14.05.2005

ITALIEN Das Schweigen des Frosches

Fast 30 Jahre nach der Ermordung des Regisseurs Pier Paolo Pasolini wird der Fall wiederaufgenommen. Der angebliche Mörder widerrief sein Geständnis.
Endlich hört man ihm zu. "Seit 30 Jahren sage ich es. Es war kein Streit mit einem Stricher. Pasolini ist hingerichtet worden. Es war eine Fatwa!" Der Regisseur Sergio Citti schreit seine Sätze heraus, mit einer Kraft, die sein Körper eigentlich nicht mehr aufbringen kann: "Pino, der Frosch, hat Pasolini nicht umgebracht."
Sergio Citti hat mit Catherine Deneuve Filme gedreht, mit Jodie Foster und Roberto Benigni. Jetzt hat die Krankheit dem 72-Jährigen die Beine verdorren lassen. Er sitzt im Rollstuhl, braun gebrannt und stocktaub. Die Fragen lässt er sich aufschreiben.
"Warum Pino so lange geschwiegen hat? Sie haben seine Eltern bedroht, deswegen. Aber jetzt werden wir erfahren, weshalb Pasolini sterben musste." Sagt Citti. Er wohnt mit seinem Bruder immer noch in einem sehr gewöhnlichen Haus am Lido von Ostia, per Luftlinie nur wenig entfernt von jenem Ort, an dem sein Freund Pier Paolo Pasolini sein Leben ausblutete.
Sergio Citti war es, der den Filmregisseur in die Welt der römischen Vorstadtjungs eingeführt hatte, damals in den Fünfzigern. Sergio sei sein Wörterbuch, sagte Pasolini. Dafür zeigte er den Citti-Brüdern, wie Film gemacht wird. Sergio schrieb Drehbücher. Franco Citti wurde Schauspieler, spielte in "Mamma Roma" mit Anna Magnani und in den "Erotischen Geschichten aus 1001 Nacht". Jetzt humpelt er, immer noch ein schöner Mann, doch halb gelähmt vom Schlaganfall, im Nebenzimmer und wütet mit seiner verkrampften Faust gegen die Welt: "Basta! Basta! Basta!"
Sergio Citti hört die Flüche nicht. Der einzige Auftritt, den er in diesem Leben noch plant, ist der Auftritt vor Gericht. Es geht um die Ehre.
Am 2. November 1975 wurde der Körper des Schriftstellers und Regisseurs Pasolini in der Nähe des Wasserflughafens von Ostia aufgefunden. Der Schöpfer von "Accattone" lag totgeschlagen auf einem nassgeregneten Bolzplatz, zwischen Werften und Lagerschuppen. Verhaftet wurde noch in der gleichen Nacht der 17-jährige Pino Pelosi, genannt "la rana", der Frosch. Pino war einer der Vorstadt-Ragazzi, in denen Pasolini die letzten Reste der Seele Italiens sah und die er liebte, nicht nur in seinen Filmen.
Pino Pelosi saß mit blutender Stirn und völlig verwirrt am Steuer von Pasolinis Alfa Romeo 2000. Er sei von einem Herrn Paolo am Hauptbahnhof angesprochen worden. Er habe 20 000 Lire (etwa zehn Euro) bekommen, um die Hosen herunterzulassen. Der Paolo habe ihn auf dem Gelände in Ostia mit einem Pflanzholz vergewaltigen wollen. Er habe sich gewehrt und sei bei der Flucht womöglich mit dem Wagen über den Körper hinweggerollt.
Der Gerichtsmediziner kam später zu dem Schluss, die Anwesenheit anderer Angreifer sei "quasi sicher". Pino Pelosi habe kaum Blutspuren an sich gehabt. Auch sei der Körper Pasolinis mit schwereren Waffen verletzt worden als den sichergestellten Tischbeinen. So sprach das Gericht in erster Instanz konsequent von unbekannten Mittätern.
In der Berufung wurde dies nicht weiterverfolgt, und auch das Kassationsgericht erklärte Pelosi zum Einzeltäter.
Pino, der Frosch, saß sieben Jahre Jugendhaft ab und schwieg. Er schwieg auch, als er wieder eingesperrt wurde, diesmal wegen Raubüberfalls. Vor einigen Monaten starben seine Eltern, und jetzt brach er sein Schweigen. Vergangene Woche erklärte der inzwischen 46-jährige Straßenjunge Pino Pelosi dem Fernsehsender Rai Tre: "Ich habe ihn nicht umgebracht, sie waren zu dritt, ich habe ihn verteidigt."
Es seien drei ihm unbekannte Süditaliener gewesen, einer habe ihn festgehalten, die anderen beiden hätten auf Pasolini eingeprügelt. Sie hätten sizilianische Flüche gebrüllt: "Bastard", "Drecksschwuchtel", "dreckiger Kommunist".
