28.08.1978

SCHACHMarottentheater auf den Philippinen

Der eine rüstete sich mit einem Geigerzähler und argwöhnte Signale im Kefir des Gegners; der andere forderte, den Stuhl des Kontrahenten zu röntgen: Der Kampf um die Schachweitmeisterschaft zwischen dem Russen Anatolij Karpow und dem Exilrussen Wiktor Kortschnoi ist gespickt mit kuriosen Einlagen und politischen Attacken.
Welcome, Mr. World Champion from the United States of Russia", sprach zur Begrüßung hochgestimmt der Bürgermeister. Dann intonierte die Festkapelle die "Internationale" statt der Sowjethymne, und als die Gladiatoren sich zur Eröffnungspartie an den Spieltisch begaben, fehlte es noch an Brett und Figuren -- burleske Ouvertüre zur Schachweltmeisterschaft auf den Philippinen.
Seit Mitte Juli ist das große Showdown im Gang, im Gebirgskurort Baguio City. 200 Kilometer nördlich von Manila. Dort, wo der Inselreich-Präsident Marcos und seine Schickeria gern Zerstreuung suchen und reiche Hongkong-Chinesen zum Casinobesuch einfliegen, fighten nun zwei tiefverfeindete Leningrader um das Championat: Titelverteidiger Anatolij ("Tolja") Karpow, 27, und Wiktor Kortschnoi, 47, der Emigrant und Staatenlose.
Viel Geld steht auf dem Spiel: 700 000 Mark kassiert der Sieger, 400 000 der Verlierer; den WM-Thron erklimmt, wer zuerst sechs Partien gewinnt. Für die Sowjets aber geht es um viel mehr, um nationales, politisches Prestige. Kortschnoi, der Abtrünnige, ist ihnen als "Vaterlandsverräter" verhaßt. Kortschnoi sieht in dem "bösen Karpow" den "Bannerträger der Sowjet-Reaktion". In Belgrad, heim WM-Kandidatenkampf gegen Boris Spasski, hatte er schon letztes Jahr geschworen: "Ich werde Karpow schlagen."
Doch vor dem furiosen Racheakt gab es in Baguio, als Zwischenspiel, erst einmal den Komödienstadl, das übliche großmeisterliche Nerven- und Marottentheater.
Die Karpow-Riege, 13 Knappen und ein Koch, ließ zu Beginn den grünledernen Teakholz-Sessel, den Kortschnoi aus der Schweiz herangeschafft hatte, im Krankenhaus von Baguio röntgen. Gegen Strahlenangriffe der Sowjetmenschen rüstete sich der Herausforderer seinerseits mit einem Geigerzähler.
Die Russen protestierten, weil der Dissident unter einer Schweizer Fahne spielen wollte. Vorsorglich hatte Kortschnoi eine Reedereifahne der deutschen "Nordatlantischen Hochseefischerei" eingesteckt. Umsonst, man spielte ohne Wimpel. Erzürnt appellierte der Exilrusse an "das philippinische Volk", nicht zuzulassen, daß "die Rechte eines einzelnen auf seinem Boden (lurch das Gewicht der sowjetischen Macht mit Füßen getreten werden". Und er stänkerte kräftig weiter.
Karpows Gefolgschaft, erklärte er, sei mit zahlreichen KGB-Agenten durchsetzt; "in Karpows Tasche" vernehme er "das Rasseln der Ketten, die meine Familie an das Gefängnis Sowjet-Union fesseln". Frau und Sohn hatte Kortschnoi 1976 in Leningrad zurückgelassen.
Der Grand Magic Circus Baguio wartete mit weiteren komischen Nummern auf, beispielsweise mit dem Psi-Faktor Suchar.
Der Parapsychologe Wladimir Suchar, ein Karpow-Mitbringsel" pflegte in den ersten Zuschauerreihen Platz zu nehmen -- für Kortschnoi ein klarer Fall: Er sollte hypnotisiert werden. "Wenn der Kerl wieder dasitzt", bellte er, "komme ich von der Bühne und schlage ihm den Schädel ein."
