16.10.1978

SOWJET-UNiONErgebnis von Trunkenheit

In der Sowjet-Union werden Arbeitskräfte immer knapper. Vor allem in neuen Betrieben bleiben viele Arbeitsplätze leer.
In Saratow, 850 Kilometer südöstlich von Moskau, lief die Produktion in einem neuen Werk zur Herstellung synthetischen Alkohols nur sehr mühsam an: 1400 Planstellen waren nicht besetzt.
Auch in Sumgait nahe dem Kaspischen Meer kam ein neuer Chemiebetrieb nicht wie geplant in Schwung: Nur für jeden vierten Arbeitsplatz fand sich ein geeigneter Bewerber.
In Nerjungri, einer sibirischen Bergbaustadt mit 47 000 Einwohnern, ist das Produktions-Soll ohne 4000 zusätzliche Arbeitskräfte ebenfalls nicht zu schaffen. Und in der metailverarbeitenden Industrie der Sowjet-Union liegen im Schnitt etwa 20 Prozent der Kapazitäten brach, weil Arbeiter zur Bedienung der Maschinen fehlen.
Zu einer Zeit, da sich westliche Regierungen erfolglos mühen, für Millionen Arbeitslose neue lobs zu schaffen, sind im 261 Millionen Einwohner starken Sowjet-Staat Arbeitskräfte knapp. Nach den Analysen westlicher Ökonomen wird dieser Arbeitskräfte-Mangel, der schon jetzt das sowjetische Wirtschaftswachstum bremst, in den achtziger Jahren noch weit stärker werden.
Für "möglicherweise katastrophal" hält Murray Feshbach. Sowjet-Fachmann im US-Handelsministerium, den auf nur 0,5 Prozent pro Jahr geschätzten Zuwachs des Arbeitskräfte-Potentials im Jahrzehnt ab 1980 (Beschäftigten-Plus 1977: 1,5 Prozent). Denn mit einem fast stagnierenden Heer von Werktätigen (gegenwärtige Beschäftigtenzahl: etwa 120 Millionen) wird die arbeitsintensive sowjetische Planwirtschaft nur noch sehr schwer auf Expansion zu programmieren sein.
"Wir bereiten uns darauf vor", versichert dagegen Leonid Kostin, Vize-Vorsitzender des Staatskomitees für Arbeit und soziale Fragen, "und wir erwarten keine Tragödie."
Gegen das geringe Bevölkerungs-Wachstum -- eine der Hauptursachen des Arbeitskräfte-Mangels -- hilft allerdings keinerlei Vorbereitung mehr. Schon seit Vorkriegs-Zeiten haben die Geburtenraten in der Sowjet-Union abgenommen. In den vergangenen sieben Jahren wuchs die Sowjet-Bevölkerung nur noch um durchschnittlich 0,9 Prozent pro Jahr.
Durch Rückgrift auf bislang ungenutzte Arbeitskraft-Reserven wie unterbeschäftigte Hilfskräfte in der Landwirtschaft konnten Moskaus Wirtschaftsplaner Personal-Engpässe zwar zunächst vermeiden. Aber dieses zusätzliche Arbeitskräfte-Reservoir ist nun nahezu erschöpft.
Rund 90 Prozent aller Arbeitsfähigen arbeiten oder studieren", gibt Irina Manykina von der Zentralen Statistischen Verwaltung in Moskau an.
Eine weitere Mobilisierung zum Kampf an der Arbeitsfront ist daher nur noch in bescheidenem Umfang möglich. So werden junge Freiwillige während der Ferien zur Arbeit an besonderen Projekten wie dem Bau von Anlagen für die Olympischen Spiele 1980 in Moskau eingesetzt. Soldaten reparieren Straßen und helfen wie Studenten und Behördenangestellte regelmäßig bei der Ernte.
Der Moskauer Arbeitswissenschaftler Michail Sonin empfahl in der sowjetischen Zeitschrift "Wirtschaft und Recht", das Mindestalter für jugendliche Arbeiter von 16 auf 15 Jahre zu senken. Auch durch ein höheres Rentenalter (gegenwärtig 60 Jahre für Männer, 55 für Frauen) könnte die Personal-Lücke verringert werden.
Vor einem solch unpopulären Schritt scheuen Moskaus Personal-Strategen allerdings noch zurück. Statt dessen versuchen sie, pensionsreife Werktätige durch Doppel-Einnahmen zur Weiterarbeit zu verlocken: Die Alt-Aktiven erhalten neben dem Lohn auch Rente. In den vergangenen zehn Jahren arbeiteten fast zwei Millionen Veteranen über die Pensionsgrenze hinaus.