Manche, auch Freunde Pasolinis, sehen in Pelosis Auftritt nur Wichtigtuerei. Doch decken sich seine Aussagen mit den Recherchen der Journalistin Oriana Fallaci. Sie hatte bereits kurz nach dem Mord einen Zeugen gefunden, der von zwei Motorradfahrern berichtete, die dem Wagen Pasolinis gefolgt seien. Der Zeuge sei völlig verängstigt gewesen und habe um keinen Preis vor Gericht aussagen wollen.
"Warum hätte Pasolini den Frosch die 30 Kilometer bis nach Ostia fahren sollen?", ruft Sergio Citti in seinem Rollstuhl. "Er ging mit seinen Liebhabern in die Büsche bei der Via Tiburtina. Nein, Pino war nur der Köder." Pasolini, sagt er, hätte an diesem Abend eine Verabredung gehabt. Er wollte eine gestohlene Arbeitskopie seines letzten Films zurückbekommen, der de-Sade-Verfilmung "Die 120 Tage von Sodom". Pelosi habe ihn zu den Unbekannten in den Stadtteil Parioli gebracht. Dort sei Pasolini überwältigt, dann nach Ostia gebracht worden.
Sergio Citti sagt, er kenne den Namen eines der Täter, es sei jener Zuhälter Sergio P., der ihn, Citti, damals um Erpressungsgeld für den Film angegangen habe: "Ich werde den Richtern alles sagen, wenn sie mich endlich vorladen." Er ist überzeugt davon, dass der Geheimdienst von der Aktion gewusst habe: "Nicht Pelosi hat Pasolini ermordet, sondern die Staatsmacht."
Pasolini war ein Dissident, verhasst von der Rechten, abgelehnt von der Linken. Er war schwul, und er war gnadenlos in seiner Kritik von Konsumgesellschaft, Fernsehen, Popkultur: "In wenigen Jahren sind die Italiener zu einem heruntergekommenen, lachhaften, monströsen, kriminellen Volk geworden", so schrieb Pasolini.
Im Ausland wurde er gern gelesen. In Italien waren nur wenige von seinem Tod überrascht. Der damalige Budgetminister Giulio Andreotti sagte über den Tod Pasolinis: "Er hat ihn gesucht."
Der Ketzer erschlagen von seinen eigenen Phantasien. Der Romantiker des Subproletariats, totgeschlagen von einem Stricher. Das war die Haltung zu Pasolinis Tod, 30 Jahre lang. Andreotti hat sich inzwischen für seinen Satz entschuldigt.
Wenn etwas Wahres ist an den Worten des Froschs, dann war Pasolini nicht Opfer seiner Lust, sondern ein endlich zur Strecke gebrachtes Freiwild. "Wer ihn getötet hat, der fühlte sich nicht nur im Recht, sondern glaubte auch, das Land gesäubert zu haben." Das sagte der Filmregisseur Bernardo Bertolucci ("Der letzte Kaiser") vorige Woche in einem Zeitungsinterview.
In Italien haben die Aussagen von Pino Pelosi und Sergio Citti umso größeres Aufsehen erregt, als kurz zuvor zwei andere Gespenster der siebziger Jahre wiedergekehrt waren. Drei ehemalige Neofaschisten, denen das Bombenattentat Ende 1969 auf eine Bankfiliale an der Piazza Fontana in Mailand angelastet worden war, bei dem 16 Menschen starben, wurden in letzter Instanz mangels Beweisen freigesprochen. Damit wird der Hintergrund einer der perfidesten Anschläge der italienischen Nachkriegsgeschichte weiter im Dunkeln bleiben. Dazu tauchte das "Monster von Circeo" wieder auf. Angelo Izzo, ein Neofaschist aus bester römischer Familie, hatte 1975 eine Frau abgeschlachtet und war vor kurzem zum Freigang zugelassen worden. Wenige Monate später ermordete Izzo Frau und Tochter eines einsitzenden Mafia-Bosses.
Kurz vor seinem Tod hatte Pasolini im "Corriere della Sera" über die beiden Fälle geschrieben, er kenne die Namen der Hintermänner der "Schwarzen Massaker", "aber ich habe keine Beweise".
Der Mord an Italiens großem Intellektuellen im Ödland von Ostia, das Massaker von der Piazza Fontana, das "Monster von Circeo" - fast gleichzeitig sind drei Heimsuchungen der bleiernen siebziger Jahre wiedergekehrt ins geschichtslose Berlusconi-Italien. Pier Paolo Pasolini hätte gewiss darüber geschrieben, sarkastisch, klug und bitter wie kein anderer.
Am vergangenen Montag erklärte die römische Staatsanwaltschaft, der Mordfall Pasolini werde wiederaufgenommen. Als Nebenklägerin tritt diesmal die Stadt Rom auf - "Mamma Roma".
ALEXANDER SMOLTCZYK
Von Smoltczyk, Alexander

DER SPIEGEL 20/2005
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