13.11.1978

THEATERSaudumm und Gomorrha

Das Ärgernis- und Erfolgsstück „Was heißt 'n hier Liebe?“ des Berliner Kindertheaters „Rote Grütze“ kommt jetzt als Theater-Verfilmung in die Kinos.
Das sind doch diese, die auf der Bühne kleine Kinder zum Geschlechtsverkehr aufstacheln.
Man braucht den Namen "Rote Grütze" nur auszusprechen, dann wissen die Großgrundbesitzer des allgemeinen Sittenempfindens auch schon Bescheid: Da ist nicht von harmloser Süßspeise die Rede, sondern von jenem Berliner Kindertheater, das mit seinen Sexualaufklärungsstücken die deutsche Jugend verdirbt; und das auch noch mit Erfolg.
Seit im Februar 1973 die "Rote Grütze" in der Kreuzberger Kneipe "Mampf" zum erstenmal auftrat, haben in der Bundesrepublik rund 80 000 Kinder und 40 000 Erwachsene in knapp 600 Aufführungen diese "Brutalaufklärung und Theaterferkelei", so der gottesfürchtige Biologie-Professor Illies, über sich ergehen lassen.
Und noch etliche mehr wären der "sexuellen Enthemmung" anheimgefallen, gegen die der "Theologische Konvent" sich stemmte in einem Anti-Grütze-Brief mit Abschrift an den "Herrn Bundeskanzler", wenn nicht etwa die Kasseler Stadtsparkasse das Engagement der "Roten Grütze" kurzfristig wieder zurückgezogen hätte, weil -. "Aus Protest haben Kunden bereits ihre Konten gekündigt."
Oder wenn nicht der nordrhein-westfälische Kultusminister Girgensohn mit einem "Runderlaß" 1976 die "Rote Grütze" aus den Schulen des Landes verbannt hätte. Oder wenn nicht das städtische Kulturamt sie im April dieses Jahres vom Wuppertaler Kindertheatertreffen wieder ausgeladen hätte.
Andererseits wäre die "Rote Grütze" womöglich gar nicht zu der Attraktion geworden, die sie ist, wenn nicht die "Lüdenscheider Nachrichten" düster vor dem Besuch der "Aufführungen dieses Wanderensembles" warnen und "Bild" nicht abgestoßen anfeuernd fragen würde: "Rote Grütze" -- zu scharf für Kinder?"
Obwohl vom kirchlichen Vorwurf der Sodomie-Verherrlichung ("Rote Grütze"-Kommentar: "Saudumm und Gomorrha") bis zum Aufruf (des hessischen Elternvereins) an die "Eltern und Erzieher in allen Bundesländern", mitzuhelfen, "weiteres Unheil" durch die "Rote Grütze" zu verhindern, obwohl sämtliche Verhütungsmittel bis hin zum präservativen Vorwurf der geistigen Terrorismus-Beihilfe erprobt wurden, hat die "Rote Grütze" es inzwischen sogar zu staatsoffiziellen Ehren gebracht.
Im vorigen Jahr erhielt die Gruppe den mit 10 000 Mark dotierten "Brüder-Grimm-Preis" des Landes Berlin für eine Theaterarbeit" die, so Berlins Kultursenator Sauberzweig, geeignet sei, "verhärtete Traditionen leichter zu überwinden und neue Aufgaben einfallsreich zu lösen".
Und jetzt kommt die Gruppe mit ihrem Stück "Was heißt 'n hier Liebe?" auch noch, dazu in der Überlänge von zweieinhalb Stunden, in die deutschen Kinos.
Der Film entstand innerhalb weniger Tage während eines Gastspiels der "Roten Grütze" in einem Schwabinger Zirkuszelt, wo das "Spiel um Liebe und Sexualität für Leute in und nach der Pubertät" vom Publikum mit paradiesischer Ausgelassenheit begleitet wurde.
Diese Wirkung ist sowenig zufällig, wie sie jenem erpresserischen Theater-Humor entspringt, demzufolge auch ein kleiner Scherz mal sein und der dräuende Held auch mal ins legendäre Heidelbeerkompott fallen muß, damit das vor lauter Tiefsinn und Bedeutungsschwere mit angehaltener Luft verängstigt dasitzende Publikum eine gnädige Verschnaufpause erhält.
Angst macht nicht lustig. Und daß die "Rote Grütze" bei ihren Zuschauern eine Jubelstimmung nährt, als hätten alle hitzefrei bekommen, hat eben damit zu tun, daß hier der Ernst des Lebens so ernst genommen wird, wie er doch unmöglich sein kann.
