DER SPIEGEL



Arbeitslose: Jeder vierte ein Drückeberger?

Drückeberger sehen härteren Zeiten entgegen. Mit dem letzte Woche vom Kabinett verabschiedeten neuen Arbeitsförderungsgesetz soll es Arbeitslosen schwerer gemacht werden, einen Job als unzumutbar abzulehnen und weiter stempeln zu gehen. Wie viele Arbeitslose tatsächlich einfach keine Lust haben, darüber streiten die Experten. Sicher ist: Bei aller Härte in Einzelfällen ist die Statistik düsterer als die Wirklichkeit.

Eisenbieger werden gesucht und Maurer, für Dreher oder Schweißer werden gelegentlich sogar Kopfprämien bezahlt: Mitten in der von Parteien und Medien beklagten Massenarbeitslosigkeit ist er knapp geworden, der Faktor Arbeit.

Bei AEG und Bosch hat, behaupten Firmensprecher, inzwischen sogar die ?Jagd nach dem eigenen Ingenieur? begonnen ? einer Spezies, die jahrelang die Personalabteilungen der Unternehmen mit ihren Nachfragen und Bewerbungen nervte.

Sogar der Präsident der Nürnberger Bundesanstalt für Arbeit, Josef Stingl, der häufig mit seinen Monatsrechnungen das westdeutsche Fernsehvolk erschreckt hatte, glättete manche Falte: In einigen Bezirken gebe es schon wieder mehr offene Stellen als Arbeitslose. In Ballungsgebieten wie Rhein-Main, aber auch in ländlichen Regionen mit guter Wirtschaftsstruktur, etwa dem Sauerland, ist die Lage bereits deutlich entspannt -- obgleich die Arbeitslosenzahl im alljährlichen Saison-Auf und -Ab gerade wieder leicht auf 902 000 Menschen gestiegen ist.

Bundesbank-Präsident Otmar Emminger ficht das nicht an. Er sieht einen "katastrophalen Mangel an Arbeitskräften". Das vergleichsweise schwache Wachstum der Wirtschaft sei nicht zuletzt auf das schwache Arbeitskräfteangebot zurückzuführen. Ohne diese Bremse könnte die Wirtschaft nach seiner Hochrechnung einen halben Prozentpunkt pro Jahr zulegen.

Manche Investition unterbleibt, bestätigt Rolf Rodenstock, Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI), weil viele Unternehmen nicht einmal ungelernte Kräfte finden.

Leichtfertiges Gerede von Ökonomisten, durchsichtige Manöver von Interessenvertretern, denen die Konkurrenz der Arbeitnehmer gegeneinander nicht reicht und die gern unter mehreren Arbeitswilligen wählen möchten? Oder sind die Deutschen inzwischen faul und anspruchsvoll geworden? Hat das soziale Netz die Einsatzfreude und den Arbeitswillen eingefangen, zum Beispiel, weil es lohnender sein kann, sich das Arbeitslosengeld überweisen zu lassen und, wenn's denn für die Urlaubsreise oder das neue Auto sein muß, nebenher gelegentlich schwarzarbeiten zu gehen?

Tolldreiste Geschichten über "Faulpelze" und "Sozialparasiten" wissen die Personalchefs vieler Unternehmen gleich im Dutzend zu erzählen. Ein Stellungssuchender in Nordrhein-Westfalen ritt bei dem Unternehmen vor, zu dem ihn das Arbeitsamt geschickt hatte. Vom Pferd herab reichte er dem Firmenchef, der gerade das Werk betrat, das Formular des Arbeitsamtes. Dann trabte er, mit dem unterschriebenen Formular und natürlich ohne Job, wieder davon.

In Frankfurt berief sich ein arbeitsloser Möbelträger auf Platzangst in der Fabrik. Ein Jungarbeiter kündigte an, er werde morgens nicht pünktlich antreten, müsse dafür aber abends früher gehen.

In Hamburg wunderte sich eine Vermittlerin über die ständige Zurückweisung einer als tüchtig bekannten Sekretärin -- bis sie deren Bewerbungsschreiben zu Gesicht bekam: Die Schreibdame hatte den Brief absichtlich mit Fehlern gespickt.

