16.10.1978

Nachts kamen Stalins Häscher

Die Ex-Kommunistin Ruth von Mayenburg erinnert sich an ihre Emigrantenjahre im Moskauer Hotel Lux

Wehner und Ulbricht, Togliatti und Dimitroff -- Hunderte von prominenten Kommunisten aus ganz Europa suchten vor dem Zweiten Weltkrieg Zuflucht im Hotel Lux in Moskau. In ihrer Heimat als Illegale verfolgt, zitterten sie vor Stalins Säuberungen. Eine ehemalige Lux-Bewohnerin schrieb jetzt die Geschichte des legendären Hotels.

Das Haus steht in Moskau an der Gorkistraße Nummer 10: ein altes, großes Hotel der minderen Intourist-Klasse mit dem unverfänglichen Namen "Zentralnaja".

Seit es der reiche Großbäcker Filippow um die Jahrhundertwende erbaute, hat es sein Äußeres kaum verändert. Noch immer drängen sich im Brotladen gleich neben dem überdachten Eingangsportal bis spät abends die Käufer, wie damals dinieren die Gäste im Restaurant an der Ecke.

Der Name allerdings ist neu. Kein Hinweis, keine Gedenktafel erinnert die Touristen heute daran, daß sie im früheren "Hotel Lux" nächtigen -- jenem legendären Quartier der Kommunistischen Internationale, das den ausländischen Delegierten von fünf Weltkongressen der Komintern Logis bot, in den dreißiger Jahren Hunderte von exilierten Kommunisten aus ganz Europa aufnahm und, je nach Standpunkt, als Heimstatt der Weltrevolution geliebt oder als bolschewistisches Rattennest gehaßt und gefürchtet wurde.

Obwohl das Haus solcherart in die Geschichte des Kommunismus eingegangen ist, hat sich bisher niemand getraut, seine Historie aufzuzeichnen. Denn die konspirativen Regeln, die das Zusammenleben der prominenten Gäste beherrschten, versperrten jedem Außenstehenden den Zugang zu dem verwirrenden Puzzle von Deck- und Parteinamen, hinter denen sich die Bewohner verschanzten.

Und wer von den Überlebenden noch Bescheid weiß, Jugoslawiens Marschall Tito etwa oder der SPD-Fraktionsvorsitzende Herbert Wehner, schweigt.

So verwundert es nicht, daß die ersten halbwegs vollständigen Erinnerungen an das Hotel Lux jetzt von einer Autorin stammen, die, obwohl mit Insider-Kenntnissen bestens gerüstet, zeitlebens doch eine Außenseiterin unter den ehemaligen Lux-Bewohnern und in der kommunistischen Bewegung geblieben ist: Ruth von Mayenburg, die sieben Jahre lang, von 1938 bis 1945, zusammen mit ihrem Mann, dem 1972 verstorbenen österreichischen Kommunisten Ernst Fischer, Zimmer Nummer 271 im fünften Stock des Lux bewohnte. Nächste Woche bringt Bertelsmann ihr Buch auf den Markt*.

Fünf Jahre lang trug die heute 71 jährige Wienerin Material zusam-

* Ruth von Mayenburg: "Hotel Lux" C. Bertelsmann Verlag, München; 352 Seiten: 32 Mark.

men; eigene Erlebnisse ergänzte sie durch Gespräche und Korrespondenzen mit alten Bekannten. Die Recherchen erwiesen sich als überaus mühselig: Manchen Zeugen trübte ideologische Befangenheit die Erinnerung, anderen schließt noch heute die Angst vor dem KGB den Mund.

Dennoch gelang es der Autorin, "den eingemauerten Gespenstern der Vergangenheit ein menschliches Antlitz" aufzustülpen. Dabei schrieb sie nicht einmal alles auf, was sie mit den Größen der Weltrevolution erlebte. Im Gespräch gibt die Dame mit dem präzisen Gedächtnis noch mehr preis.

Ihre Herkunft prädestinierte die k. u. k.-Adelstochter Ruth von Mayenburg nicht gerade zum kommunistischen Untergrundkämpfer, wie sie schon in ihren 1969 erschienenen Lebenserinnerungen "Blaues Blut und rote Fahnen" schrieb. Der Vater besaß mehrere Kohlengruben in Böhmen. ihr Onkel war der Apotheker und Chlorodont-Millionar Ottomar Heinsius von Mayenburg.

