30.05.2005

„Wir haben viele Terroristen getötet“

Der pakistanische Präsident Pervez Musharraf, 61, über Erfolge bei der Jagd auf Osama Bin Laden, die Aussichten für eine Friedensregelung in Nahost und die Rolle seines Landes beim Verkauf von Nukleartechnologie an Nordkorea und Iran
SPIEGEL: Herr Präsident, nach der Enthüllung der Gefangenen-Misshandlungen in Guantanamo und Bagram brach in der muslimischen Welt eine neue Welle des Antiamerikanismus aus. Ist es für Sie noch schwerer geworden, Ihre Allianz mit den USA zu rechtfertigen?
Musharraf: Natürlich bereiten uns solche Enthüllungen Probleme. Dabei ist eine Entweihung des heiligen Korans ein Vorgang, den kein Muslim hinnehmen kann. Das hat die gesamte muslimische Welt, aber auch jede Regierung aufgebracht, besonders hier in Pakistan.
SPIEGEL: Nimmt der Antiamerikanismus in Pakistan noch immer zu?
Musharraf: Er hat seine Wellenbewegungen. Wir haben jedoch eine strategische Entscheidung getroffen, und sie bleibt davon unbehelligt.
SPIEGEL: Hängt das Auf und Ab der antiamerikanischen Gefühle entscheidend von den Ereignissen im Irak ab?
Musharraf: Anfangs, als der Angriff auf den Irak bevorstand, zweifelte niemand daran, dass Saddam Hussein ein grausamer Führer sei. Allerdings waren die militärischen Operationen dann nicht auf das Zentrum der Schwerkraft ausgerichtet, wie wir Militärs das nennen. Das Zentrum der Schwerkraft im Irak war eine einzelne Person, Saddam Hussein. Der gesamte Feldzug hätte sich auf ihn konzentrieren müssen, zielte jedoch aufs ganze Land. Das hatte negative Auswirkungen. So entstand der Eindruck, die Invasion gelte dem Irak.
SPIEGEL: Seit geraumer Zeit hat sich die Sachlage verändert. Jetzt sterben muslimische Zivilisten durch die Hand muslimischer Terroristen. Konzentriert sich al-Qaida jetzt auf den Irak?
Musharraf: Eine Organisation wie al-Qaida ist auf der ganzen Welt gut vernetzt. Tatsache ist aber, dass sich ihr alle möglichen Terrorgruppen zugesellt haben. Ihr gemeinsames Interesse ist es, US-Streitkräfte oder westliche Streitkräfte anzugreifen. Sie haben sich ganz auf den Irak geworfen.
SPIEGEL: In Amerika stellt man sich die Frage: Was wollen diese Aufständischen? Sie
morden US-Soldaten und irakische Zivilisten, aber was ist ihr Ziel?
Musharraf: Ich bin mir sicher, dass eine Mehrheit der Iraker ein stabiles und geeintes Land haben will, das friedlich regiert wird. Doch seit die Aufständischen die Bühne betreten haben, wird für sie zum Feind, wer auch immer der Regierung angehört oder anders zu erkennen gibt, dass er auf der Seite Amerikas steht. Das ist die Frontlinie. Ich glaube nicht, dass die Aufständischen politische Pläne besitzen. Sie sind gegen die Vereinigten Staaten, das ist ihr Plan.
SPIEGEL: Wirkt sich dieser Schwenk al-Qaidas in den Irak auf den Kampf gegen den Terrorismus in Pakistan aus?
Musharraf: Es gibt Anzeichen dafür, dass Terroristen von hier nach dort gegangen sind. Wir haben allerdings auch Hinweise bekommen, dass Terroristen hier um Verstärkung und finanzielle Unterstützung nachsuchen, weil wir sie an die Wand gequetscht haben.
SPIEGEL: Der Westen wirft Ihnen oft vor, dass Sie nur halbherzig nach Osama Bin Laden suchen lassen. Welche Antwort haben Sie darauf?
