20.11.1978

BÜCHERStörende Nachricht

Karl Steinbuch: „Maßlos informiert- Die Enteignung unseres Denkens“. Herbig, München/ Berlin; 352 Seiten; 32 Mark.
Seit Oswald Spenglers Zeiten haben viele bedeutende Deutsche schwarz für Deutschland gesehen. Arnold Gehlen zum Beispiel, der meinte, eine Zeit des Antichrist ziehe herauf, oder Max Horkheimer, der sich vor Chinesen am Rhein fürchtete.
In der Tat hat es deutschen Kassandren nie an Stoff gemangelt -- so auch nicht der vorerst letzten unter ihnen, dem Direktor des Instituts für Nachrichtenverarbeitung in Karlsruhe, Professor Karl Steinbuch, 61.
Steinbuchs düstere Vorausschau betrifft die Massenmedien. In einem vor kurzem erschienenen Buch wirft er vor allem dem Fernsehen und dem Rundfunk vor, sie seien schuld an der "Maßlosigkeit des gegenwärtigen Umgangs mit der Information", und sie bewirkten dadurch
* die "Enteignung unseres Denkens",
* die "Zerstörung unseres Zusammenlebens" und
* die "Erzeugung von Unglück".
Steinbuch vereinfacht und verzerrt. So ist der vom ihm beklagte Vorgang der "Enteignung unseres Denkens" wohl in Wirklichkeit ein segensreicher: Wo wäre der Mensch" wenn er unentwegt auf dem eigenen Denken sitzenbleiben würde?
Daß "unser Zusammenleben" durch Informationen zumindest gestört werden kann, ist zwar unbestritten, doch ist keineswegs sicher, was daraus folgt. Sollen beispielsweise Nachrichten von polizeilichen Übergriffen unterdrückt werden, weil solche Meldungen geeignet sind, "bewährte Grundsätze unseres Zusammenlebens" zu erschüttern?
Die gähnende Einfalt großer (allzu großer) Teile des Buches erstreckt sich jedoch nicht auf den ganzen Text. Einige Partien sind interessant. Das gilt vor allem von den Kapiteln, die von eben jener Frage handeln, wie sich Staat und Gesellschaft gegenüber störenden Informationen verhalten sollen.
An der Aktualität dieses Problems kann kein Zweifel sein. Ende Oktober mußte sich Bundesaußenminister Genscher auf der Pariser Medien-Konferenz der Unesco gegen die Forderung von vielen Entwicklungsländern nach Einschränkung der Pressefreiheit wehren. Auch Steinbuch vertritt in seinem neuen Buch, von dem in acht Wochen 30 000 Exemplare verkauft wurden, die Ansicht, daß der gegenwärtige "naive" Zustand des modernen Kommunikationsbetriebes geändert werden soll. Er empfiehlt, die anfallende Informationsmasse in drei Kategorien zu teilen -- in Nachrichten,
* die notwendig,
* die neutral und
* die gefährlich sind.
Die letzten sollten nicht weitergegeben werden. Sie sollten unterdrückt werden. Steinbuch bestreitet, daß das "Zensur" sei -- aber es ist schwer zu sagen, was es dann sein soll.
In der Frage, welche Art von Nachrichten unterdrückt werden sollen, nimmt Steinbuch -- natürlich -- einen inhaltlich anderen Standpunkt als die Entwicklungs- und kommunistischen Länder der Unesco ein. Diese sind an der Herrschaft ihrer Partei interessiert und an der unbestrittenen Bewußtseins-Lenkung des Volkes. Steinbuch hingegen meint, daß Informationen, "die zur Zerstörung unseres liberalen Rechtsstaates oder zu Gewalttaten anstiften", nicht verbreitet werden sollten.
Doch hat die Problematik der Zensur noch sehr viel größere, umfassendere Dimensionen. Gilt Informationsfreiheit auch für die Weitergabe von gefährlichem Wissen? Oder bedarf es einer Wissenschafts-Zensur mit dem Ziel, die Verbreitung und nach Möglichkeit sogar den Erwerb von gefährlichem Wissen, sei es theoretischer oder technischer Art, zu unterbinden?
Obwohl Steinbuch ansonsten ein enragierter Partisan der Wettbewerbsgesellschaft ist, glaubt er, daß man den Gefahren der wissenschaftlich-technischen Entwicklung nur mit planwirtschaftlichen Mitteln beikommen kann -- mit "Technology Assessment" (Technikfolgenbewertung) und der Einrichtung eines Technischen Gerichtshofes, der -- so muß man Steinbuch wohl verstehen -- mit dem Recht des Forschungs-, Anwendungs- und Verbreitungsverbots ausgestattet sein soll.
Laut Steinbuch soll also "höchster Sachverstand" zum Rang einer obersten Menschheits-Instanz aufrücken -- eine Perspektive, deren Wohltat angesichts der Zerstrittenheit von Atomphysikern über die Gefahren der Kern-Industrie sehr unglaubwürdig wirkt.
Das Unglück ist eben, daß es zwar eine Menge hohen Sachverstand gibt, aber keinen "höchsten".
Von Georg Wolff

DER SPIEGEL 47/1978
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