Da ist beispielsweise Teenager Paula, die sich im Spiegel von allen Seiten betrachtet, Einwände gegen ihren zu dicken "Arsch" ("Sprache der Gosse", wie die Mainzer "Allgemeine Zeitung" die Millionen-Wörter der "Roten Grütze" brandmarkt) hat, ängstliche Vermutungen über das Wachstum ihres kleinen Busens anstellt, die sich ja von der Seite und im Brigitte-Bardot-Ausfallschritt mit in die Hüfte gestemmten Händen ganz gut findet -- aber von hinten, vergiß es.
Und da tritt Teenager Paul hinter dem Vorhang hervor, angekündigt vom Zirkusdirektor im Zylinder wie der Star des Abends. Paul, ein verdrückter Typ von hilfloser Überlegenheit, immer gut für die kleinlauten großen Sprüche, was für Mädchen er haben könnte, wenn er wollte, Paul hat Probleme, weil er etwas klein geraten und noch nicht 18 ist, zwar keine Pickel, "zum Glück", dafür aber einen Krummstab von Nase hat.
Nachdem Paula und Paul sich so jeder vor sich selber gewunden haben, sollen sie, des Stückes wegen, sich ineinander verlieben. Paul, das heißt Günter Brombacher, der ihn spielt, stürzt dabei unvermittelt aus seiner Rolle heraus und auf Helma Fehrmann alias Paula los, als auch schon der Zirkusdirektor verständnisvoll, aber mit achselzuckender Strenge Einhalt gebietet.
"Leute", ermahnt er seine Mitspieler, "ihr seid noch nicht soweit ... Alles zu seiner Zeit. Das Stück dauert doch zwei Stunden." Worauf Paula beleidigt -- "Das dauert mir zu lange!" -- in die Rolle des Teenagers zurückkehrt, der allemal warten muß, bis er alt genug ist, während Paul sich zerknirscht mit der Rolle des pubertären Jungmanns abfindet. der da vor sich hin flucht: "Verdammt! Wäre ich doch schon erwachsen!"
Mit liebevoller Genauigkeit und einer körperlichen Glaubwürdigkeit, daß man meint, sie seien auch in Wirklichkeit nicht älter als die Jugendlichen, die sie spielen, versetzen die Komödianten der "Roten Grütze" sich und ihr Publikum in die von Peinlichkeit und Angst vor sich selber verstopfte Zeit des ersten Kusses und Ergusses.
Dabei erheben sie freilich weder den antiautoritären Zeigefinger pädagogischer Besserwisser, noch warten sie mit kausalen Erklärungen dafür auf, warum Paul und Paula so umständlich an sich herumdrucksen und jene Angst voreinander haben, die bei den furchtsamen Gegnern der "Roten Grütze" unerschrocken Liebe geheißen wird. So wird in "Was heißt 'n hier Liebe?" auch nicht verbissen Nachhilfeunterricht in Sexualtechnik mit dem Versetzungsziel psychohygienisch reibungslosen Geschlechtsverkehrs erteilt.
Vielmehr sucht die "Rote Grütze" die verschlungenen Pfade auf und geht sie nach, in deren Krümmungen Jugendliche mit dem Drang und der Lust auf Gott und vor allem die Welt sich die Hacken an sich selber ablaufen, bis sie endlich abgelatscht das Stadium der Reife erreichen, wie man ja auch das Grab endlich erreicht.
Wenn diese Gruppe denn überhaupt mit dem von ihr selbst verfaßten Stück irgend etwas propagiert, dann nur dies: die Weigerung, zu Tode zu reifen.
Und so gibt"s denn auch nach Stunden burlesker Turbulenz voll Scham und Familien-Schande, welche Jugendliche verursachen, wenn sie erst nach Dunkelwerden vom Freund oder der Freundin heimkehren, ein Happy-End. Paul und Paula kriegen sich nicht, sie nehmen sich -- die Zärtlichkeit und Lust zusammenzusein, ohne sich zu peinigen und sich mit falscher Scham des Körpers und der Zunge, die zur Verständigung da ist, gegenseitig im Wege zu stehen.
In "Was heißt 'n hier Liebe?" wird niemandem auf die Füße getreten. Jedoch, und da haben die moralischen Eiferer recht, tritt die "Rote Grütze" auch selber nicht von einem Fuß auf den andern vor Verlegenheit. Und eben darum macht es ja auch Spaß und nicht Angst, ihr zuzugucken beim Umgang mit der Angst vor der ersten großen Liebe.
Von Christian Schultz-Gerstein

DER SPIEGEL 46/1978
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