23.10.1978

GRIECHENLANDKnusprige Konkurrenz

Zwischen dem EG-Mitglied Holland und dem EG-Kandidaten Griechenland tobt der Gurkenkrieg.
Europas südlichste Bauern sind wütend über die Eurokraten: Sobald sich die kretischen Gemüseproduzenten anschicken, den Mitteleuropäern billige Gurken von ihrer sonnigen Insel aufzutischen, blockieren die Brüsseler Behörden den Absatz auf den EG-Märkten.
Schon zum sechstenmal griffen die Eurokraten dieses Jahr zur Bremse der Ausgleichsabgaben, um Produzenten der Partnerländer vor Billig-Gurken aus Kreta zu schützen. Als im Frühjahr der Gurkenpreis auf den westeuropäischen Märkten, vor allem auf dem Münchner Markt, Hauptumschlagplatz von Obst und Gemüse aus dem Süden, unter den "Schwellenpreis" fiel, wurden die grünen Produkte sofort mit einer hohen Ausgleichsabgabe belegt.
Anders als bei Südobst, wie Pfirsichen, haben die Gurkenproduzenten des Beitrittskandidaten Griechenland nicht die Konkurrenz der italienischen und französischen Bauern zu fürchten. Die Gefahr für ihre Gurken dräut im Norden: Holländische Bauern sind es, die Brüssels Marktüberwacher alarmieren, um eine Gurken-Flut zu Billigpreisen aus Kreta auf den Gemüsemärkten der Partnerländer einzudämmen.
Dabei waren es die Holländer selbst, die den Bauern in der südostkretischen Region Ierapetra den Anbau von Frühgemüse beibrachten. 1965 kam der holländische Landwirt Paul Cooper an Kretas Südküste, um das Züchten von Tomaten und Gurken in Treibhausanlagen zu lehren. Der Meister aus Holland starb 1972 bei einem Autounfall in Ierapetra. Die dankbaren Schüler setzten ihm auf dem Feld, auf dem Cooper mit dem Frühgemüse-Anbau experimentierte, ein Denkmal.
Die Dankbarkeit der Bauern hat guten Grund: Unter Coopers Anleitung begannen die Kreter, unter billigen Planen aus Holzgerüst mit Nylon-Überdachung Nelken, Tomaten und Gurken zu züchten und damit nicht nur den Binnenmarkt, sondern auch Mitteleuropa zu beliefern.
Die Ierapetra-Bauern wurden so in wenigen Jahren die reichsten griechischen Landwirte, denn ein mit Gurken bebauter Hektar wirft einen Bruttoertrag von 83 000 Mark im Jahr ab.
"Die Gurken-Frühproduktion", berichtete die Athener Zeitung "Ta Nea", "hat das Leben der Ierapetra-Einwohner von Grund auf verändert. Der Bauer ist Herr in seinem Ort geworden und braucht nicht mehr nach Westdeutschland auszuwandern oder als Kellner und Fremdendiener in den Hotels zu arbeiten."
Folge: Ierapetra, eine Region, aus der noch in den 60er Jahren die Menschen zuhauf nach Australien auswanderten, hat heute als einziges griechisches Agrargebiet einen Bevölkerungszuwachs.
Gastarbeiter in der Bundesrepublik und Auswanderer in Übersee kehrten zurück. Heute zieht Südostkreta sogar Arbeitskräfte aus Griechenlands Norden, aus Mazedonien und Thrakien, an. Selbst 2000 Ausländer, darunter viele deutsche Tramper und Hippies, verdienen ihr Urlaubsgeld für ausgedehnte Inselferien bei den kretischen Bauern.
Bei einer Gesamtanbaufläche von 500 Hektar unter den Planen werden etwa 300 Hektar mit Gurken bebaut. Von einer Gurken-Produktion, die 100 000 Tonnen im Jahr erreicht, gehen höchstens 30 000 Tonnen ins Ausland, vor allem nach Deutschland und Frankreich. Mehrabsatz blockieren die holländischen Lehrmeister durch Ausgleichsabgaben über Brüssel.
Dabei kommen kretische Gurken bei den mitteleuropäischen Verbrauchern gut an. "Unsere Gurken sind knuspriger und grüner und schmecken besser als die holländischen", preisen Genossenschaftsfunktionäre in Ierapetra ihre Produkte an. Ihr Anbaugebiet ist eine Region mit sehr warmem Klima -- über 300 Sonnentage im Jahr, mittlere Lufttemperatur über 25 Grad Celsius zwischen Mai und Oktober.
Die krummen Feldfrüchte gedeihen dabei so gut, die Gewinne sind trotz der Brüsseler Bremsen so hoch, daß die Bauern immer mehr Gurken pflanzen. In diesem Jahr verbot Athen bereits zeitweise den Gurken-Export, um die Brüsseler Behörden, die bald über Griechenlands volle Mitgliedschaft in der EG mitentscheiden sollen, nicht zu verärgern. Ganze Gurkenberge mußten vernichtet werden.
Anders als bei überschüssigem Obst kann die Gurken-Überproduktion nicht auf dem Binnenmarkt abgesetzt werden. Die Athener Regierung kann die Griechen nicht zum Mehrverbrauch zwingen -- wie bei den ebenfalls immer wieder mit Ausgleichsabgaben belegten Pfirsichen: Als in diesem Jahr die griechischen Obstbauern auf 50 000 Tonnen Pfirsichen sitzenblieben, ordnete die Regierung an, Pfirsiche auf die Speisezettel der Armee, der Krankenhäuser und der Waisenhäuser zu setzen.
Gurken, Wein, Obst, Tabak und Olivenöl hemmen Griechenlands Drang nach Europa. Mehr noch als die Holländer von kretischen Gurken fühlen sich Italiener und Franzosen von hellenischer Obst- und Weinkonkurrenz bedroht. Auch für die anderen Partnerländer wird die Überschußproduktion der Mittelmeerländer immer mehr zu einem Alptraum.
"Die Gemeinschaft kann es sich nicht leisten", so EG-Kommissar Wilhelm Haferkamp, "wie heute Butter und Rindfleisch künftig auch Wein und Olivenöl auf Lager zu produzieren oder Pfirsiche, Äpfel und Birnen ins Meer zu kippen."
Solche Bedenken wollen die Griechen nicht auch noch um ihre Gurken wachsen lassen. Amtliche Stellen raten den Kretern. vorerst mehr Tomaten und weniger Gurken anzubauen.
Unterdessen versuchen die Kreter, sich selbst mit den holländischen Konkurrenten zu arrangieren. Sie luden eine Delegation holländischer Gurken-Züchter nach Kreta ein.

DER SPIEGEL 43/1978
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