11.12.1978

Reinhard Baumgart über Jean Améry: „Charles Bovary, Landarzt“Was Kunst anrichtet

Reinhard Baumgart, 49, lebt als Schriftsteller und Kritiker in München. -- Jean Améry hat sich am 17. Oktober, 65 Jahre alt, in Salzburg das Leben genommen.
Die Maxime, man solle über Tote nur Gutes reden, gehört sicher zum Vorrat jener gedankenlosen Gedanken, gegen die Jean Améry zeit seines Lebens unermüdlich Widerspruch eingelegt hat. ("Widersprüche" hieß eines seiner Bücher, und so hätten sie alle heißen können, auch dieses letzte.) Wir sollten, höre ich nun den toten Améry sagen, doch probeweise einmal die Augen schließen, um uns eine Welt vorzustellen, in der die Empfehlung gilt, über Lebende nur freundlich zu sprechen -- was wäre das für eine Welt? Sehr einfach: keine uns vorstellbare.
Was ich damit sagen will? Daß ich fürchte, Jean Améry ist sein letztes Buch mißlungen. Daß ich trotzdem meine, in diesem Essay und seinen Lesern würden mehr und wichtigere Gedanken bewegt als in so vielen schmuck geglückten Büchern. Daß ich trotzdem zweifle, ob ich diesen vereinfachten Befund zu Lebzeiten Amérys so klipp und klar ausgesprochen hätte.
Es war ja beileibe nichts Unmögliches, was sich dieser Polemiker mit seiner letzten Kampfschrift vorgenommen hatte: eine Verteidigung und Ehrenrettung von Charles Bovary, dem gehörnten Gatten der so viel berühmteren Madame, einen Angriff mithin auf Flaubert, der dieses sein Geschöpf Charles B. durch Mißachtung seines elementaren Anspruchs auf realistische Gerechtigkeit der Darstellung hat verkommen lassen, ja blamieren wollen. Und vielleicht war auch, sehr zwischen den Zeilen, an eine Distanzierung vom Meisterdenker Sartre gedacht, in dessen Schatten Améry voller Bewunderung gelebt und geschrieben hat.
Während Sartre in seinem gewaltigen Brüten über dem Rätsel Flaubert, in seinem "Der Idiot der Familie", weit über tausend Seiten verbraucht, um sich einer Analyse der "Madame Bovary" auch nur anzunähern, macht Améry dem Roman und seinem Autor wahrhaft kurzen Prozeß. Er erledigt sein Pensum auf knapp 160 Seiten.
Die Verhandlung in Sachen Charles B. gegen den Großbürger und Großartisten Flaubert wird dabei, wie bei Améry üblich, durch erzählerische und essayistische Passagen getrieben, doch in beiden ist die wesentliche Energie Rhetorik. Eine "denkspielende Suche nach der Wirklichkeit Charles Bovarys" wird das genannt. In vier ausschweifenden Monologen darf dieser wahre Charles B. gegen den reduzierten des Romans anreden. In zwei dazwischengeschobenen Reflexionen wird überlegt, wie und warum Flaubert zu seiner reduzierten Erzählwirklichkeit gekommen ist, ob und zu welchem Zweck eine Kunstfigur wie Charles zu einem "wahreren" Menschen hinaufkorrigiert werden könnte.
Wie dieser "wahre" Bovary sein sollte, scheint schon der Buchtitel zu verraten: Landarzt, ein einfacher Mann. Das heißt, ein Pflichterfüller aus gutem unteren Mittelstand, brav im alten deutschen Sinn, ein musterhafter Citoyen, ja, so behauptet Améry, geradezu die Inkarnation des "bürgerlichen Subjekts", in seinen besten, von der Französischen Revolution befreiten gesellschaftlichen und historischen Möglichkeiten. Und mithin alles, was Flaubert, dieser geniale und widerliche Snob, zugunsten seiner Kultfigur Emma Bovary verachten, verzeichnen, an den Rand seines Romans verbannen mußte.