Oberschiedsrichter Lothar Schmid aus Bamberg, der 1972 umsichtig den WM-Kampf Bobby Fischer -- Spasski geleitet hatte, verbannte den Spukmaster in die siebente Reihe. Kortschnoi wappnete sich mit einer Spiegelglasbrille gegen den bösen Blick. Ein psychologisches Dumdumgeschoß Kortschnois war vorher schon wirkungslos verpufft: Um dem Weltmeister "ein Gefühl der Unterlegenheit zu geben", hatte er den Tip eines Beraters befolgt. Karpows Hand zu Partiebeginn besonders fest zu drücken. Der Champion jedoch, auf alles gefaßt, gab den Druck ebenso stählern zurück.
Der Kleinkrieg der Köpfe eskalierte noch einmal mit Sauermilch. Dem Kortschnoi-Lager war aufgefallen, daß Karpow sieh bei jedem Spiel einen Becher Kefir mit verschiedenen Fruchten und daher auch unterschiedlicher Färbung reichen ließ. Geheime Signale von der Trainerbank? Auf ein eher ironisches Protestschreiben eines Kortschnoi-Sekundanten verfügte Schiedsrichter Schmid. Karpow dürfe künftig nur zu vorgeschriebener Zeit, um 19.15 Uhr, einen violetten Kefir verspeisen. Kortschnoi löffelte unbeanstandet seinen geliebten Kaviar.
* Kortschnoi. Gegner Karpow.
Bei all diesen Scharmützeln auf der Schachbrettl-Bühne konnte sich offenbar die Spielkunst der Kontrahenten nicht recht entfalten. Die ersten sieben Partien lahmten unentschieden dahin. Unentwegt murmelten die Matadoren "Nitschja", das russische Remis-Angebot.
In der feudalen Spielhalle, dem "Convention Center" von Baguio, dämmerten meist nur eine Handvoll Journalisten und ein paar pensionierte amerikanische Offiziere vom nahegelegenen US-"Recreation-Center". Hin und wieder füllten dienstverpflichtete Filipino-Kadetten von der örtlichen Marineakademie die leeren Ränge; die zuschauenden Schachgroßmeister machten Witze. "Die Figuren", unkte der Amerikaner Robert Byrne, "stehen in sehr gefährlichen Positionen -- für die Zuschauer. Diese könnten einschlafen." Auf die Frage, ob er glaube, Weihnachten wieder zuhause zu sein, gab er zurück: "Welches Weihnachten?"
Und dann noch diese Patzer! Als Kortschnoi, immer in Zeitnot, im 55. Zug der fünften Partie eine zwingende Mattkombination übersah, ging cm Entsetzensschrei um die Schachwelt. Großmeister Ludek Pachman mußte bis ins WM-Jahr 1892, zum Kampf Steinitz gegen Tschigorin, zurückblättern" um "einen ähnlich groben Fehler zu finden". Ein weiterer "Jahrh- undert-Fehler" kostete den Titelaspiranten die achte Partie, nach der elften stand es 1:1; nach der dreizehnten und vierzehnten Begegnung lag Karpow mit 3:1 vorn. Aus dem Lager des Titelträgers drang die Kunde, der Champ sei jetzt von einer Fuß-Allergie mit lästigem, konzentrationshemmendem Juckreiz genesen. Weltmeister Kortschnoi -- nitschewo?