Mit 13 verlobte sie sieh heimlich an der Hochieitstafel ihrer Schwester FeE mit einem Herrenreiter und späteren SA-Führer namens Hansi von Herder. Als sie 23 war, scheiterte ihre Liaison mit einem anderen Edelmann. Alexander-Edzard von Asseburg-Neindorf. am Einspruch des Generals Kurt von Hammerstein-Equord, damals Chef der deutschen Heeresleitung.

Die junge Ruth flüchtete tu einer Zufallsbekanntschaft nach Wien: Ernst Fischer. Redakteur der "Arbeiter-Zeitung" und Verfechter einer radikalen Linie innerhalb der SPÖ.

Der neue Bräutigam schleppte sie eines Tages tu einer Veranstaltung des Sozialisten-Chefs Otto Bauer. Da es sich um eine geschlossene Versammlung handelte, trat Freundin Ruth. um Einlaß tu bekommen. kurterhand der Partei bei.

Nach dem gescheiterten Antstand des österreichischen "Schutzbundes" gegen das Dollfuß-Regime 1934 wechselte das Ehepaar von der zerschlagenen SPÖ in die kleine KPÖ über und floh in die Sowjet-Union. Während Ernst als Redakteur bei der "Kommunistischen Internationale" unterkam, verdingte sich Ruth, zum Entsetzen ihres Mannes, bei der 4. Abteilung des Generalstabes der Roten Armee -- dem militärischen Nachrichtendienst der Sowjets.

Drei Jahre lang spionierte sie in Hitler-Deutschland, bis 1937 plötzlich die Aufträge ausblieben: Stalin hatte sein Offizierskorps gesäubert, dabei fielen auch die Köpfe der 4. Abteilung. Ruth Fischers Dienststelle meldete sich nicht mehr.

Als arbeitsloser Major der Roten Armee stieg die Genossin im April 1938 in Moskau aus dem Zug. Zusammen mit ihrem Mann, der sie am Bahnsteig abholte, fuhr sie im Taxi zum Lux -- ihrem künftigen Domizil.

Kaum hatte sie das Hotel durch den Hintereingang betreten, als sie auch schon dessen erste Besonderheit kennenlernte: Vor dem prachtvoll im Jugendstil vergitterten Fahrstuhl stand eim revolverbewehrter Wächter und verweigerte ihr den Zutritt. Die "Nette" besaß noch keinen Hausausweis, und ohne "Propusk" gelangten selbst hochrangige Komintern-Funktionäre nicht ins Lux hinein.

Erst nachdem Fischer seine Frau bei der Kommandantur angemeldet hatte, durften die beiden zu ihrem Zimmer hinauf. Im halbdunklen Korridor des fünften Stocks sah Ruth als ersten Hotel-Gast eine junge Frau, die eine schwarze Katze im Arm hielt: Lotte Funk, die damalige Frau des Komintern-Bediensteten Kurt Funk, der in Wahrheit Herbert Wehner hieß, was Ruth von Mayenburg freilich erst lange nach dem Krieg erfuhr.

Die beiden Paare verband bald -- eine Seltenheit unter den mißtrauischen Lux-Bewohnern -- enge Freundschaft. Nahezu jeden Abend, erinnert sich Frau von Mayenburg, gingen Fischers zu Wehners hinüber und debattierten in dem "von Pfeifenrauch, Kaffeedunst und Katzengeruch" durchzogenen Zimmer über Politik.

Mit Vorliebe schimpfte Wehner über "reinen Konkurrenten Walter Ulbricht, dessen rechthaberische Selbstsicherheit (bevorzugte Redensart: "Fakt ist Fakt!") er verabscheute. Wehner, der an der Spaltung der deutschen Arbeiterbewegung wie kein zweiter litt, bekämpfte in Ulbricht den Sektierer. der zwar nach außen die Volksfront-Einheit verteidigte, durch seine plumpe, besserwisserische Art aber alle Annäherungsversuche der Kommunisten an die Sozialdemokraten zerschlug.

Ruth Wieden (so der damalige Deckname der Mayenburg) teilte das harsche Urteil ihres Freundes Wehner nicht ganz. Gewiß entging ihr nicht, daß Ulbricht den Typus des grobschlächtigen Partei-Apparatschiks fast chemisch rein verkörperte. Aber sie schätzte an dem späteren SED-Generalsekretär das "unkleinbürgerliche" Familienleben: Ulbricht hatte sich in Moskau von seiner ersten Frau, einer Französin namens Rose Michel (Tochter Mimi sah dem Vater verblüffend ähnlich), getrennt und sich Lotte Kühn zugewandt.

