04.09.1978

Rommel: Ende einer Legende

Es ist der 15. April 1944. Nach wochenlanger Trockenheit regnet es in Frankreich. Rommel steht am Fenster seines Zimmers im Schloß von La Roche-Guyon, in dem der Stab der Heeresgruppe B untergebracht ist, und grübelt, wie viele Wochen ihm noch für die Vorbereitung der größten Schlacht seines Lebens bleiben. Das Schicksal ganz Deutschlands hängt von ihm ab. Das hat Hitler gesagt.
Am Abend dieses Tages fährt ein Auto durch das hohe schmiedeeiserne Tor und hält vor dem Haupteingang. Ein Offizier steigt aus dem Wagen. Sein Gepäck wird ins Turmzimmer des Schlosses gebracht, das ihm als Quartier dienen soll.
Er selber meldet sich beim Generalfeldmarschall. Es ist Generalleutnant Hans Speidel, Rommels neuer Generalstabschef. Einen Monat zuvor hat Rommel die schwere Entscheidung ge-
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troffen, Alfred Gause zu entlassen, der seit Juli 1941 sein Weggefährte gewesen ist.
Rommel schätzt und vertraut Gause. Aber während seines Urlaubs in Herrlingen haben General Gause und seine Frau mit Lucie Rommel einen harmlosen Streit gehabt, wie er mit Hausgästen öfter mal vorkommt; Gause hat mit dem Rommel-Adjutanten Hermann Aldinger geschimpft, weil er zu spät zur Gartenarbeit erschienen ist, und Frau Rommel hat gefunden, daß Frau Gause ihr auf die Nerven fällt. Schließlich verlangt Lucie Rommel, daß ihr Mann Gause ablöst.
Der Feldmarschall hat sich kleinlaut gefügt und ihr am 17. März 1944 geschrieben: "Laß uns einen Schlußstrich unter das Ganze ziehen. Ich werde es tun. Wahrscheinlich wird Gause einen anderen Posten finden. Es ist natürlich ein sehr schwerer Entschluß, jetzt, in diesen Zeiten, den Chef zu wechseln." Rommel hat dann an Hitlers Chefadjutanten Schmundt geschrieben und ihn gebeten, Gause zum Kommandeur einer Panzerdivision zu ernennen.
Gauses Nachfolger ist nicht irgendein General. An seinem Hals blitzt das Ritterkreuz, das ihm Hitler persönlich vor kurzem für seinen Anteil an den erfolgreichen Rückzugskämpfen der 8. Armee an der Ostfront umgehängt hat.
Vielleicht erinnert sich Rommel an Speidel als den schweigsamen Landsmann, dem er 1915 in den Argonnen und später in der Reichswehr im 13. (Württembergischen) Infanterieregiment begegnet ist. Speidel ist einer von zwei Ersatzmännern, die Rommel vom Generalstab des Heeres empfohlen worden sind. Rommel hat, wie immer, den Schwaben genommen.
Mit 46 ist der Neuling sechs Jahre jünger als Rommel. Der Generalfeldmarschall meint, dieser Offizier und promovierte Historiker mit den kultivierten Manieren sei genau der richtige Mann und außerdem eine nützliche Ergänzung seiner eigenen, einseitigen Natur. Speidel ist Theoretiker, Kunstfreund und Musikliebhaber. Am 16. April schreibt Rommel an seine Frau: "Er macht einen guten und frischen Eindruck. Ich glaube, daß es gut gehen wird."
Indirekt hatten Erwin und Lucie Rommel des Generalfeldmarschalls Todesurteil unterschrieben -- durch die Ablösung von Gause und die Wahl Speidels. Denn der Generalleutnant Speidel hütete ein Geheimnis: Er war seit Stalingrad in Pläne der Hitler-Gegner verwickelt.
Man darf annehmen, daß Hitlers Widersacher im Generalstab des Heeres Speidel nur aus diesem Grund zu Rommel abgeordnet hatten. Noch einen Tag vor seiner Ankunft hatte Speidel mit dem Oberbürgermeister von Stuttgart, Karl Strölin, über die Notwendigkeit gesprochen, Rommel für einen Putsch gegen das NS-Regime zu gewinnen.
Rommel selbst wußte davon nichts. Ei vertraute Speidel blind und ließ ihn häutig im Schloß allein, "um auf den Laden aufzupassen", während er seine Inspektionsreisen an die Küste machte.
Generaloberst Jod!, Chef des Wehrmachtführungsstabes, hatte Speidel gebeten, dafür zu sorgen, daß sich Rommels Stimmung bessere. Sein zukünftiger Oberbefehlshaber sei seit Afrika nicht gesund, er neige zum Pessimismus und bedürfe der Aufrichtung. Es gibt genügend Beweise dafür, daß Speidel das genaue Gegenteil tat.
Er schilderte Rommel sogleich in düsteren Farben die katastrophale Lage an der Ostfront. Die Eintragungen in Rommels Tagebuch wurden skeptischer nach der Ankunft des Generals.
Am 16. April schrieb Rommel: "Wie wird eine spätere Geschichtsschreibung über unsere Rückzüge urteilen? Und wie wird das Urteil der Geschichte über mich lauten? Wenn ich hier Erfolg habe, werden alle anderen den Ruhm beanspruchen. Aber wenn ich scheitere, wird jeder meinen Kopf fordern."
Eberhard Wolfram, Major in Rommels persönlichem Stab, beschreibt Speidels Einfluß auf die Stimmung bei den Mahlzeiten im Schloß: "In Rommels Abwesenheit übernahm Speidel den Vorsitz bei Tisch, und die ganze Unterhaltung drehte sich nur um das "Arschloch vom Berghof', womit Hitler gemeint war. Als ich ankam, herrschte in dieser Tafelrunde eine total defätistische Stimmung, es sei denn, daß Rommel selbst anwesend war. Dann änderte sich das Gespräch weitgehend."
