02.10.1978

H.-J. Schoeps über Wilhelm Stieber: „Spion des Kanzlers“Daran stimmt kein Wort

Professor Hans-Joachim Schoeps, 69. lehrte von 1950 bis zu seiner Emeritierung 1976 Religions- und Geistesgeschichte in Erlangen und gilt als Experte für preußische Geschichte-Wilhelm Johann Carl Eduard Stieber (1818 bis 1882) war Geheimer Regierungsrat und preußischer Polizeidirektor.
Der Stuttgarter Seewald Verlag, der
das Buch herausgebracht hat, wie auch die Tageszeitung "Die Welt", die es als Serie gedruckt hat, stehen mir politisch nahe. Das kann mich aber nicht daran hindern, einen handfesten Skandal als solchen zu nennen, obwohl "Riesenschweinerei" der passende Ausdruck wäre.
Fälschungen von Dokumenten aus dem 19. und 20. Jahrhundert sind ebensoselten wie apart. Hier liegt eine vor: die angeblichen "Enthüllungen von Bismarcks Geheimdienstchef".
Der Verlag behauptet in der Reklame seines Klappentextes: "Diese in den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts geschriebenen Memoiren -- aus Familienbesitz jetzt erstmals veröffentlicht -- sind eine Rarität: spannend wie ein Kriminalroman und gleichzeitig eine historische Quelle ersten Ranges."
Daran stimmt kein Wort. Ich bezweifle aus mancherlei Gründen, daß Stieber, gestorben 1882. jemals "Memoiren" geschrieben hat: Zwei Jahre nach seinem Tod, also 1884, wurden nämlich die Denkwürdigkeiten des Geheimen Regierungsrats und Polizeidirektors Dr. Wilhelm J. C. E. Stieber "Aus seinen hinterlassenen Papieren" von einem Leopold Auerbach bearbeitet und herausgegeben.
Laut Nachwort des Verlages handelt es sich bei den jetzt veröffentlichten Memoiren um eine Abschrift vom Original, die der Stieber-Sohn Paul angefertigt hat. Das Original soll 1945 verlorengegangen sein.
Da ging so manches verloren, was niemals existiert hat. Man hat also die Möglichkeit, Stieber Vater. Stieber Sohn und Verleger Dr. Heinrich Seewald für die Fülle von Ungeheuerlichkeiten verantwortlich zu machen, die in diesen Texten auftauchen. Es ist zu befürchten. daß dieser Quatsch wohl auch in ernste Darstellungen eindringen wird.
Das Schlimmste an der Sache ist, daß der Verleger offenbar die Kosten für einen Herausgeber gescheut bat, der dem Publikum hätte darlegen können, was an diesen Memoiren wirklich neu, also bisher unbekannt gewesen ist. Es handelt sich nämlich nur um sehr wenige Details. So muß aber der Leser den Eindruck erhalten, daß alles Geschilderte unbekannt gewesen sei.
In Wirklichkeit kann jeder halbwegs gebildete Primaner erkennen, daß das genaue Gegenteil der Fall ist. Neu sind allenfalls gewisse Szenen aus Stiebers Lebensgeschichte -- und gerade die sind in höchstem Maße suspekt, wenn nicht unwahrscheinlich.
Stieber behauptet, schon mit 26 Jahren (1844) Kommissar der Berliner Kriminalpolizei geworden zu sein, und zwar sei er ein besonderer Günstling des Polizeipräsidenten von Puttkamer und dann von dessen Nachfolger Hinkeldey gewesen.
Sensation Nummer eins ist, was Stieber am 21. März 1848 angeblich erlebt hat, an dem Tag also, an dem König Friedrich Wilhelm IV. gezwungen wurde, mit einer schwarzrotgoldenen Binde um den Arm an der Spitze der Prinzen des Hauses und der Minister durch die Linden zu reiten bis zur Wilhelmstraße und zurück bis zur Universität, wo er eine Rede hielt. Die Ereignisse dieses Dienstags sind von vielen Augenzeugen beschrieben worden. Das meiste davon ist in Veit Valentins "Geschichte der deutschen Revolution von 1848-49" aufgeführt. Auch Stiebers Anwesenheit ist bezeugt. nicht aber das, was er in seinen angeblichen Memoiren erzählt:
Der König taumelte, kaum in Sicherheit. von seinem Pferd und brach zusammen. Ich sprang hinzu, um mit der Hilfe von Soldaten den wie Leblosen zunächst in die Wachtstube und dann in ein Gemach des Schlosses zu tragen, wo ein Arzt herbeieilte.
Fassungslos sah ich hier, wie dieser dem Könige den Bart abzog, der bloß als angeklebt erschien, wobei der Umnachtete aufwachte und die Worte hervorstammelte: die wütende Menge, das scheuende Pferd' Jede Rolle für Seine Majestät doch niemals wieder eine solche Dazu zitterte er am ganzen Leibe, schloß abermals seine Augen, und sein Haupt sank kraftlos zurück.
