23.05.2005

LITERATURKeiner leidet feiner

Michel Friedman hat einen Roman geschrieben, der keiner ist - das Werk soll ihm helfen, aus einer Nische wieder ins Rampenlicht zu treten.
Es gibt viele Möglichkeiten, sich öffentlich und medienwirksam den Restruf zu ruinieren. Zu den populärsten Methoden gehört es, ein Traktat zu schreiben und es unter der Genrebezeichnung "Roman" oder "Erzählung" in Umlauf zu bringen.
Fritz J. Raddatz ("Kuhauge") hat es versucht, Karl-Heinz Köpcke ("Bei Einbruch der Dämmerung") auch, sogar Hardy Krüger ("Die Frau des Griechen") und Jutta Ditfurth ("Die Himmelsstürmerin") - erwachsene Menschen, die es in ihrem Leben schon zu was gebracht haben, entdecken eines Tages in sich eine Leere, die sie mit literarischem Schaffen zu füllen versuchen.
Nun ist Michel ("Mischu") Friedman an der Reihe, ehemaliger stellvertretender Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, ehemaliges Mitglied des Bundesvorstands der CDU, Liebling der Boulevardpresse und, bis zu seinem kleinen Betriebsunfall im Berliner Hotel Interconti, der mit einem öffentlichen Geständnis ("Ich habe einen Fehler gemacht") und einem Strafbefehl aus der Welt geschafft wurde, auch eine moralische Instanz in allen existentiellen Fragen.
Und weil das alles nicht genug ist, um in der German Hall of Fame einen Platz zwischen Daniel Küblböck und Jenny Elvers zu finden, hat Friedman "Kaddisch vor Morgengrauen" geschrieben, einen Roman von 160 Seiten*.
Es handle sich um eine "ungehaltene, liebevolle, wütende und zärtliche Ansprache an den eigenen Sohn, in der dieser vertraut gemacht wird mit der Geschichte der Verfolgung und Ermordung der Juden", behauptet der Verlag. Das gibt den Inhalt durchaus präzise wieder. Nur hat Friedman keinen Roman, sondern eine Rechtfertigungsschrift in eigener Sache verfasst. Das Buch ist Teil eines Reha-Programms, das er sich selbst verordnet hat, um sein Comeback zu beschleunigen, von einem Nischen-
platz beim Nachrichtensender N24 zurück in eine öffentlichrechtliche Poleposition, dorthin, wo sich das Show- und das Shoah-Business kreuzen.
Friedman sitzt also die ganze Nacht am Bett seines Sohnes, der erst einige Wochen alt ist, und erzählt ihm von seinen Eltern, vom Holocaust, von dem Leben nach dem Überleben. Statt das Kind schlafen zu lassen, pumpt er es mit dem Horror voll, mit dem er selbst von seinen Eltern vollgepumpt wurde.
Friedman wird sich vielleicht damit verteidigen, er habe nur eine literarische Form gesucht, um einen Weg in die Herzen seiner Leser zu finden. Er vergreift sich nicht nur an seinem Erstgeborenen, sondern auch an der Sprache. "Furcht erregende Dinge geschehen in der Nacht, während wir schlafen. Der Wolf reißt Lämmer und frisst sie, doch die Erde dreht sich weiter" - so lauten die ersten Sätze der fiktiven Ansprache, und man wäre nicht überrascht, wenn es mit einem Kalauer der verwandten Art weiterginge, etwa: "Hannibal zog über die Alpen und danach den Kürzeren."
Denn Friedmans Stärke liegt darin, dass ihm die selbstproduzierten Peinlichkeiten nicht die Erzähllaune verderben. Er sagt zu seinem Sohn: "Ich habe so lange auf dich gewartet ... Hatte Gründe, dass du nicht entstehst", um im nächsten Atemzug über die "Geschichte" zu philosophieren, die "alle Notausgänge des Seins" unter sich "begräbt".
Und nur ein paar Absätze weiter gibt er sich Alpträumen hin.
"Ich träumte von einem großen Lager. Es war Nacht. Aber dennoch war es furchtbar hell. Suchscheinwerfer überall. Große Baracken. Und jemand schrie mit lauter Stimme: Raus, raus, raus. Dann sah ich, wie Menschen aus den Baracken herausliefen, nackt."
Das sind Geschichten, die Friedman von seinen Eltern gehört hat und die er an seinen Sohn weitergibt, in der Hoffnung "auf ein eigenes, davon unberührtes Leben". Oder geht es um etwas anderes? Könnte das Projekt nicht auch heißen: "Wie ich wurde, was ich bin"?
Immer wieder streut Friedman in den Text apologetische Anspielungen über Friedman ein. Er ruft seiner toten Mutter nach: "Du wirst nie erfahren, dass dein Sohn mit seinem Leben nicht glücklich war", dass er "ein normaler Mensch und nicht nur ein Jude sein wollte"; seinem schlafenden Sohn sagt er: "Du wirst Fehler machen und dafür bezahlen", wie der Papa, der "an dieser Enge" zu ersticken droht: "Ich halte es nicht mehr aus. Ich möchte fliehen und weiß nicht, wohin ... Dieser hoffnungslose Kampf gegen die eigene Bedeutungslosigkeit."
Da helfen nur Weisheiten, die man in jedem Abreißkalender findet: "Wir glauben, dass wir das Leben im Griff haben, dabei hat das Leben uns im Griff." Oder: "Wenn der Tod anklopft, verliert das Leben den Grund, auf dem es scheinbar steht."
Zwischendurch muss er weinen, "bitterlich, hemmungslos", dann will er "sich fallen lassen", weil er sich nicht damit abfinden kann, "dass Menschen sterben müssen" und der Tod immer ungerecht ist, "egal, ob ein Kind stirbt oder ein Greis", bis er wieder Trost in dem Gedanken findet: "Jeder Mensch wird als Kind geboren."
Das ist Sonnenbank-Prosa der Luxusklasse, keiner leidet auf einem so hohen Niveau wie Michel Friedman. Mit den reinen Fakten hapert es noch ein wenig - den Auszug der Juden aus Ägypten versetzt er in die Zeit von Jesus und kürzt die jüdische Geschichte damit um über tausend Jahre -, aber die Haltung ist großartig.
Das Buch endet so, wie es begann, pompös und prätentiös. "Jetzt werde ich mit dir in die Tuilerien zum Spielen gehen. Ich werde dir den Louvre zeigen. Und mit dir eine heiße Tasse Schokolade im Café de la Paix an der Oper trinken."
Armes Kind. HENRYK M. BRODER
* Michel Friedman: "Kaddisch vor Morgengrauen". Aufbau-Verlag, Berlin; 160 Seiten; 17,90 Euro.
Von Henryk M. Broder

