16.10.1978

INTELLIGENZSchwindel mit Zwillingen

Jahrelang tobte der Gelehrtenstreit, ob Intelligenz ererbbar oder nur angelernt sei. Jetzt wurde ein Kronzeuge der Vererbungstheorie als Fälscher entlarvt.
Alles an dem Mann, so pries der Wissenschaftler sein verstorbenes Vorbild, sei "von höchster Qualität" gewesen -- von der feinen Erscheinung bis zum unermüdlichen Forscherdrang.
Ein anderer Bewunderer und Schüler dieses "geborenen Edelmannes" lobte besonders die Unerbittlichkeit, mit der der berühmte Psychologie-Professor Verstöße gegen Logik und Sorgfalt geahndet habe: "Ungereimtes oder Schlampiges konnte er in Fetzen zerreißen."
Gegen weitaus Schlimmeres, nämlich den Vorwurf des bewußten Betruges, müssen jetzt die Forscher Arthur Jensen, 55, und Hans Jürgen Eysenck, 62, ihren 1971 verstorbenen Lehrer Sir Cyril Burt verteidigen: Burt, Begründer der Hypothese von der Vererbbarkeit der Intelligenz, hat die grundlegenden Daten seiner Untersuchungen manipuliert und gefälscht -- so beweist jetzt eine Analyse von Donald D. Dorfman, Psychologie-Professor an der Universität von Iowa.
Mit dem Denkmal Burt stürzen auch die Dogmen, die sich auf seine Forschungsergebnisse gründeten: Reiche seien klüger als Arme, Schwarze dümmer als Weiße. Diese Lehrmeinungen lösten, zuletzt auch vor zwei Jahren, politische Kontroversen aus, in denen Jensen und Eysenck sich den Vorwurf des Rassismus gefallen lassen mußten.
Kernstück des Burt-Erbes war eine Untersuchung aus dem Jahre 1961 über "IQ-Differenzen in verschiedenen sozialen Schichten". Angeblich hatte Burt einschlägige Fakten aus einem für ganz England repräsentativen Londoner Stadtteil über einen Zeitraum von rund 50 Jahren hinweg gesammelt.
Zwar Fahrlässigkeit, nie aber Betrug hatten die Vererbungstheoretiker bisher am Werk ihres Altmeisters bemängelt. Nun sind sie im Streit mit Kollegen anderer Richtungen endgültig unterlegen.
Jensen selbst war es, der 1972 Unstimmigkeiten in den Arbeiten des Sir Cyril bemerkte. Doch der Psychologe von der kalifornischen Berkeley-Universität nahm seinen britischen Gewährsmann sogleich in Schutz: Das nachlassende Gedächtnis habe dem alten Herrn Streiche gespielt.
Noch im gleichen Jahr nahm sich ein Jensen-Kollege, der Psychologie-Professor Leon Kamin von der Princeton University, die Burt-Veröffentlichungen vor: "Nach zehn Minuten kam ich unweigerlich zu dem Schluß, daß Burt ein Schwindler ist", erklärte Kamin.
Der Wissenschaftler stieß sich vor allem an Unwahrscheinlichkeiten in den Daten von Burts Zwillingsforschung: Über elf Jahre hinweg stimmten die Intelligenzquotienten getrennt aufgewachsener eineiiger Zwillinge, was wiederum die genetische Festlegung der Intelligenz untermauern sollte, genau überein -- allzu genau, wie Kamin fand. "Burts Arbeit war Schwindel mit politischer Absicht". schloß Kamin nach weiteren eingehenden Untersuchungen. Die Bewunderer des geadelten Professors beeindruckte er damit nicht -- sie fanden neue, rücksichtsvolle Entschuldigungen.
Indessen hatte der Streit um die Intelligenz in den USA und in Großbritannien zu heftigen Studentenprotesten geführt. Vorlesungsboykotts und Demonstrationen richteten sich gegen den Londoner Hochschullehrer Eysenck. gegen Jensen und seinen Harvard-Kollegen Richard J. Herrnstein, am heftigsten aber gegen den Nobelpreisträger William Shockley, Physikprofessor an der Stanford University in Kalifornien.
Von Shockley stammte der Vorschlag, Menschen mit geringem Intelligenzquotienten durch ein Prämiensystem zur freiwilligen Sterilisation zu bewegen -- Jensen begnügte sich damit, Förderprogramme für Negerkinder als sinnlos abzulehnen.
Das immer noch hochschulinterne Hickhack um Fahrlässigkeit oder Fälschung wurde zum öffentlichen Skandal. als 1976 die Londoner "Sunday Times" zwei vielzitierten Mitarbeiterinnen von Cyril Burt nachspürte. Ergebnis der Recherchen unter 250 Kollegen und ehemaligen Studenten von Burt: Niemand hatte die Stützen des greisen Forschers je gesehen.
Jensen sah nun die "Gefechte gegen die Vererbungslehre ins Maßlose ausgearter und schoß zurück: "Hirngespinste und Wunschträume ideologisch festgelegtei Psychologen: Kollege Eysenck roch gar Rufmord.
Was Eysenck seinem Lehrer als "Kavaliersdelikt verzieh, wird nun aber doch als Betrug in die Geschichte der Wissenschaft eingehen. Denn das gründliche Beweismaterial des US-Psychologen Dorfman entlarvt den Kronzeugen der Vererbungstheoretiker endgültig als Schwindler.
Bei der Durchleuchtung von Burts maßgeblicher IQ-Studie aus dem Jahre 1961 stellte Dorfman fest, daß Burt darin immer dieselben jahrzehntealten und selbstkonstruierten Zahlen benutzt hatte. Auf diese Weise frisierte er seine IQ-Graphiken gemäß seiner standesfixierten Weltanschauung.
So bestätigten die Kurven. woran Sir Cyril glaubte: Kinder von Arbeitern brächten es nie soweit wie Akademiker-Sprößlinge, Iren seien Engländern geistig unterlegen, und Männer lernten generell leichter als Frauen.
Die praktische Konsequenz solcher Theorien zeigte sich im englischen Erziehungsgesetz von 1944, nach dem das Schulsystem in drei qualitativ verschiedene Arten aufgegliedert wurde.
Zwei Jahre später wurde Burt zum Sir geschlagen -- für seine wissenschaftlichen Verdienste ("um das britische Erziehungswesen"), die ihm nun zum Spott gereichen. Eine satirische Variante des IQ-Streits steuerte schon der US-Wissenschaftler lan Phillips bei, Physiologe an der Universität von Iowa: Sir Cyril Burt, so die Krimiversion von Phillips, habe einen Zwillingsbruder mit gleich hohem IQ gehabt, dieser habe Cyril ermordet und in seinem Namen die Wissenschaft getäuscht.
Warum der wahre Cyril Burt -- in einem so auffälligen Gegensatz zu seinem vorgetragenen wissenschaftlichen Anspruch -- das Zahlenmaterial gefälscht hat, bleibt einstweilen rätselhaft. Nur eine Zunft, vermutet das amerikanische Wissenschaftsblatt "Science", könnte die Zahlenfälscherei des Psychologen Burt vielleicht erklären: die Psychologen,

DER SPIEGEL 42/1978
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