30.05.2005

Ich bin bisweilen boshaft

Von Schreiber, Mathias; Doerry, Martin; Hage, Volker

Der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki über Lieblingsautoren, seine Bereitschaft, sich auch mit erbitterten Widersachern wie Joachim Fest zu versöhnen, die Ehe und sein Verhältnis zum Tod

SPIEGEL: Herr Reich-Ranicki, Sie werden am kommenden Donnerstag 85 Jahre alt und zeigen derzeit viel Willen zur Versöhnung. Sie haben sich mit Günter Grass und Walter Jens getroffen, die beide zu Ihnen auf Abstand gegangen waren. Ist das Seniorenmilde oder Einsicht?

Reich-Ranicki: Ich habe oft gesagt, dass ich immer, wirklich immer zur Versöhnung bereit bin, und zwar mit allen, mit denen ich zerstritten war oder bin. Ich habe noch nie eine zu mir ausgestreckte Hand zurückgewiesen. Noch nie. Ja, mit Grass ist es zu einer Art Versöhnung gekommen. Wir sind uns in Lübeck begegnet, übrigens war die Begegnung nicht zufällig, sondern organisiert. Er hat zu dem Buch, das jetzt aus Anlass meines Geburtstags erscheint, ein rührendes Prosastück beigesteuert. Jens war hier in meiner Wohnung, nachdem ich angeboten hatte, ihn zu besuchen. Inzwischen haben meine Frau und ich das nachgeholt.

SPIEGEL: Wäre jetzt nicht Martin Walser dran?

Reich-Ranicki: Das müssen Sie Walser fragen.

SPIEGEL: Knüpfen Sie Bedingungen daran?

Reich-Ranicki: Ich wiederhole: Nie habe ich eine zur Versöhnung ausgestreckte Hand zurückgewiesen. Machen Sie es doch nicht so kompliziert. Wenn in Polen zwei Literaten zerstritten sind, kann es passieren, dass sie sich nach einem Jahr in Warschau zufällig treffen, und einer sagt: "Es reicht. Lass uns einen Wodka trinken!" Und alles ist vorbei. Das finde ich vernünftig, weil wir nur einmal auf Erden leben. Ein lebenslänglicher Streit ist immer Unsinn. Überdies: Ich bin oft aggressiv, doch niemals rachsüchtig.

SPIEGEL: Kompliziert wird es dann, wenn beide jeweils auf die ausgestreckte Hand des anderen warten.

Reich-Ranicki: Sie unterstellen mir etwas. Ich habe doch nicht gesagt, dass ich auf eine ausgestreckte Hand warte. Also noch einmal: Ich weise eine ausgestreckte Hand nicht zurück. Das ist ein Unterschied.

SPIEGEL: Sie würden also auch die Hand von Joachim Fest, Ihrem früheren langjährigen Freund und Mitstreiter bei der "Frankfurter Allgemeinen", nicht zurückweisen?

Reich-Ranicki: Nein. Allerdings ist die Freundschaft mit Joachim Fest eine ganz besondere und sehr wichtige Geschichte - in meinem Leben und, obwohl Fest dies heute leugnet, auch in seinem Leben. Fest möchte seine Hochachtung und Sympathie in früheren Jahren und in einer anderen Situation vergessen und bestreiten. Das zeugt vom Mangel an Respekt vor der eigenen Vergangenheit.

SPIEGEL: Der Hauptgrund für Ihre Entzweiung war der Historikerstreit, aber auch die Einschätzung der Nazi-Größe Albert

Speer, was jetzt durch Heinrich Breloers TV-Mehrteiler über Speer neue Aktualität gewonnen hat. Gab es Versuche zur Versöhnung mit Fest?

Reich-Ranicki: Mehrere. So hat sich Fests im vorigen Jahr verstorbene Schwester, mit der wir, meine Frau und ich, viele Jahre befreundet waren, intensiv um eine Versöhnung oder zumindest um ein klärendes Gespräch, an dem mir besonders lag, bemüht. Doch vergeblich. "Es hat keinen Zweck", sagte sie mir, "ich kann nichts erreichen. Bei Joachim ist nur noch Hass." Was mich betrifft: Ich bin bisweilen boshaft, aber Hass kenne ich nicht.

SPIEGEL: In Ihrer Autobiografie "Mein Leben" haben Sie geschildert, wie Sie als Überlebender des Holocaust im September 1973 bei der Buchpräsentation von Fests Hitler-Biografie in Berlin unvorbereitet mit dem dazugeladenen Speer konfrontiert wurden, der seine Haftzeit verbüßt hatte.