Vor allem aber wollen die sowjetischen Wirtschaftsplaner ihre Personalprobleme dadurch lösen, daß sie die vorhandenen Arbeitskräfte besser nutzen. Nach übereinstimmender Ansicht westlicher wie östlicher Experten könnte nämlich der Arbeitskräfte-Mangel durch bessere Organisation und Planung behoben, zumindest aber deutlich gemildert werden.
Nach den Planzahlen fehlten beispielsweise den Unternehmen in der russischen Sowjet-Republik 1977 über eine Million Arbeiter. "Diese Million", meint A. Maikow, Vize-Vorsitzender des Russischen Staatskomitees für Arbeit und soziale Fragen, könne schon durch höhere Automation, sorgfältigere Instandhaltung der Maschinen und bessere Betriebs-Organisation "gefunden werden".
Nach einer sowjetischen Schätzung gehen allein 28 Arbeitstage verloren, wenn ein Arbeiter zu einem anderen Betrieb wechselt. Durchschnittlich zehn Tage werden bereits für die ärztliche Untersuchung und das Beschaffen von Unterlagen gebraucht.
Da die Industrie-Arbeiter ihren Job sehr häufig wechseln, könnten durch eine nur halb so lange Umsetz-Dauer Hunderttausende von Arbeitskräften eingespart werden -- für Maikow "ein ganz vernünftiges Ziel".
Das Forschungsinstitut von Gosplan, der zentralen Planungsbehörde, entdeckte zuviel Leerlauf im Produktionsprozeß: Durch die Abschaffung der Pausen zwischen den Schichten könnte die Produktivität um zehn oder elf Prozent gesteigert werden.
Hohe Abwesenheitsquoten verschärfen den Arbeitskräfte-Mangel. Nach einem sowjetischen Rundfunkbericht verloren etwa die Unternehmen im litauischen Kaunas vergangenes Jahr über 29 000 Arbeitstage durch Nichterscheinen von Arbeitern im Betrieb -- und "die meisten Fehlzeiten", so wußten die Rundfunk-Journalisten, "sind das Ergebnis von Trunkenheit".
Noch höher als in der Industrie mit ihren auf insgesamt 20 Prozent geschätzten Arbeitszeit-Verlusten ist die durch Fehlzeiten und Organisationsmängel bedingte Arbeitskraft-Verschwendung auf dem Bau. "Die verfügbaren Statistiken zeigen nicht einmal die wahren Verluste", argwöhnt Wirtschaftsprofessor Sonin, "sie unterschätzen sie um das Zehnfache."
Zur Verknappung der für neue Projekte verfügbaren Arbeitskräfte tragen zudem der rasch wuchernde Verwaltungs- und Kontrollapparat der Behörden und die verfehlte Planungs-Praxis bei.
So stellen viele Unternehmen Güter minderwertiger Qualität -- beispielsweise Schuhe und Textilien -- einfach nur deshalb her, um ein bestimmtes Produktions-Soll zu erfüllen. Sie binden die Arbeiter damit in der Herstellung kaum nachgefragter Ware, statt sie für ökonomisch sinnvollere Vorhaben wie etwa die Erschließung neuer Energie- und Rohstoff-Quellen freizusetzen.
Die Betriebsleiter neigen ohnehin dazu, ihren Arbeitskräfte-Bedarf zu übertreiben und überflüssige Arbeiter nicht zu entlassen. Denn je größer die Belegschaft ist, desto höher sind meist Gehalt, Prämie und Status der Direktoren. Gegen die üblichen Ernte-Einsätze der Belegschaft und überraschende Plan-Auflagen sichern die Sowjet-Manager sich zudem gern durch eine Personal-Reserve ab.
So ziehen viele Sowjet-Planer wie West-Analytiker den nur scheinbar paradoxen Schluß, das Personal für neue Projekte sei nicht etwa knapp, weil die Sowjet-Union über zuwenig Arbeitskräfte verfüge, im Gegenteil: Die meisten Unternehmen hätten vielmehr immer noch viel zuviel davon.

DER SPIEGEL 42/1978
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