11.12.1978

Ein Sarg schwimmt auf dem Blauen Nil

SPIEGEL-Redakteur Gunar Ortlepp über deutsche Globetrotter und Abenteurer

Europa, dieser Nasenpopel aus einer Konfirmandennase, wir wollen nach Alaska gehn. Gottfried Benn

Doch in Alaska war er schon, damals, als er mit selbstgezimmertem Floß den Porcupine River runter nach Fort Yukon trieb. Er ist in den Rockies und der Sierra Madre gewesen, hat die Dschungel Malaysias, die Regenwälder des Kongo, die grüne Hölle am Orinoco durchstreift, war bei den Nachkommen der Inkas, den Papuas auf Neuguinea, den kopfjagenden Dajaks im tiefen Borneo zu Gast und kam vor einem halben Jahr erst aus Timbuktu zurück.

Und trotzdem steht, bei ihm zu Haus in Hagen, der Packrahmen mit dem Rucksack bereits wieder auf dem Sofa. Denn Reinhold Korte, 32, unter Fellow-Travellers als "Klondike-Reinhold" bekannt, hält es nie lange aus auf dem Asphalt der Heimat. Demnächst will er, wie so oft schon, seinen Job, diesmal als Fahrer bei einer Speditionsfirma, kündigen und vier Monate mit dem Kompaß querfeldein durch die unwegsamen Einöden des Südsudan trampen -- mal sehen, was sich dort so tut.

Aus München abgereist sind soeben Wil und Sigrid Tondok, sie Photojournalistin, er Ingenieur für Nachrichtentechnik und gerade 40: Ihr alter VW-Bus, der sie auf Drei-Jahre-Trip rund um die ganze Welt, dann noch einmal zum anderthalbjährigen UN-Entwicklungsdienst nach Pakistan und zurück transportiert hat, soll sie 13 Urlaubswochen lang durch die Sahara karren.

Und auch Rüdiger Nehberg, 43, Konditormeister aus Hamburg-Wandsbek, rüstet zu neuem Aufbruch. Allen mörderischen Strapazen und tödlichen Gefahren zum Trotz, die er auf vier Expeditionen durch die Wildnis Äthiopiens oft nur mit knapper Not überstand, lockt es ihn mit zwei erprobten Begleitern abermals in die exotische Fremde -- hinüber zum Amazonas, wo dem Gerücht zufolge ein scheuer Indianerstamm, noch von keines Weißen Auge je erblickt, in Nestern auf hohen Bäumen haust.

Diesen Traum von wilder Welt, großer Freiheit und harter Bewährung, wie ihn mit durchlöcherten Sohlen der Camel-Mann den müden Millionen suggeriert, sie machen ihn tatsächlich wahr, und Tausende von Landsleuten nebst anderen Zeitgenossen tun es ihnen gleich -- Studenten, Krankenschwestern, Monteure und Buchhalter, Hausfrauen und Rentnerinnen, Zahnärzte, Handwerker, Postbeamte und Pastoren.

Ein neuer Globetrotter-Typ bummelt über die Kontinente und Meere, ein neuer Schlag von Abenteurern haut sich durch dick und dünn. Sie haben nichts mehr gemein mit der spleenigen Lordschaft im karierten Anzug unterm Tropenhelm, nichts mit dem illustren Phileas Fogg, Esq., der 1872 einer Wette wegen in London aufbrach, um mit seinem Diener Passepartout in Xt) Tagen die Erde zu umrunden.

Den Weltenbummlern von heute dienen, wenn"s gut geht. nur noch ganz ordinäre Pässe. Kein Neckermann macht für sie vollklimatisiertes Quartier unter Palmen. Kein TUI-Begleiter betreut sie hinein ins programmierte Wagnis.

Auf eigene Faust und mit knapper Barschaft im Geldgürtel, so ziehen sie los in Semesterferien, im zusammengesparten Urlaub oder nach mutwillig aufgegebener Stellung, vagabundieren per Anhalter von Anchorage bis Patagonien, strampeln auf dem Fahrrad nach Kapstadt hinab, zigeunern samt Kleinkind im Camper durch Australien.

Sie jagen im Kajak durch die Wildwasser der Anden, hetzen hinter Huskies übers Inlandeis Spitzbergens, wandern über Sand- und Salzwüsten, stapfen durch fieberverseuchte Sümpfe, teilen freudig ihr Mahl mit Ex-Kannibalen oder transportieren doch wenigstens in viehischer Tortur über die Balkan-Piste deutsche Sechszylinder nach Bagdad, Kuweit und auf den persischen Markt.

Und den Schafhirten Anatoliens wie den Wegelagerern am Khyber-Paß ist auch sie längst vertraut, diese schier endlose Nachfolge-Prozession der Bärtigen mit Gefährtin, die da gen Osten pilgern, Richtung Lahore und Katmandu, auf jenem alten Drogen-Highway, auf dem vor Jahren noch die sanften Hippies mit Hasch im Kopf und Tolkiens "Herrn der Ringe" im Gepäck ihrem mystischen, psychedelischen. von Sitar-Klängen verzauberten Zen- und Kiff-Nirwana entgegenwankten.