Reich-Ranicki: Ja, das war sehr erschreckend. Plötzlich stand vor mir einer der Mörder meiner Eltern und meines Bruders. Niemand hatte mich zuvor gewarnt, auch Fest nicht.

SPIEGEL: In seinem jüngsten Buch "Die unbeantwortbaren Fragen", in dem Fest seine Notizen über die Gespräche mit Speer nach dessen Entlassung aus dem Spandauer Gefängnis publiziert, nennt er Ihre Darstellung der Berliner Begegnung eine "Erfindung".

Reich-Ranicki: Es tut mir leid, dass Fests Gedächtnis versagt. Bei dieser Begegnung waren viele Zeugen zugegen, auch der Verleger Wolf Jobst Siedler.

SPIEGEL: Fest schreibt über Sie, ohne Ihren Namen zu nennen: Wenn "der erwähnte Journalist" über Speers Anwesenheit geschwiegen habe, um seine Möglichkeiten bei der "FAZ" nicht zu gefährden, "hat er sich genauso anpasserisch verhalten wie die Deutschen der dreißiger Jahre, denen er ihren Opportunismus wieder und wieder zum Vorwurf gemacht hat".

Reich-Ranicki: Auch das zeugt davon, dass es Fest allem Anschein nach sehr schlecht geht. So werde ich mich hüten, mich etwa zu revanchieren. Er ist nach dem Film von Breloer in eine fatale Situation geraten. Als vor vielen Jahren der Weg dorthin begann, habe ich alles getan, um ihn freundschaftlich zu warnen und zu bremsen.

SPIEGEL: Das war während des Historikerstreits im Jahr 1986. Aber über die Szene mit Speer haben Sie erst viel später in Ihren Memoiren geschrieben. Warum?

Reich-Ranicki: Das Kind war im Brunnen. Dass Fest mich damals nicht gewarnt hat, geschah, da bin ich ziemlich sicher, nicht etwa aus Boshaftigkeit, sondern schlicht aus seiner Egozentrik. Er ist überhaupt

nicht auf die Idee gekommen, dass ich es

vermeiden möchte, mit einem Mann wie Speer an einem Tisch zu sitzen.

SPIEGEL: Kann es sein, dass Fest damals Speer gegenüber einfach zu gutgläubig war, was ihm ja jetzt zum Vorwurf gemacht wird? Dass er an die Mär vom "guten Nazi" geglaubt hat?

Reich-Ranicki: Nein, es ist falsch, Fest für naiv zu halten. Seine Speer-Präsentation hat nichts mit Gutgläubigkeit zu tun, wohl aber mit seiner politischen Überzeugung und Taktik und vielleicht auch mit seinem Patriotismus. Indem er Speer der Nation, vor allem den kleinen Nazis und den Mitläufern als anständigen, wenn nicht gar edlen Nazi verkauft hat, verhalf er ihnen zu einem guten Gewissen. Wenn sich ein Mensch mit einem so außerordentlichen Talent wie Speer verstricken ließ, dann waren letztlich alle, die mitgemacht haben, entsühnt. Der gigantische Erfolg der Speer-Bücher hat damit zu tun. Ich unterstelle Fest keine bösen Absichten, nur konnte und kann bei Speer von Verstrickung keine Rede sein. Er war der nationalsozialistische Schwerverbrecher, der sich von Göring oder Himmler nur dadurch unterschied, dass er gute Manieren hatte.

SPIEGEL: Fest hat Speer so interpretiert, dass der keinen Begriff von Schuld hatte.

Reich-Ranicki: Sie sprechen vom Speer-Mythos. Die Architekten dieses Mythos waren, wie auch Breloer jetzt bestätigt hat, zwei Menschen: Fest und Siedler. Ich kann diese Überzeugung und diesen Vorwurf meinem alten Freund Fest leider nicht ersparen. Aber ich vergesse nicht und werde nie vergessen, was Fest in früheren Jahren für mich getan hat. Ich bin 1958 nach Deutschland zurückgekehrt. Bis 1973 habe ich als festangestellter Kritiker bei der "Zeit" gearbeitet, aber nur in meiner Wohnung und eben nicht in der Redaktion. Der Erste, der mir einen Posten in einer Redaktion - und den wohl wichtigsten im literarischen Leben der Bundesrepublik - angeboten hat, war Fest. Als er 1973 Herausgeber der "FAZ" wurde, hat er zur Bedingung gemacht, dass ich mitkomme. Er hat für meine totale Unabhängigkeit in der Redaktion gesorgt. Ich konnte in dem Literaturteil der "FAZ" drucken, wen ich wollte, auch Autoren, die in dieser Zeitung wahrlich nicht gern gesehen wurden, Linke, Kommunisten und so weiter.