Ritterlich protegierte er. seine verzweigte Sippe, indem er nicht nur seiner Ex-Frau weiterhalf, wo er konnte, sondern sich auch für seinen Vorgänger bei Lotte Kühn, den zeitweilig in Ungnade gefallenen Erich Wendt, einsetzte.

Ohnehin lag die Verbindung von Eros und Sozialismus" der Genossin Wieden stets besonders am Herzen. Amüsiert beobachtete sie, daß Wilhelm Pieck, der formelle Chef der KPD, hinter dem Paneel in seinem geräumigen Lux-Zimmer "keine kostbaren Bücher" verbarg, sondern "Reproduktionen von nackten Frauengestalten und sonstige erotische Stimulantien". Selbst vor zärtlichen Attacken auf seine Schwiegertochter schien ihr der rüstige Witwer nicht zurückzuschrecken, derweil sein Sohn Arthur von den NKWD-Organen (Stalins Staatssicherheitsdienst) einvernommen wurde.

Dagegen suchte Georgi Dimitroff. der Held des Leipziger Reichstagsbrand-Prozesses und allseits verehrte Komintern-Generalsekretär, Entspannung eher im Gemeinschaftsbad. Da die Benutzung nach Geschlechtern getrennt war, blieb er gerne über den Männertermin hinaus in der Wanne sitzen und weidete sich am Kreischen der ahnungslos eintretenden Frauen.

So richtig lustig, erzählt Frau von Mayenburg. sei es allerdings nur in der Frühzeit zugegangen, als der Moskauer Parteisekretär Ossip Pjatnitiki auf die Idee kam, das Lux zum exklusiven Absteigequartier für die ausländischen Delegierten des 3. Komintern-Kongresses 1921 zu machen. Bei der Vorbereitung übersah er, daß die vielen Ausländer einen gewissen Teil der weiblichen Bevölkerung Moskaus geradezu magnetisch anziehen würden. Vornehmlich Frauen der entmachteten besseren Klassen, die in jenen Hungerjahren bittere Not litten, belagerten beharrlich das nur schwach verteidigte Hotel.

Selbst Ernst ("Teddy") Thälmann, der spätere Vorsitzende der KPD, so die Mayenburg, habe der Versuchung zum nackten Klassenkampf nicht widerstehen können. Vor seinen entrüsteten Betreuern habe er eines Kongreßmorgens beim Frühstück geprahlt: "Wat sagt ihr -- heut' hab' ich für 'ne Dose Kondensmilch mit 'ner Großfürstin gepennt!"

Manche Delegierte ließen sieh von ihren Bett-Genossinnen gar überreden, mit ihnen aufs Bezirksstandesamt zu gehen und sich "registrieren" zu lassen. Bei der damals von den Sowjets radikal vereinfachten Eheschließung fragte niemand, ob der Bräutigam nicht schon Frau und Kind zu Hause hatte.

Die Vermählungen schienen ein Geschäft für beide Seiten: Die Männer gingen kein Risiko ein, weil die sowjetischen Gesetze im Ausland nicht anerkannt wurden; die Frauen, bis dahin oft obdachlos, bekamen einen Wohnraum im Lux zugewiesen, den ihnen das Gesetz auch nach der Abreise des Gatten garantierte.

Nach Kongreßschluß freilich entpuppten sich die Sowjets als Spielverderber. Sie beauftragten den Schweizer Jules Humbert-Droz, der zusammen mit dem Ungarn Mátyás Rákosi und dem Finnen Otto Kuusinen ins Komintern-Sekretariat berufen worden war, mit der Delogierung aller ins Lux Eingeheirateten.

Der puritanische Schweizer, ein früherer Pastor, trieb "die Sünde wider den heiligen Geist der Revolution" (Mayenburg) mit innerem Eifer und gerechtem Zorn aus. Doch die gesetzwidrige Säuberung wurde ihm nur schlecht gedankt. Als der Ex-Pastor sich sieben Jahre später erfrechte, ketzerische Ansichten zu äußern, sprang Stalin, der ehemalige Priesterseminarist aus Tiflis, wütend auf, beschimpfte den entsprungenen Bruder und brüllte: "Geh zum Teufel!"

Wenn es den Sowjets auch gelang, den Strich rund ums Lux zu verdrängen, die Techtelmechtel der an- und abreisenden Genossen mit den Komintern-Stenotypistinnen und Sekretärinnen konnten sie nicht unterbinden. Karl Radek, im Kreml zuständig für Propaganda mit dem Spezialgebiet "Deutsche Revolution", kommentierte das Dolce vita ironisch: "Das ist unser Beitrag zur Evolution der Menschheit -- vom Matriarchat übers Patriarchat zum Sekretariat!"