Musharraf: Das macht mich wütend. Welches Land außer Pakistan kämpft gegen al-Qaida? Nur Pakistan hat mehr als 700 Terroristen in seinen Städten eliminiert, in den Bergregionen waren es 300 bis 400. Während des Krieges drüben in Afghanistan wechselte al-Qaida hierher nach Pakistan, und schon zu dieser Zeit haben wir mehr als 250 Personen ausgeschaltet. Vor kurzem haben wir dann eine Militäroperation in den Stammesgebieten von Süd-Waziristan gestartet.
SPIEGEL: Wer sind die Terroristen dort, und welche Aktionen haben sie gestartet?
Musharraf: Mehrheitlich Ausländer, keine Afghanen, keine Pakistaner. Sie sind nach der sowjetischen Invasion Ende 1979 in diesen Teil der Erde gekommen. Zehn Jahre lang sind sie von uns, von den Vereinigten Staaten, vom Westen insgesamt hereingeholt worden. Der Dschihad begann hier.
SPIEGEL: Um die Russen zu besiegen.
Musharraf: Genau. Weil Sie aus Deutschland kommen, werden Sie besonderes Verständnis für diese Episode haben: Einer unserer früheren Geheimdienstchefs hat nach 1989, wie ich selbst gesehen habe, ein Stück der Berliner Mauer geschenkt bekommen, mit der Inschrift: "Für einen, der zum ersten Schlag ausgeholt hat." Damit die Berliner Mauer fallen konnte, musste der erste Schlag in Afghanistan geführt werden.
Diese Leute, einst von uns allen gepäppelt, sind in unsere Berge und Städte gekommen. Wir haben 700 von ihnen gefangen, darunter wichtige Figuren wie Chalid Scheich Mohammed und Ramzi Binalshibh.
SPIEGEL: Nachdem etliche in den Städten aufgeflogen waren, haben sich die anderen wieder in die Berge geschlagen?
Musharraf: Ja, sie zogen sich zurück, und wir starteten unsere militärischen Operationen.
SPIEGEL: Wann genau haben Sie damit angefangen, 70 000 Soldaten in die Berge zu schicken?
Musharraf: Die Offensive begann im Oktober 2003. Ursprünglich wussten wir gar nicht genau, wie viele Leute von al-Qaida
dort sein würden. Das ist eine Bergregion, unzugängliches Gebiet ohne Straßen, ohne befahrbare Wege. Es gibt sieben teilautonome Stammesregionen, in denen das Militär noch nie gewesen war. Wir kannten diese Gegenden nicht, in die wir hinein- gingen.
SPIEGEL: Wir verstehen Sie richtig: Bis zum Oktober 2003 hatte noch kein pakistanischer Soldat je diesen Teil Ihres Landes betreten?
Musharraf: Ja, es war zum ersten Mal in unserer Geschichte. Nicht einmal die Briten hatten sich dorthin begeben.
SPIEGEL: Wurden Sie denn von den einheimischen Stämmen unterstützt?
Musharraf: Ja, wir nahmen Kontakt auf, in all den abgelegenen Landesteilen waren wir willkommen. In vier Tälern haben wir militärisch eingegriffen. In Süd-Waziristan, dem südlichsten der sieben Gebiete, lagen ihre Basen und Rückzugszonen. Wir haben im Wana-Tal angefangen, und wir haben sie aufgescheucht.
SPIEGEL: Wie ging das technisch vonstatten? Mit Hubschraubern?
Musharraf: Ja, bei großen Operationen müssen wir zuerst das Gebiet einkreisen, dann mit der Suche beginnen und schließlich allmählich ein geheimdienstliches Informationsnetz aufbauen: mit unseren Leuten, aber auch mit technischen Mitteln. Wir wollten alles erfahren, worüber die Terroristen sprechen und was sie in ihre Computer schreiben.