SPIEGEL: Das klingt ja fast versöhnlich.

Reich-Ranicki: Knapp und klar: Fest hat für mich viel Gutes getan. Ich werde mich hüten, es zu vergessen. Was ich für ihn getan habe - und es ist ebenfalls sehr viel -, möchte ich hier nicht ausbreiten. Fest hat in letzter Zeit öffentlich allerlei Negatives über mich gesagt. Er hat auch ernsthaft bestritten, dass wir befreundet waren. Er hat allerlei erklärt, was ich hier nicht wiederholen möchte.

SPIEGEL: In Zusammenhang mit dem Breloer-Film haben sowohl Fest wie Siedler Selbstkritik erkennen lassen. Speer habe sie getäuscht.

Reich-Ranicki: Mich hat Speer nie getäuscht. Ich bin kein Forscher, kein Historiker - aber ich habe keinen Augenblick Zweifel gehabt, dass der zeitweise engste Vertraute Hitlers wusste, was etwa mit den Juden geschah. Heute wissen wir, dass Speer zu den Ersten zählte, die in Berlin die Juden aus ihren Wohnungen deportieren ließen.

SPIEGEL: Und in Breloers Film sehen Sie nicht die Gefahr einer Glorifizierung der Person Speer?

Reich-Ranicki: Nein, der Film hat mich sehr beeindruckt. Nur muss Breloer aufpassen, dass er seine Technik der Mischung aus Spielfilm und Dokumentation nicht zur Masche verkommen lässt. Das hat im Fall von Thomas Mann und seiner Familie gut funktioniert, bei Speer stößt das an Grenzen.

SPIEGEL: Stimmt es, dass Breloer auch als Regisseur für die Verfilmung

Ihrer Lebensgeschichte im Gespräch ist?

Reich-Ranicki: Das ist noch nicht spruchreif. Es soll zwei Filme geben, eine Dokumentation und einen Spielfilm. Für die Dokumentation im ZDF wird Lutz Hachmeister verantwortlich sein, der zuletzt einen Film über Goebbels gemacht hat.

SPIEGEL: Wie beurteilen Sie die aktuellen Anstrengungen der Deutschen, des 60. Jahrestags der Befreiung Deutschlands vom Nationalsozialismus zu gedenken?

Reich-Ranicki: Man kann nicht über Deutschland allgemein sprechen, auch nicht über die Deutschen, sondern muss von den verschiedenen Generationen reden: Für die Jüngeren spielt die Frage, ob es 1945 eine Befreiung oder einen Zusammenbruch gab, keine Rolle - für die ist der Krieg so weit weg wie für mich in meiner Jugend der deutsch-französische Krieg von 1870/71. Die Generation derjenigen, die den Krieg mitgemacht haben und heute über achtzig sind, hat den 8./9. Mai 1945 nicht als Tag der Befreiung, sondern als Zusammenbruch erlebt. Alles andere ist eine unzulässige, wenn nicht verlogene Beschönigung.

SPIEGEL: Was fällt Ihnen als Erstes ein, wenn Sie selbst an den 8. Mai 1945 denken?

Reich-Ranicki: Das entscheidende Ereignis für meine Frau und mich war ja nicht der Kriegsschluss, sondern unsere Befreiung im September 1944.

SPIEGEL: Sie überlebten nach Ihrer Flucht aus dem Warschauer Ghetto in einem Versteck, bis Soldaten der Roten Armee Sie befreiten. War das ein Moment des Glücks?

Reich-Ranicki: Sie dürfen eins nicht vergessen: Für Glück muss man etwas Zeit haben. Wir hatten kei-

ne Zeit, wir waren hungrig und in Lumpen gehüllt. Es gab nichts zu essen, keinen Platz zum Schlafen. Und wenig später wollten wir unbedingt noch etwas zum Krieg gegen Hitler beitragen. Deshalb sind wir beide freiwillig in die polnische Armee eingetreten.

