28.08.1978

Seid nett zu den armen Namibia-Deutschen

Bonner Parteien und Stiftungen engagieren sich in der ehemaligen deutschen Kolonie

Zum ersten Wahlkampf Namibias investieren CDU-Kreise Geld und Ideen, um mi ehemaligen Deutsch-Südwest die 25 000 Namibia-Deutschen auf konservativem Kurs zu halten. Die Bonner Regierung kann nicht eingreifen, weil sie als eine der fünf Westmächte offiziell am Namibia-Abkommen mit der Befreiungsbewegung Swapo mitgewirkt hat. Jetzt schickte Außenminister Genscher seinen Planungschef Kinkel auf Good-Will-Tour.

In der Stübelstraße, wo abends farbige Mädchen um meist weiße Kunden werben, sitzt Windhuks neuer Pressezar -ein Deutscher. Diether Lauenstein, nach eigenem Bekunden "Adenauer-Mann der ersten Stunde", kaufte für rund viereinhalb Millionen Mark Druckerei und Verlag der beiden einzigen unabhängigen Zeitungen Namibias, der "Allgemeinen Zeitung" ("AZ") und des "Advertiser".

Lauenstein aus Herdecke in Westfalen, früher Mitverleger des Bielefelder "Westfalen-Blatts", zeigte Wagemut -- zu einem Zeitpunkt, da die meisten weißen Südwester froh wären, wenn sie nur ihr Geld schon außer Landes geschafft hätten. Was Wunder, daß Windhuker munkelten: "Der deutsche Millionär ist ein Strohmann.

Der Investor selbst gab dem Gerücht Nahrung. Bei der Entlassung des bisherigen "AZ"-Chefredakteurs Kurt Dahlmann, der diesen Job fast 20 Jahre lang ausgefüllt hatte, verplapperte sich Lauenstein: "Ich habe Weisungen aus Bonn."

Tatsächlich wird im ehemaligen kaiserlich-deutschen Südwesten von bundesdeutschen Parteien und Interessengruppen gerangelt und geschoben, daß den Einheimischen -- darunter 25 000 Deutschstämmige -- fast bange wird. "Wir dürfen nicht Gegenstand parteipolitischer Zwistigkeiten werden", verlangte Konrad Lilienthal von der "Interessengemeinschaft deutschsprechender Südwester" (IG) und mischt doch selber mit. Er fand es "schon fies", daß sich die SPD mit finanzieller Unterstützung zurückhält. Bislang habe die Regierungskoalition nur Versprechen abgegeben, für "eine in ihrem Umfang einmalige Hilfe zur Entwicklung der Wirtschaft in einem unabhängigen Namibia", so Außenminister Genscher zu Lilenthal.

Löblich dagegen sei, findet Lilienthal, die moralische und finanzielle Hilfe aus CDU/CSU-Kreisen. So wurde ihm von der CDU die Finanzierung einer Ausbildungsstätte für schwarze Facharbeiter und Verwaltungspersonal zugesichert. Christdemokratische "Südwest-Liebhaber" und "Industrielle, die am Afrika-Geschäft interessiert sind", waren zu Zahlungen bereit.

Die den Bonner Parteien nahestehenden Stiftungen sind besonders spendabel. So versprach die Harms-Seidel-Stiftung (CSU) ein bildungspolitisches Projekt, mit Geldern des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit. Die Friedrich-Naumann-Stiftung (FDP) ließ Anfang Juli eine Delegation der "Namibia National Front" (NNF) in die Bundesrepublik kommen. Die soll konkrete Hilfe für den Wahlkampf der auch von Südafrika gestützten "Demokratischen Turnhallen-Allianz~~ (DTA) leisten. Wahlplakate der CDU stapeln sich im Büro an der Kaiserstraße von Windhuk und dienen als Vorlage für DTA-Poster.

Mehrere Unionspolitiker kamen in den letzten 18 Monaten nach Namibia.,. Die meisten gehen zur DTA und fahren wieder ah", bemängelt Adolf Brinkmann vom Südwester Landrat

Der Berliner CDU-Abgeordnete Jürgen Wohlrabe kam im Februar mit einer Gruppe von zehn Südwest-Nostalgikern angereist; er war "sozusagen als Reiseleiter" (so ein früherer Mitarbeiter von ihm) ermäßigt mitgeflogen.

Häufig kam auch Franz Josef Strauß in den letzten Jahren. Die Farmer in der Umgebung von Windhuk schätzen ihn wegen seiner "erbaulichen Art und seiner Treffsicherheit bei der Jagd. Als die DTA jetzt sogar ein eigenes Flugzeug (Douglas "Dakota"), zwölfsitzig mit luxuriöser Lounge und Schlafzimmer, anschaffte, sahen viele in dem Bayern einen möglichen Spender. "Mit Flugzeugen hat er ja Erfahrung, witzelte eine Lokalzeitung.