So weit, so schlicht und überzeugend. Eine solche Attacke allerdings müßte kaum scheitern, stürmt sie doch durch lauter längst aufgestoßene Türen. Doch Améry ist, gleich vom ersten Monolog an und dann mit immer rasenderer Logik, mit seinem Helden etwas Merkwürdiges und Aufregendes geschehen. Sein Charles entläuft dem Programm, für das er angeblich stehen soll.
Da kommt durchaus kein "einfacher Mann" und braver Provinz-Bader zu Wort und erst recht nicht der Modellmensch des bürgerlichen 19. Jahrhunderts. Aus Amérys Suada lodern vielmehr die undeutlichen Umrisse einer Figur, die zwar immer noch behauptet, Charles Bovary zu sein, aber sich eher anhört wie ein vager Vetter von Graf Dracula und Doktor Faustus, lüstern, fast senil, wild gedankenflüchtig, rebellisch, dem Abgrund zugeneigt.
Denn diese Polemik gegen Flaubert ist in einen aufreibenden Zweifrontenkrieg geraten. Einerseits versucht sie zwar, gegen Emmas und Gustaves antibürgerliche Schönheitssüchte den Landarzt als Denkmal eines nützlichen Lebens zu behaupten, getreu dem Leitsatz: "Wer seine Arbeit tut, ist nicht lächerlich." Andererseits gerät der neue Charles seinem Entdecker, je länger er ihn reden läßt, zu einer Art Über-Emma, einem leidenden Liebhaber des Fleisches, des Todes, der Blutrache, aller ausschweifenden Freiheiten jenseits der bürgerlichen Mediokrität und Moral.
Dieser Widerspruch hat seine guten Gründe. Améry will ja den wütend um die tote Emma trauernden Charles vor unseren Augen "aus der Haut" fahren lassen, aus der zu engen Haut, die ihm Flaubert verpaßt hat. "Mein Kopf wird gescheiter, der Schmerz hat ihn geschärft", sagt er, endlich bereit und fähig, sein im Roman unterschlagenes wahres Selbst zu entdecken.
Schließlich -- und dieses Argument ist kaum zu widerlegen -- hat dieser angeblich dumpfe, enge Mensch sich Emma, Flauberts heilige Hexe, ja zur Frau gewählt: Irgend etwas muß also schon immer los gewesen sein in ihm -- "los" in jedem Sinne. Doch Flaubert verweigert ihm jede Grenzüberschreitung, jede Ausschweifung, er gönnt ihm nicht die Passion, die Charles doch zugrunde richtet. In seinem Erzählreich bleibt ein Tölpel ein Tölpel, durch ein Brett vor dem Kopf geschützt vor der eigenen Wirklichkeit, sich selbst entfremdet. Noch der Tod von Charles wird als stumme, knappe Hinrichtung vollzogen.
Flaubert sieht nur Erbärmlichkeit. Améry klagt Erbarmen ein (auch wenn er, im Wortlaut, existentialistisch und nicht christlich argumentiert). Wirft er Flaubert etwa vor, daß der nicht ein Kierkegaard plus Dostojewski war?
"Sie wollten mir nicht geben", ruft Charles Bovary in seinem letzten Plädoyer dem Allmächtigen Flaubert zu, "was mir zukam, in Ihrer schäbigen erzählerischen Allwissenheit, nämlich: die natürliche, naturgesetzliche Kraft, die den vorn Pathos der fleischlichen Leidenschaft Erfaßten steigen macht, höher und höher ins Unermeßliche, hinaus in den Raum, in dem auch der Kleinstbürger sich ein neues Maß setzt ... Mit der ganzen Unbarmherzigkeit Ihrer großbürgerlichen Klasse brannten Sie mir auf der Schule schon das Signum der Dummheit ein; als sei der kleine Mann notwendigerweise auch der blöde und blinde."