Auch politisch hatten die Bolschewiki ihre ausländischen Freunde auf dem 3. Kongreß noch nicht fest im Griff. Als Lenin während der 17. Plenarsitzung im Thronsaal des Kremls den Genossen vorsichtig auseinandersetzte. daß er angesichts des wirtschaftlichen Ruins zu einem gemäßigten "Staatskapitalismus", der Neuen Ökonomischen Politik, zurückkehren wolle, munkelten die Delegierten abends im Lux von Verrat: "Die Russen verkaufen uns, sie stärken unsere Kapitalisten!"

Der deutsche KP-Abgeordnete Sachs nahm in seiner Erwiderung auf Lenin quasi eurokommunistische Argumente vorweg: Hellsichtig prophezeite er einen gewissen Gegensatz "zwischen den Interessen der revolutionären Arbeiter in westlichen Ländern und den Interessen der Sowjetmacht". wenn die russische KP "auf dem jetzigen Wege, der sehr scharf bestimmt und nach unseren Gefühlen zu scharf bestimmt ist von den Interessen der russischen Staatspolitik", so weitermache.

Doch Beispiele solchen Freimuts fanden sich immer seltener. 1927 weigerte sich auf einer außerordentlichen Komintern-Sitzung von allen Delegationen nur noch die italienische unter ihrem Chef Palmiro Togliatti, ein Schreiben Trotzkis an das Politbüro der KPdSU blind zu verurteilen: Den Wortlaut kannten zwar die Russen. nicht aber die anwesenden Ausländer.

1935 auf dem 7. Weltkongreß der Komintern war es dann demselben Togliatti auferlegt. eine peinliche Huldigungsadresse an den großen Stalin, den "geliebten Führer des internationalen Proletariats und aller Unterdrückten", zu verlesen.

Im Namen aller Delegierten dankte er nunmehr dem allmächtigen Generalsekretär für dessen "Kampf gegen die konterrevolutionären Trotzkisten" und versprach, seinen Weisungen getreulich zu folgen.

Der Gepriesene hörte sich die Lobhudelei nicht einmal an. Kurz nach Kongreß-Eröffnung entfernte er sich vom Präsidiumstisch. über dem "in nie gesehenen Ausmaßen" (Mayenburg) die Köpfe von Marx. Engels und Lenin neben seinem eigenen hingen. und ließ sich kein zweites Mal vor seinen Verehrern mehr blicken.

So war, als Ruth von Mayenburg 938 ins Lux einzog, sexuell wie politisch das Lotterleben längst vorbei. Nun regierte schiere Angst die Genossen.

Ende 1934 hatte die mysteriöse Ermordung des Leningrader Parteisekretärs Sergej Kirow den Auftakt zu einer schrecklichen Verfolgungsjagd auf altgediente Bolschewiki gegeben. Neben ungezählten namenlosen Parteimitgliedern fiel ihr in den drei Schauprozessen zwischen 1936 und 1938 auch die Creme der alten russischen Revolutionsgarde zum Opfer. Sinowjew, Kamenew, Bucharin, Radek -- sie alle wurden trotzkistischer Verschwörungen angeklagt, hingerichtet oder in Lager verschleppt.

Die Säuberungskommandos machten vor der -- von Stalin als "Krämerladen" verachteten -- Komintern nicht halt. Nachts lauschten die Lux-Bewohner ängstlich auf die Schritte der Greiftrupps, die das Haus durchstreiften, und hofften, die Häscher möchten am eigenen Zimmer vorüberziehen und an die Tür des Nachbarn hämmern.

Zwar blieben die Komintern-Spitzen wie Dimitroff. Kuusinen und Pieck verschont. Aber es gelang ihnen auch nicht, ihre Herde zu beschützen. Dimitroff sah zu, wie seine beiden Mitangeklagten im Reichstagsbrand- Prozeß. Blagoi Popoff und Wassil Taneff, zeit-

* Bei einer Moskau-Reise.

weilig in den Kellern des NKWD-Gefängnisses verschwanden; Kuusinen. behauptet Ruth von Mayenburg. tat nicht einmal etwas für seine Frau Aino. und Pieck konnte nicht verhindern, daß die Sicherheitsorgane der stärksten Ausländergruppe im Haus. den Deutschen, in solchem Maße zusetzten, daß in Moskau der Spruch umlief: "Was die Gestapo von der KPD übriggelassen hat, das hat die NKWD aufgelesen."