Wer die Praktiker hört, der muß zu dem Schluß kommen, daß unter den deutschen Arbeitslosen sehr viele Faulpelze und Drückeberger seien. Und ganz falsch ist dieser Schluß wohl nicht, daran ändert weder der Hinweis auf das schwere Los echter Stellungssuchender etwas, noch die Erkenntnis, daß die Zahl der schwarzen Schafe nicht exakt zu ermitteln ist.

Daß es "eine Vielzahl" von Arbeitsunwilligen gibt, ist auch Bonns Arbeitsminister Herbert Ehrenberg schon zu Ohren gekommen. Im Bonner Kabinett ließ er am Dienstag letzter Woche eine Änderung des Arbeitsförderungsgeset* Für die Erhaltung der Arbeitsplätze in einem Siemens-Werk.

zes verabschieden, die den Mißbrauch der Sozialgesetzgebung eindämmen soll. Zumutbar wäre demnach eine Stellung auch dann, wenn ein Angestellter dadurch zum Arbeiter würde. wenn ein Arbeitnehmer schlechter entlohnt würde als früher oder gar wenn er nicht täglich von der Arbeit nach Hause fahren kann.

Die Reform ist seit Monaten in Bonn umstritten. Für Minister Ehrenberg ist die Zahl der eventuell Betroffenen "sehr viel kleiner als beispielsweise die Zahl derer, die bei der Steuererklärung nicht ehrlich sind".

Zu den echten Drückebergern aber -- und das wird oft übersehen -- kommt noch eine große Zahl von Arbeitslosen, die nach üblichem Sprachgebrauch weder faul noch parasitär sind, die aber aus verschiedenen Gründen keine feste Anstellung mehr suchen.

Übrig bleibt von der Statistik eine deutlich kleinere Gruppe von Arbeitslosen, die zwar arbeiten würden, die aber kaum jemand haben möchte.

Denn ganz offensichtlich sind viele Arbeitslose nicht mehr in der Lage, mit den steigenden Anforderungen der hochtechnisierten Welt physisch, vor allem aber psychisch fertig zu werden. "Für nicht ausgebildete Arbeitskräfte", sagt Heinz Greilach, zuständig für Personalpolitik der AEG, "gibt es immer weniger Chancen."

Der Anteil der Ungelernten und Angelernten an der Zahl der Arbeitslosen ist mit 56 Prozent erschreckend hoch, weit höher, als er nach der demographischen Zusammensetzung der Bevölkerung eigentlich sein sollte. Und: Der "Problemsockel" (Fachjargon) schwer vermittelbarer Arbeitsloser, etwa älterer Angestellter oder Behinderter, wird immer drückender, weil sich die berufliche Qualifikation und die psychische Eignung gerade dieser Arbeitslosen ständig verschlechtert.

Frank-Rüdiger Fourmond, Referent im Düsseldorfer Landesarbeitsamt, sieht das so: "Die Unternehmen haben uns die besseren Kräfte abgenommen und die schlechteren auf die Matte gestellt."

Dabei waren die Arbeitgeber bei der Auswahl ihrer neuen Kräfte recht wählerisch. Allzu oft suchten sie, nach den Worten führender Beamter der Arbeitsverwaltung, den "Modellathleten", den "Pförtner mit Fallschirmjäger-Tauglichkeit".

"Hier ist", meint auch Minister Ehrenberg, "eine Anspruchsinflation eingerissen." Wenn die deutsche Wirtschaft in Boom-Zeiten zweieinhalb Millionen ungelernte Ausländer beschäftigen konnte, "müßte dies bei gutem Willen heute auch mit den ungelernten deutschen Arbeitslosen möglich sein

Das Verwirrspiel von Arbeitslosigkeit und Arbeitskräftemangel hat unlängst die Wirtschaftsminister-Konferenz der Bundesländer beschäftigt. Friedrich Hermann Stamm aus dem hessischen Wirtschaftsministerium, Leiter des zuständigen Arbeitskreises, kommt danach zu einem nüchternen Ergebnis: "Eine Massen-, Dauer- oder Jugendarbeitslosigkeit haben wir nicht."