Während dieser kurzen Monate ihres Zusammenseins gewann Speidel einen starken Einfluß auf den schlichten Soldaten Rommel. Der Generalfeldmarschall hatte offensichtlich großen Respekt vor ihm. Einmal schickte er seinen Adjutanten Hellmuth Lang, Speidel zu holen. "Sagen Sie dem Herrn Feldmarschall, ich komme gleich!" Eine derartige Antwort hätte sich Gause niemals erlaubt.
Ein zweiter Faktor bestimmte von nun an ebenfalls Rommels Zukunft: das trick- und geistreiche alliierte Täuschungsmanöver "Fortitude" (Starkmut). Sein Ziel war es, den Eindruck zu erwecken, die Invasion beginne schon im Mai, und ihr Stoß werde sich über den Kanal bei Dover gegen den Abschnitt der 15. Armee richten. Die Geheimdienste der Alliierten belieferten Hitlers Abwehrnetz mit falschen Informationen. Öffentliche Gebäude in England wurden beschlagnahmt und in Lazarette verwandelt. Durch vorgetäuschten Funkverkehr und gefälschte Agentenberichte wurde den Deutschen suggeriert, US-Truppen seien nach Südostengland, gegenüber von Generaloberst von Salmuths 15. Armee, verlegt worden.
Nur Adolf Hitler roch den Braten. Am 6. April sagte er zu Jodl: "Die ganze Sache, die die Engländer aufführen, kommt mir wie ein Theater vor. Die neuen Nachrichten von Sperrmaßnahmen, die sie treffen, die Abwehrmaßnahmen und so weiter, normal macht man das doch nicht, wenn man so eine Geschichte macht. Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, daß das Ganze am Ende doch ein unverschämtes Theater ist."
Als das weitere Aufschließen der alliierten Truppen an die englische Südostküste besprochen wurde, sagte er: "Nun frage ich mich: Müssen sie das so ostentativ machen? Würde man das so ostentativ machen, wenn man eine Geschichte macht? Das würden wir doch garantiert nicht machen. Das ist bei denen doch gar nicht notwendig! Sie können ihre Kräfte hier im Südosten sammeln, können sie einladen und fahren sie hier herüber. Wir können gar nicht feststellen, was sie da drüben machen."
Wenige Minuten später entschied Hitler: "Ich bin ja dafür, daß wir alle die Kräfte hierher bringen", und zeigte auf die normannische Küste.
Die nächste Inspektionsreise führte Rommel jedoch nicht in die Normandie, sondern wieder zur 15. Armee. Diesmal nahm er Speidel mit. In zwei weiteren Wagen waren sein Stab und Kriegsberichterstatter sowie Akkordeons, die den fleißigsten Arbeitern geschenkt werden sollten.
Überall veränderte sich das Landschaftsbild. Felder, auf denen Segelflugzeuge hätten landen können, wurden mit Steinhaufen oder Pfählen gespickt. Die Strände waren ein Dickicht aus Stacheldraht, Holzpfählen, Betonblöcken und Minen. Überall waren Warnschilder mit Totenkopf und gekreuzten Knochen aufgestellt, die vor Minenfeldern warnten -- ob es echte oder vorgetäuschte waren, wußte nicht einmal Rommel.
Aber es blieb noch ein großes Problem. Die Panzer-Streitfrage war bisher ungelöst, und nach wie vor war die Ansicht des Generals Geyr von Schweppenburg, des Oberbefehlshabers der Panzergruppe West, maßgebend. Geyr meinte, der Feind werde eine Luftlandung tief im Innern Frankreichs versuchen, und deshalb müßten alle Panzer für einen Gegenangriff in diesem Raum bleiben.
Anders Rommel. An Jodl schrieb er: "Eine operative feindliche Luftlandung müßte meines Erachtens über kurz oder lang zur Vernichtung der gelandeten Truppen führen, wenn es gelingt, die Küste zu halten." Und zu Schmundt sagte er, ohne raschen Einsatz der schnellen Verbände im Kampf um die Küste könnte "eine für uns denkbar unerwünschte Lage entstehen".
Den ganzen April bemühte sich Rommel, Geyrs Panzerdivisionen näher an die Küste zu verlegen -- ohne Erfolg. "Es ist doch nicht alles so geworden, wie ich es am 20. März erreicht glaubte". schrieb er erbittert an seine Frau -- eine Anspielung auf Hitlers Zusage, ihm alle Streitkräfte zu unterstellen.
Hitler erwartet die Invasion an der normannischen Küste.
Rundstedt, der Oberbefehlshaber West, amüsierte sich über Rommels Verärgerung: "Rommel ist ein "Wölfchen', aber kein Fuchs. Er ist zu ehrgeizig. In Afrika ist es nicht so gut für ihn gelaufen, und nun will er unbedingt hier etwas sein."
Rommel bemühte. sich weiter, sein Konzept durchzusetzen. Am 23. April schrieb er an Jodl: "Gelingt es, die schnellen Verbände trotz der feindlichen Luftüberlegenheit mit starken Teilen schon in den ersten Stunden zum Einsatz an den von See her oder durch Luftlandetruppen bedrohten Küstenverteidigungsabschnitten zu bringen, so bin ich überzeugt, daß der feindliche Großangriff auf die Küste schon am ersten Tag völlig scheitert. Sie liegen jedoch zum Teil weit ab von der Küste in sehr großen Räumen und kommen dadurch zum Eingreifen in den Kampf um die Küste zu spät."
Dies galt beispielsweise für die 2. Panzerdivision. Nach Rommels Vorstellungen sollte sie an der Somme zwischen Amiens und dem Mündungstrichter des Flusses stehen, nach Geyrs Ansicht jedoch weiter landeinwärts.
Am 25. April befahl Rommel der Division, bis Abbeville vorzugehen. Als er am nächsten Tag aus dem Kino kam, mußte er feststellen, daß seine Weisung nicht befolgt worden war. "Die Panzerverbände werden vorgeschoben!" erklärte er kurz und bündig.
