13.11.1978

SÜDAFRIKASpitze des Eisbergs

Aus einem Geheimfonds finanzierte Ex-Informationsminister Mulder eine regierungsnahe Zeitung. Jetzt stürzte er.
Eingeborene Schönheiten tingelten vor braungebrannten Herren aus Südafrika. Genießerisch schnalzten die Männer im luftigen Sommerdreß mit der Zunge, ihre Damen labten sich an den exotischen Cocktails der Seychellen-Inseln.
Mit derlei Lust-Reisen im luxuriösen Jet seines millionenschweren Industriellenfreunds Louis Luyt betrieb Eschel Rhoodie, Staatssekretär des Informationsministeriums in Pretoria, vorgeblich Politik. Der lebensfrohe Rhoodie erschien mal bei den Olympischen Spielen in Montreal (Rhoodie: "Nur ein Abstecher"), mal in westafrikanischen Hauptstädten ("Neue Freunde gewinnen") oder auch beim früheren Präsidenten Mancham der Seychellen ("Strategisch sehr wichtig") -- immer auf Kosten südafrikanischer Steuerzahler.
Zuweilen nahm auch Minister Cornelius Mulder an den vergnüglichen Politausflügen seines Staatssekretärs teil. Das wurde ihm jetzt zum Verhängnis. Am vergangenen Mittwoch mußte er abdanken, nachdem sein Untergebener bereits im Juni geschaßt worden war.
Die "unrichtige Verwendung von Steuergeldern in Millionenhöhe" entdeckte Richter Anton Mostert eher durch Zufall bei Nachforschungen über Devisenvergehen. "Das Ausmaß der Korruption", interpretierte Englands Boulevardblatt "The Sun" die richterliche Entdeckung, "droht Watergate wie ein Parkvergehen erscheinen zu lassen."
Tatsächlich betrieben die Informationsbeamten ein munteres Millionenspiel. So wurden beispielsweise dem Düngemittelfabrikanten Luyt zwölf Millionen Rand (nach damaligem Kurs 36 Millionen Mark) aus einem Geheimfonds des Ministeriums zugesteckt, mit denen die unbequeme, da liberale, englischsprachige Zeitungsgruppe "South African Associated Newspapers" (SAAN) aufgekauft werden sollte.
"Geld schien keine Rolle zu spielen", erinnert sich Luyt an die damalige Unterredung, an der neben Minister Mulder auch der frühere Chef der Staatssicherheitspolizei, Hendrik van den Bergh, teilnahm. Als Kompagnon, so Luyt, sei auch Westdeutschlands Axel Cäsar Springer im Gespräch gewesen.
Das Geschäft scheiterte an der Standhaftigkeit der SAAN-Herren, doch die beamteten Millionenhasardeure gaben nicht auf. Sie entschieden mit Billigung des vormaligen Premiers Balthazar Johannes Vorster, den SAAN-Blättern Konkurrenz zu machen -- durch eine neue regierungsfreundliche Zeitung, die Johannesburger "The Citizen" (Auflage derzeit: 71 000).
Rhoodie diktierte das Redaktionsstatut. "Die Zeitung wird nichts veröffentlichen, was die politische, soziologische oder wirtschaftliche Position der weißen Bevölkerung Südafrikas gefährden könnte", hieß es da zum Beispiel.
Die zwölf Millionen Rand Startkapital wurden als unverdächtige Anweisung der Zürcher "Thesaurus Continental Securities Corporation" ausgewiesen.
Trotz Auflagensteigerung machte der "Citizen" Verluste -- derzeit täglich 30 000 Mark -, die aus dem Geheimfonds des Ministeriums oft nur widerstrebend gedeckt wurden. Statthalter Louis Luyt verlor schließlich den Spaß am Verleger-Dasein -- spätestens, als er seinen Jet beleihen mußte.
"Du bist ein James Bond im Taschenformat", schrie er einmal den früheren Freund Rhoodie an. Kurz darauf wechselte der "Citizen" nominell den Besitzer, die zwölf Millionen Rand aber blieben bei Luyt.
Stramm rechts und auf Regierungslinie eingestellt, weigert sich die Verlagsleitung des "Citizen" bislang, ihre Hauptaktionäre zu nennen. Teilhaber, soviel ist bekannt, ist neben zwei konservativen Amerikanern und einem holländischen Verleger "ein früherer österreichisch-ungarischer Prinz, der heute Deutscher ist" (so die Tageszeitung "Beeld"): Otto von Habsburg.
"Dies ist erst der Anfang", schrieb Johannesburgs "Rand Daily Mau" vergangene Woche über den Zeitungsskandal. Neben dem "Sunday Express" trug die Zeitung maßgeblich zum Rücktritt des Ministers Mulder bei.
Der war bis vor kurzem noch Kronprinz der regierenden Nationalen Partei. Nur wenige Stimmen fehlten ihm vor einigen Wochen in Kapstadt, als schließlich Verteidigungsminister Pieter Willem Botha zum neuen Premier gekürt wurde.
Premier Botha versprach, kaum ins Amt gewählt, eine "saubere Verwaltung" -- weil er womöglich wußte, daß Mulder im Parlament gelogen hatte, als er im Mai dieses Jahres erklärte: "Das Informationsministerium und die Regierung geben keine Gelder an den "Citizen'."
Die vom neuen Ministerpräsidenten gelobte "rigorose Aufklärung" indes traf den Aufklärer zuerst: Richter Mostert wurde von seinen Untersuchungspflichten entbunden.
Doch schon droht dem politischen Buren-Establishment" das sich so gern seiner Aufrichtigkeit rühmt, neues Unheil. Kurt Dahlmann, der frühere Chefredakteur der "Allgemeinen Zeitung" in der Südwest-Hauptstadt Windhuk" glaubt, daß auch der Verkauf seiner Zeitung und seine Entlassung mit Millionen aus Pretoria gesteuert worden waren (SPIEGEL 35/1978).
Prominente deutsche Politiker sollen sich als hilfsbereite Partner bei den Rhoodie-Geschäften betätigt haben. Bisher, so Rhoodie, sei nur "die Spitze des Eisbergs" aufgetaucht.

DER SPIEGEL 46/1978
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