In der Tat: So bitter das Schicksal des einzelnen, der sich seit Monaten oder gar Jahren um eine Anstellung bemüht, auch sein mag -- die Zahl der "echten" Arbeitslosen ist mit Sicherheit kleiner, als die offizielle Statistik ausweist. Nicht jeder Arbeitslose ist zugleich Arbeitssuchender.

Der Anteil der Arbeitslosen, "die an einer Beschäftigung nicht wirklich interessiert sind", ermittelte Infratest im Auftrag des Bundesarbeitsministeriums, sei nicht genau zu beziffern. Die Größenordnung liege bei etwa zehn Prozent.

Einige Prozentpunkte mehr könnte die bessere Schätzung sein. Von den befragten Arheitslosen gestanden rund elf Prozent den Infratest-Interviewern, daß sie derzeit gar keine Arbeit suchen. Lind: Ein Viertel der Befragten hat nach eigener Aussage keine eigenen Anstrengungen gemacht, wieder einen Job anzutreten.

Daß jeder vierte deutsche Arbeitslose ein Drückeberger sei, läßt sich aus diesen Zahlen kaum folgern: Mancher mag durch Mißerfolge bei der Arbeitssuche in die Resignation getrieben sein, manche befragte Arbeitslose ist ohnehin zum Rückzug zu Kind und Küche entschlossen.

Doch eine Erkenntnis scheint unzweifelhaft: Die globale Ziffer der Bundesanstalt für Arbeit schrumpft, wenn sie in ihre Einzelteile zerlegt wird.

Ein Teil der Arbeitslosen läßt sich eindeutig ausmachen. So ist etwa rund ein Drittel aller Stellungslosen in der körperlichen Leistungsfähigkeit mehr oder weniger deutlich behindert; einmal arbeitslos, sind sie schwer zu vermitteln -- unbestritten eine Problemgruppe.

Die zweite Gruppe ist größer und heterogener: Weit mehr als die Hälfte aller Arbeitslosen sind Frauen (Oktober 1978: 499 000), und von denen suchen viele nur eine Teilzeitarbeit, wenn möglich ausschließlich am Vormittag. Fast 99 Prozent der im Oktober erfaßten Teilzeit-Arbeitslosen (186 000) waren weiblichen Geschlechts.

Gerade unter diesen Teilzeit-Arbeitslosen sind die Arbeitsunwilligen vermutlich zumindest eine ansehnliche Minderheit.

Viele Arbeitsämter, die mit gezielten Aktionen den arbeitslosen Frauen Teilzeit-Jobs verschaffen wollten, machten immer wieder die gleiche Erfahrung: Ein Großteil der angesprochenen Frauen winkte dankend ab, wenn es ernst wurde; sie zogen einfach ihre Meldung als Arbeitssuchende zurück.

Toll trieb es eine Stellungslose, die im Hamburger Arbeitsamt den Posten der Presse-Referentin übernehmen sollte. Bis zur letzten Minute zeigte sie sich von der Aufgabe begeistert. Dann, einen Tag vor Arbeitsantritt, rief sie das Arbeitsamt an und legte ein Geständnis ab: Sie möchte den Job nun doch nicht antreten, weil sie aus persönlichen Gründen eigentlich gar nicht arbeiten wolle.

Den Praktikern in der Arbeitsverwaltung ist klar, daß viele arbeitslose Frauen dem Arbeitsmarkt gar nicht, wie vom Gesetz gefordert, "zur Verfügung" stehen. Viele wollen, etwa nach der Geburt eines Kindes, nicht mehr arbeiten, lassen sich aber gern noch ein Jahr lang Arbeitslosengeld überweisen, andere sind darauf bedacht, ihre Rentenanwartschaft zu erhalten.

Ein schiefes Bild der Wirklichkeit spiegeln auch die Ziffern über die älteren Arbeitslosen. Zwar sind gerade in der Gruppe der über 55jährigen viele Verzweifelte und Verbitterte erfaßt, die kaum eine Chance auf einen halbwegs attraktiven Job haben und das auch genau wissen.

Doch in dieser Statistik sind auch etliche Arbeitnehmer mitgezählt, die gar nicht die Absicht haben, noch einmal an die Werkbank oder den Schreibtisch zurückzukehren.