Die Folge war ein empörter Auftritt Geyrs im Schloß am 28. April in Begleitung von Hitlers Generalinspekteur der Panzertruppen, Generaloberst Guderian. Dessen Begleiter Konrad Freiherr von Woellwarth schrieb später, die Unterredung sei "sehr hart, teilweise stürmisch" verlaufen, besonders als Geyr und Guderian von Rommels Absicht erfuhren, die Panzer vorn an der Atlantikküste einzugraben.
Die Panzerverbände müßten, so betonte Guderian, aus dem Bereich der feindlichen Schiffsartillerie herausgehalten werden. Rommel dagegen beharrte auf seinem Standpunkt, "die Überlegenheit der alliierten Luftstreitkräfte" lasse "keine Bewegung der Panzerdivisionen zu, weder bei Tage noch bei Nacht". Demgegenüber behauptete Geyr, seine Panzer könnten sehr wohl nachts fahren und sogar am Tag, sofern sie einen Abstand von 150 Metern einhielten.
Hitler weigerte sich, zugunsten Geyrs zu entscheiden. Die Folge war ein fauler Kompromiß. Auf Anweisung des OKW vom 7. Mai wurden Rommel nur drei Panzerdivisionen unterstellt: die sehr gute 2. Panzerdivision, die mit Beutepanzern wieder aufgefrischte 21. Panzerdivision und die hervorragende 116. Panzerdivision. Die übrigen vier Panzerdivisionen blieben als OKW-Reserve weit zurück im Landesinneren.
Den Feldmarschall beschlich ein Unbehagen. "Verantwortung zu haben, ist wohl schön", sagte er zu seinem Ordonnanzoffizier Lang, "aber vor der Geschichte kann man nur bestehen, wenn einem der Erfolg beschieden ist. Es ist keine Kunst, Feldherr in einem reichen Land zu sein, das viel Kriegsmaterial besitzt. Ich aber muß mich beschränken Lind mit kleinen Mitteln den Feind zu schlagen suchen, und er muß geschlagen werden, wenn der Bolschewismus nicht triumphieren soll. Aber auch wenn wir Engländer und Amerikaner besiegt haben, wird der Krieg mit Rußland, das über solch ungeheure Hilfsquellen und Menschen verfügt, nicht aus sein. Vielleicht findet sich dann doch ein geeintes Europa gegen diesen Feind zusammen."
V-Leute meldeten jetzt, die Invasion sei in der ersten oder dritten Maiwoche 1944 zu erwarten. Erneut besichtigte Rommel die Verteidigungsanlagen im Abschnitt der 15. Armee. Nach seiner Rückkehr schrieb er an seinen Sohn Manfred: "In England ist die Stimmung schlecht, ein Streik jagt den nächsten, der Schrei "Nieder mit Churchill und den Juden' und nach Frieden wird lauter. Das sind schlechte Vorzeichen für eine so gewagte Offensive." (Er glaubte offenbar immer noch alles, was Goebbels ihm erzählte.)
Hitler aber war mehr denn je davon überzeugt, daß die Invasion in der Normandie kommen würde. In Rommels Abwesenheit wurde Speidel telephonisch davon unterrichtet, daß der "Führer" ungeduldig Meldung darüber erwarte, wie die Aussichten des Armeekorps Marcks, die Normandie zu verteidigen, beurteilt würden.
Ohne Speidels Antwort abzuwarten, entschied Hitler auf der Lagebesprechung am nächsten Tag, noch mehr Verstärkungen in
die Bretagne und auf die Halbinsel Cotentin zu schicken. Doch Rommel starrte weiterhin gebannt auf die Kanalküste.
Als Generaloberst Dollmann, der Oberbefehlshaber der 7. Armee, am 5. Mai vorschlug, das gesamte LXXIV. Korps von der Bretagne in die Normandie zu verlegen, falls es dort zu einer großen Invasion kommen sollte, lehnte Rommel das ab. Und als sich am selben Tag Generalleutnant Gerhard Graf von Schwerin, der jetzt die 116. Panzerdivision befehligte, bei ihm meldete, sagte Rommel: "Man erwartet die Invasion beiderseits der Sommemündung."
Neugierig rief er das OKW an und wollte wissen, warum man denn Verstärkungen für die Normandie angeordnet habe. Jodl erwiderte, nach vorliegenden Meldungen müsse mit einer feindlichen Anlandung im Bereich Cherbourg gerechnet werden. "Außerdem", so verkündete er, "haben wir Feindnachrichten, daß Versuche der Engländer zum Durchstoßen von Vorfeldhindernissen erfolgreich verlaufen seien."
Unsicher fuhr Rommel am frühen Morgen des 9. Mai in die Normandie. Als erstes bemerkte er, daß im Abschnitt der 7. Armee viel weniger feindliche Fliegertätigkeit herrschte als in dem der 15. Armee. Das verstärkte seine Skepsis.
Überall konnte er auch das Resultat seiner Bemühungen sehen. Ganze Wälder von Pfählen und anderen Hindernissen bedeckten jeden Strand. Viele Quadratkilometer Land am Fuß der Halbinsel Cotentin waren auf seinen Befehl überflutet worden, Straßen waren vermint und Sperren errichtet.
Mit einem Besuch der 21. Panzerdivision Generalleutnant Edgar Feuchtingers in Falaise schloß er seine zweitägige Inspektionsreise ab. Feuchtinger war ein Günstling der Partei (er hatte alljährlich den Aufmarsch beim Reichsparteitag in Nürnberg organisiert), doch militärische Disziplin schien ihm und seinem Stab fremd zu sein.
