14.05.2005

FILMVader unser

Die „Star Wars“-Saga von George Lucas findet mit der „Episode III - Die Rache der Sith“ ihr wohlverdientes Ende.
Die Szene dauert nur ein paar Sekunden. Der Ort: ein Opernfoyer, irgendwo in einer weit, weit entfernten Galaxis. Vornehm gekleidete Zuschauer kommen die Treppe herauf und drängen in den Saal. Nur am linken Bildrand steht ein vollbärtiger älterer Herr mit blauer Schminke im Gesicht und Turban auf dem Kopf, den das Ganze nicht besonders zu interessieren scheint. Wie der Typ heißt, wird im Film nicht erwähnt, und für den Fortgang der Geschichte spielt er auch keine Rolle. Der Statist, der ihn spielt, ist dafür umso wichtiger. Sein Name: George Lucas, 61, Erfinder von "Star Wars", der lukrativsten Filmreihe im Universum.
Es wäre ungerecht zu behaupten, der Kurzauftritt von Lucas als Operngast in "Star Wars: Episode III - Die Rache der Sith", dem insgesamt sechsten und angeblich letzten Teil seiner Science-Fiction-Saga, sei der eigentliche Höhepunkt des Films, vergleichbar mit den kleinen komischen Einlagen von Alfred Hitchcock. Der inszenierte sich in seinen Werken gern als Trottel, der den Bus verpasst.
"Star Wars" aber ist, seit dem ersten Film aus dem Jahr 1977, ein sehr ernst gemeintes Heldenepos, und Helden gehen normalerweise nicht in die Oper, jedenfalls nicht als Zuschauer. Sie stehen auf der Bühne, sie lieben, leiden und kämpfen, und manchmal sterben sie auch.
Nur wofür beziehungsweise wogegen sie kämpfen, das blieb wolkig im "Krieg der Sterne", und entsprechend willkürlich erscheint bis heute Lucas' Einteilung in Gut und Böse: Die Guten sind meist die Jedi-Ritter, erkennbar an ihrer aufrechten Naivität und an den Lichtschwertern, mit denen sie Schneisen in die Reihen der Feinde fräsen; alle übrigen sind die Bösen, die Sith.
Es ist eine synthetische, seltsam areligiöse Mythologie, die um ein ominöses Nichts kreist, genannt "die Macht". "Möge die Macht mit dir sein" lautet die entsprechende Grußformel der Jedi-Ritter, auf Deutsch: Lass dich nicht von fremden Außerirdischen ansprechen, und sei pünktlich zum Abendbrot wieder zu Hause.
Im neuen "Star Wars"-Spektakel nun wechselt der Nachwuchs-Jedi Anakin Skywalker (Hayden Christensen) zur "bösen Seite der Macht". Nach einem unfreiwilligen Lavabad, Sith happens, wird er am OP-Tisch zu Darth Vader umgebaut - jenem unheimlichen Asthmatiker, der bei einer Umfrage nach dem größten Filmschurken aller Zeiten auf Platz drei gelandet ist, gleich hinter Hannibal Lecter ("Das Schweigen der Lämmer") und Norman Bates ("Psycho").
Tatsächlich begeht unser Vader, niederländisch für Vater, in "Episode III" ein Verbrechen, wie es in der heilen Welt des George Lucas ohne Beispiel ist: Kindermord. Regungslos liegen lauter kleine Jedis am Boden, hingemetzelt von Vader. Dieser symbolische Ritualmord an der Zielgruppe (FSK-Freigabe: ab zwölf Jahren) will nicht recht passen zum fröhlichen, weil sinnfreien Abschlachten ganzer Roboterarmeen wie im Rest des Films.
Denn, und das ist die gute Nachricht: Wer das aufwendigste Videospiel aller Zeiten sehen will, ohne selbst einen Finger am Joystick krümmen zu müssen, dürfte sich gut unterhalten fühlen durch "Episode III" (Start: 19. Mai). Es gibt eine Mischung aus Rhönrad und Raumschiff zu bestaunen, "Dracula"-Veteran Christopher Lee, 82, kann - der Computer macht's möglich - durch die Luft wirbeln wie ein Artist vom chinesischen Staatszirkus, und gleich zu Beginn fliegt die Kamera, vergnügt Saltos schlagend, minutenlang scheinbar schwerelos durchs All.
Die Tricktechnik hat seit 1977 eindrucksvolle Fortschritte gemacht, deutlich größere jedenfalls als der Drehbuchautor George Lucas. Noch immer gilt die Einschätzung von Harrison Ford, dem Helden der ersten "Star Wars"-Epen: "Du kannst diesen Scheiß schreiben, George, aber man kann ihn bestimmt nicht sprechen."
Wenn die Jedi-Ritter ihre rührende Missionarsprosa aufsagen, geht trotzdem keines der güldenen Worte verloren. Denn stets ist der jeweilige Sprecher groß im Bild, wie in einem Hollywood-Film aus den vierziger Jahren. Und Natalie Portman, eigentlich eine gute Schauspielerin, grimassiert als Anakins Gattin Padmé gar wie in einem Stummfilm. Allerdings hat sie lange auch nicht viel mehr zu tun als dekorativ herumzustehen in ihrem Liebesnest, das aussieht wie ein Sechs-Sterne-Hotel in Dubai. Der überzeugendste Darsteller ist der fiepende, aber ansonsten stumme Roboter-Oldtimer R2-D2, den Lucas einst nach der "(Film-)Rolle 2, Dialogzeile 2" benannte. Der Blechwicht versprüht Charme und Witz, bei unsittlicher Annäherung auch Öl.
Nach sechs "Star Wars"-Filmen sei die Saga nun auserzählt, sagt Lucas; lediglich eine 3-D-Fassung und zwei Fernsehserien stünden noch aus. In Zukunft wolle er sich kleineren Projekten widmen.
Dass Lucas diese Drohung ernst meint, darf bezweifelt werden. Im Sommer zieht er mit 1500 Mitarbeitern auf ein neues, 350 Millionen Dollar teures Studiogelände in San Fransisco. Und auch der Vertrag mit dem Hersteller der "Star Wars"-Spielzeuge wurde gerade verlängert, bis ins Jahr 2018. Dann ist Lucas 74 - und die Macht sicher immer noch mit ihm. MARTIN WOLF
Von Wolf, Martin

DER SPIEGEL 20/2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.