30.10.1978

DRITTER WELTKRIEGMakabre Warnung

Ehemalige Nato-Militärs entwarfen das Schreckensbild eines Zusammenstoßes der Armeen des Atlantikbündnisses und des Warschauer Paktes -- phantasiereich und doch gestutzt auf neueste Nato-Erkenntnisse.
Der sowjetische Schlag überraschte die Stäbe der Nato trotz mancher Vorwarnung. Mit einem militärischen Coup Moskaus hatten sie gerechnet, aber schwerlich an dieser Stelle: in Jugoslawien, dem Schauplatz verwirrender Unruhen, seit Tito zu Grabe getragen worden war.
Doch die Nachrichten aus Jugoslawien ließen keinen Zweifel: In den Morgenstunden hatte eine sowjetische Luftlandedivision die Zugangsstraßen nach Belgrad besetzt, zugleich stieß eine sowjetische Infanteriedivision auf der Straße Budapest-Zagreb vor.
Von Minute zu Minute häuften sich die Schreckensnachrichten aus den Krisengebieten Europas. Schon erkannte der Kreml die Führungsgruppe der Moskau-Treuen in Jugoslawien als Regierung an, schon deuteten die überdimensional großen Warschauer-Pakt-Manöver in der DDR auf neue Überraschungsaktionen Moskaus hin, diesmal im Zentrum der Nato.
Die Nato wäre überrumpelt worden, hätte sie nicht schon ein paar Tage vorher ihre Verbände in Alarmbereitschaft versetzt. Spät, aber noch nicht zu spät konnten die in Italien stationierten US-Truppen eingreifen.
Binnen 24 Stunden landeten Amerikas Marineinfanteristen in Rijeka. Ljubljana und auf einigen Inseln Dalmatiens. Noch ein paar Stunden der Spannung, dann feuerten Sowjet-Armisten und US-Soldaten aufeinander.
So beginnt im Sommer 1985 der Dritte Weltkrieg -- in einem Buch, das die Öffentlichkeit des Westens seit Wochen beschäftigt. erspart es doch seinen Lesern kaum ein Detail aus der Horrorwelt des Krieges: Panzer walzen Flüchtlinge nieder, Norddeutschland wird von den Sowjet-Armeen überrollt, Millionen Menschen kommen um.
Panikmache zynischer Militaristen. Hirngespinste verrückter Futurologen? Keineswegs. Der britische General a. D. Sir John Hackett, Hauptautor des jetzt auch in der Bundesrepublik erscheinenden Buches "Der Dritte Weltkrieg", und seine Mitarbeiter gelten als maßvolle, kühl kalkulierende Militärs, denen Hysterie fernliegt**.
Die literarische Form des Zukunftsromans kann nicht darüber hinwegtäuschen, daß dieses "dicht geschriebene, sehr technische Buch, fachmännisch bis ins letzte Detail" (so die "Süddeutsche Zeitung"), alles andere als schiere Phantasie enthält. Es besitzt, wie die "New York Times" rühmte, "einen Realismus, der einem nichtmilitärischen Autor kaum möglich wäre" -- und das aus gutem Grund: In dem Buch schlägt sich authentisch nieder, wie sich die heute vorherrschende Schule der Nato-Militärs Ausbruch und Verlauf eines begrenzten Krieges in Europa vorstellt.
Monatelang durchlief das Hackett-Manuskript die Planungsreferate der Brüsseler Nato-Zentrale, wo sich Offiziere gerne bereitfanden, die Kenntnisse des Ex-Generals auf den neuesten Stand zu bringen. Die Londoner "Times" wollte sogar wissen, daß es neben den im Buch als Mitarbeiter genannten pensionierten Militärs noch ungenannte Aktive gebe, die hohe Nato-Posten bekleiden.
Autor Hackett formuliert es freilich vorsichtiger. "Alles, was ich schrieb", sagt er, "wurde von den verschiedensten Offizieren unterschiedlicher Verantwortungsstufen gelesen. Hohe Militärs der Nato haben mir schriftlich ihre warme Zustimmung übermittelt."
* Mit Bundeswehr-Generalinspekteur Trettner, 1966. ** Sir John Hackett: "Der Dritte Weltkrieg". C. Bertelsmann Verlag, München; 372 Seiten; 34 Mark.
Hackett und seine Mitautoren halten sich denn auch weitgehend an die strategischen Vorstellungen der Nato. Anders als der belgische Generalmajor Robert Close, der 1976 in einer defaitistischen Studie prophezeite, die Sowjet-Armeen würden aus dem Stand "in 48 Stunden" bis zum Rhein vorstoßen, und sich dafür den Vorwurf des Nato-Oberbefehlshabers Haig einhandelte, die neue Millitärplanung des Westens überhaupt nicht zu kennen, stützt sich das britische Autorenteam auf jüngste Nato-Daten.
