30.05.2005

MEXIKOAllahs Indianer

In der Armutsregion Chiapas arbeiten muslimische Missionare erfolgreich an der Bekehrung der Ureinwohner.
An seine Pilgerreise nach Mekka denkt Anastásio Gómez vom Maya-Volk der Tzotzil gern zurück. Siebenmal, wie der Islam es vorschreibt, umrundete er die Kaaba, das höchste Heiligtum der Muslime. Am Berg Arafat betete er zu Allah, dann opferte er zusammen mit 15 weiteren Indios ein Schaf, bevor die Gruppe zum Rückflug in ihre mexikanische Heimat aufbrach.
"Im Islam spielt die Rasse keine Rolle", schwärmt der junge Mann. Und das ist ein gewichtiger Kontrast zu seiner Heimat Chiapas: In Mexikos ärmstem Bundesstaat gelten die Ureinwohner als Menschen zweiter Klasse. Weiße und Mestizen behandeln die indianische Bevölkerungsmehrheit, als wäre sie Luft. Auf den Bürgersteigen der Provinzmetropole San Cristóbal de las Casas müssen die Nachkommen der Mayas auf die Straße ausweichen, wenn ihnen ein Weißer auf dem Bürgersteig entgegenkommt.
Gómez, 23, konvertierte vor acht Jahren zum Islam, seither nennt er sich Ibrahim. Bei seiner ersten Pilgerfahrt vor sieben Jahren galt der Indianer noch als Sonderling. Heute gehört der Anblick indianischer Muslim-Frauen mit ihren Kopftüchern zum Straßenbild in San Cristóbal.
Etwa 300 Tzotzil-Indios sind in den vergangenen Jahren zum Islam konvertiert. Die Regierung argwöhnte subversive Umtriebe und setzte bereits den Geheimdienst auf die Maya-Muslime an. Präsident Vicente Fox fürchtet den Einfluss radikaler Fundamentalisten der Qaida.
Dabei haben die Indios mit politischem Extremismus nichts im Sinn. Sie gehören der sunnitischen Murabitun-Sekte an, die in den siebziger Jahren von dem Schotten Ian Dallas als Ableger eines marokkanischen Ordens gegründet wurde. Die Murabitun-Anhänger treten für eine Art Ur-Islam ein: Sie sind gegen Leih- und Zinsgeschäfte und predigen eine wortgetreue Auslegung des Korans.
"Sie verstehen sich als Restaurateure des Islam", sagt der Anthropologe Gaspar Morquecho, Autor einer Studie über die Muslime von Chiapas. "Ihre Verachtung für den Kapitalismus deckt sich mit der Globalisierungskritik vieler Linker." Mitte der neunziger Jahre brach eine Gruppe spanischer Muslime auf, um Lateinamerika zu erobern.
Ihr Anführer Aureliano Pérez, den die Maya-Muslime als Emir Nafia verehren, kam vor zehn Jahren nach Chiapas. Er bot den zapatistischen Rebellen um Subcomandante Marcos, denen er sich seelenverwandt fühlte, eine ideologisch-religiöse Allianz an. Marcos scheute vor dem seltsamen Bündnis zurück, doch die muslimischen Missionare focht das nicht an: Sie entdeckten, dass die Tzotzil-Indios, die das Gros der Zapatisten stellen, für die Lehre Mohammeds durchaus empfänglich sind.
Chiapas war schon immer Schauplatz heftiger religiöser Auseinandersetzungen aller Art. Zunächst bekehrten die spanischen Eroberer die Indios mit Gewalt zum Katholizismus, ein halbes Jahrtausend später machten evangelikale Prediger aus den USA und ihre einheimischen Ableger die Indios den Katholiken abspenstig.
In der Armutsregion tobt noch immer ein erbitterter Religionskrieg: Allein in dem Dorf San Juan Chamula, dessen Kirche die Tzotzil-Indianer als ihr spirituelles Zentrum ansehen und die täglich Tausende Touristen anzieht, streiten sich heute elf Glaubensgemeinschaften um die Seelen der Ureinwohner.
Das Rathaus und der lukrative Wochenmarkt werden von den katholischen Indioführern beherrscht, die der mafiösen ehemaligen Staatspartei PRI angehören. Angesichts des Vormarsches der Evangelikalen fürchten sie um ihren Einfluss; sie vertrieben deshalb über 30 000 protestantische Indios aus San Juan Chamula, Hunderte wurden niedergemetzelt. Die Flüchtlinge siedelten sich zumeist in den Armenvierteln des nahen San Cristóbal an. Die kulturell und religiös entwurzelten Indios sind ein leichtes Opfer für Seelenfänger aller Provenienz.
"Im Islam finden die Indios ihre ursprünglichen Werte wieder", behauptet Esteban López, der spanische Generalsekretär der muslimischen Gemeinde. "Die Christen haben ihre Kultur zerstört." Als Beweis führt er das Trinken an. Alkoholismus ist unter den Tzotzil-Indios weit verbreitet, das strenge Schnapsverbot des Islam hilft vielen, den Teufelskreis aus Abhängigkeit und Armut zu durchbrechen.
In San Cristóbal betreiben die Muslim-Mayas eine Pizzeria und eine Schreinerei, bei den Weißen sind sie als fleißige Handwerker begehrt. In einer Koranschule lernen die Kinder Arabisch, fünfmal täglich beten sie im Hinterzimmer eines Wohnhauses. Leere Gemeindesäle kennen die Neu-Muslime nicht: Jeder konvertierte Indio verpflichtet sich, unter seinen Verwandten Anhänger für die Lehren Mohammeds zu werben.
Anastásio Gómez alias Ibrahim hat beim Hammelschmaus seine gesamte Familie bekehrt. Besonders stolz ist er auf den Glaubenswechsel seines 100-jährigen Großvaters, der einer christlichen Sekte angehörte: "Sein Leben lang ist er von Religion zu Religion gewandert. Jetzt hat er Seelenruhe bei Allah gefunden." JENS GLÜSING
Von Jens Glüsing

DER SPIEGEL 22/2005
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