25.09.1978

Schreie aus dem Dschungel

Der amerikanische Romancier Upton Sinclair, sozialkritischer Chronist der Jahrzehnte zwischen Theodore und Franklin D. Roosevelt, war in Deutschland lange vergessen. Jetzt kommen seine „Werke in Einzelausgaben“, voran „Der Dschungel“ und der Sacco-und-Vanzetti-Roman „Boston“, neu auf den Markt.
Ihr braucht euch nicht mit Amerika abzufinden, wie es ist. Ihr könnt es verändern", schrieb er einst. Und schreibend, mit reinem Puritaner-Herzen, reformatorischem Elan und beispielloser Produktivität, hat Upton Sinclair (1878 bis 1968) sein Amerika unermüdlich zu ändern, zu bessern, zu sichern versucht für eine Zukunft der sozialen Gerechtigkeit.
Er war, so widersprüchlich das heute klingen mag, ein amerikanischer Sozialist, war der radikalste, der wirkungsvollste unter den vom US-Präsidenten Theodore Roosevelt so genannten "Muckrakers", jenen "Schmutzwühlern" des jungen Jahrhunderts, die in Pamphleten, Reportagen und Tendenzromanen ruchbar machten, was im Land der unbegrenzten Möglichkeiten zum Himmel stank.
Wo immer er Unrat witterte in der Asphalt-Moderne des Kapitalismus: Sinclair, wortreicher Anwalt der Mühseligen und Beladenen, förderte ihn ohne literarische Finessen. doch effektsicher zutage, aus Großindustrie und Hochfinanz. aus Erdölfeldern und Börsensälen, aus Rockefeller-Minen ("König Kohle") und Ford-Fabriken ("Das Fließband").
Er attackierte Ausbeutung und Unterdrückung, entlarvte die Korruption in Politik und Verwaltung. verfluchte die Käuflichkeit der Presse, die Raffgier der Kirchen, die Verderbtheit der Schulen und schrieb in "Boston" die amerikanische Tragödie von der Klassenjustiz und ihrem Mord an den Anarchisten Sacco und Vanzetti Anno 1927.
Sein berühmtestes Buch jedoch, das, 1906 veröffentlicht, ihm sofort Weltruf verschaffte, blieb bis heute "Der Dschungel". den Freund Jack London als "Onkel Toms Hütte der Lohnsklaverei" pries -- es ist das bluttriefende Epos aus den Fleischfabriken Chicagos, von dem Bert Brecht sich später zur "Heiligen Johanna der Schlachthöfe" anregen ließ; die Geschichte des litauischen Einwanderers Jurgis Rudkus, der in viehischer Maloche kaputtgemacht, auf die Straße gesetzt und im Dickicht der Städte von Kälte. Hunger und Krankheit fast zu Tode zermürbt wird, "so sicher, als ob sie von Gott eingesetzt seien" (Brecht).
Daß ein Schriftsteller bisweilen doch ein bißchen die Welt verändern kann, Sinclair hat es mit seinem (sogleich in 17 Sprachen übersetzten) "Dschungel"-Buch, das als sozialistischer Propagandaroman gedacht war und dabei unsägliche Schweinereien in den Schlachthäusern aufdeckte, drastisch bewiesen: In Europa ging der Absatz amerikanischen Fleisches jäh zurück, in Chicago schlossen Konservenfabriken; wenige Monate nach Erscheinen des Romans verabschiedete der US-Kongreß das erste Gesetz für hygienische Fleischverarbeitung, und Sinclair kommentierte: "Auf die Herzen der Menschen hatte ich es abgesehen, ihre Mägen habe ich getroffen."
"Der Dschungel", bei all seiner Mischung von Kolportage und Pamphlet eines der großen Beispiele amerikanischer Literatur, war zumindest in diesem Teil Deutschlands lange vergessen. Jetzt bringt ihn, zusammen mit "Boston". der März-Verlag im Vertrieb von Zweitausendeins neu und in Neuübersetzung heraus. Weitere Werke in Einzelausgaben". wenn auch nicht sämtliche 59 Bücher und 29 Theaterstücke Sinclairs, sollen. ediert vom Bremer Amerikanistik-Professor und Sinclair-Forscher Dieter Herms, folgen.