Entsprechend glimpflicher fällt sein Kriegsbild aus: Trotz größter Verluste kann der Westen den erst nach längerer Vorbereitungszeit beginnenden sowjetischen Angriff zum Stehen bringen, ohne Atomwaffen einsetzen zu müssen. Daraufhin führen die Sowjets einen atomaren Schlag gegen das britische Birmingham, den der Westen mit einem nuklearen Gegenschlag auf Minsk beantwortet. Er löst eine politische Desintegration der Sowjet-Union aus, die schließlich den Krieg beendet.
Das ist sicherlich ein anfechtbares Kriegsbild, weil es zur Voraussetzung hat, daß die Sowjets gerade jenen konventionellen Krieg führen, dem sie offenkundig seit 30 Jahren nicht zuletzt aus Furcht vor einer nuklearen Eskalation widerstreben.
Gleichwohl bleibt Hacketts Buch, das der SPIEGEL in einer dreiteiligen Serie vorabdruckt, eine hochbrisante Lektüre: Sie enthüllt nicht nur die Kriegsvorstellungen westlicher Militärstäbe, sie erlaubt auch einen genauen Einblick in die Wunschliste der militärischen Nato-Führung, von deren Erfüllung sie eine erfolgreiche Abwehr eines sowjetischen Angriffes abhängig macht.
Denn Hacketts West-Krieger können 1985 gegenüber den sowjetischen Angreifern nur bestehen, weil die Nato inzwischen bis zu den Ohren konventionell aufgerüstet hat. Diese Nato hat bereits realisiert, was ihre Militärs heute nur unter vorgehaltener Hand fordern: den massiven Ausbau der britischen Verteidigung, vor allem auf dem Gebiet der Luftrüstung,
die Wiedereinführung der allgemeinen Wehrpflicht in den Vereinigten Staaten und die schnellere Einführung neuer Waffensysteme.
Damit wird deutlich, was Hackett mit seiner makabren Story bezweckt; er will zu einer Verstärkung der konventionellen Verteidigung aufrufen. Hackett: "Unsere Sicherheit kann nicht allein darin bestehen, daß wir uns nur auf die atomare Garantie der Amerikaner verlassen. Wir brauchen starke konventionelle Streitkräfte."
Er weiß, wovon er spricht, denn der Australier Sir John Hackett, 67, kennt wie nur wenige westliche Militärs Lage und Probleme der Nato: Er war Oberbefehlshaber der britischen Rheinarmee und opferte im Streit um den Ausbau der konventionellen Verteidigung eher seine Karriere als seine Meinung.
Das verrät Konsequenz und Zivilcourage, die der vielsprachige Husarenoffizier (er spricht Deutsch, Italienisch, Französisch und Arabisch) wiederholt bewiesen hat.
Bei den Kämpfen um Arnheim im September 1944 sprang Hackett, Kommandeur einer Fallschirmjägerbrigade, über den deutschen Stellungen ab und wurde zu einer legendären Figur. Er hatte beim Absprung seinen Stock verloren und mochte nicht ohne dieses Utensil britischen Offiziersturns in die Kampfhandlungen eintreten.
So machte er sich auf die Suche, wobei er plötzlich auf deutsche Soldaten stieß. "Ich hatte", erinnert er sich, "mehr Angst als die, aber sie wollten sich so rasch wie möglich ergeben." Hackett befahl ihnen, sie sollten auf ihn warten, und suchte weiter nach seinem Stock, den er endlich fand. Dann trieb er die Deutschen vor sich her, bis er seine Truppe erreichte.
Ein paar Tage später wurde Hackett schwer verwundet und geriet in deutsche Kriegsgefangenschaft. Die Ärzte im deutschen Lazarett hielten ihn für einen hoffnungslosen Fall und hatten den Briten schon aufgegeben, doch Hackett wand sich aus seinem Bett und schleppte sich zum Lazarett hinaus. Holländer pflegten ihn, bis er kräftig genug war, durch die deutschen Stellungen zu radeln und in einem Paddelboot den Rhein zu überqueren, an dessen Gegenufer britische Einheiten standen.
Einen so einfallsreichen Offizier wollten die Vorgesetzten gerne auf höherem Posten sehen. Im besetzten Vier-Mächte-Wien, einem der großen Zentren der Nachkriegsspionage, steuerte Hackett die Ostblock-Aufklärung des Geheimdienstes der britischen Armee und wurde zu einem Kenner des sowjetischen Militärs -- Grund für das Verteidigungsministerium in London, Hackett in der Nato zu verwenden.