SPIEGEL: Kann das Holocaust-Mahnmal in Berlin für Sie ein Ort der Erinnerung sein?

Reich-Ranicki: Ich brauche keinen Ort der Erinnerung. An die Ermordung meiner Eltern und meines Bruders denke ich sowieso täglich. Das Mahnmal ist ein deutsches Bauwerk, bestimmt für die Deutschen.

SPIEGEL: 60 Jahre nach Kriegsende wird das TV-Publikum ausführlich mit Filmen und Dokumentationen über das Dritte Reich bedacht. Schauen Sie sich das an?

Reich-Ranicki: Nur manches. Meine Frau studiert das TV-Programm sehr gründlich, sie streicht an, was wir ihrer Ansicht nach sehen sollten. Aber häufiger noch macht sie nur ein Fragezeichen. Alles, was mit den Nazis zu tun hat, markiert sie. Sie kann sich, so pervers das anmuten mag, an Hitler, an marschierenden SS- und SA-Truppen nicht satt sehen. "Das ist mein Leben", sagt sie, "alles war davon determiniert."

SPIEGEL: Ein wenig trifft das ja auch auf Ihre Biografie zu, wie Sie sie vor sechs Jahren in "Mein Leben" beschrieben haben. Haben Sie vor, zu diesem Buch noch einen Nachtrag zu verfassen?

Reich-Ranicki: Nein. Manchmal fällt mir eine Szene ein, aus dem Ghetto etwa, dann denke ich: Das hätte gut hineingepasst. Außerdem ist seit 1999 natürlich sehr viel passiert, wir haben vorhin über Fest, Jens, Walser geredet. Trotzdem habe ich andere Pläne. Das Wichtigste zurzeit ist die Fertigstellung meines Kanons der deutschen Literatur. Nach den drei Kassetten mit Romanen, Erzählungen und Dramen wird als Nächstes die Sammlung mit den Gedichten, danach die mit Essays erscheinen. Am Ende dürften es 50 Bände sein. So etwas hat es in der Geschichte der deutschen Literatur noch nicht gegeben.

SPIEGEL: Nach der Auswahl für die Gedichtkassette Ihres Lyrik-Kanons haben Sie geächzt: "Nie wieder deutsche Gedichte!"

Reich-Ranicki: Sie können sich wohl vorstellen, wie ausgiebig ich die deutsche Lyrik studieren musste, um am Ende rund 1400 Gedichte auszuwählen!

SPIEGEL: Werden Sie sich in der Kassette mit Essays, Feuilletons und Reden auch selbst berücksichtigen?

Reich-Ranicki: Nein, es ist glücklicherweise nicht üblich, dass der Herausgeber sich selbst aufnimmt.

SPIEGEL: Wer wird im Essay-Kanon mit den meisten Stücken vertreten sein?

Reich-Ranicki: Es wird Sie überraschen: Schiller. Von Schiller habe ich mehr Essays aufgenommen als von Goethe oder Thomas Mann. Er ist, ich bin dessen sicher, der größte deutsche Essayist.

SPIEGEL: Bewegt Sie da nicht auch die Begeisterung des Schiller-Jahrs?

Reich-Ranicki: Ich bitte Sie! Schiller steht mir seit meiner Kindheit sehr nahe. Sie sollten lieber fragen, ob ich etwas von Fest oder Walser aufnehme.

SPIEGEL: Gut. Also?

Reich-Ranicki: Von lebenden Autoren wird nur jeweils ein Text aufgenommen. Und selbstverständlich werden auch Fest und Walser mit je einer Arbeit vertreten sein.

SPIEGEL: Noch mal zu Ihrer Schiller-Begeisterung: Gibt es überhaupt etwas bei Schiller, was Ihnen nicht gefällt?

Reich-Ranicki: O ja. "Die Jungfrau von Orleans" schätze ich nicht.

SPIEGEL: Warum?

Reich-Ranicki: Ich habe alles Patriotische nicht so gern. Ich glaube, dass es nur ein Schritt ist vom Patriotismus zum Chauvinismus. Und vom Chauvinismus zum Nationalismus. In der "Jungfrau" geht es nicht um Frankreich, sondern um Deutschland. Das Stück endet mit Johannas Worten, mit denen ich mich nicht abfinden kann: "Kurz ist der Schmerz, und ewig ist die Freude!" Damit sind wir beim Tod.

SPIEGEL: Sie haben einmal gesagt, Schriftsteller von einem gewissen Alter an solle man nicht mehr verreißen. Erwarten Sie im Alter schonende Behandlung?