Im Herbst 1938 kam Ernst Fischer eines Abends "leichenfahl" von der Komintern-Arbeit zurück ins Lux. Aus einem Kassiber, von dem verhafteten Österreicher Gustl Deutsch aus dem Gefängnis geschmuggelt, hatte er erfahren, daß dieser ihn unter der Folter schwer belastete: Fischer sei an einem Mordanschlag auf Stalin beteiligt gewesen.

So grotesk die Beschuldigung war -- Fischer rannte sofort zu Dimitroff und bat um Hilfe. Der Komintern-Chef sagte zu: "Sie werde ich retten können. aber die anderen ...?"

Kurz vorher war einem weiteren Österreicher, Franz Lang alias Rosner. der beim Leipziger Prozeß für Dimitroff als Entlastungszeuge ausgesagt hatte, ein makabres Mißgeschick widerfahren. Als eines Nachts die "Organe" wie gewöhnlich die Korridore des Lux durchstreiften, klopften sie auch an Langs Zimmer. Eilends packte seine Frau Luzy ein Köfferchen mit dem Nötigsten, und wie Dutzende vor ihm wartete der Genosse brav vor der Tür, bis er abgeholt werden sollte.

Doch als die Geheimen zurückkamen, fuhren sie ihn an: "Was stehen Sie hier herum?" Der erwiderte, so habe man es ihm doch befohlen. "Welche Zimmernummer haben Sie?" -- "Nr. 13". -- "Heute sind bei uns nur die geraden Nummern dran!" Fassungslos legte sich Genosse Lang wieder zu Bett. An seine Zimmertür pochten die "Organe" nie wieder.

Manche Genossen entzogen sich der drohenden Verhaftung lieber durch Selbstmord. Dabei nahmen sie, erinnert sich Frau von Mayenburg, "noch in der letzten Minute ihres Lebens ... diszipliniert Bedacht auf die Würde des Hauses" und stürzten sich lieber aus den Hinterzimmern in den Hof hinab als auf den Gehsteig an der Vorderfront des Hotels, wo der autschlagende Körper unziemliches Aufsehen erregt hätte.

Vom Todessprung eines finnischen KP-Führers (es handele sich um Antikainen, hieß es im Lux, der nach dem Winterkrieg 1939/40 aus finnischer Haft freigekommen war und in die Sowjet-Union hatte ausreisen dürfen). sah sie "trotz eiligst frischgeschrubbter Hoffläche noch blutige Knochensplitter. rosagefärbte Wasserlachen, als ich zufällig den Hof betrat, um Sägespäne zu holen".

Antikainen habe sich der bevorstehenden Festnahme entziehen wollen, behauptete man, "weil er sich wahrscheinlich schuldig fühlte".

Auch Ruth von Mayenburgs von Natur aus heiteres Gemüt konnte sich der Angst, die wie eine "Seuche"

im Lux umging, nicht immer ganz erwehren. Ihr Gewissen plagte sie, weil sie ihre marxistischen Kenntnisse weniger der Lektüre der Klassiker verdankte als den Schriften des verfemten Stalin-Gegners Leo Trotzki.

Gewiß war sie keine Anhängerin Trotzkis. "geschweige denn eine Genossin, die seinen oppositionellen Kampf gegen das Sowjet-Regime und Stalin verstand und guthieß". Aber nachdem sie Kommunistin zunächst nur aus Liebe zu Ernst Fischer geworden war, hatten Trotzkis Bücher sie erst zur wirklichen Revolutionärin gemacht.

Jetzt grübelte sie, wie sie "Gelesenes ungelesen" machen könne -- und faßte einen Entschluß, der den meisten Lux-Bewohnern abwegig vorgekommen wäre: "Wenn sie sich unterstehen sollten, die NKWD-Leute, vor denen das halbe Lux in den letzten Jahren in Angstschweiß ausgebrochen war, an unsere Zimmertür zu pochen -- ich werde sie mit Fäusten, mit Zähnen und Krallen angehen, brüllen und schreien. Wenigstens das werde ich tun!"

Es wäre eine wohl einmalige Demonstration gewesen. Denn was ein aufrechter Genosse war, ließ sich wie ein Schaf abführen bis zuletzt vom Glauben besessen, in der Sowjet-Union könne ihm kein Unrecht geschehen.

Bei manchen Überlebenden ist das Vertrauen in die Unfehlbarkeit des ersten Arbeiter-Staats noch heute ungebrochen. Ende der dreißiger Jahre holten am hellichten Tage "zwei große schwarze Männer" das Hausfaktotum des Lux, allgemein nur der "alte Richter" genannt, ab. Er wurde nie wieder gesehen. Sein Sohn. Schüler der Lenin-Schule, die junge Kommunisten zu prinzipienfesten Kadern ausbildete. lebt als SED-Funktionär in der DDR und sagt noch heute unbeirrt: "Der Alte wird schon etwas angestellt haben, sonst hätten sie ihn nicht geholt!"