"Entfernen Sie sich", befahl mir der Arzt, "doch nein -- bleiben Sie und weisen Sie sich aus!" Und nachdem ich mich als Polizeibeamter legitimiert hatte, meinte er leichtert: "Ich bin Ihnen eine Erklärung schuldig, Herr Kommissar, nach der ich auf Ihr Schweigen als Königlicher Beamter vertraue: Seine Majestät sind gottlob nicht selbst geritten, wie Sie nun einmal entdeckt haben, vielmehr an seiner Statt ein Künstler des Hoftheaters."
Ich starrte auf den reglos Darniederliegenden, welcher wirklich auch nach der Entfernung seiner künstlichen Bart- und Haartracht dem Könige sehr stark ähnelte, nicht zuletzt durch dessen überrock. wobei ich mich fragte, ob dieser des Königs Besitz oder dem Bühnenfundus entstamme, und nur hervorbringen konnte: Steht es schlimm um ihn?
"Keine Sorge", beschwichtigte mich der Arzt und hielt seinem Patienten eine Riechflasche unter die Nüstern. "Nur eine begreifliche, gottlob harmlose Ohnmacht."
Kurz danach wurde ich von einem Diener in die Gemächer des Königs gerufen. Der Monarch trat mir erbarmend bleich mit schleppenden Schritten entgegen und umspannte meine Rechte mit beiden Händen. Dazu hauchte er mit matter Stimme: "Sie haben Ihren Landesvater vor Schimpf und Schande, wenn nicht vor Schlimmerem bewahrt. Das soll Ihnen nicht vergessen werden."
Ich kann dazu nur sagen: Der engagierte Schauspieler ist wilde Sehmierenkomödie. Nur kann man heute, 130 Jahre später, keine Gegenüberstellung mehr vornehmen. Es sei nur gesagt. daß Friedrich Wilhelm IV. sein Leben lang keinen Bart getragen hat.
Angeblich sei Stieber an diesem Tage dafür, daß er fest und heilig versprach, von der Maskerade nichts verlauten zu lassen, zum Direktor der Berliner Kriminalpolizei ernannt worden. -- Es ist schwer, das Lachen zu unterdrücken.
Die nächste Heldentat Stiebers war die Bespitzelung der deutschen Emigration. zumal von Marx und Engels in London, die laut Stieber 1851 im Auftrag des Königs erfolgt sei. Daß Stieber in London war, stimmt tatsächlich, nur der Auftrag kam nicht vom König, sondern von Stiebers Dienstvorgesetztem Hinkeldey.
Ich kenne sogar die echten Berichte Stiebers -- und zwar aus dem Nachlaß von Carl Wilhelm Saegert, den der Verfasser der Stieber-Memoiren nicht erwähnt, aber natürlich kennen müßte. Saegert war ein höchst obskurer Günstling des Königs. Über ihn habe ich in meinem Buch "Der Weg ins Deutsche Kaiserreich" ausführlich geschrieben.
In seinem "spannungsgeladenen Lebensbericht" (Verlagswerbung) äußert sich Stieber über seine Londoner Mission unter anderem:
Marx hat eine schöne, vielumschwärmte Ehefrau aus einem alten westfälischen Grafengeschlecht und drei Töchter mit ihr, außerdem einen am 23. Juni 1651 zu London geborenen außerehelichen Sohn namens Henry Demuth, von ihm gezeugt mit Helene Demuth, der Dienstmagd seiner Familie.
Hier ist der Stieber-Memoiren-Autor einer oft kolportierten Legende aufgesessen. Jenny Marx, geborene von Westphalen, entstammt nicht dem westfälischen Grafengeschlecht von Westphalen, sondern einer Braunschweiger Bürger-Familie, die erst im 18. Jahrhundert in den Reichsritterstand erhoben worden ist.
Unglaubwürdig ist auch, daß Stieber damals schon -- 1851 -- etwas von der Existenz des unehelichen Marx-Sohnes Henry Frederick Demuth gewußt haben will, nichts dagegen von dem Marx-Sohn Edgar, der 1847 geboren, aber erst 1855 gestorben ist. Frederick -- geboren am 23. Juni 1851 -- galt nämlich jahrzehntelang als unehelicher Sohn von Friedrich Engels, und erst 1962 wurde seine Identität enthüllt.
Von derselben Qualität sind die meisten Personalia des Herrn Sticher, die mich oft schmunzeln ließen: Der berühmte "Kaiserbrief" König Ludwigs II. von Bayern (alle deutschen Fürsten bitten Wilhelm I., die deutsche Kaiserwürde zu übernehmen) sei von dessen Oberstallmeister Graf Holnstein unterschrieben worden, der des 25jährigen Schriftzüge trefflich zu imitieren wußte. Der Grund, warum Ludwig II., (ler ja viel Geld dafür erhielt, den "Kaiserbrief" nicht unterschrieben haben sollte, ist nicht zu erkennen. Das Schreiben des Norddeutschen Reichstages vom 10. Dezember 1870 an König Wilhelm, er möge doch nun die Kaiserwürde annehmen, habe Professor Julius von Stahl zum geistigen Urheber. F. J. Stahl lag aber schon fast zehn Jahre unter der Erde und ist selbst niemals adelig gewesen.
