25.09.1978

GESTORBENPeter Vogel, Lina Carstens, Rudolf Nebel

Peter Vogel, 41, Offenbar war es für ihn ein Leben lang schwer, Sohn zu sein: Peter Vogel, der seinem Vater, dem berühmten Komiker und Charakterspieler Rudolf Vogel, ähnelte und sich dieser Ähnlichkeit gleichzeitig widersetzte, war ein Schauspieler, der ebenso schwermütig-träge wie überdreht-komisch zu spielen vermochte, In
Feydeau-Stücken war er ein so überzogener Bürger, daß man fürchtete, er wäre von einem Motor getrieben, der jeden Moment explodieren müsse; als Horvath-Darsteller spielte er einen so verängstigten Spießer, daß man über dem Lachen nie das gesellschaftliche Netz vergaß, in dem Horvaths Figuren hängen. Vogel betrieb alles, was er machte, mit einem unstillbaren Drang zur Perfektionierung. Dieses Ungenügen war es wohl auch, das ihn in die Alkoholsucht trieb. Als Vogel einer Entziehungskur nicht gewachsen war, nahm er sich am vergangenen Donnerstag in Wien das Leben.
Lina Carstens, 85. Das Theaterspielen hatte sie in Wiesbaden gelernt. Einer ersten Anstellung am Karlsruher Hoftheater folgte 1915 ein Engagement ans Leipziger Schauspielhaus. Und dort blieb Lina Carstens mit Unterbrechungen bis 1942. Albert Bassermann und Max Pallenberg waren ihre Partner in Stücken von Schnitzler, Hauptmann und Strindberg, in denen sie sich den Ruf einer "präzisen und zuverlässigen Schauspielerin" ("FAZ") erwarb. Die derben Frauenrollen der Frau Henschel und der Mutter Wolffen aus den Hauptmann-Stücken "Fuhrmann Henschel" und "Biberpelz" verkörperte sie auch in Berlin, wo sie bis 1944 an den Berliner Volksbühnen spielte. In Berlin drehte sie auch den "Zerbrochenen Krug" mit Emil Jannings. Ihr letztes festes Engagement -- im Ensemble der Bayerischen Staatsschauspiele -beendete sie 1958 und arbeitete fortan frei, vorwiegend für das Fernsehen. Für ihre darstellerische Leistung in dem für Fernsehen und Kino produzierten Film des Regisseurs Bernhard Sinkel, "Lina Braake", erhielt sie im Herbst 1976 die "Goldene Nofretete". Lina Carstens starb vergangenen Freitag in München.
Rudolf Nebel, 84. Als 1931 sein Feuerrohr "Mirak 2" ungesteuert 50 Meter hoch stieg, dachte er schon an bemannte Raumstationen. Der Sprengstoffchemiker und Feuerwerksfabrikant hatte 1930 das erste Raketentriebwerk mit Flüssigtreibstoff gezündet; im selben Jahr gründete er auf dem Gelände der ehemaligen Reichs-Munitionsanstalt den ersten Raketenversuchsplatz der Welt, sein Fahrer wurde Wernher von Braun (Photo r. mit Nebel. 1930). Das NS-Regime verhaftete Nebel im Zusammenhang mit dem Röhm-Putsch. beschlagnahmte seine Patente und übertrug von Braun die Entwicklung der V-Waffen. Nach Kriegsende kämpfte Nebel ohne sonderlichen Erfolg um Wiedergutmachung. Zu seinem Prozeß trug von Braun die Beurteilung bei, daß Nebel "einer der dynamischsten und erfolgreichsten Pioniere in der Raketenforschung und Raumfahrt war". Nebel starb am vergangenen Montag in einem Düsseldorfer Krankenhaus.

DER SPIEGEL 39/1978
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