Da die Chancen, mit 59 noch einen neuen Job zu finden, gegen Null tendieren, machen Tausende erst gar nicht den Versuch. Nach einjähriger Arbeitslosigkeit können sie dann nämlich vorzeitig Rente beziehen.

Oft einigen sich sogar die Unternehmen mit älteren Mitarbeitern: Die 59jährigen scheiden aus, und der Betrieb zahlt ihnen ein Jahr lang die Differenz zwischen ihrem bisherigen Netto-Einkommen und dem Arbeitslosengeld. Erst dann verschwinden diese Arbeitslosen wieder aus der Statistik.

Die Zeugung dieser "Sozialplan-Arbeitslosen", bei der die Gewerkschaften mitwirken, findet nicht überall Zustimmung. Nicht jeder hält den Trick wie Berlins Arbeitssenator Olaf Sund für "verständlich und sachlich gerechtfertigt".

Als die von der Pleite bedrohte Kieler Elektrofirma Elac für eine Reihe älterer Arbeitnehmer einen Sozialplan ausarbeitete und sie dann entließ, sperrte das Landesarbeitsamt für 14 Tage die Bezüge. Die Beamten vermuteten, die laut Arbeitsrecht kaum kündbaren Arbeiter hätten ihrer Kündigung zugestimmt. Dieses Einverständnis aber würde sic um den Anspruch auf sofortige Zahlung des Arbeitslosengeldes bringen.

Ende Mai waren von den 439 000 arbeitslosen Männern rund 34 000 im Alter von 59 Jahren und darüber. Daß auch ein Großteil dieser Gruppe nicht mehr malochen will, ist unter den Experten der Wirtschaftsminister-Konferenz unstrittig: "Zwischen der Arbeitslosigkeit der älteren arbeitslosen Männer und der Regelung der gesetzlichen Alterssicherung besteht ein Zusammenhang."

Zusammenhänge dieser Art, die das Bild der Arbeitslosigkeit in der Bundesrepublik vergröbern und verzerren, kennzeichnen auch andere Gruppen. Die alljährlich zum Herbst rasch steigende Zahl jugendlicher Arbeitsloser zum Beispiel verdankt einen Teil ihres Wachstums einer Vorschrift des Kindergeldgesetzes.

Weil der Vater nur dann die Zuschüsse weiter bekommt, wenn die Kinder arbeitslos sind, lassen sich viele Schulabgänger beim Arbeitsamt registrieren, bevor sie ihre Lehre antreten, studieren oder zur Bundeswehr gehen.

Nur jeder vierte der Arbeitslosen unter 20 Jahre war im Mai länger als sechs Monate ohne Job oder Lehre. Die Quote der Jugendlichen ohne Job liegt nicht über der allgemeinen Arbeitslosenquote. "Wir haben keine Jugendarbeitslosigkeit", erklärt Eduard Bovensiepen, Präsident des Landesarbeitsamtes Schleswig-Holstein/Hamburg, "wir haben -- was schlimm genug ist -- nur jugendliche Arbeitslose."

Schlimm vor allem deshalb, weil es auch hier wieder -- wie bei den Frauen oder älteren Angestellten die Schwächsten trifft: Wer die bessere Ausbildung hat, findet auch am besten Arbeit.

So sind die jugendlichen Arbeitslosen ohne Hauptschulabschluß in der Gesamtzahl der Arbeitslosen unverhältnismäßig hoch vertreten; ihr Anteil unter den Arbeitslosen ist etwa doppelt so hoch wie der Anteil der Jugendlichen ohne Hauptschulabschluß an den Schulabgängern insgesamt.

Genau diese Gruppen, die wenig Qualifizierten, die Behinderten oder die Alten aber machen den harten Kern der bundesdeutschen Arbeitslosigkeit aus. Ihnen helfen keine Konjunkturspritze und keine Wachstumsrate. Nicht einmal die vielen Beschäftigungsprogramme oder die Staatszuschüsse zur Wiedereingliederung kommen bei diesen Außenseitern der Leistungsgesellschaft an.