SPIEGEL: Aber al-Qaida benutzt doch keine Handys mehr?
Musharraf: Zu diesem Zeitpunkt haben sie noch welche benutzt. Dann haben wir sie aus der Luft überwacht. Wir haben losgeschlagen, als wir Informationen bekamen, wo genau sie sind. In diesen Tälern waren ihre Kommando- und Kontrollstationen, dort gab es Tunnels, die als Versteck dienten.
SPIEGEL: Wurden diese Tunnels vor dem 11. September 2001 gegraben oder danach?
Musharraf: Ziemlich sicher danach. In einem Tal fanden wir ganze Wagenladungen an Computern, Disketten und Fernsehapparaten, das war ihre Propagandabasis.
Wir haben viele Terroristen getötet. Bei solchen Gelegenheiten muss man die horizontalen und die vertikalen Verbindungen kappen. Wir haben die Binnenstruktur al-Qaidas zerstört.
SPIEGEL: Wie muss man sich das vorstellen? In einem Dorf mit 100 Einwohnern leben zum Beispiel drei Ausländer, einer beim Bürgermeister, einer beim Bäcker und einer beim Lehrer. Bestechen die ihre Gastgeber mit Geld, zahlen sie einfach eine hohe Miete für die Unterkunft?
Musharraf: Manche Leute haben religiöse Beweggründe, ihnen Unterschlupf zu gewähren. Andere sind aufs Geld aus. Die verlangten Tausende Dollar, und die Terroristen bezahlten.
SPIEGEL: Wie kommt man in den Bergen zu viel Geld?
Musharraf: Ich weiß es nicht, vielleicht durch persönliche Boten. Wir wussten, wenn jemand Verbindung zur Außenwelt aufnahm. Wir kannten ihre Behausungen.
SPIEGEL: Woher hatten Sie die Informationen, nachdem al-Qaida nicht mehr telefonierte?
Musharraf: Seitdem sorgten Kuriere für die Binnenkommunikation. Der letzte Terrorist, den wir gefangen haben, war Abu Faradsch al-Libi, der dritte Mann in der Qaida-Hierarchie. Er hielt sich in den Bergen auf. Durch ihn wurden wir aufmerksam auf das Kuriernetz, in das wir dann einbrechen konnten. Wir haben 14 Kuriere gefangen. Mein Geheimdienst ISI erzählt mir, dass er in einer Woche 30 Millionen Dollar Kopfgeld verdient hat.
SPIEGEL: War Libi allein in einem Dorf oder in einer Gruppe?
Musharraf: Das wissen wir nicht genau. Wir versuchen, Verbindungslinien zu rekonstruieren. Er stand in Verbindung mit Aiman al-Sawahiri, der Nummer zwei, mit Osama Bin Laden und bestimmt auch mit anderen Leuten an verschiedenen Orten.
SPIEGEL: Wird Libi derzeit vernommen, und bringen Sie ihn zum Sprechen?
Musharraf: Er lieferte uns Spuren zu den 14 Kurieren und eine Menge Informationen, die wir auch an andere weitergeben.
SPIEGEL: Wie sieht es momentan in Süd-Waziristan aus?
Musharraf: Dort gibt es jetzt Straßen. Es gibt einen politischen Verbindungsmann zu den Stämmen, der dem Gouverneur der North-West Frontier Province unterstellt ist, der wiederum dem Präsidenten untersteht. Die Armee hat ihr Hauptquartier in Peschawar, und sie entsendet Truppen, hauptsächlich nach Waziristan, aber auch anderswohin. Wir geben Millionen Rupien aus, auch für Straßen, für Schulen, auch solche, in die Mädchen gehen dürfen, für die medizinische Versorgung. Wir bemühen uns, die Wasserversorgung und die Landwirtschaft zu verbessern.
SPIEGEL: Wo ist eigentlich Osama Bin Laden? Lebt er noch?