In der Tat fließen die Oppositionsgelder aus der Bundesrepublik fast ausschließlich in die Schatullen der DTA. Das Parteibündnis kann bereits jetzt monatlich mehr als eine Million Mark für den offiziell noch gar nicht eröffneten Wahlkampf ausgeben. Die deutschen Finanziers" so berichtet ein DTA-Mitarbeiter" rangierten an zweiter Stelle, gleich hinter Südafrika, noch vor den USA.

Es gelte das Motto, schreibt das Wochenblatt "Windhoek Observer": "Seid nett zu den armen Namibia-Deutschen, denen das schreckliche Los einer Swapo-Regierung droht. Und Journalist Kurt Dahlmann erkennt: "Die CDU/CSU führt ihren ersten echtschwarzen Wahlkampf... "

Die deutsche Einmischung in Südwest könnte Folgen haben. Denn die

* Plakattext: "..Swapo macht die Dreckarbeit für die Bosse mit der eisernen Hand".

Bundesregierung hat als eine von fünf Westmächten an einer friedlichen Einigung zwischen der "Südwestafrikanischen Volksorganisation" (Swapo) und der südafrikanischen Herrschaft mitgearbeitet. "Hinters Licht geführt", so die "FAZ", habe sich deswegen auch Außenminister Genscher gefühlt, als er vom Zeitungsverkauf in Windhuk erfuhr, nachdem ihm Strauß angeblich versprochen hatte, "stillzuhalten" ("FAZ").

Zwar weigert sich der neue "AZ"-Chefredakteur und -Eigentümer Lauenstein, Hintermänner zu nennen. seine Zeitung aber beweist seit dem 1. Mai auffallende Linientreue zur DTA.

Bis Mitte April hatte auch Dirk Mudge, der Gcschäftsführer der "Demokratischen Turnhallen-Allianz", beim Handel um die Südwesterblätter mitgeboten. Mudge wollte sich durch den Erwerb der "Allgemeinen" die Gunst der rund 25 000 deutschsprachigen Namibia-Bürger sichern. Doch Lauenstein bootete Mudge mit seinem Millionenangebot aus.

Über die Kaufmotive des kapitalstarken Westfalen herrscht in Windhuk noch keine Klarheit. Lauenstein: "Ich sage kein Wort."

Den Kurswechsel der "Allgemeinen" bekam Kurt Dahlmann als erster zu spüren. Am 20. April dieses Jahres, "Führers Geburtstag" (so Dahlmann), entließ Verleger Lauenstein seinen Redaktionsleiter.

Ein vom Bonner AA unterstütztes Stellungsgesuch bei der "Deutschen Welle" in Köln scheiterte an Dahlmanns Vergangenheit: Er hatte bis vor wenigen Jahren als rechter Durchhalteprediger gegolten, war aber dann ins Lager der Liberalen übergewechselt. Der "Welle" ist er noch immer zu rechts, seinem Exverleger dagegen nicht rechts genug.

Der rechte Zeitungskäufer Lauenstein wird "im Einvernehmen ... mit Dirk Mudge", so die offizielle Erklärung, nur 50 Prozent seiner Anteile behalten. Ob er sie auf Dauer behält, ist auch nicht sicher.

Denn auch der Hamburger Großverleger Axel Springer kam bei der Windhuker Transaktion ins Gerede. Springer-Kaufmann Manfred Millinet aus der betriebswirtschaftlichen Abteilung in Hamburg war bei den Verhandlungen mit dabei -- wenn auch nur, so Millinet zum SPIEGEL, "um meinem väterlichen Freund Lauenstein einen Dienst zu erweisen

Schon haben die Unionsparteien neue Pläne in Namibia. Entlang Windhuks Kaiserstraße wurden in den letzten Wochen verschiedentlich Büros besichtigt, die als "permanenter Beobachtungsposten der CDU/CSU in Frage" kämen (so Windhuks "Allgemeine Zeitung"). "Da waren wir gerade froh, mit Anstand die Schließung des Konsulates hinter uns gebracht zu haben", stöhnt ein Regierungsvertreter in Bonn, "und nun dies."

Selbst einigen Südwesterdeutschen -- ansonsten auf Freundschaftsbeweise aus der Bundesrepublik erpicht -- ist mittlerweile klar, daß das CDU/CSU-Engagement wohl nicht selbstlos ist: "Die brauchen Munition für den nächsten Wahlkampf und wollen die SPD an die marxistische Swapo koppeln", mutmaßt der Lokalpolitiker Adolf Brinkmann.

Um möglichen innenpolitischen Debatten vorzubeugen, schickte FDP-Außenminister Genscher am vergangenen Wochenende seinen Intimus und Planungschef Klaus Kinkel zu einer Goodwilltour nach Namibia. In einem Charterflugzeug soll der Genscher-Emissär bis Dienstag dieser Woche alle größeren Siedlungen besuchen und sich die Sorgen der Deutschen anhören.


DER SPIEGEL 35/1978
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