Einfach weil sie zu faul sind? Kann man den Jugendlichen, für den Vater nur noch das Kindergeld kassieren möchte, als Arbeitsunwilligen abstempeln? Sind die 59jährigen, die vom Betrieb zum Ausscheiden ermuntert werden, Drückeberger? Mißbrauchen Frauen, die sich auch als Beschäftigungslose den Anspruch auf Rente bewahren wollen, das Sozialsystem?

Der "Tatbestand" der Arbeitsunwilligkeit, stellten die Infratest-Forscher fest, sei "nicht eindeutig", weil es dafür kein "einzelnes, objektiv feststellbares Indiz" gebe.

Eindeutig, sollte man annehmen, sind wenigstens die Fälle, in denen die Arbeitsämter die Unterstützung sperren -- etwa wenn eine Serviererin den angebotenen Job ablehnt, weil sie auch die Tische säubern soll, oder wenn ein Kfz-Mechaniker beim Einstellungsgespräch darauf besteht, nur an deutschen Wagen zu arbeiten.

Doch: Fast regelmäßig legen die Betroffenen Widerspruch gegen die Sperre ein, und in jedem dritten Fall heben die Prüfungsinstanzen in den Arbeitsämtern oder die Sozialgerichte die Sperren wieder auf.

An den Schwierigkeiten im Umgang mit den von Personalchefs oft zitierten "Berufsarbeitslosen" sind die Unternehmen vielfach selbst schuld "Die lautesten Schreier gegen Drückeberger", bemängelt Gernot Dreher von den Vereinigten Deutschen Metallwerken VDM, "geben sich die geringste Mühe."

Aus Bequemlichkeit oder Konfliktscheu unterlassen es viele Firmen, dem Arbeitsamt wenigstens die offenkundigsten Fälle demonstrativer Arbeitsunwilligkeit auf den dafür vorgesehenen Karten zu melden -- obgleich die Personalleiter geradezu schauerliche Fälle erlebt haben oder erlebt haben wollen. Mal weigert sich ein Gabelstapler-Fahrer, "auch "ne Tonne anzufassen", mal will sich einer als "freier Mann" nicht in eine Fabrik "einzwingen" lassen.

In vielen Fällen suchen Bewerber ihren möglichen Arbeitgeber durch genUßliche Schilderung persönlicher Defekte zu schrecken. Sie bezeichnen sich selbst als krankhafte Diebe, kündigen schwere Operationen an oder klagen über depressive Stimmungen, denen sie "machtlos ausgesetzt" seien. Andere bringen völlig zerknüllte Meldekarten mit oder behaupten treuherzig, ihre habe der Hund gefressen.

Einer Arbeitslosen, die aus gesundheitlichen Gründen nicht im Stehen schaffen wollte, wurde eine Tätigkeit im Sitzen angeboten. Im Sitzen, sagte sie da, ginge es auch nicht. Arbeitsplätze, "an denen die Arbeit liegend verrichtet werden kann", stellte das Unternehmen fest, seien leider nicht vorhanden.

So überzeugend sind die Indizien für Arbeitsunwilligkeit allerdings nicht immer. "Die Drückeberger-Methoden", so Bovensiepen, "haben sich inzwischen zu wahrer Meisterschaft verfeinert", die ein verläßliches Urteil der Behörden kaum noch zuläßt.

Legen die Vermittler bei der Auslese allzu strenge Maßstäbe an, dann könnten sie leicht die Falschen treffen: die

* Unterricht in Schweißen; oben: Entschlammung eines Teiches in Gelsenkirchen.

"armen Teufel", wie VDM-Dreher sagt, Menschen mit sozialem Handikap. Die Cleveren mit dem "sportlichen Ehrgeiz, bei einem Minimum an Arbeit ein Maximum an Unterstützung herauszuholen" (Dreher), sind dagegen kaum zu fassen.

Die Benachteiligung der Außenseiter fängt häufig schon bei den ersten Auftritten im Arbeitsamt an. Die Vermittler halten sich, schon aus Zeitgründen, bei den Ursachen nicht lange auf und fragen laut Infratest-Umfrage nicht einmal jeden zweiten, dem sie geringes Interesse an der Vermittlung unterstellen, nach Ausbildung und Berufswünschen.