DER SPIEGEL 21/2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 21/2005
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

LITERATUR:
Keiner leidet feiner

Video 01:17

Bill Clinton lässt Obama warten "Bill! Let's go!"

  • Video "Bill Clinton lässt Obama warten: Bill! Let's go!" Video 01:17
    Bill Clinton lässt Obama warten: "Bill! Let's go!"
  • Video "Wütender Kunde im Apple-Store: Mann zertrümmert iPhones mit Boule-Kugel" Video 00:53
    Wütender Kunde im Apple-Store: Mann zertrümmert iPhones mit Boule-Kugel
  • Video "Nächtlicher Twitter-Ausraster: Trump pöbelt, Clinton bleibt cool" Video 01:23
    Nächtlicher Twitter-Ausraster: Trump pöbelt, Clinton bleibt cool
  • Video "Stars im US-Wahlkampf: Hilfe aus Hollywood" Video 02:55
    Stars im US-Wahlkampf: Hilfe aus Hollywood
  • Video "Vulkan Colima: Flug über den Feuerberg" Video 01:07
    Vulkan Colima: Flug über den Feuerberg
  • Video "Prinz George und Prinzessin Charlotte in Kanada: Darauf ein royales Pop" Video 00:48
    Prinz George und Prinzessin Charlotte in Kanada: Darauf ein royales "Pop"
  • Video "9-Jährige vor Bürgermeister in Charlotte: Es ist eine Schande, dass Väter und Mütter getötet werden" Video 01:54
    9-Jährige vor Bürgermeister in Charlotte: "Es ist eine Schande, dass Väter und Mütter getötet werden"
  • Video "Riesenfisch im Video: Walhai nutzt Boot als Kratzbaum" Video 00:52
    Riesenfisch im Video: Walhai nutzt Boot als Kratzbaum
  • Video "Unbemannter Kampfjet X-47B: US-Navy veröffentlicht Video von Testflügen" Video 01:09
    Unbemannter Kampfjet X-47B: US-Navy veröffentlicht Video von Testflügen
  • Video "Videokommentar zu Zschäpe-Aussage: Sie las vom Blatt ab, ohne Empathie" Video 03:48
    Videokommentar zu Zschäpe-Aussage: "Sie las vom Blatt ab, ohne Empathie"
  • Video "Protest beim Putten: Vögel halten Golfball für Ei" Video 00:35
    Protest beim Putten: Vögel halten Golfball für Ei
  • Video "Steinbrücks launiger Bundestagsabschied: Das war der letzte Ton aus meinem Jagdhorn" Video 02:08
    Steinbrücks launiger Bundestagsabschied: "Das war der letzte Ton aus meinem Jagdhorn"
  • Video "Stögers Kampfansage an die Bayern: Niemand gibt sich geschlagen" Video 02:16
    Stögers Kampfansage an die Bayern: "Niemand gibt sich geschlagen"
  • Video "9-Jährige vor Bürgermeister in Charlotte: Es ist eine Schande, dass Väter und Mütter getötet werden" Video 01:54
    9-Jährige vor Bürgermeister in Charlotte: "Es ist eine Schande, dass Väter und Mütter getötet werden"
  • Video "Pen Pineapple Apple Pen: Gaga-Video erobert das Internet" Video 01:58
    "Pen Pineapple Apple Pen": Gaga-Video erobert das Internet