Die Genossin Wieden allerdings ängstigte sich umsonst. Die Spitzenführer der Komintern liebten den bunten Paradiesvogel aus altösterreichischem Adel, der ihnen da zugeflogen war, zu sehr, als daß sie seine Beschädigung widerstandslos hingenommen hätten: Walter Ulbricht verhehlte nicht, daß er "mich gern hatte"; Pieck, ein gelernter Tischler, schenkte ihr ein selbstgezimmertes "Katzenkisterl"; Dimitroff pflegte sie durch die Luft zu wirbeln und voll Bewunderung auszurufen: "Ha, was für ein prachtvolles Mädchen!": und sein russischer Assistent Boris Ponomarjow, heute im ZK der KPdSU mit der Kontrolle aller kommunistischcn Parteien außerhalb des

* Von l. nach r. sitzend: Dimitroff, Togliatti, Florin, Wang Ming: stehend: Kuusinen, Gottwald, Pieck, Manuilski.

Sowjetblocks betraut, verfolgte sie gar mit schüchterner Liebe.

Unter flüchtig hingehauchten Küssen schob Ponomarjow der Genossin Ruth in kargen Zeiten schon mal ein Stück Kuchen zu, und eines Tages bat er die überraschte Dame gar darum. eine vertrauliche Frage stellen zu dürfen. Ob es wirklich stimme, begehrte der Junggeselle zu wissen, daß "bei euch zu Hause Mann und Frau das Licht nicht auslöschen, wenn ..." Ruth bejahte fröhlich, und der Russe zeigte sich über soviel westliche Verruchtheit schockiert.

Endgültig atmeten die Bewohner des Lux nach überstandener Säuberung erst auf, als Ende August 1940 die Nachricht von der Ermordung Trotzkis aus Mexiko eintraf. Die "Prawda" berichtete, ein enttäuschter Anhänger habe die Tat verübt. Im Komintern-Stab ahnte kaum jemand, daß der Eispickel-Mörder Jacques Mornard alias Ramon Mercader in Wahrheit ein Abgesandter Stalins war.

Die Memoiren-Schreiberin schildert den gespenstischen Jubel, den das Verbrechen im Lux auslöste: "Auf den Korridoren standen die Türen offen. einer lief zum anderen: "Hast du schon gehört? Er wurde umgebracht, der Verbrecher! -- Wer denn"? -- Na. Trotzki ...! -- Endlich! Jetzt kann er kein Unheil mehr anrichten ... Wir sind ihn los, wir sind ihn los ...! Genossen, die sich sonst kaum kannten, waren nahe daran, sich um den Hals zu fallen."

Auch Ernst Fischer, für seine Frau "ein Mensch, der nicht einmal fähig war, eine Motte zwischen den Fingern zu zerquetschen", überschlug sich in begeisterten Ausrufen: "Erschlagen hat man ihn, erschlagen wie einen tollen Hund, mit einer Axt oder so was, erschlagen! Das war der richtige Tod für diesen Teufel! Historisch richtig, verstehst du, der mußte erschlagen werden! (mit Geste)"

Mit dem Tod des alten Stalin-Widersachers kehrte ins Lux wieder Ruhe ein. Doch nicht für lange: Zehn Monate später begann Hitlers Angriff auf die Sowjet-Union.

Wie jedes Jahr waren die Lux-Hewohner auch in diesem Sommer 1941 vor der brütenden Hitze Moskaus in die eigens für die Komintern reservierte Datschen-Kolonie Kunzewo, etwa zwölf Kilometer südwestlich der sowjetischen Hauptstadt. geflüchtet. Das Gelände. ungefähr zwei bis drei Quadratkilometer groß. war von Mauer und Drahtzaun umgehen; bewaffnete Wächter beschützten die prominenten Gäste rund um die Uhr.

Die scharfen Sicherheitsmaßnahmen waren ein Relikt aus jener Zeit, wo noch Banditen-Horden in den Wäldern rund um Moskau streunten. In den späten zwanziger Jahren hatten sie einmal des Nachts Palmiro Togliatti und Bohumir Smeral, den Chefs der italienischen und der tschechischen KP. sämtliche Kleider geraubt. Während Togliatti schamhaft unter dem Bettlaken auf Hilfe wartete, raufte sich Smeral verzweifelt die Haare: Für seine trotz der kargen Zeiten riesige Leibesfülle war so leicht kein Beinkleid passender Größe aufzutreiben.