Zeit und Aufmerksamkeit widmen die Vermittler sehr viel lieber jenen, die bessere Einstellungschancen haben: Vermittlungserfolg, wissen die Beamten, bedeutet auch für sie selbst in der Regel Berufserfolg. Die Zusammenarbeit von Vermittlern in größeren Teams soll, verbunden mit einer jahrelang von Bonn verzögerten Planstellenvermehrung, künftig nicht nur die Wartezeiten für Stellungssuchende verkürzen und deren Beratung verbessern helfen, sondern den Vermittlern die Kontakte zu den Unternehmen erleichtern.

Viele Arbeitgeber nämlich beklagen sich über die lausige Arbeit der Vermittler, über undurchschaubare Zuständigkeiten im Amt und wochenlanges Warten auf Personalzuweisungen. Häufig schickten die Ämter die Falschen.

Daß es auch anders geht, zeigte sich etwa bei Siemens in Berlin. Von 60 vermittelten weiblichen Arbeitskräften waren dort zunächst nur zwei

für die ausgeschriebene Arbeit qualifiziert. Nach genauer Klärung der Anforderungen zwischen Betrieb und Amt konnte eine bessere Vorauswahl getroffen werden: Von 30 Frauen erwies sich nun die Hälfte als geeignet.

Die Vermittlungsroutine aber, etwa der Vergleich zwischen Arbeitslosen- und Stellenkartei, läßt die Jobsuche der Beschäftigungswilligen oft zum Lotteriespiel werden. Auf der sogenannten Bewerberangebotskarte mit Namen und Berufskennziffer fehlen vielfach gerade die Daten, auf die es für eine optimale Zuordnung von Arbeitskraft und Arbeitsplatz ankäme: Branchenerfahrungen, Spezialkenntnisse, Wohngebiet.

Trotz dieser Mängel stehen Stingls Führungskräfte, so das Münchner Sozialwissenschaftliche Institut "Sinns", dem geplanten Computereinsatz in der gesamten Arbeitsvermittlung teils gleichgültig, teils ablehnend gegenüber -- bis zu großenteils "vehementer Nicht-Akzeptanz". Daß die Arbeitsverwaltung trotz ihres Vermittlungsmonopols lediglich bei der Besetzung von schätzungsweise 40 Prozent der offenen Stellen eingeschaltet wird, hängt mit ihrem geringen Ansehen vor allem bei kleinen und mittleren Unternehmen zusammen: Während den Großbetrieben von Amts wegen oft genug die guten Leute zugeschanzt werden, "bleibt uns kleinen Krautern nur der Schrott" (ein Frankfurter Buntmetaller). Ein Düsseldorfer Backwarenfabrikant spricht für viele: "Ich rufe erst gar nicht mehr an."

Mit massivem Mitteleinsatz suchen die Nürnberger wenigstens ihre Position zu behaupten. Die sogenannten Eingliederungsbeihilfen zum Beispiel, die den Firmen für Schwervermittelbare (langfristig Arbeitslose, gesundheitlich Geschädigte oder sonst Leistungsgeminderte) bis zu 60 Prozent der Lohnkosten pro Beschäftigten mi ersten Jahr ersetzen, haben deutlich zugenommen.

In rund 103 000 Vermittlungsfällen, fast doppelt so vielen wie im Jahr zuvor, wurde der Bonus 1977 vergeben: gut 370 Millionen Mark zu Händen der Unternehmer, bei denen sich die Beihilfe, leicht begreiflich, "steigender Popularität" ("Sinus"-Studie) erfreut. Denn die Prämie wird fast durchweg für die Einstellung ohnehin benötigter Arbeitskräfte kassiert.

Kein Arbeitsplatz, wissen die Beamten aus Erfahrung, wird mittels Eingliederungshilfe zusätzlich geschaffen. Gang und gäbe könnte demnach sein, was die Nürnberger Bundesanstalt als "unerwünschte Mitnahme-Effekte" umschreibt. Der Ermessensspielraum hei der Mittelvergabe ist jedenfalls beträchtlich, die Mißbrauchsgefahr groß. Hohe Arbeitsbeamte kritisieren die lasche Kontrolle: Allzu leicht könnte der Scheck als "Schmiermittel" benutzt werden, um kooperationsbereite Firmen zu prämieren.

