23.05.2005

GEWERKSCHAFTENDie Pläne der Mrs. Njet

Machtkampf im DGB: Ursula Engelen-Kefer soll mit Blick auf die Altersgrenze aufhören. Doch Deutschlands umstrittenste Gewerkschafterin denkt nicht daran.
Zur "Rente mit 67" hat Ursula Engelen-Kefer eine klare Meinung. Wann immer es jemand wagt, das Thema in ihrer Gegenwart anzusprechen, gerät die Vizechefin des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) in Aufregung.
Sie streckt ihren Kopf in die Höhe, verzieht angewidert den Mund und legt los: Eine Verlängerung der Lebensarbeitszeit sei "zynisch". Das dürfe man den Leuten nicht zumuten. Schließlich sei klar: Arbeit jenseits von 65 Jahren könne die Menschen "gesundheitlich überlasten".
Nur in einem Fall ist sie bereit, eine Ausnahme zuzulassen - bei sich selbst.
Schon jetzt steht für die Funktionärin (sie wird im nächsten Jahr 63) fest, dass sie sich 2006 beim DGB-Bundeskongress noch einmal für vier Jahre in die Verbandsspitze wählen lassen will. Das bringt neben Stress, Streit und Medienpräsenz auch 140 000 Euro Jahreseinkommen mit sich sowie einen Dienstwagen nebst Fahrer.
Viele Kollegen aber sähen sie lieber auf dem Altenteil: Eine Allianz von Gewerkschaftsbossen um Hubertus Schmoldt (Bergbau, Chemie, Energie), Franz-Josef Möllenberg (Nahrung, Genuss, Gaststätten) und Norbert Hansen (Transnet) will Engelen-Kefer zum Verzicht auf eine erneute Kandidatur drängen. Die Modernisierer sehnen sich nach einer Kurskorrektur in ihrem Dachverband - hin zu einer reformfreudigeren Politik. Die linke Frontfrau ist ihnen dabei im Weg. "Wir brauchen an dieser Stelle ein neues Gesicht", sagt einer der Gewerkschaftschefs.
Engelen-Kefers Gegner berufen sich auf ein ungeschriebenes Gesetz. Danach dürfen Gewerkschaftsfunktionäre nicht mehr für Spitzenämter kandidieren, wenn sie während der fraglichen Amtszeit ihren 65. Geburtstag feiern.
Die promovierte Volkswirtin hält das natürlich für ausgemachten Blödsinn: Eine solche Regelung gebe es nicht, erklärte sie jüngst im kleinen Kreis. Schon der vormalige DGB-Chef Ernst Breit sei schließlich erst neun Monate nach seinem 65. Geburtstag in Rente gegangen.
Also will Engelen-Kefer kämpfen. Seit sie 1974 als Referatsleiterin für internationale Sozialpolitik in die DGB-Zentrale kam, hat sie sich beim Marsch durch den Gremiendschungel eine unvergleichliche Machtposition aufgebaut. Die will sie nicht so leicht aufgeben.
Wie kaum eine andere Gewerkschaftsgröße gilt die Frau mit der knatschigen Stimme als Gesicht des DGB. Gewerkschaftsbosse kommen und gehen, doch sie gehört zum Inventar der Republik. Als Stammgast in den Talkshows sagt "Mrs. Njet" (DGB-Spott) zu allem nein, was den Umverteilungsstaat Deutschland verändern könnte: nein zur Agenda 2010, nein zur Rentenreform, nein zur Gesundheitsreform. Engelen-Kefer versteht sich als soziales Gewissen der Nation. Es sei unerträglich, zürnt sie, "dass heute alles Soziale so peinlich ist wie Hämorrhoiden".
Unter ihren zahlreichen Gegnern ist die Sozialdemokratin ebenso verhasst wie gefürchtet. Sie ist nicht nur schlagfertig und intelligent, sondern meistens auch besser vorbereitet als ihre männlichen Widersacher. Bundeskanzler Gerhard Schröder nennt sie intern nur "Quengelen-Keifer", FDP-Generalsekretär Dirk Niebel beschimpft sie als "unverschämt", und der frühere Finanzminister Theo Waigel bekannte, er habe Mitleid mit ihren Kollegen im DGB: "Es muss die Hölle sein, die Engelen-Kefer jeden Tag im Nacken zu haben."
Im Berliner Gewerkschaftshaus belegt die DGB-Vizechefin mit ihrem Stab eine ganze Etage. Es gibt viel zu tun: Engelen-Kefer kontrolliert als Verwaltungsratsvorsitzende die Bundesagentur für Arbeit, und sie wacht im SPD-Bundesvorstand über die Politik der größten Regierungspartei.
Längst hat Engelen-Kefer begonnen, Verbündete für eine erneute Kandidatur zu rekrutieren. Vor allem die Frauen im DGB sieht sie auf ihrer Seite. Unterstützung glaubt sie auch aus den beiden größten Gewerkschaften, IG Metall und Ver.di, zu erhalten. Deren Chefs, Jürgen Peters und Frank Bsirske, haben sich jedoch noch nicht festgelegt, ob sie an Engelen-Kefer festhalten wollen. Auch DGB-Chef Michael Sommer ist noch unentschieden. Einerseits hat er bei früheren Gelegenheiten bereits versucht, seine Stellvertreterin zu entmachten. Andererseits würde er sie wohl unterstützen, wenn sich Peters und Bsirske für sie entscheiden sollten.
Retten könnte Engelen-Kefer am Ende die Uneinigkeit im Gewerkschaftslager: Bislang konnten sich die verschiedenen Strömungen im DGB noch nicht auf eine Nachfolgerin oder einen Nachfolger für sie verständigen. Im Gespräch ist lediglich die frühere Chefin der Lehrer-Gewerkschaft GEW, Eva-Maria Stange. Sie gilt unter den Modernisierern aber als mindestens so kratzbürstig wie Engelen-Kefer.
Die ist ohnehin überzeugt, dass es für sie keinen Ersatz gibt. Und in ihrer langen Karriere hat die Multifunktionärin die Techniken des Machterhalts verinnerlicht. Vor Vertrauten sagte sie: "Etwa die Hälfte meiner Arbeitszeit brauche ich, um meine Position zu sichern." ROLAND NELLES
Von Roland Nelles

DER SPIEGEL 21/2005
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