Denn Sinclairs Werk, so belegt Herms in einem bio-bibliographischen Einführungshand. bietet ohne Zweifel eine einmalige Kultur- und Sozialgeschichte des 20. Jahrhunderts der USA" -- angefangen mit den modernen Zeiten einer hemmungs- und skrupellos vorgetriebenen Industrialisierung zur Jahrhundertwende, über die zwanziger Jahre der unaufhaltsam ins Gigantische wachsenden Trusts und Monopole hinweg, durch tiefste Depression und Franklin Roosevelts "New Denk hindurch, bis hinein in die finstere Ära des heißen sind des Kalten Kriegs*.
Es zeugt aber auch von der verblüffenden Vielseitigkeit eines Autors, dessen urchristlich-frommer, oft exzentrischer Dissidenten-Geist sich keineswegs nur in Bannflüchen gegen die Reichen erschöpfte: Sinclair, Sohn eines trunksüchtigen Whiskyhändlers aus Baltimore, Maryland, verdammte in Traktaten Dämon Alkohol und pries in anderen Fastenkuren und gesunde Lebensführung er selbst verschmähte Kaffee, Tee und Tabak, nährte sich von braunem Reis, Frischobst, Sellerie und Trockenmilch und wurde so immerhin 90 Jahre alt.
Vor der Scheidung von seiner ersten Frau (1912) verfaßte er einen Roman übers Martyrium der Ehe ("Der Liebe Pilgerfahrt") erleuchtet von seiner medial begabten zweiten, berichtete er von Abenteuern im Zwischenreich des Spiritismus ("Radar der Psyche". Scherz Verlag. 973). Seine großen Vorbilder. bekannte er, seien Jesus, Hamlet sind Shelley, Marx gehörte nicht dazu.
Und dennoch wurde er. nachdem er in seiner Jugend hei der Produktion von Groschenheften die Kunst des Schnellschreibens erlernt hatte, der "red-hot socialist" (Sinclair). der sich im Amerika der radikalen Arbeiterorganisationen als der "schlimmste Radikalinski im Land" hervortat, der vor Ort war, wo soziales Unrecht geschah, und Mordio schrie, wenn immer er's für dringlich hielt. Teddy Roosevelt, dem er auch eine Einladung ins Weiße Haus abtrotzte. fühlte sich von seinen
* Dieter Herms: "Upton Sinclair -- amerikanischer Radikaler", 288 Seiten; 12 Mark. -- Upton Sinclair: "Der Dschungel". Deutsch von Eva Bernhart und Karl Teuschl: 464 Seiten; 20 Mark. --
"Boston". Deutsch von Evelyn Hanson-Lawson; 944 Seiten; 25 Mark, Alle drei Bände zusammen 45 Mark. März-Verlag, Jossa/Vogelsberg; Alleinvertrieb Zweitausendeins.
Protestbriefen und SOS-Telegrammen derart entnervt, daß er Sinclairs Verleger Doubleday anflehte: "Sagen Sie ihm, er soll Ruhe geben und die Regierung des Landes für eine Weile mir überlassen."
So beschritt Sinclair seinen amerikanischen Weg zum Sozialismus, einer Welt der Kooperation und Brüderlichkeit entgegen. Vom "Dschungel-Honorar gründete er in New Jersey eine Künstler-Kommune, Helicon Hall genannt, die allerdings bald niederbrannte. In Kalifornien kandidierte er für die Sozialistische Partei bei Senats- und Gouverneurswahlen. Und beharrlich rief er auf zum Kampf gegen Wall Street und Big Business, zur Vergesellschaftung der Schlüsselindustrien -- auf demokratisch-gewaltlose Art.
Lenin erkannte es wohl: Dieser Amerikaner, obgleich "von unschätzbarem Wert für den revolutionären Kampf". war ein "Sozialist des Gefühls", "naiv in seinem Appell", und an Einfalt ließ es Sinclair in der Tat nicht fehlen. Wie einst Diogenes auf Laternen-Suche nach einem ehrlichen Menschen, so fahndete er nach dem guten Kapitalisten, der die Massen ins erhoffte Reich der Freiheit führen würde.
Er prophezeite ein sozialistisches Amerika ausgerechnet unter der Präsidentschaft des Pressezaren William Randolph Hearst, dann unter dem von ihm höchst bewunderten Woodrow Wilson. den er zusammen mit Karl Liebknecht zudem gern an der Spitze eines Weltparlaments gesehen hätte. In seinen Romanen kommen sie oft genug vor, die liberalen Reichen mit dem Herzen auf dem linken Fleck und der Solidarität zum geschundenen Volk.