Doch während der "Prawda"-Korrespondent, erstmals ausführlich, nach Hause kabelte, dies sei "eine meiner glücklichsten Reportagen", Kortschnoi sähe "finster drein", verbreitete der Angeschlagene Optimismus. Seine Lebensgefährtin und Delegationschefin Petra Leeuwerick posaunte: "Neues Match, neues Glück. Das ist nicht das Ende der Welt." Kortschnoi selbst hatte schließlich lange vor Baguio verkündet, er werde "im zweiten Teil" seine "Überlegenheit demonstrieren". Er hält seinen Gegner nur für "einen geradlinigen Spieler mit einfachen Gedankengängen", der "nichts riskiert", lind schließlich will der "einsame Kämpfer gegen die Sowjet-Macht" auch beweisen, daß man "in Freiheit besser Schach spielen kann als in Unfreiheit".
Er hatte ja, 1974 in Moskau, schon einmal in einem WM-Kandidatenturnier gegen Karpow gespielt und nur knapp verloren. Damals hatte sein Rivale, dieser "Muster-Proletarier", drei Gewinnpartien vorgelegt, in der Endphase waren Kortschnoi zwei Siege geglückt. Heute noch erinnert er sich, "mit welch baßerfülltem Blick Karpow mich ansah, bevor er aufgab".
Aber damals war der blasse Tolja noch ein knäbisches Kerlchen. bei dem der Psycho-Trick mit der Daumenschraube wohl noch Wirkung gezeigt hätte. Inzwischen aber ist der Bub -- wie Beobachter melden -- zum Mann gereift, "richtig muskulös" und "ungeheuer nervenstark" -- dank Bodybuilding und Tennistraining, das er auch im Monsun-verregneten Baguio betreibt.
Die Schachgeschichte lehrt, daß ein Zwei-Punkte-Rückstand in einem Weltmeisterschaftsturnier nur schwer aufzuholen ist: einige Male ist es vorgekommen. Der Holländer Euwe beispielsweise lag 1935 sogar mit 1:4 gegen das russische Kombinationsgenie Aljechin zurück und gewann noch mit 9:8. Auch Bobby Fischer stand 1972, im WM-Kampf gegen Spasski, zunächst auf Verlust, um den Russen schließlich doch noch zu demoralisieren.
Kortschnoi, so scheint es, kann den von ihm selbst entfesselten antikommunistischen Kreuzzug psychisch nicht verkraften. Seine ungewöhnliche Spielschwäche, das Bombardement von Beschwerden werten Schach-Aficionados als "Zeichen von Nervenschwäche" ("FAZ"). "In einem derartigen Zustand", so klagt auch Pachman, "kann man keine Höchstleistungen bringen."
Die mitunter leicht reizbaren Sowjets haben sich durch Kortschnois Störfeuer jedenfalls nicht aus der Ruhe bringen lassen -- nicht einmal, als der erinnyenhafte Herausforderer den Moskauer Teamchef Baturinski "für seine Vergangenheit als Ankläger während der Stalin-Ära aufgehängt, gestreckt und gevierteilt" sehen wollte. Karpow straft den Großmeister, mit dem er einst gut Freund war, mit Nichtachtung; seit der achten Partie verweigert er Gruß und Händedruck. "Meine Antwort", sagt er, "kriegt Kortschnoi am Schachbrett."
Falls Karpow das Giganten-Duell für sich entscheidet, wird er sich vielleicht mit einem noch Größeren messen -dem in mythische Ferne entrückten Schach-Tycoon Bobby Fischer. Ein steinreicher, auf den Philippinen lebender Brite, Lord Moynihan, will den inoffiziellen Kampf ausrichten. Drei Millionen Dollar -- 1,5 für jeden -- hat Seine Lordschaft ausgeschrieben.
Wiktor Kortschnoi muß sich -- Champion oder nicht -- wohl zunächst mit der deutschen Justiz auseinandersetzen. Der Schachclub Porz, bei dem der Großmeister im Oktober '77 einen Zweijahresvertrag als Trainer und Bundesliga-Spieler unterschrieben hat, will ihn wegen Vertragsbruch verklagen. Kortschnoi zog in die Schweiz, die deutsche Steuer war ihm zu happig. Miete und Lohn für die Putzfrau blieb er schuldig.

DER SPIEGEL 35/1978
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