Im Kunzewo des Jahres 1941 aber waren die Wachen nicht dazu da, Diebe fernzuhalten, sondern neugierige Zaungäste. Die Abschirmung galt zuvörderst einem Mann, von dem es offiziell stets hieß, er führe den Widerstandskampf in Frankreich gegen Hitlers Truppen: dem französischen KP-Vorsitzenden Maurice Thorez.

Schon bald nach Ausbruch der Feindseligkeiten im Westen hatte sich Thorez von der französischen Armee abgesetzt, um nach Rußland zu fliehen. Den Sowjets war der Gast nicht eben willkommen. Solange der Nichtangriffspakt mit Hitler galt, sahen sie im Generalsekretär der KPF nur einen potentiellen Störenfried -- und bestanden deshalb auf striktem Inkognito.

Die Nachricht vom Kriegsausbruch platzte mitten in die beschauliche Sommerfrische. Eines frühen Sonntagmorgens, es war der 22. Juni 1941, rannte der stellvertretende t eiter der Kornintern-Presseabteilung, der Österreicher Friedl Fürnberg, von Datscha zu Datscha und rief den Schlafenden zu: In der Nacht habe die Wehrmacht an mehreren Stellen die sowjetische Grenze überschritten.

Um 12 Uhr mittags versammelten sich die Datschniki zum Gemeinschaftsempfang der Rundfunkansprache Molotows. Konsterniert lauschten die Revolutionäre der "stockenden, stotternden Stimme" des Außenministers und rätselten, warum nicht ihr Oberkommandierender Stalin seinem Volk Mut zusprach.

Der schwieg noch zwölf Tage lang. Doch als am 3. Juli dann seine ersten Worte aus den Lautsprechern tönten. waren sie "mit solcher Wärme und Eindringlichkeit gesprochen, daß sie den ganzen Krieg hindurch Millionenmassen im Ohr behielten". Begeistert stürzte Pilar Hernández, die Frau des spanischen Parteiführers José Diaz, in Ruths Zimmer und rief, obwohl sie kaum russisch verstand, ein ums andere Mal: "Großartig, er ist wirklich großartig! Hast du ihn gehört?"

Schon am ersten Tag des Überfalls bildete das Exekutivkomitee der Komintern eine Art "Kriegsrat" mit Dimitroff. Manuilski und Togliatti an der Spitze. Ende Juni fand auch die Genossin Wieden -- nach drei Jahren Untätigkeit -- wieder Verwendung: in der Presse- und Propagandaabteilung, die sich über Radio Moskau vielsprachig an die von den Nazis besetzten Staaten Europas wandte.

Ernst Fischer wurde Hauptkommentator für die deutsche Sektion, nachdem Dimitroff ihm zugesichert hatte, daß er keiner Zensur, auch nicht der Kontrolle von Pieck oder Ulbricht. unterliegen werde.

In der verbleibenden Freizeit richtete sich das Lux auf den Krieg ein. Am Wochenende in Kunzewo befehligte Ulbricht. Vorturner in Shorts und Hosenträgern schon damals, eine Kartoffelpflanz-Brigade (die freilich die Herbsternte nicht mehr erlebte); abends überwachte die zum Luftschutzwart ernannte Ruth von Mayenburg die Verteidigungsvorbereitungen gegen etwaige Bombenangriffe.

Die Deutschen taten sich, wie die Autorin weiß, beim Bereitschaftsdienst "besonders gewissenhaft" hervor. "Ulbricht und seine energische Lotte", sogar der alte Pieck schoben geduldig Wache, während Ruth vom Dach des Lux aus die angreifenden Flugzeuge beobachtete.

Schon beim "weiten oder dritten Durchbruch der Moskauer Flaksperre passierte es: Brandbomben fielen aufs Hauptgebäude und in den Hof des Hotels, richteten aber kaum Schaden an.

Am 16. Oktober 1941 -- die Wehrmacht war zur Schlacht um Moskau angetreten -- wurde das Lux evakuiert. Vom Kursker Bahnhof aus rollten die Komintern-Genossen 1300 Kilometer weit nach Osten -- in die Hauptstadt der Baschkirischen Autonomen Sowjetrepublik Ufa.

Die Propaganda-Arbeit ging weiter: Vom Sender Ufa aus verlas die spanische Bürgerkriegsheldin Dolores Ibárruri ("La Pasionaria") ihren berühmten "Aufruf an alle Frauen der Welt"; gleich anschließend sprach ihn Ruth von Mayenburg kaum minder leidenschaftlich auf deutsch ins Mikrophon.