Musharraf: Ja, er lebt, wahrscheinlich im Grenzgebiet zwischen Afghanistan und Pakistan,
um leicht von hier nach dort wechseln zu können. Vielleicht aber auch in Gebieten, in denen wir keine Militäreinsätze durchführen.
SPIEGEL: Wechselt die pakistanische Armee ebenfalls von einem Land ins andere?
Musharraf: Das ist ein riesiges Gebiet. Auf der afghanischen Seite gibt es kein Militär in so hoher Zahl, um an mehreren Stellen zugleich angreifen zu können. Allerdings wächst die Zahl der Soldaten mit dem Aufbau der afghanischen Armee, und sie sollte die Kontrolle über diese Region übernehmen.
SPIEGEL: Sind auch ausländische Truppen dort, zum Beispiel amerikanische?
Musharraf: Die Arbeit dort dreht sich mehr um Informationsgewinnung als um Operationen.
SPIEGEL: Die Jagd nach Osama Bin Laden wird sich also noch lange hinziehen?
Musharraf: Denken Sie doch daran, wie lange Ché Guevara nicht aufzuspüren war. Wir sind zum ersten Mal dort. Wir machen Fortschritte, es geht voran, wir sind auf gutem Weg.
SPIEGEL: Sind Sie ihm je wieder so nahe gekommen wie damals Ende 2001 im Kampf um die Bergfestung Tora Bora, als er sich dem Zugriff vermutlich nur durch Bestechung entziehen konnte?
Musharraf: Ich weiß nicht, ob es Bestechung war. Es gibt Menschen, die ihn nicht aus Geldgründen schützen. Es mag auch noch immer Menschen geben, die ihm Zuflucht bieten und uns nichts davon sagen. Das ist keine Schwarzweißgeschichte. Ich glaube aber, wir sind jetzt besser dran und besser positioniert.
SPIEGEL: Ist Bin Laden nach wie vor das Hirn und der Meister al-Qaidas?
Musharraf: Weil die horizontalen und vertikalen Verbindungslinien gekappt sind, ist es wenig wahrscheinlich, dass er, irgendwo in den Bergen, alle Ereignisse im Irak, in Palästina, in Afghanistan und Pakistan unter Kontrolle hat.
SPIEGEL: Wo immer er sein mag, wir wissen, wie schnell sich al-Qaida nach Verhaftungen erholt und ausgeschaltete Anführer ersetzt.
Musharraf: Ja, so hat auch Libi bald Scheich Mohammed ersetzt. Er war Operationschef, und möglicherweise kommt schnell ein neuer. Ich glaube nicht, dass eine einzige Person für alle Ereignisse auf der Welt verantwortlich ist. Und wir wissen, dass neue Leute angeheuert werden.
SPIEGEL: Auf Sie sind zwei Mordanschläge in kurzer Zeit im Dezember 2003 verübt worden. Haben Sie beide vollständig aufgeklärt?
Musharraf: In meinem Fall war Libi der Kopf. Er heuerte Angestellte an, zum Beispiel als Planer Amdschad Faruki, den wir getötet haben. Bei ihm lag die Finanzierung, er hatte den Sprengstoff und die Waffen. Er suchte sich bestimmte Leute in Pakistan aus extremistischen Organisationen wie der Lashkar-e Taiba aus und brachte sie dazu, den Anschlag auszuführen. Ich vermute, so gehen sie zumeist vor.
SPIEGEL: Da die beiden Anschläge so kurz hintereinander erfolgten, müssen die Planer mit verschiedenen Attentätern gearbeitet haben.
Musharraf: Die eine Gruppe wusste nichts von der anderen. Die Leute, die mich am 14. Dezember 2003 umbringen wollten, waren andere als die, die es am 26. Dezember versuchten.
SPIEGEL: Gibt al-Qaida inzwischen auch im Irak den Ton an?