Als Rommel um 8 Uhr das Büro des Divisions-Gefechtsstandes betrat, war noch niemand da. Schließlich erschien der Oberst von Oppeln-Bronikowski, mit einer ziemlichen Alkoholfahne. Rommel schnaubte ihn an: "ihr seid faule Stinker! Was macht ihr, wenn die Invasion um halb neun beginnt?" Der Oberst stöhnte bloß: "Katastrophe! und ließ sich auf einen Stuhl fallen
Die meisten Offiziere von Feuchtingers Truppe verfügten über keine Erfahrungen mit Panzern; Feuchtinger hatte, findig, wie er war, seine Division mit einer ungewöhnlichen Mischung aus tschechischen, französischen und sowjetischen Panzern ausgestattet. Sollte der Feind in der Normandie landen. würde ihm nur Feuchtingers Panzerdivision gegenüberstehen.
Dennoch bereitete sich im Schloß von La Roche-Guyon eine Gelassenheit aus, die sich auch Rommel aneignete. Obgleich sich die Spannung allmählich einem Höhepunkt näherte, ging Rommel mit seinen Hunden spazieren und mit französischen Gutsbesitzern auf die Jagd, während Speidel zu Hause blieb und die Geschäfte führte.
Am 12. Mai wurde für den Generalquartiermeister Eduard Wagner ein üppiges Festmahl gegeben. Rommel wußte, daß Wagner gutes Essen schätzte, und hoffte, ihn zu verstärktem Waffennachschub für den Atlantikwall zu veranlassen. Vor allem brauchte er Panzerbüchsen, die Mangelware waren.
Dem Generalfeldmarschall kam nicht der Gedanke, daß der wirkliche Grund von Wagners Besuch ein ganz anderer war: Beratungen mit Speidel über Hitlers Sturz, ja Hitlers Beseitigung. (Speidel gab dieses Motiv in seiner ersten Nachkriegsveröffentlichung zu, später bestritt er es)
Inzwischen hatten die Berliner Verschwörer Speidel freie Hand gegeben, Rommel für ihre Sache zu gewinnen. Sie brauchten den Namen Rommels, um die Beseitigung Hitlers gegenüber der Masse der deutschen Soldaten verständlich zu machen.
Anfang Mai hatte einer der Hauptverschwörer, der ehemalige Chef des Generalstabs des Heeres, Generaloberst Ludwig Beck, einen Unterhändler zum Militärbefehlshaber in Frankreich, General der Infanterie Carl-Heinrich von Stülpnagel, nach Paris geschickt. Sein Auftrag lautete, in Paris einen Putsch vorzubereiten, der zu gleicher Zeit mit dem Attentat auf Hitler stattfinden sollte.
Der Unterhändler, der den Decknamen "Baron von Teichmann" führte, reiste dann nach Zürich weiter und übergab dort am 17. Mai 1944 dem Schweizer Geheimdienst einen Bericht. Er schrieb-. "Beck bat mich auch, Stülpnagel zu veranlassen, so rasch wie nur möglich mit Rommel zu sprechen und ihm mitzuteilen, daß nur ein Attentat, nicht aber eine Verhaftung Hitlers in Frage komme:'
Stülpnagel entschloß sich, Rommel über Speidel anzusprechen. Er stieß dabei auf keine Schwierigkeiten, denn Speidel war einmal kurze Zeit sein Stabschef gewesen. Darüber hinaus gehörte Speidels Schwager Dr. Max Horst, der selbst Mitglied der Pariser Fronde war, zu Stülpnagels Stab. Im Hotel "Raphael" in Paris unterrichtete Horst seinen Schwager. "Speidel versprach. mit äußerster Vorsicht und Klugheit vorzugehen", berichtet ein anderer Teilnehmer der Besprechung.
Speidel knüpfte Verbindungen. Neue Gesichter tauchten plötzlich im Schloß auf -- Leute, die von Speidel zur Teilnahme an der Verschwörung aufgefordert wurden. Sie besuchten ihn stets, wenn Rommel an der Front war, so etwa der Schriftsteller Ernst Jünger, Hauptmann in Stülpnagels Stab; er war dabei, eine Friedensschritt für die Verschwörer zu verfassen.
Inzwischen aber bereitete sich Rommel auf eine lange Schlacht vor. Er diktierte Lang am 13. Mai: "Ich bin froh, persönlich hier ins Geschäft gekommen zu sein, nachdem ich ja schon von verschiedenen Kreisen als krank abgeschrieben wurde. Aber der Führer vertraut mir, und das genügt mir auch."
Es war noch etwas vom "alten Erwin" da. Als er die 2. Panzerdivision immer noch den Bewegungskrieg üben sah, rief er böse: "Nicht anfangen zu operieren, wenn er kommt, sondern schießen!" Eine andere Division beklagte sich, sie habe nicht genug MGs. Rommel: "Nehmen Sie dem Feind die Waffen ab, wenn er herunterkommt!"
Unter dem Surren der Wochenschau-Kameras hielt er vor Abordnungen aller Wehrmachtsteile und der Organisation Todt, die sich vor den schweren Geschützen des "Stützpunkts Atlantik" südlich von Le Touquet an der Kanalküste versammelt hatten, eine Propagandarede. Er sprach von seiner "Zuversicht, wie ich sie im Hinblick auf die kommende Entscheidungsschlacht im Westen habe".
Da er nicht fortkonnte' rief Rommel am 16. Mai Hitler an, um über die erzielten Fortschritte zu berichten: "Die Stimmung von Führung und Truppe ist zuversichtlich. Ein Korps allein hat 900 000 Pfähle gegen feindliche Luftlandungen gesetzt und hat eine Million Granaten flüssiggemacht, um die Luftlandehindernisse in den nächsten Wochen damit scharf zu machen." Es war das erste Mal in seinem Leben, daß Rommel mit Hitler telephonierte.
Anschließend schrieb Rommel nach Hause: "Er war bester Stimmung und hielt mit der Anerkennung für unsere Arbeit im Westen nicht zurück. Ich hoffe nun, rascher vorwärtszukommen als bisher." Speidel, der Ohrenzeuge des Gesprächs war, dürfte weniger angetan gewesen sein; die Aussichten, den Generalfeldmarschall für den Putsch gegen Hitler zu gewinnen, müssen geringer denn je geschienen haben.