Am Ende läuft das großzügig finanzierte Programm leicht auf das genaue Gegenteil des Beabsichtigten heraus. Zwar wird oft der brave Arbeitsmann, der schuldlos lange brotlos war, wieder eingestellt, doch dafür kippt ein anderer, weniger leistungsfähiger heraus.

In den beiden letzten Jahren, sagt Stingls Pressechef Hanspeter Leikeb, "gab es kein Zusatzangebot an freien Stellen". Vielmehr: "Die Einstellungen hielten sich in der gleichen Größenordnung wie die Entlassungen."

Weniger abstrakt: Viele Firmen nutzten die Stunde, ihre Belegschaft aufzufrischen. "Die Unternehmen", resümiert VDM-Personalchef Dreher, "machen sich die gesetzlichen Regelungen zunutze, um ihr Personal zu verbessern."

An der wachsenden Zahl harter Problemfälle jedenfalls hat auch dieses Förderungsprogramm nichts ändern können.

Wohl bringen Berufsbildungskurse die Teilnehmer beruflich voran -- auch dann, wenn die Fortgebildeten oder Umgeschulten zunächst keinen Job in ihrem neuen Beruf finden: Auf mittlere Frist hilft die höhere Qualifikation regelmäßig weiter.

Weil aber bei den Underdogs laut Paul Wollek, Direktor beim Landesarbeitsamt Nordrhein-Westfalen, schon "das Verständnis und die Bereitschaft" für die Schulung fehlen, erzeugt die Furcht vor dem Scheitern zusätzlich Schwellenangst. "Vorstellungen und Erwartungen", bilanziert ein amtsinternes Arbeitspapier, waren "zu optimistisch und idealistisch".

Die Düsseldorfer Behörde strebt daher in Vermittler-Seminaren ein stärker "problemgruppenorientiertes Verhalten" (Wollek) der Arbeitsbeamten an. Und sie organisierte gemeinsam mit Gewerkschaften und evangelischer Kirche Gesprächswochen für Dauerarbeitslose.

Auf die Gesprächsleiter von der IG Metall wirkte die "fatale Apathie" der Dauerarbeitslosen "schockierend". Die Männer seien "so demoralisiert", daß sich ihre Verfassung zwangsläufig "beim Einstellungsgespräch negativ auswirken" müsse, meinten die beiden Gewerkschafter.

Schon die lockere Gesprächsrunde, die Aussprache über Gründe und Bekämpfung der Arbeitslosigkeit hätten dann allerdings bei vielen Teilnehmern für neuen Lebensmut gesorgt.

Ähnliche Erfahrungen sammelten engagierte Vermittler aus der Hamburger Arbeitsverwaltung. Bei mehreren Halbjahres- und Jahreskursen für jeweils hundert jugendliche Dropouts in Hamburg beispielsweise "hielten erstaunlich viele durch, die sich erst mal an pünktliches Erscheinen gewöhnen mußten und sich dann sogar zum Hauptschulabschluß entschlossen" (Amtschef Dietrich Oldenburg).

"Nur durch umfassendere Betreuung der Arbeitslosen", meinten Dortmunder Gewerkschafter, sei überhaupt bei den immer zahlreicher werdenden Problemfällen etwas auszurichten. Tatsächlich will Minister Ehrenberg "kurzfristige Informations- und Motivationskurse" der Nürnberger Anstalt bundesweit vorantreiben.

Auch Ehrenberg allerdings vermag nicht zu erklären, warum die Nürnberger nicht längst auf diesen Trichter gekommen sind und warum fünf Jahre vergingen, ehe sich Bonn entschloß, die Zahl der Vermittlerstellen in den 146 westdeutschen Arbeitsämtern deutlich anzuheben.

Einstweilen jedenfalls haben sich die Beamten mit einem für sie ungewohnten Problem herumzuschlagen. Die neuen Jobs sind mangels qualifizierter Bewerber vorerst kaum zu besetzen.


DER SPIEGEL 48/1978
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