unerwünschte" Menschen abzuschotten. Rund 60 000 Amerikaner - vielfach Epileptiker, Alkoholiker und sozial Auffällige aus der Unterschicht - wurden bis in die siebziger Jahre noch zwangsweise sterilisiert.
Amerikanische Autoren wie Edwin Black ("Krieg gegen die Schwachen") beschreiben, dass der "weltweite US-Export Eugenik" viel Anklang fand. Sozialwissenschaftler in Brasilien sahen die Chance zur "Aufhellung" der Bevölkerung. In Schweden diskutierte man wie selbstverständlich über Eugenik als Mittel zur Förderung der Volksgesundheit. Deshalb vor allem nahm ausgerechnet Chiles führende Tageszeitung, die konservative "El Mercurio", den toten Allende gegen seinen Biografen in Schutz: "Farías verschweigt den historischen Kontext."
Den Autor in Berlin ficht das nicht an. Er war einmal ein großer Bewunderer Allendes. Er verließ Chile nach dem Militärputsch 1973 aus Angst vor Verfolgung und wandelte sich im Exil zum Verächter linker Revolutionsromantik. Er hat den Habitus des Gelehrten, der es aber versteht,
seine Thesen der öffentlichen Wirkung wegen kraftvoll zuzuspitzen.
In sein Bild vom wahren Allende fügt sich ein, dass der 1972 nicht bereit war, den in Chile untergeschlüpften NS-Verbrecher Walther Rauff nach Deutschland auszuliefern. Auch Interventionen des Nazi-Jägers Simon Wiesenthal beim Präsidenten halfen damals nicht.
Ihm antwortete Allende in einem Brief, dass er, der Präsident, sich nicht in Belange der Justiz einmischen dürfe. Das war formal richtig. Denn der Oberste Gerichtshof Chiles hatte die Auslieferung Rauffs, der im Reichssicherheitshauptamt der SS die Entwicklung fahrbarer Gaskammern geleitet hatte, wegen "Verjährung" abgelehnt.
Das Echo in Chile auf Farías'' Enthüllungen ist maßvoll. Dort ist Allende mittlerweile zur historischen Figur geworden. Die Rehabilitierung ist so gut wie vollendet. Die christdemokratisch beherrschten Regierungen nach der Pinochet-Diktatur hatten zunächst versucht, Allende totzuschweigen. Der sozialistische Präsident Ricardo Lagos aber würdigte Allende als Humanisten und Staatsmann.
Zum 30. Todestag eröffnete in Santiago ein Allende-Museum. Eine Allende-Stiftung verwaltet seither den Nachlass. Dort liegt auch eine Zusammenfassung der Doktorarbeit aus. Die kompromittierenden Passagen fehlen allerdings.
Alte Freunde des ermordeten Präsidenten halten die Enthüllungen natürlich für Leichenfledderei. "Farías betreibt eine gigantische Geschichtsfälschung", behauptet Victor Pey, der 89 Jahre alte Weggefährte Allendes. Der rüstige alte Herr, ein gebürtiger Spanier, der nach dem Bürgerkrieg Ende der dreißiger Jahre vor den Faschisten nach Chile floh, verteidigt seinen Freund im Auftrag der Familie und der Sozialistischen Partei. Der Autor Farías, sagt Pey, unterstelle Allende Zitate, "die in Wirklichkeit von anderen Forschern stammen. Allende war kein Rassist und kein Antisemit. Seine Mutter war Jüdin".
Eine Tochter des Toten, Isabel Allende, die für die Sozialistische Partei als Abgeordnete im Kongress sitzt und nicht mit der weltberühmten Schriftstellerin gleichen Namens zu verwechseln ist, sagt nur knapp zu den Enthüllungen: "Persönlich werde ich mich nicht zu dem Machwerk äußern."
Der Autor nennt die Vorwürfe aus dem Allende-Zirkel "Quatsch" und verweist auf die einschlägigen Passagen der Doktorarbeit.
Der junge Allende bekam damals für seine akademischen Bemühungen übrigens nur eine mäßige Note. Das zerfledderte Exemplar vergilbte jahrelang ungelesen im Regal. Jetzt ist das Interesse daran ungemein erwacht. Die Leitung der Bibliothek ergriff rasch Vorsichtsmaßnahmen. Die Arbeit darf nur noch unter Aufsicht gelesen werden. JENS GLÜSING, CHRISTIAN HABBE
* Am 11. September 1973 im belagerten Präsidentenpalast.
Von Jens Glüsing und Christian Habbe

DER SPIEGEL 20/2005
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