Musharraf: Ich weiß es ehrlich gesagt nicht. Auch andere Organisationen haben sich dort breit gemacht, schließlich hat alles mit Palästina zu tun. Also gibt es dort Hamas, Hisbollah. Das alles ist ein großer Wirrwarr.
SPIEGEL: Muss erst der Irak befriedet werden, damit der Krieg gegen den Terrorismus, den Präsident Bush ausgerufen hat, gewonnen werden kann?
Musharraf: Ich sage Ihnen: Palästina muss befriedet werden. Das ist der Weg. Jede Strategie für den Irak oder Afghanistan hat mit Palästina zu tun.
SPIEGEL: Der israelische Premier Ariel Scharon will Siedler und Armee aus dem Gaza-Streifen abziehen. Palästinenser-Präsident Mahmud Abbas gibt sich alle Mühe, den Friedensprozess voranzutreiben.
Musharraf: Sie sagen, Abbas gibt sich alle Mühe - aber Israel muss auch erfüllen, was es versprochen hat. So sehen Muslime den Fall.
SPIEGEL: Übt Amerika Druck auf Israel aus?
Musharraf: Nach meinen Gesprächen mit Präsident Bush hege ich daran keinen Zweifel. Ich habe ihm gesagt, dass es keinen Misserfolg geben darf und dass er sowohl auf Israel als auch auf die Palästinenser Druck ausüben muss.
SPIEGEL: Kann Scharon sich durchsetzen, oder werden ihn religiöse Extremisten im eigenen Lager stoppen?
Musharraf: Er ist ein kühner Mensch, ein großer Soldat, ein mutiger Führer. Aber er muss einiges daransetzen, um Vertrauen zwischen den beiden Partnern aufzubauen.
SPIEGEL: Und die muslimische Welt wird dann weniger misstrauisch gegenüber dem Westen sein?
Musharraf: In der Wahrnehmung der muslimischen Welt sind Amerika und der Westen pro-israelisch. Darauf gründet das Misstrauen gegen den Westen und das Vorurteil gegenüber Israel. Ich hoffe auf gerechten Frieden - auf einen Frieden, den die muslimische Welt für gerecht hält. Wenn die EU eingeschaltet wird, wenn Deutschland dabei ist, werden die Muslime die Dinge in freundlicherem Licht sehen.
SPIEGEL: Europa ist am Friedensprozess in Nahost beteiligt und auch an den Verhandlungen mit Iran über dessen Nuklearprogramm. Sollte Iran Atomwaffen bauen dürfen?
Musharraf: Wir sind gegen Proliferation. Wir sind dagegen, dass andere Länder nuklearfähig werden.
SPIEGEL: Als Pakistan die Bombe baute, hat Ihr Land mit dem atomaren Ungleichgewicht in Südasien argumentiert, da Indien die Bombe schon besaß. Iran will das Monopol Israels in Nahost brechen.
Musharraf: Aber Iran besitzt, anders als Pakistan mit Indien, keine gemeinsame Grenze mit Israel. Wir waren wirklich bedroht.
SPIEGEL: Amerika versucht mit Macht, Iran von Nuklearwaffen abzuhalten. Was würde ein Präventivschlag gegen iranische Nuklearanlagen auslösen?
Musharraf: In der derzeitigen Weltlage ein Desaster. Das würde die muslimische Welt in Aufruhr versetzen. Warum neue Fronten eröffnen?
SPIEGEL: Was könnte Iran zum Verzicht veranlassen?
Musharraf: Das weiß ich nicht. Sie sind sehr hinter der Bombe her.
SPIEGEL: Wie damals auch Pakistan.
Musharraf: Ja, wir wollten sie haben. Kein Land kann eine existentielle Bedrohung hinnehmen. Daher sind wir sehr stolz, Nuklearwaffen zu besitzen.
SPIEGEL: Und Pakistan hat Iran und Nordkorea geholfen?