Sinclair hat sieb seinen Sozialisten-Traum über den Ersten Weltkrieg hinweg und bis zum Zweiten treu bewahrt. 1934, inmitten schlimmster Massenarbeitslosigkeit -- im Weißen Haus regierte inzwischen ein anderer Roosevelt
ließ er sich als Kandidat der Demokraten für die kalifornischen Gouverneurswahlen aufstellen und präsentierte ein "EPIC"-Programm ("End Poverty in California"), das unter anderem Kolchosen und volkseigene Betriebe vorsah und seinen Gegnern zur Parole verhalf, er wolle (las Land russifizieren und den Fluch des Bolschewismus übers Volk bringen. Sinclair verlor -- knapp.
1940, mit dem Roman "Weltende". machte sieb der "Muckraker" früher Tage, inzwischen 62. an das wohl erstaunlichste Unternehmen seines Schriftsteller-Lebens -- an jene gigantische, schließlich auf elf Bände mir 7000 Seiten wachsende Chronik, in der sich ein phantastischer Held Lanny Budd stets zur Stelle meldet, wo im 20. Jahrhundert Geschichte gemacht wird.
Jung, reich und unabhängig, ein Kilroy von höchster Vollendung. so be* 1967 im Weißen Haus.
währt sich Lanny, in späteren Werken "Presidential Agent" Franklin D. Roosevelts, gewissermaßen als "Schmutzaufwühler" der Weltpolitik: Er hat 1922 Mussolinis Marsch auf Rom miterlebt und 1923 den Putsch in München. Er war im spanischen Bürgerkrieg dabei, kennt Churchill und Stalin, jagt mit Göring, ist zu Gast auf Hitlers Berghof. Auch Konzentrationslager darf er inspizieren, und als 1944 die Alliierten Paris einnehmen wollen, läßt sich General Patton gern von ihm beraten.
Nicht nur die Zeitungen. auch H. G. Wells und Pearl 5. Buck, Albert Einstein und Thomas Mann haben die ersten Bücher der Lanny-Budd-Serie, die ihrem Autor den Pulitzer-Preis einbrachte, von Herzen gerühmt. Je weiter sich freilich Lanny sieghaft durch die Zeitgeschichte kämpfte, desto herber wurde die Kritik -- Sinclair. schrieb ein Rezensent, mache sich "allmählich lächerlich": "Budds Fraueneroberungen, sein idiotischer Glaube an Spiritismus und sein Allwissen. seine Allmacht und seine Allgegenwart langweilen nun sogar einen so feurigen Sinclair-Anhänger wie den Verfasser dieser Zeilen."
Als Sinclair 1953, zur Hoch-Zeit der McCarthy-Jagden. mit "Lanny Budds Rückkehr" den Zyklus abschloß, war sein einst so extrem linksliberaler Heros nicht mehr wiederzuerkennen. Er hatte sich in einen verbissenen Kalten Krieger verwandelt, der gleich seinem Schöpfer auf alles einschlug, was nach Kommunismus roch.
Denn vorbei war die Zeit, da Sinclair noch Briefe an "meinen lieben Genossen Stalin" schrieb und (so 1937 in der "Iswestija") enthusiastisch den Roten Oktober feierte -- wie so manche Partisanen von der amerikanischen Linken, wie die Fellow-Travellers Dos Passos und Steinbeck, war auch er abgefallen und nach rechts geschwenkt.
Die Kommunisten der östlichen Welt, so fand er nun, hätten "das Wort Sozialismus gestohlen"; und beim russischen Kollegen Fadejew, der ihn als "Blüte der Weltkultur" und "Freund der Sowjet-Union" gepriesen hatte, protestierte er 1949 dagegen, daß seine alten Bücher, vor 30 oder 40 Jahren verfaßt, zur Verleumdung der amerikanischen Gesellschaft von heute mißbraucht würden.
Ein Jahr vor seinem Tod, 1967, rappelte sich Upton Sinclair noch einmal aus dem Schaukelstuhl: Präsident Johnson erwartete ihn im Weißen Haus. Und so kam er denn, um zuzusehen, wie der "Wholesome Meat Act" unterzeichnet wurde eine Zusatzakte zu jenem Fleischverarbeitungs-Gesetz, das er 1906 mit seinem "Dschungel" erzwungen hatte.

DER SPIEGEL 39/1978
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