23.10.1978

GESTORBENJean Améry, Alexander Spoerl, Abd el-Halim Mahmud, Jaime Ramon Mercader del Rio Hernandez, Giovanni Gronchi

Jean Améry, 65. "Der Freitod", schrieb er vor zwei Jahren in seinem Diskurs "Hand an sich legen", "ist ein Privileg des Humanen." Und auf Humanität und menschliche Würde hat dieser Wiener Emigrant Hans Mayer, der während des Kriegs in der belgischen Résistance kämpfte, der Auschwitz und Buchenwald überstand und danach lebenslänglich ins Brüsseler Exil zurückkehrte, in seinen essayistischen Werken immer wieder gepocht. Unermüdlich, unerbittlich, mit dem aggressiven Pathos eines Moralisten, der alles, vor allem sich selbst bitter ernst nahm, so suchte er in der Nachfolge des verehrten Meisters Sartre nach den letzten Wegen individueller Freiheit. Er blieb, sensibel und von zerbrechlich wirkender Gestalt, der ewige Einzelgänger, ein deutscher Literat in frankophoner Fremde; und er hatte die 50 ängst überschritten, als seine Selbstreflexionen etwa "Über das Altern" endlich doch noch Widerhall fanden. Am Dienstag letzter Woche sperrte er sich in ein Salzburger Hotelzimmer ein, schluckte 50 Schlaftabletten und ging den "Weg ins Freie".
Alexander Spoerl, 61. Sowohl sein Vater Heinrich, Autor der "Feuerzangenbowle", als auch sein Deutschlehrer wollten, daß er Schriftsteller wird. Sein Interesse aber galt der Technik, und so studierte Spoerl Maschinenbau sn der TH Charlottenburg in Berlin. Und dann schrieb er doch und wurde vor allem bekannt als Autor "heiterer Sachbücher" ("Süddeutsche Zeitung") wie "Mit dem Auto auf Du", "Mit der Kamera auf Du" und "Spoerls Computer-Buch". Neben Fachbüchern veröffentlichte er aber auch mehrere Romane, darunter einen Schüler-Roman "Memoiren eines mittelmäßigen Schülers", "wobei es ihm gelang, jede Ähnlichkeit mit der berühmten "Feuerzangenbowle" zu vermeiden" ("Frankfurter Allgemeine Zeitung") und trotzdem amüsant zu sein. Am Montag letzter Woche starb Spoerl an einem Herzversagen in seinem Wohnort Rottach-Egern.
Abd el-Halim Mahmud, 68. Als Rektor (Großscheich) der tausendjährigen Kairoer Azhar-Universität war Mahmud, der an der Pariser Sorbonne Philosophie studiert hatte, die höchste moralische Autorität aller sunnitischen Moslems. Präsident Sadat machte den Gelehrten zu seinem Religionsminister und erwirkte Mahmuds Berufung an die Azhar-Universität. Der Großscheich kritisierte dennoch seinen Förderer: daß Sadat Ägyptens Frauen mehr Rechte geben wollte, daß die Präsidentengattin Dschihan el-Sadat sich westlich gab. Auf Mahmuds Betreiben wurde im vergangenen Fastenmonat Ramadan nirgendwo in Ägypten Alkohol verkauft. Zu Sadats Friedensinitiative äußerte sich Mahmud nicht. Er starb am Dienstag vergangener Woche an den Folgen einer Operation in Kairo. Jaime Ramón Mercader del Rio Hernández, 64. Im spanischen Bürgerkrieg Politkommissar der 27. Division, stellte er sich 1938 in Paris als "Jacques Mornard" der Sekretärin des Stalin-Rivalen Trotzki vor und gelangte so in dessen Exil -- das festungsartige Haus in Coyoacán (Mexiko). Dort zerschmetterte er Trotzki am 20. August 1940 mit einem Eispickel den Schädel. Mercader unter den Schlägen der Trotzki-Leibwache: "Sie haben mich in ihren Händen, sie haben meine Mutter eingesperrt." Mutter Caridad war die Geliebte des Sowjetagenten Leonid Eitingon. Nach 20 Jahren Gefängnis -- er gab niemals seine Identität preis -- ging Mercader nach Prag, besuchte den Tatort in Mexiko, zog 1968 nach Moskau, dann nach Ost-Berlin und nach Kuba. In Havanna starb er jetzt, ausgezeichnet mit dem Ehrentitel "Held der Sowjet-Union", an Knochenkrebs. Giovanni Gronchi, 91. Der frühere italienische Staatspräsident (1955 bis 1962) gehörte nach dem Ersten Weltkrieg zu den Gründern der katholischen Volkspartei" Vorläuferin der jetzigen Regierungspartei Democrazia Cristiana (DC). Gronchi nahm am antifaschistischen Widerstand teil und unterstützte Aleide De Gasperi beim Aufbau der DC, wenngleich er später oft gegen De Gasperi opponierte. 1948 übernahm er den Vorsitz im römischen Abgeordnetenhaus, 1955 wurde er, auch mit den Stimmen der Kommunisten, zum Staatsoberhaupt gewählt. Zwar bereitete der Christdemokrat die "Öffnung nach links", vor allem auf sozialpolitischem Gebiet, vor. Dennoch verscherzte er sich die Sympathien der Linksparteien, als er den autoritären DC-Politiker Tambroni zum Regierungschef ernannte, der sich nur mit Hilfe der Neofaschisten am Ruder hielt. Nach blutigen Unruhen mußte Tambroni zurücktreten. In seiner eigenen Partei geriet Gronchi, "der unbequeme Präsident" ("Ii Giorno"), zunehmend in die Isolierung. Am Dienstag voriger Woche starb er in Rom.

DER SPIEGEL 43/1978
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