* -- Stieber verkündet ferner, "daß die Zuhörer seinen (Stahls) enthusiastisch kaiserbegeisterten Reden im Reichstage lauschten, als wenn sie Stammvater Mose selbst verkünde". Das bedeutet also, Stieber hat niemals eine Landtags- (nicht Reichstags-)rede Stahls gelesen, obwohl zwei gedruckte Sammlungen von Parlamentsreden vorliegen. Ein besonderes Engagement Stahls für das deutsche Kaisertum Preußens ist reine Erfindung.
Was nun Stiebers Behauptung betrifft, er sei der "Geheimdienstchef' Bismarcks gewesen, so möchte ich feststellen, daß in der verzweigten Bismarck-Literatur ein Geheimdienstchef ganz unbekannt ist.
Nach eigener Angabe will Stieber jedoch immens fleißig gewesen sein. Vor 1866 unterhielt er 800 (!) Agenten in Österreich, die er mit mehreren Millionen Gulden Falschgeld bezahlte, die berufsmäßige Falschmünzer in preußischen Gefängnissen in Stiebers Auftrag herstellen mußten. Zum Schluß lagen in seinem Hauptquartier am Berliner Gendarmenmarkt 20 000 (!) Observationsberichte.
Das Ganze ist so unglaublich, daß wir Stieber selbst das Wort geben wollen: Nicht weniger als 530 Osterreicher in hochgestellten Funktionen, ja von Rang und Würden, waren bis zum Ende von meinen Residenten dazu geworben worden, Verrat zugunsten Preußens zu betreiben. Wahrscheinlich kannten nicht einmal die Österreicher selbst die Stimmungen und Gewohnheiten ihres Volkes besser, als schließlich die leitenden Observatoren meines Geheimdienstes zu Berlin. Jene wußten am Ende sogar, daß: der osterreichEsche Kaiser Franz Joseph seit den revolutionären umtrieben in seinem Lande einen täuschend ähnlichen Doppelganger hielt, welcher ihn unbemerkt bei öffentlichen Anlässen vertrat. zwei seiner engsten Ratgeber heimlich für mich spionierten, ja zu meinen (mit falschem Gelde) am höchsten bezahlten Agenten gehörten,
ein Teil der kaiserlichen Hofgesellschaft Opiaten rettungslos verfallen war, des Kaisers Gemahlin, die Kaiserin von Österreich, einen eben achtzehn Jahre alten Pferdepfleger ihres Reitstalls liebte.
Franz Joseph war damals nicht gerade ein Greis, sondern rund 40 Jahre alt. seine Ehe, die bekanntlich tragisch endete (Kaiserin Elisabeth wurde 1898 von einem Anarchisten ermordet), galt als glücklich. Daß Stieber gern mit Doubles arbeitete, wissen wir schon von Friedrich Wilhelm IV. her.
Nun zu einigen kompromittierenden Einzelheiten:
Beim Ritt durch das revolutionäre Berlin am 21. März, 1848.
Angeblicher Geheimdienstchef Stieber Kompromittierende Einzelheiten Das preußische "Trutzlied" heißt nicht "Bin ein Preuß und preußisch meine Farben!', sondern "Ich bin ein Preuße; kennt Ihr meine Farben?"
Franz 11. hat nicht 1811, sondern 1806 der deutschen Kaiserwürde entsagt.
Ein preußischer Abgeordneter Karl Mayer (richtiger wäre Carl Meyer) Rothschild in Frankfurt hat 1870 nicht existiert.
Sinnlos geadelt werden von Stieber der Bismarck-Mitarbeiter Lothar Bucher und der liberale Politiker Eduard Lasker. Letzterer hätte sich wahrscheinlich krank gelacht über eine solche schmeichelhafte Ehrung ausgerechnet von seiten der Polizei.
Von einem französischen Politiker Prévost, der sich aus Protest gegen Napoleons Krieg 1870 erschossen habe. habe ich noch nie etwas gehört, ebensowenig davon, daß Eduard von Simson eine Bankierstochter Fräulein Warschauer geheiratet habe oder daß Gral Henckel-Donnersmarck (welcher?) eine ehemalige Kurtisane Lachmann heiratete.
Das alles ließe sich nachprüfen. Ich frage mich nur: Cui bono? Mir reicht es auch so. Ich warne vor diesem Machwerk' bin aber ziemlich sicher. daß die vom Berliner Regierenden Bürgermeister angekündigte Preußenausstellung noch ganz andere Stinkgeschosse auslösen wird. Stiebers Memoiren sind nur der Anfang.

DER SPIEGEL 40/1978
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