Reich-Ranicki: Ich habe gesagt, Bücher von Autoren über achtzig soll man nicht mehr verreißen. Wenn diese Bücher sehr schlecht sind, soll man lieber schweigen.

SPIEGEL: Wünschen Sie Rücksicht, Lob?

Reich-Ranicki: Entschuldigen Sie bitte, von einem Autor, den Lob stört, habe ich bisher noch nie gehört. Aber ich gebe zu, wenn ich heute gelobt werde, frage ich mich manchmal: Ist das jetzt vielleicht Milde gegenüber einem alten Mann?

SPIEGEL: Sie sind seit mehr als sechzig Jahren mit derselben Frau verheiratet. Wenn wir danach fragen dürfen ...

Reich-Ranicki: Sie dürfen alles fragen! Ich muss ja nicht antworten.

SPIEGEL: Was ist das wichtigste Rezept für eine dauerhafte Ehe?

Reich-Ranicki: Ich kann nur über meine Ehe reden. Wir waren 19 Jahre alt, als wir uns im besetzten Warschau trafen, wir haben alles zusammen erlebt. Das hat seine Folgen.

SPIEGEL: Ehe als Schicksalsgemeinschaft?

Reich-Ranicki: So könnte man es nennen.

SPIEGEL: Glauben Sie, dass junge Leute heute anders über die Ehe denken?

Reich-Ranicki: Wissen Sie: Muss ich mich für das interessieren, was junge Menschen denken? Die sollen sich dafür interessieren, was ich mache. Nicht umgekehrt.

SPIEGEL: Sie haben in Ihrer Autobiografie nicht verschwiegen, dass Sie im Laufe vieler Ehejahre auch Affären hatten. Fragen Sie sich heute manchmal, ob Sie besser darauf verzichtet hätten?

Reich-Ranicki: Ich möchte keine einzige dieser Geschichten missen.

SPIEGEL: Sie haben sich über den Tod und ein mögliches Leben danach immer sehr unbefangen geäußert. Auf die Frage "Wo möchten Sie beerdigt werden?" haben Sie geantwortet: "Ich möchte überhaupt nicht beerdigt werden."

Reich-Ranicki: Dahinter steckt doch kein Geheimnis. Ich möchte verbrannt werden. Was dann mit meiner Asche geschieht, ist mir gleichgültig. Und bei der Totenfeier darf es keinerlei religiöse Akzente geben.

SPIEGEL: Sie glauben nicht an einen Gott?

Reich-Ranicki: Ich glaube an Shakespeare und Goethe, an Mozart und Beethoven.

SPIEGEL: Wenn jemand nur noch Zeit hätte, ein einziges Buch zu lesen, das Sie empfehlen müssten: Welches wäre das?

Reich-Ranicki: Ein einziges? Dann keines aus dem Kanon, der nur die deutsche Literatur umfasst. Also: "Die Brüder Karamasow" von Dostojewski. Oder Tolstoi: "Krieg und Frieden".

SPIEGEL: Und aus der deutschen Literatur?

Reich-Ranicki: Wohl doch "Der Zauberberg" von Thomas Mann.

SPIEGEL: Herr Reich-Ranicki, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Neue Bücher

von und über Marcel Reich-Ranicki sind jetzt aus Anlass seines 85. Geburtstags erschienen, den die Stadt Frankfurt am Main mit einem Festakt in der Paulskirche begehen wird. "Begegnungen mit Marcel Reich-Ranicki" heißt ein Band, zu dem 60 Dichter, Journalisten und Freunde mit Anekdoten beigetragen haben, darunter Günter Grass und Walter Jens (hg. von Hubert Spiegel; Insel Verlag). Auch eine neue Biografie ist dabei (Uwe Wittstock: "Marcel Reich-Ranicki. Geschichte eines Lebens". Karl Blessing Verlag) und eine für den Schulunterricht konzipierte und kommentierte Auswahl aus Reich-Ranickis Bestseller-Autobiografie "Mein Leben" (Deutscher Taschenbuch Verlag).

* Oben: mit dem Publizisten Sebastian Haffner (l.) 1970 in Berlin; unten: mit den Schauspielern Tobias Moretti als Hitler und Sebastian Koch als Speer. * Mit den Redakteuren Mathias Schreiber, Martin Doerry und Volker Hage.

DER SPIEGEL 22/2005
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