23.10.1978

FERNSEHENGanz schön umgehauen

„Grüß Gott, ich komm von drüben“. Film von Wolfgang Menge und Tom Toelle. ARD. Mittwoch, 25. Oktober, 20.15 Uhr.
Der Sekt ist kalt, der Imbiß mit deutschem Kaviar ("der ist billiger") angerichtet. Die leitenden Mitarbeiter der mittelständischen Schuhfabrik "Luxor" im badischen Furlach warten, nach dem Tod des alten Besitzers, auf ihre neuen Herren. Von einem amerikanischen Konzern wird gemunkelt, der den Betrieb schließen wolle. Doch statt Arbeitslosigkeit bricht bei Luxor der Sozialismus aus: Im Werkshof rollen fünf DDR-Bürger vor -- als Betriebsleitung entsandt von ihrem Staat, nachdem die Erbin, eine alte Dame in Weimar, ihren Besitz der Allgemeinheit übereignet hatte.
So beginnt eine "denkbare, aber unmögliche Geschichte" (Untertitel), die TV-Autor Wolfgang Menge ("Smog") in der Hoffnung ersonnen hat, das "an der DDR doch weitgehend desinteressierte westdeutsche Publikum" durch die "Attraktivität des. Spiels" für die Auseinandersetzung mit den deutschen Antagonismen gewinnen zu können.
Denkbar ist es in der Tat, daß DDR-Manager ein Unternehmen in der Bundesrepublik übernehmen; unmöglich, daß sie es so tun wie im Menge-Film. Denn da werden die Luxor-Werke in einen volkseigenen Betrieb (VEB) umgewandelt, der mitten im Kapitalismus nach den Gesetzen sozialistischer Ökonomie funktionieren soll -- und natürlich nicht kann.
Protagonist ist der von Hans-Christian Blech eindringlich dargestellte neue Direktor Biddecke, ein alter Kommunist, dem auch 30 Jahre DDR-Sozialismus nicht die Hoffnung auf eine humane Zukunft genommen haben und der unerschütterlich daran glaubt, VEB Luxor gleichsam zu einem Modell für die westdeutsche Arbeiterschaft machen zu können. "Grüß Gott, ich komm von drüben" ist die Geschichte seines Scheiterns.
Biddecke will den Konkurrenzdruck verringern und die Eigenverantwortlichkeit der Arbeiter durch Selbstorganisation in Brigaden fördern -- und muß sich vom Funktionär der West-Gewerkschaft anhören, er möge die Finger lassen von "allen Gruppensystemen, eben Abhängigkeiten von Arbeitern untereinander".
Er tritt aus dem Arbeitgeberverband aus, weil er nicht "mit Kapitalisten und Ausbeutern an einem Tisch" sitzen will -- und erfährt vom altgedienten Luxor-Betriebsratsvorsitzenden" daß die Gewerkschaft "mit ihnen bestimmt nicht schlechter abschließen wird als mit dem akzeptierten Tarifpartner".
Er schafft mit "freiwilligen Initiativschichten" Sozialeinrichtungen wie Kantine, Kindergarten und Krankenstation nebst 42 neuen Arbeitsplätzen -- und muß zugleich eingestehen, daß die Produktionszahlen hinter dem kapitalistischen Standard zurückgeblieben sind.
Er reduziert das verschwenderische Sortiment von mehr als 80 Modellen auf zehn ("Eine Volkswirtschaft sollte nur soviel produzieren, wie sie benötigt") -- und erlebt damit auf der Schuhmesse einen totalen Reinfall.
Als Biddecke schließlich "mit der bei uns üblichen Solidarität" 120 Arbeiter aus einem pleite gegangenen Zulieferbetrieb bei Luxor aufnehmen will, protestiert nicht nur sein DDR-Kontrahent" der parteigeschulte Jungmanager Krampitz, der ohnehin vom menschlichen Sozialismus des Altgenossen nichts hält, sondern auch die Belegschaft. Biddeckes Ansinnen, zugunsten der Pleite-Kollegen ein wenig Lohnverzicht zu üben, wird mit einem Warnstreik beantwortet.
Das alles ist -- weit davon entfernt, ein plattes Lehrstück über die Unvereinbarkeit der beiden Systeme zu sein -- mit behutsamer Ironie in Szene gesetzt (Regie: Tom Toelle), ein deutschdeutsches "Märchen" (Menge) zur Unterhaltung und zum Nachdenken zugleich.
Auch Biddecke ist nicht ganz ohne. Daß DDR-Kaderakten mehr enthalten als westdeutsche Personalakten, erläutert er in Honecker-Deutsch: "Schließlich ist der Mensch bei uns das Wichtigste." Aber: "Natürlich schreibt in einer Brigade auch einer auf, wie die einzelnen arbeiten."
Zweifelhaft freilich, ob derlei Details sich dem westdeutschen TV-Publikum erschließen. Der Sicherheitswahn der DDR-Manager zum Beispiel, die den Werkseingang sogleich mit Schranke und Passierscheinhäuschen versehen: ihr ungläubiges Staunen, als die örtliche Journalistin ganz selbstverständlich Auskunft begehrt ("Das muß doch genehmigt werden"}; die Bemerkung Biddeckes, schließlich sei Luxor "ein Produktionsbetrieb, mit dem Verkauf habe ich nichts zu tun" -- da muß einer die DDR schon recht genau kennen, um die vielen typischen Randbeobachtungen einordnen zu können.
Zudem hat der Autor sich so auf seinen utopischen Helden konzentriert, daß andere Akteure schemenhaft, ihre Verhaltensweisen oft unerklärt bleiben. Menges Versuch, im erdachten Rahmen des an sich Unmöglichen realistische Details zu zeigen, mißlingt da, wo etwa besagte Reporterin aus Rücksicht auf die Arbeitsplätze darauf verzichtet, die Machtübernahme der DDR bei Luxor sofort an die große Presse-Glocke zu hängen -- was gewiß die wenn auch kurze, so doch von außen relativ ungestörte Entwicklung zum VEB behindert hätte.
Am Ende verkaufen die Ost-Berliner Staatssozialisten das unrentabel gewordene Unternehmen. "Das mit dem Streik", sagt Biddecke zum Abschied, "das hat mich ganz schön umgehauen." "Daß es nur zähn Minute wäre". antwortet der Betriebsratsvorsitzende Wapler, "des war e Zeiche von Sympathie für Sie."
Von Olaf Petersen

DER SPIEGEL 43/1978
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