Aber die neuen Morgenlandfahrer, die Hitchbiker an den Überlandrouten der Dritten Welt. all die Singles und Pärchen einer diffusen Internationale von Ferien-Tramps und Freizeit-Desperados -- Deutsche und Schweizer, Engländer, Amerikaner, Kanadier, Australier -, sie sind auf einem ganz anderen Trip.

Erfaßt von mächtigem Fernweh nach Primitivität und jungfräulicher Erde, getrieben von einer unerhörten Abenteuerlust, streunen sie in die Ferne, auf Suche nach dem verlorenen Horizont und den Grenzen der eigenen Belastbarkeit

Kein Zweifel. es ist der uralte Wandertrieb, der hier wirkt, nur war er noch nie so leicht zu verwirklichen wie in diesen siebziger Jahren der Prosperität und grollen Freizügigkeit. Noch nie haben sich die Kinder des goldenen Westens aber auch derart unverhohlen ihres Wohlstands bedient, um seinen Segnungen zu entfliehen -- jenes perfekt verwalteten, hervorragend rationalisierten Knopfdruck-Daseins in sozialer Sicherheit und bürgerlichem Komfort, in dem alles so kalkulierbar scheint.

"Wir haben in der genormten, glatten und sterilen Moderne unseren sechsten Sinn verloren und dumme Füße bekommen", klagt der alte Globetrotter Heinz Rox-Schulz aus Königsberg, der 14 Jahre in Afrika, Asien und Amerika auf Achse war.

"Die Backstube kann doch nicht alles sein", sagt Meister Nehberg, läßt Frau und Tochter samt Konditorei im Stich und schert wenigstens einmal im Jahr für zwei Monate aus in die wilde Welt, wo er "gefordert wird von meiner Aufgabe, der Natur, den Menschen und Tieren".

Ein einziges Mal, schworen sich 1972, soeben auf Lebenszeit angestellt, die Markworths aus Kiel, wollten sie "diese Enge und ewige Bevormundung hinter sich lassen" und legten ihre Lehrämter nieder, um sechs Jahre lang im selbstgebauten Boot um den Globus zu segeln -- vor wenigen Wochen erst kehrten sie mit einer kleinen Moana, im Pazifik gezeugt und zur Welt gebracht, nach 37 550 Seemeilen in die heimatliche Förde zurück.

Denn nichts Schöneres, versichert Dieter Markworth, 38, "als so ein Haus mit Segeln, in dem man Tag für Tag lebt und mit dem man jederzeit wieder auslaufen kann". Nichts Beglückenderes, erinnert sich Rox-Schulz 58, als "wochenlang einsam im Urwald zu zelten, in dem man, Erfahrung und Kondition vorausgesetzt, sicherer ist als auf Deutschlands Straßen". Nichts Herrlicheres, beteuert Korte, "als weiter und immer weiter zu reisen, neuen und fernen Zielen entgegen" -- in Landschaften, die biotopisch noch halbwegs intakt sind, zu fremden Menschen, die noch ergeben dahinleben in Notdurft und im Rhythmus der Natur.

Für soviel Ursprünglichkeit verzichten sie hebend gern auf die tägliche Dusche, erdulden stoisch das Rumoren des Durchfalls im Gedärm, riskieren Krankheit, wenn nicht Kopf und Kragen, und ertragen Entbehrung, Qual und Schinderei, ganz nach der alten tibetanischen Weisheit, die Rox-Schulz so gern zitiert: "Der Schmerz ist da, um die Freude zu messen."

Und wie phantastisch das alles modelt und prägt, wie therapeutisch das wirkt und wie gelassen es macht, davon schwärmen sie alle, wenn sie, zurück von kleinerer Tour oder großer Fahrt, an den Stammtischen in Dortmund, Hamburg, Stuttgart oder Mimchen zusammenhocken und sich ihre endlosen Geschichten der Unrast erzählen.

Am leidenschaftlichsten aber kündet davon die Staatsanwaltstochter und Journalistin Ludmilla Tüting, 31. Bevor sie reiste, so berichtet sie zungenflink und glänzenden Augs, sei sie "?n bißchen doof" gewesen, hatte "nur Heiraten, Kinder und Küche im Kopf". Aber dann, 1968, fuhr sie mit 6000 Mark und "noch so 'nem Typ" in einem alten VW-Bus das erstemal los, durch alle Kontinente und einmal rundherum, bis nach vier Jahren das ganze Blech im Sand der Sahara zusammenbrach.

Und seit sie auf Rucksack-Walze vollends dem Zauber des Mittleren Ostens erlag, obwohl ihr doch "diese Inder immer ans Leder wollten, und die jungen mohammedanischen Ärzte damals in Pakistan sie beim Rausschnippeln ihres Blinddarms fast vergewaltigt hätten -, seither, sagt sie, sei


DER SPIEGEL 50/1978
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