Es war der 20. Mai, als zwei Offiziere des britischen Kommandotrupps' der im Rahmen des Täuschungsmanövers "Fortitude" entsandt worden war, zum Gefechtsstand Rommels zur Vernehmung gebracht wurden.
Ihre Gefangennahme in der Sommemündung schien ein weiteres Anzeichen dafür zu sein, daß die Invasion vermutlich hier erfolgen würde, obgleich Leutnant Lane aussagte, seiner Meinung nach sei der Küstenabschnitt zwischen der Sommemündung und Dieppe für eine Landung zu stark befestigt.
Er wurde gefragt: "Sind solche Spionageunternehmen wirklich nötig, wenn eine Invasion unmittelbar bevorsteht?" Lane: "Die Invasion steht überhaupt nicht vor der Tür, Sie überschätzen unseren Unternehmungsgeist."
Rommel blieb nichts anderes übrig, als zu warten. Er ging auf Kaninchenjagd oder wanderte mit seinen Gehilfen durch die Wälder. Aus Deutschland kamen beunruhigende Meldungen über neue Luftangriffe, auch solche auf Stuttgart.
Einmal mußte der Generalfeldmarschall in den Luftschutzkeller, als feindliche Flieger unmittelbar über das Schloß hinwegflogen. "Die Franzosen leiden darunter besonders", berichtete er seiner Frau am 29. Mai. "Innerhalb von 48 Stunden gab es 3000 Tote unter der Bevölkerung." Das Bombardement zur Einleitung der Invasion hatte begonnen.
Es gibt keinen Beweis aus jener Zeit dafür, daß Rommel zu diesem Zeitpunkt seine Auffassung über Ziel und Aussichten der Invasion geändert hätte. Alle Anzeichen deuteten immer noch auf den Abschnitt der 15. Armee, der der englischen Küste am nächsten lag.
In dieser letzten Woche gab es 246 feindliche Luftangriffe auf Ziele nördlich der Seine und nur 33 südlich des Flusses. (Rommels Wochenmeldungen berichteten von der wachsenden Empörung in der französischen Öffentlichkeit über diese Luftangriffe.)
Unerwartete Bestätigung aus England brachte ausgerechnet der letzte Kommandierende General des Afrika-Korps, General Hans Cramer, der überraschend, wegen seines schweren Asthmas, aus englischer Kriegsgefangenschaft nach Deutschland zurückgekehrt war. Er setzte sich mit Rommel in Verbindung und meinte, daß die Invasion beiderseits der Sommemündung zu erwarten sei.
6483 Schiffe nähern sich unbemerkt der Normandie.
Rommel prüfte Mond- und Gezeitentafeln -- es gab keine günstigen Tiden für eine Invasion vor dem 20. Juni. Am 3. Juni besuchte er Rundstedt in Paris und kaufte Schuhe für seine Frau, die am 6. Juni Geburtstag haben würde. Rundstedts schriftliche Lagebeurteilung lautete: "Ein unmittelbares Bevorstehen der Invasion ist noch nicht erkennbar."
Am nächsten Morgen, es war der 4. Juni, fuhr Rommel nach Deutschland in Urlaub. Sein Erster Generalstabsoffizier, Oberst von Tempelhoff, begleitete ihn. Speidel blieb allein im Schloß zurück.
Im Führerhauptquartier war jedoch die Stimmung weniger optimistisch. Der Wehrmachtsführungsstab erwartete völlig zu Recht, daß das Ziel der Invasion die Halbinsel Cotentin sein werde. Man prüfte die Gezeitentafeln und machte Hitler am 2. Juni darauf aufmerksam, daß "als günstigste Landungstermine 5. bis 13. Juni angesehen" würden, wo "jederzeit mit Landungen zu rechnen' sei.
In Frankreich blieben solche Warnungen ungehört. Einige Leute zweifelten schon, ob es überhaupt eine Invasion geben werde -- so weit ging die Wirkung des Unternehmens Fortitude.
Drei Tage später jedoch bewegte sieh eine gewaltige Invasionsflotte auf die Küste der Normandie zu -- 6483 Schiffe, darunter 6 Schlachtschiffe, 23 Kreuzer und 104 Zerstörer. Den ganzen Tag war sie von England auf die normannische Küste zugefahren, in einer Operation, wie sie augenfälliger nicht hätte sein können, zumal im Zeitalter von Luftaufklärung, Funk, Radar und Spionage.
Trotzdem bemerkte auf deutscher Seite niemand das Näherkommen der Flotte. Wäre auch nur ein einziges deutsches Vorpostenboot ausgelaufen, hätte Hitler zehn Stunden früher gewarnt werden können; aber die Kriegsmarine hatte das Wetter für zu schlecht zum Auslaufen ihrer Wachboote erklärt.
Die Deutschen erhielten nicht die geringste Warnung bis zu dem Augen blick, da die ersten Salven auf sie abgefeuert wurden. Fallschirmjäger landeten mitten unter ihnen und überrumpelten sie völlig. Deshalb konnten die britischen Rundfunk-Kommentatoren auch behaupten, die Deutschen seien "in Unterhosen aus den Betten geholt
worden.
Wie konnte das geschehen! Am Vorabend der Invasion war die gesamte deutsche Führung in Frankreich durcheinander. Rommel war auf Urlaub in Deutschland. In Rommels Schloß saß Speidel an seiner Stelle, und Oberstleutnant Staubwasser, der Feindaufklärungsoffizier des Stabes, vertrat Tempelhoff, der ebenso wie Rommel nach Deutschland gefahren war. Die Deutschen kannten den Invasionstermin.