Musharraf: Nur ein einzelner pakistanischer Bürger war das.
SPIEGEL: Er hat einen Namen: Abdul Qadir Khan. So recht nimmt Ihnen niemand ab, dass er in aller Heimlichkeit ein gewinnträchtiges Unternehmen aufgebaut haben soll, und keiner soll es gewusst haben.
Musharraf: So war es aber. Als Indien 1974 die Bombe gebaut hatte, kam Dr. Abdul Qadir Khan ins Spiel. Er hatte in den Niederlanden gearbeitet und war ein Experte in der Anreicherung des Urans zur Waffenfähigkeit, aber kein Fachmann für den Bau der Bombe selbst. Er leitete die Entwicklung ein. Das musste ein Geheimnis bleiben, weil die Welt Pakistan Nuklearwaffen nicht zugestanden hätte. Deshalb bekam Khan völlige Handlungsfreiheit. Von seinem Job wussten lediglich der Präsident, der Chef der Armee und einige wenige Wissenschaftler.
SPIEGEL: Und Sie, wann haben Sie davon erfahren?
Musharraf: Während meiner militärischen Laufbahn hatte ich mit nuklearen Dingen nichts zu tun. Ich wurde Befehlshaber des Heeres im Jahr 1998, dann Präsident. Mir wurde klar, dass dieser Mann einiges tat, was nicht hinnehmbar war. Niemand überprüfte ihn. Ich habe ihn im Januar 2001 entlassen, weit vor dem 11. September, weil er bei zwei oder drei Gelegenheiten Verdächtiges unternommen hatte, wie mir der Geheimdienst mitteilte. Ihn zu entlassen
war schwierig, schließlich galt er als Nationalheld. Ich habe dann ein Überwachungssystem für den Nuklearbereich eingeführt.
SPIEGEL: Welchen Antrieb hatte Khan - Gier nach Ruhm oder Geld?
Musharraf: Gier, ein großes Ego und Träume. Ein religiöser Mensch ist er jedenfalls nicht, und ebenso sicher bin ich mir, dass Nordkorea kein muslimischer Staat ist.
SPIEGEL: Für uns klingt es doch einigermaßen erstaunlich, dass es bis dahin kein Sicherheits- und Überprüfungssystem für den hochsensiblen Nuklearbereich gegeben haben soll.
Musharraf: Das ist jetzt anders. Ich habe im Februar 2000 eine zentrale Kommandobehörde, die National Command Authority (NCA), eingerichtet. Als Präsident bin ich der Chef, der Premierminister führt den Vorsitz, einige Minister und Militärs sind Mitglieder. Die NCA ist der Schirm über eine ganze Reihe von Sicherungssystemen. Koordiniert wird diese Kontrolle von der strategischen Planungsabteilung, die in zwei entscheidende Institutionen geteilt ist: Das Employment Control Committee ist zuständig für Einsatz und Verlegung der Nuklearwaffen und wird vom Außenminister geführt. Die zweite Institution ist das Development Control Committee, zuständig für die technische Weiterentwicklung der Nuklearwaffen. Den Vorsitz hat ein Ausschuss, der die Chefs der Teilstreitkräfte, aber auch Wissenschaftler umfasst. Armee, Marine und Luftwaffe befinden sich ebenfalls unter der Kontrolle der NCA.
SPIEGEL: Wer Pakistan oder auch Afghanistan regiert, muss offenbar einen Tiger reiten können. Wer ist eigentlich weniger zu beneiden - Sie oder Hamid Karzai, Ihr Kollege aus Kabul?
Musharraf: Wir wetteifern um den undankbarsten Posten.
SPIEGEL: Herr Präsident, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
Das Gespräch führten die Redakteure Susanne Koelbl, Joachim Preuß und Gerhard Spörl.
Von Susanne Koelbl, Joachim Preuß und Gerhard Spörl

DER SPIEGEL 22/2005
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