1966 übernahm der inzwischen geadelte Australier den Befehl über die Rheinarmee und die Nato-Heeresgruppe Nord. London war anfangs mit dem neuen OB zufrieden, doch zwei Jahre später geriet er mit Englands Labour-Regierung in Konflikt, die aus Budgetgründen immer mehr Truppen von der Rheinarmee abzog und Hacketts Forderung nach Verstärkung der konventionellen Streitkräfte abwies.
Vergebens mahnte Hackett, die Verminderung der Rheinarmee ohne sowjetische Gegenleistungen werde das ohnehin prekäre militärische Gleichgewicht in Europa empfindlich stören. Als London hartnäckig schwieg, plante der alte Husar einen letzten verzweifelten Ausfall: die Flucht in die Öffentlichkeit -- allen Traditionen britischen Soldatentums zum Trotz.
Verteidigungsminister Dennis Healey war nicht wenig schockiert, als ihm der General bei einer Begegnung im Londoner Cavalry Club eröffnete, er werde seine Position in einem Leserbrief an die "Times" darlegen. Healey wurde offiziell: "Sie wissen, daß englischen Generalen nicht gestattet ist, derartige Stellungnahmen in der Öffentlichkeit abzugeben."
Hackett gab zurück, er sei schließlich Nato-General und arbeite nicht für Healey. Darauf der Minister: "Aber Sie arbeiten von Fall zu Fall für mich." Hackett hitzig: "Dann schreibe ich eben den Brief in der Zeit, in der ich nicht für Sie arbeite!"
Am 6. Februar 1968 erschien Hacketts Brief in der "Times", fünf Monate später war der General seines Kommandos enthoben und in den Ruhestand versetzt. Der Linguist Hackett eröffnete sich als Rektor und Gastprofessor am Londoner King's College eine neue Karriere, doch mit den Nato-Problemen beschäftigte er sich weiter.
Er griff nur allzu gerne zu, als ihm der Chef des Londoner Verlags Sidgwick & Jackson im November 1976 inmitten des Spektakels um die Close-Studie den Vorschlag machte, seine Vorstellungen über einen möglichen Krieg niederzuschreiben. Hackett gewann ehemalige Nato-Kameraden als Koautoren, mit denen er -- gestützt auf geheime Übungsunterlagen der Nato über den Beginn eines Krieges -- ein Szenarium internationaler Spannungen ausarbeitete, die zum Dritten Weltkrieg führen. Das sieht so aus:
In den Republiken der Sowjet-Union, aber auch in anderen Staaten des Warschauer Paktes wächst, dank schlechter Ernten und einer katastrophalen Wirtschaftspolitik, das Mißvergnügen der Bevölkerung.
Das führerlose Jugoslawien steht am Rande eines Bürgerkrieges. Schon rechnen westliche Kreml-Beobachter damit, daß sich die sowjetische Führung verlockt fühlen könnte, ein Abenteuer im Ausland zu suchen, um von den inneren Schwierigkeiten des östlichen Machtblocks abzulenken. Wo freilich Moskau zuschlagen könnte, bleibt offen.
Tatsächlich marschieren die Sowjets in Jugoslawien ein, worauf die USA ebenfalls intervenieren. Das aber beseitigt die letzten Hemmungen im Kreml, denn für die Falken in Moskau ist der US-Einmarsch im kommunistischen Jugoslawien Legitimation für den großen Schlag gegen die Nato.
Doch der Westen ist gerüstet. Die tagelange Spannungszeit hat der Bundesrepublik ermöglicht, schon eine Woche vor dem sowjetischen Einfall in Jugoslawien als erstes Nato-Land ihre Streitkräfte mobilzumachen. Am nächsten Tag ist Amerika gefolgt, kurz darauf England.
Dennoch versuchen die Sowjets nicht ohne Erfolg, den Aufmarsch ihrer Truppen im Mittelabschnitt der Nato zu verschleiern. In den Bereitstellungsräumen veranstalten sie ausgedehnte Manöver, die sie ganz offiziell (wie in den West-Ost-Abkommen vorgesehen) als Routineübungen angemeldet haben.
So sind denn die Angriffsverbände des Warschauer Paktes in den ersten Stunden des Dritten Weltkrieges der westlichen Abwehr deutlich überlegen. Hackett: "Der Durchbruch des Gegners ist nicht mehr abzuwenden."

DER SPIEGEL 44/1978
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