Speidel war die Gelassenheit in Person, aber trotz seiner Kriegserfahrungen in Rußland hatte er "nie mehr ah eine Infanterie-Kompanie alter Art" geführt, wie der eifersüchtige General Geyr später bemerkte. Speidel war nicht gerade ein Mann der Tat.
Aber es gab auch noch andere Lücken. Generaloberst von Salmuth, der Oberbefehlshaber der 15. Armee, war gerade zwei Tage in den Ardennen auf der Jagd gewesen und war deshalb nicht auf dem laufenden. General oberst Dollmann, der Oberbefehlshaber der 7. Armee, hatte seinen Gefechtsstand verlassen und für den nächsten Tag sämtliche Divisionskommandeure zu einem Planspiel nach Rennes in der Bretagne befohlen.
Was noch schlimmer war: General Feuchtinger, der Kommandeur der 21. Panzerdivision, war heimlich nach Paris gefahren, um sich zu amüsieren. Er hatte sogar seinen Ersten Generalstabsoffizier mitgenommen. Und eine andere Panzerdivision in unmittelbarer Nähe von Caen und der normannischen Küste hatte Rommel nicht zur Verfügung.
Nur der beinamputierte Erich Marcks, der Kommandierende General in der Normandie, war auf seinem Posten. Gerade an diesem Abend des 5. Juni 1944 war er zum erstenmal mit seinem Korpsstab in den Befehlsbunker bei Saint-Lö gehumpelt, so, als habe er geahnt, daß seine Zeit gekommen sei.
Wie war es möglich, daß die deutschen Truppenführer ihrem Schicksal so ahnungslos entgegengingen? Die Antwort führt zu einem noch größeren Rätsel: Die deutsche Feindaufklärung hatte Speidel eindeutige Erkenntnisse darüber vorgelegt, daß die Invasion am 6. Juni stattfinden würde; doch Speidel hatte es abgelehnt, die 7. Armee in Alarmzustand zu versetzen.
In dem Kriegstagebuch der Heeres gruppe B, in dem die Telephongespräche registriert wurden, fehlen bedauerlicherweise die Eintragungen bis zum Morgen des ersten Invasionstags. Aber es gibt noch genügend Unterlagen des OKW, der 7. und der 15. Armee, der Kriegsmarine und der SS, die es erlauben, eine Geschichte zu rekonstruieren, die mir fast unglaublich erschien, als ich sie zum erstenmal von Oberstleutnant Oscar Reile hörte.
Reile war damals Chef der deutschen Gegenspionage in Frankreich. Und das waren die Tatsachen:
Man wußte, daß die Alliierten französische Widerstandsgruppen angewiesen hatten, am ersten Tag der Invasion, dem "D-Day", größere Sabotageakte auszuführen. Bestimmte Brücken und Eisenbahnstrecken sollten gesprengt und wichtige Straßen vermint werden.
Wie sollten diese Gruppen den Zeitpunkt des Losschlagens erfahren, ohne daß die Deutschen es mitbekämen? Jede Gruppe war angewiesen worden, auf ihren eigenen Tarnspruch zu achten, der in zwei Teilen von der BBC ausgestrahlt werden sollte. Der erste Teilspruch würde signalisieren, daß es nur noch zwei Wochen bis zur Invasion dauerte. Würde danach dann der zweite Teil gesendet, dann käme die Invasion innerhalb der nächsten 48 Stunden.
Es war ein verläßliches und neues System. Aber seit Ende 1943 hatten Reiles Agenten einen großen Teil der französischen Résistance unterwandert, und bis zum Februar 1944 wußte Reile, auf welche Tarnsprüche die zahlreichen Rundfunküberwacher im Pariser Hotel "Lutetia" achten mußten.
Die eintönige Überwachung zog sich über März, April und Mai hin. Dann, am 1. Juni, stürzten die Überwacher in Reiles Büro. Die BBC hatte gerade 125 der ersten Teilsätze ausgestrahlt -- die Invasion würde also in den nächsten zwei Wochen beginnen! Bezeichnenderweise saßen die angesprochenen Gruppen in der Bretagne, der Normandie und in der Gegend von Lille! Amiens (also entlang den deutschen Nachschublinien).
Aufgeregt informierte Reile das Reichssicherheitshauptamt (RSHA) in Berlin. die Zentrale des deutschen Geheimdienstes. Das RSHA gab die Meldung an das OKW weiter und machte deutlich, daß eine Invasion vor dem 15. Juni anlaufen und der Empfang des Halbspruchs den genauen Tag angeben werde.
Rundstedts Stab wurde direkt von Reile unterrichtet. Die Gründe, warum hier nichts geschah, sind umstritten. Es scheint, daß ursprünglich Rundstedts Feindaufklärungsoffizier, Oberstleutnant Wilhelm Meyer-Detring, Ende 1943 die unteren Heeresgliederungen angewiesen hatte, derartige BBC"Alarmsprüche" nicht ernst zu nehmen.
Als die Meldung von Reile kam, war Meyer-Detring in Urlaub; sein Vertreter ignorierte die Mitteilung. Jedenfalls glaubte Rundstedts Stab wohl, daß es Rommels Sache wäre, die Küstenarmeen zu alarmieren, nachdem der Generalfeldmarschall fünf Monate zuvor deren Oberbefehlshaber geworden war.
Rommels ehemaliger Feindaufklärungsoffizier (Ic), Oberstleutnant Staubwasser, behauptet, er sei überhaupt nicht über dieses neue zweiteilige Alarmspruch-System unterrichtet worden. Auf jeden Fall dämpfte er die Sturmglocke, die Reile geläutet hatte.
Er hielt die Warnungen für die üblichen Falschmeldungen und stellte am 3. Juni fest: "Die seit dem 1. Juni im feindlichen Rundfunk verstärkte Durchgabe von Alarmsprüchen für französische Widerstandsorganisationen ist nach bisherigen Erfahrungen nicht als Hinweis auf unmittelbar bevorstehenden Invasionsbeginn auswertbar." Speidel zeichnete den Bericht ab.