So läuft Améry, wieder in der Rolle Don Quijotes, Sturm gegen ein weit über hundert Jahre altes Buch, macht sozusagen Verbesserungsvorschläge ausgerechnet für ein in schöner und fürchterlicher Rigidität besonders abgeschlossenes Kunstwerk. Ihm gelingt zwar (wie vielen vor ihm), die Gnadenlosigkeit Flauberts, dieses "spießerhassenden Spießers" (Améry 1971), und seiner von Weltflucht und Menschenverachtung inspirierten Kunst fragwürdig zu machen. Doch ihm gelingt nicht, die Wahrheit seines "wirklicheren" Charles in seiner Gegendarstellung auch schriftstellerisch zu beglaubigen.
Wirklich nur, weil Améry samt Wut und Mitleid ein so viel hilfloserer Erzähler ist als der schreckliche Meister der impassibilité? Aber: Erzählt er überhaupt? Gegen Flauberts unbarmherzig eingeschränkten Realismus setzt er keinen erweiterten, sondern eben nur: Rhetorik. Was er seinem Charles dabei an inneren Monologen, an Wahnphantasien zudichtet (die nekrophile Schändung Emmas, den Mord an ihren Liebhabern, den eigenen Selbstmord), das sprengt die schlichte Landarzt-Figur.
Wir hören also immer intensiver jemanden reden, der immer unsichtbarer wird. Auf der Suche nach Wahrheit fabuliert sich Améry ins fiebrig Unwahrscheinliche, und protestierend gegen Flauberts Kunstgriffe gerät er in eine Künstlichkeit, die auch seine Sprache zu trockenen oder schwülstigen Manieriertheiten treibt: "Ich war von Sinnen oder tat mir vor, ich sei"s."
Stilkritiker werden die Nase rümpfen, Ungeduldige das Buch bald zuschlagen. Zu früh. Am Ende, mit einer letzten rhetorischen Geste, gibt Améry-Charles die Vergeblichkeit des ganzen Sturmlaufs gegen diese Marmorfestung der bürgerlichen Kunst selbst zu: "Es ist mir recht, daß ich zu Boden falle. Hier liege ich: Continua viam viator ..." In dieser Trauer, Wut, Resignation schwingen natürlich genügend Zufriedenheit und Stolz mit. Was dieser Autor an Sartre immer bewundert hat: "Er wollte das Rechte tun, nicht recht behalten" -- das sollte auch hier noch einmal vollzogen werden.
Améy tut sogar, ob bewußt oder unbewußt, viel mehr, als er sich vorgenommen hat. Indem er scheinbar nur die strikten Spielregeln des Flaubertschen Erzählens angreift, hebt er, gut anarchistisch, mit seiner wild rhetorischen Suada bald alle erzählerischen Spielregeln auf.
Sein letzter und wahrscheinlich gescheiterter Protest sollte also grundsätzlicher, radikaler verstanden werden, als er wohl gemeint war. Dann richtet er sich nicht bloß gegen Flaubert, sondern gegen die Rigorosität von Kunst schlechthin.
Wo die Kunst Ernst macht, bleibt sie selten harmlos, kommt es immer wieder zu einem gnadenlosen, ja schadenfrohen Umgang mit Menschen und ihren Leiden. Dauernd muß, schon damit auf irgendeine Emma das schöne Licht fällt, irgendein Charles die Schattenrolle übernehmen. Gerade die Schärfe, mit der Figuren gezeichnet werden, verhindert ihre Wahrnehmung als Kreaturen, was nur heißt, daß Kunst beileibe nicht "göttlich" ist, wie Festredner früher sagten und heute noch meinen. Und selbst der Kunst berühmtes "Gespräch über Bäume" kann, wie wir nicht nur von Brecht wissen, Wichtigeres verschweigen helfen.
Mit aller Vehemenz hat Améry alle diese ewig unterschlagenen Reste eingeklagt, am Beispiel Flauberts und seiner "Madame Bovary", einem der schroffsten Kunsttriumphe, nicht nur im Bereich des Erzählens und der Literatur. Amérys unvergeßlicher Fehler war: Er konnte sich nicht beruhigen über scheinbar Notwendiges und Selbstverständliches. Er wagte also Rechnungen, die nicht aufgehen, und riskierte es zu scheitern.

DER SPIEGEL 50/1978
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