Doch auch die kleinlichen Parteiintrigen unter Emigranten hörten nicht auf. In Ufa fand 1942 hinter verschlossenen Türen das Parteiverfahren gegen Herbert Wehner statt, der in Schweden von der Polizei verhaftet worden war. Niemand erfuhr, wer die Untersuchung beantragte und leitete. Wehner sei bei den PoliLeiverhören in Stockholm "umgefallen", hieß es lediglich, und man habe Gründe genug, ihn aus der Partei zu verstoßen.

Im Februar 1942 reiste das Ehepaar Fischer wieder in die sowjetische Hauptstadt zurück. Nach und nach trafen alle Lux-Genossen aus Ufa ein und nahmen ihren Dienst bei Radio Moskau wieder auf.

Die Schlacht um Moskau hatte den Propagandisten neues Material in Säcken "voll grausigen, oft blutbeschmierten Inhalts" geliefert: Feldpostbriefe gefallener oder gefangengenommener deutscher Soldaten.

Nach Stalingrad schwoll die Beutepost zu ungeheuren Mengen an. Die Komintern schöpfte viele nützliche Informationen daraus -- über den Widerstand in den besetzten Gebieten. die Wirkung der alliierten Bombenangriffe auf die deutschen Städte. Mangelerscheinungen und Kriegsmüdigkeit in dei Zivilbevölkerung.

Oft genug dokumentierten die Briefe auch die Sprache des Unmenschen -- etwa wenn von Partisaneneinsätzen die Rede ging. "gefährlich. aber spaßig, die Kerle aufzuhängen, daß sie gerade mit den Fußspitzen nicht mehr den Boden erreichten".

Am 15. Mai 1943 löste sieh die Kommunistische Internationale sang- und klanglos auf. Auch wenn der Krieg noch zwei Jahre (lauern sollte -- die Sowjets hatten erkannt, daß sie auf der Siegerseite standen. Nicht mehr die Komintern. die Rote Armee würde jetzt die Revolution ins Ausland exportieren. Die Geschichte des Lux ging zu Ende.

Die Genossin Wieden kehrte dorthin zurück, wo sie neun Jahre zuvor ihre sowjetische Karriere begonnen hatte: Manuilski holte sie in die Politische Hauptverwaltung der Roten Armee.

Im Offiziersgefangenen-Lager Jelabuga warb Ruth von Mayenburg für die Aufstellung sogenannter Antifa-Komitees: sie bekam Kontakt mit dem "Nationalkomitee Freies Deutschland" und agitierte an der Front über Laut sprecher bei den deutschen Landsern gegen Hitlers Krieg.

Im Herbst 1944 begannen sich die Zimmer im Hotel Lux allmählich zu leeren. Togliatti verschwand ohne Abschied nach Italien, Ana Pauker nach Rumänien. Die Deutschen und die Österreicher mußten sich noch etwas gedulden.

Der Boß im Kreml wußte den Beitrag des Lux zum Sieg durchaus zu schätzen. Im April 1945 prasselte "ein goldener und silberner Ordensregen" über die verdienten Gäste nieder. Nur wenige gingen leer aus -- darunter ausgerechnet die Genossin Ruth. Sie hatte versäumt, sich als "Kader" auf einem Karteiblatt registrieren zu lassen, und war deshalb für die sowjetischen Behörden nicht existent.

Wenige Wochen später flog sie dem vorausgereisten Ernst Fischer ins befreite Wien nach. "Sie haben für die Sowjet-Union gekämpft -- tun Sie es weiter!" beschwor Dimitroff sie zum Abschied.

Ruth von Mayenburg beherzigte den Rat nur zum Teil. In den fünfziger Jahren ließ sie ihre Mitgliedschaft in der KPÖ einschlafen, indem sie die Beitragszahlungen einstellte. Von Ernst Fischer (der sich erst 1969 von der Partei lossagte) wurde sie 1954 geschieden.

Aber es kam nie zum offenen Bruch mit dem Kommunismus. Zur Sowjet-Union hat sie, wie sie sagt, noch immer ein "unbefangenes" Verhältnis. Und mit alten Bekannten aus Moskau, die sie in Wien gelegentlich aufsuchen. pflegt sie herzlichen Umgang.

Die Sowjet-Union, Moskau und das Hotel Lux allerdings sah Ruth von Mayenburg nie wieder: "Man sollte nicht zum Schauplatz seiner großen Liebe zurückkehren."


DER SPIEGEL 42/1978
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