Dies führt uns zu Vorfällen, die sich am 5. Juni auf Schloß La Roche-Guyon ereigneten.
Morgens telephonierte Speidel mit seinen Pariser Mitverschwörern und lud sie zu einem abendlichen Umtrunk im Schloß ein. Einer von ihnen, ein Kriegsberichterstatter im Rang eines Rittmeisters' erinnerte sich, daß Speidel die unerwartete Einladung mit den Worten einleitete: "Der Alte ist weg."
Bald kamen die Gäste.
Nach der Abendtafel ging man im Park spazieren, und dann teilte man sich in Speidels Arbeitszimmer im normannischen "Vorbau" des Schlosses in zwei Gruppen auf. In der einen lauschten ein Graf und ein Konsul den Anekdoten eines Obersten, in der anderen unterhielt sich Speidel mit Ernst Jünger und anderen über die von dem Schriftsteller verfaßte Friedensschrift, die nach Hitlers Sturz verkündet werden sollte.
Inzwischen war der Mond aufgegangen. Der Cognac belebte die Unterhaltung. Kurz nach zehn wurden die gedämpften Stimmen in Speidels Kreis vom Läuten des Telephons unterbrochen. Es war Staubwasser, der aus Tempelhoffs Büro anrief.
Der Ic der 15. Armee hatte ihm gerade gemeldet, um 21.15 Uhr habe einer der Rundfunküberwacher die zweite Tarnspruch-Hälfte der BBC aufgefangen. Es gab keinen Zweifel mehr. Der Ic der 15. Armee hatte Staubwasser ausdrücklich darauf hin-
* Fernschreiben des Reichssicherheitshauptamtes vom 3. Juni 1944 über abgehörte alliierte Radiosprüche, die auf die unmittelbar bevorstehende Invasion hinwiesen.
gewiesen, daß der Beginn der Invasion am Morgen des nächsten Tages, des 6. Juni, sein könne. Staubwasser teilte Speidel außerdem mit, Generaloberst von Salmuth habe bereits die gesamte 15. Armee alarmiert.
Damit stand Speidel vor der Entscheidung, ob er Dollmanns 7. Armee ebenfalls in Alarmbereitschaft versetzen solle.
Speidel legte den Hörer auf. Er ging zu Staubwasser und bat ihn, beim OB West um Rat zu fragen. Dann gesellte er sich wieder zu seinen Gästen. Staubwasser telephonierte, und nach einer Weile rief ein Ordonnanzoffizier von Rundstedts Stab zurück und gab die gewünschte Anweisung. Nach Staubwassers Darstellung lautete sie-dahingehend, daß die 7. Armee nicht alarmiert werden solle. Keines dieser Gespräche ist im Kriegstagebuch der Heeresgruppe B aufgezeichnet.
Erst jetzt lassen sich auch die Ereignisse, die sich in dieser Nacht in Rundstedts Hauptquartier in Paris abspielten, rekonstruieren:
Reile hatte ebenfalls die Durchsagen der BBC abgehört und unterrichtete Rundstedts Stab telephonisch davon. Dann machte er eine schriftliche Meldung über die Bedeutung der Sprüche und brachte sie zu Major Reinhard Brink in Rundstedts Stab. Brink wiederum gab die Meldung an Rundstedts Ersten Generalstabsoffizier, Oberst Bodo Zimmermann, weiter.
Der Oberst, eine Generation älter als Rundstedts andere Stabsoffiziere, war ein arroganter und altmodischer Generalstäbler mit einer starken Abneigung gegen alle Geheimquellen. Er weigerte sich, die Warnung ernst zu nehmen.
Dennoch schickte Rundstedts Stab folgenden Eilspruch an alle Stellen: "Mehrere seit Herbst 1943 bekannte Sprüche, die den Beginn der Invasion kurzfristig ankündigen sollen, wurden heute erstmals vom englischen Rundfunk, z. T. für French Section, durchgegeben. Wenn auch nicht anzunehmen ist, daß die Invasion selbst vorher durch Radio bekanntgegeben wird, muß damit gerechnet werden, daß die für den Invasionsfall vorbereiteten Sabotagen des Verkehrs- und Nachrichtennetzes und unter Umständen auch Aufstandsbewegungen durch diese Sprüche ausgelöst werden sollen." Unter den Empfängern dieser Mitteilung befand sich auch Speidel.
Dies war also die Lage nachts um 1 Uhr. Speidel und die meisten Offiziere seines Stabs waren zu Bett gegangen. Die 15. Armee war in höchster Alarmbereitschaft, bei der 7. Armee geschah nichts. Und Rommel war 1800 Kilometer weit weg, in Herrlingen.
Um diese Zeit sprangen die ersten sechs Soldaten des alliierten Invasionsheeres mit Fallschirmen über der Halbinsel Cotentin ah; um sie herum sanken Hunderte von schattenhaften Gestalten nieder -- Strohpuppen. die die Deutschen glauben machen sollten, dies sei nur eine Scheininvasion, während die "richtige" weit weg sein würde.
Die sechs Männer versteckten sich, schossen dann aus Leuchtpistolen und ließen in voller Lautstärke Grammophonplatten mit dem Knallen von Handfeuerwaffen und den Flüchen von Soldaten ablaufen. Das war ein weiterer Trick des Unternehmens Fortitude, um den Feind zu täuschen und zu verwirren.
Danach begannen die eigentlichen Luftlandeoperationen mit Fallschirmen und Segelflugzeugen -- in der Normandie. Bei der deutschen 716. Infanteriedivision wurde um 1.10 Uhr Alarm geschlagen, Marcks alarmierte sein Korps eine Minute später. Die 7. Armee war um 1.35 Uhr schließlich auch soweit.
Zur selben Zeit telephonierte ihr Stabschef, Generalmajor Max Pemsel, mit La Roche-Guyon. Speidel war geweckt worden, sprach mit Pemsel und rief dann bei Rundstedts Stab in Paris an. Aber um 1.40 Uhr erreichten Speidel Meldungen von anderen Luftlandungen weiter oben an der Küste, im Gebiet der 15. Armee, und bald erfuhr er von den Strohpuppen, die in der Normandie abgeworfen worden waren. Stabschef Speidel zaudert die ganze Nacht.
Diese Feststellung ließ ihn darauf beharren, daß der eigentliche Kriegsschauplatz woanders sei. Die ganze Nacht zauderte er. Wiederholt versicherte er der 7. Armee, die direkt in der Stoßrichtung dieses gigantischen Angriffs lag, der Feind unternehme in der Normandie nur einen "lokal begrenzten" Vorstoß. Um 3 Uhr beteuerte Speidel sogar dem Stab Rundstedts, er nehme alles sehr "ruhig und gelassen" auf. "Es ist möglich", sagte er, "daß die Leute abgesprungene Flugzeugbesatzungen für Fallschirmjäger halten."
Wieder rief Pemsel an und versuchte Speidel von seiner sorglosen Haltung abzubringen. "Es handelt sich um eine Großlandung". rief er beschwörend. Speidel blieb jedoch bei seiner Einschätzung, die durch neue Meldungen von der 15. Armee gestützt wurde.
Zwei gefangengenommene Soldaten der britischen 1. Luftlandedivision (deren Segelflugzeug sich verirrt hatte) sagten aus, daß noch mehr Landungen folgen würden. Speidel folgerte daraus, diese Landungen seien im selben Abschnitt zu erwarten. Er wollte seine Panzer nicht in der falschen Richtung einsetzen und weigerte sich deshalb, sie überhaupt einzusetzen.
Im Lauf der nächsten Stunden nahmen die Alarmmeldungen ständig zu. Starke Fliegerverbände waren über den Kanalinseln gehört worden; sie flogen sehr tief, schleppten also offenbar Segelflugzeuge. Gegen 3.30 Uhr waren Hunderte von Gleitern in der Gegend von Caen gelandet, noch hinter Rommels Todeszone. Auf den Radarschirmen der Küstenüberwachung waren massierte Schiffsansammlungen entdeckt worden, die sich der normannischen Küste näherten.
Um 3.42 Uhr rief Pemsel wieder in La Roche-Guyon an und brüllte ins Telephon, die Ausdehnung der Luftlandungen zeige, daß offenbar doch eine größere Aktion in Gang sei. Um 3.50 Uhr schloß sich General Blumentritt. Rundstedts Stabschef, der Ansicht Pemsels an.
"Die Breite des Abschnitts", sagte er, "läßt darauf schließen, daß es sich nicht um ein Unternehmen von lokaler Bedeutung handelt," Um 4.30 Uhr berichtete Pemsel, daß seine Artillerie bereits feindliche Seestreitkräfte bekämpfe. Doch Speidel blieb ungerührt.
Wenn er aus den Fenstern des Schlosses schaute, konnte er den ersten hellen Streifen der Morgendämmerung im Osten sehen. Bei anderen Invasionen der Alliierten war der Feind stets vor dem Morgengrauen gelandet.
Um 5.40 Uhr, 20 Minuten nach Sonnenaufgang, rief Speidel bei Pemsel an und fragte, ob tatsächlich irgendwelche Truppen von See aus gelandet seien. Pemsel mußte zugeben, daß dies nicht der Fall war. Allerdings hatte erst einen Tag vorher der deutsche Marinestab darauf hingewiesen, daß die Landungen auch nach der Morgendämmerung erfolgen könnten.
Um 6.15 Uhr tönte Pemsels aufgeregte Stimme wieder aus dem Telephon in La Roche-Guyon. Um 5.30 Uhr hatten Schiffsgeschütze schlagartig mit der Beschießung von Rommeis Todeszone und der Küstenverteidigungsanlagen begonnen.
Deutsche Generale gehen wieder ins Bett.
Erneut widersprach Speidel der Schlußfolgerung Pemsels. Er argumentierte mit solcher Überzeugungskraft, daß der inzwischen zermürbte Pemsel eine neue Lagebeurteilung ins Kriegstagebuch eintrug, die in völligem Widerspruch zu seiner bisherigen Einschätzung stand.
"Absichten der Küstenbeschießung", schrieb Pemsel, "sind noch nicht zu erkennen. Insgesamt scheint es sich um Ablenkungsangriffe zu handeln in Verbindung mit später erfolgenden Angriffen an anderen Stellen."
Danach gibt es eine zweieinhalbstündige Lücke im Kriegstagebuch, das von Speidels Stab geführt wurde. Wir wissen, daß Speidel den Ersten Generalstabsoffizier Tempelhoff anrief und ihn aufforderte, die Rückfahrt anzutreten. Aber wie erklärt sich de Lücke zwischen 6.40 Uhr und 9.05 Uhr?
Es gibt nur einen Hinweis im Kriegstagebuch der 15. Armee. Es ist der Vermerk, daß Pemsel um 5.45 Uhr bei der 15. Armee angerufen hat, um die letzten Neuigkeiten zu übermitteln: "Beschuß von See her, aber noch keine Landungsversuche. AOK 7 (Oberkommando der 7. Armee) rechnet damit, mit eigenen Kräften die Lage herstellen zu können."
Als Generaloberst von Salmuth das hörte, sagte er zu seinem Stabschef: "Dann ist die Invasion bereits mißglückt", und ging ins Bett.
Im Schloß La Roche-Guyon schätzte man die Lage genauso ein. Als Speidel später den Kriegstagebüchern konfrontiert wurde, räumte er ein: "Ja, es ist gut möglich, daß wir auch alle wieder ins Bett gingen." Im nächsten Heft
Speidel versucht, Rommel für den Widerstand zu gewinnen -- Rommel: "Der Krieg muß sofort beendet werden" -- Zusammenstoß mit Hitler

DER SPIEGEL 36/1978
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