18.09.1978

ZEITGESCHICHTEJagdsitz an Deck

Hermann Görings Motoryacht steht für 1,1 Millionen Mark zum Verkauf -- ein merkwürdiges Schiff mit Vergangenheit.
Das Münchner Auktionshaus Graf Klenau OHG, spezialisiert auf altes Waffenzeug und sonstige Militaria, offeriert derzeit ein "historisches Objekt" von ungewöhnlicher Dimension: 27,5 Meter lang, 4,85 Meter breit. "Interessierte Institutionen und Sammler", so die Firma, können die "persönliche Motoryacht Hermann Görings", die "Carin II", erwerben. Für 1,1 Millionen Mark.
Der happige Preis erschließt sich, wie Eigner und Auktionator begründen, nicht allein aus der kostbaren und wohlkonservierten Substanz des 40 Jahre alten Schiffs, das dem Reichs-Luftfahrtminister 1937 vom Verband der deutschen Automobilindustrie geschenkt worden war. Die Luxusyacht war eine Spezialkonstruktion, mit abnehmbarem Steuerhaus und doppelschaligem Rumpf aus Teakholz, Salon in kaukasischem Nußbaumwurzelholz.
Erhalten ist nahezu komplett das Originalinventar, sind der "Jagdsitz" auf dem Vordeck -- von dem aus Weidmann Göring auf Enten und Möwen, gelegentlich aber auch auf die Isolatoren von Hochspannungsleitungen feuerte -- und die Bordtoilette mit überbreitem Klosettdeckel. Erneuert oder ergänzt wurden Maschine (Acht-Zylinder-Diesel, 235 PS), Elektroanlage, Heizung und Brennstofftanks; der jetzige Besitzer, der Hamburger Reporter Gerd Heidemann, ließ die Wasserhähne vergolden und ersetzte die mit einem Boiler ausgestattete Badezelle -- die der füllige Marschall nicht bestieg, weil er nicht reinpaßte -- durch eine neuzeitliche Dusche.
Zur Preisgestaltung trug vielmehr auch die Ansicht des Besitzers bei, daß ""Carin II" fast eine europäische Geschichte" aufzuweisen habe -- die er selber demnächst in einer Abhandlung über seine "Bordgespräche" veröffentlichen will. "Dieses Schiff", so lautet etwa eine Eintragung im Gästebuch aus dem Jahre 1976, "atmet Vergangenheit." Autor der historischen Würdigung ist selber eine Figur der Zeitgeschichte: Oberst Eugene K. Bird, der frühere US-Kommandant des Spandauer Kriegsverbrechergefängnisses.
"Ich habe", schrieb Bird, "so oft mit Rudolf Heß und Albert Speer und Baldur von Schirach über "Carin II" gesprochen", aber "ich hätte nie gedacht. daß ich eines Tages an Bord gehen und an Hermann Görings Tisch sitzen würde."
Andere auch nicht, die der Schiffseigner geladen hatte, damit das Motorboot zur "Begegnungsstätte einst unversöhnlicher Gegner" werde. Darunter waren ein übergelaufener ehemaliger sowjetischer KGB-Hauptmann namens Alexej Mjakow, dem an Bord "Gedanken über den Sinn des Lebens" kamen, ein Waffen-SS-General und der deutsch-polnische Topagent Leopold Trepper ("Rote Kapelle"), der sich in holprigem Deutsch eintrug: "Ich wünsche, daß dieser Schiff soll werden zum Ort von nachdenken ... daß alles, waß in den vergangenen Tragischen Jahre vorgekommen ist, keinmal sich mehr wiederholen soll."
In jenen Jahren schipperte der Reichsmarschall mit der "Carin II" "am liebsten durch kleine Kanäle". erinnert sich der damalige Kapitän Georg von Höne, denn "er haßte Wind und Wellen wegen der Schaukelei". Die "vielen schönen Stunden" (Göring-Tochter Edda), die der Reichsmarschall auf dem Schiff verbrachte, waren für seine Besatzung "ganz schön anstrengend" (Höne). Denn Koch, Ka-
* Prinz Paul von Jugoslawien, Emmy Göring, Prinzessin Olga, im Juni 1939 auf dem wannsee.
pitän und Kammerdiener mußten den Chef in der Regel bis drei Uhr früh beim Skat unterhalten. Und morgens zwischen fünf und sechs Uhr "ging es", so Butler Robert Kropp, "sofort mit Musik los, den ganzen Tag" -- Schlager ("Napoleon ist an allem schuld"), Märsche und immer wieder Wagner-Opern.
Gelegentlich betrieb der Marschall an Bord auch Politik, empfing Größen des Deutschen Reiches und ausländische Prominenz wie den italienischen Kollegen Marschall Balbo oder Prinzregent Paul von Jugoslawien. Kurz vor Kriegsausbruch traf der Luftwaffen-Oberbefehlshaber auf der "Carin II" sogar eine bedeutsame Entscheidung. Er diktierte den Bordgästen Generalmajor Udet und Generalmajor Jeschonnek eine "gewaltige Steigerung der Bomberstreitmacht" (so der britische Historiker David Irving).
Erst nach dem Krieg kam allerdings für die von den Engländern erbeutete Göring-Yacht die ganz große Zeit: Sie wurde Flaggschiff der Royal-Navy-Rheinflottille und Ausflugsdampfer der britischen Königsfamilie. Rhein und Neckar rauf und runter fuhren Queen Elizabeth und Prinzgemahl Philip, der Herzog von Windsor und die Herzogin von Kent, Prinzessin Margaret und Lord und Lady Mountbatten. "Wir sind", erinnert sich der damalige Schiffskoch und Steward Heinz Brockhaus, "mindestens zwanzigmal in Heidelberg gewesen."
Die königliche Yacht, nun umgetauft auf den Namen "Prince Charles", absolvierte auch, 1954, einen britischen Flottenbesuch in der Schweiz oder kreuzte bei einem Nato-Manöver vorneweg. Und immer wieder feierten die neuen Herrschaften ihre Cocktail-Partys an Bord. "Auf dem Schiff", so Steward Brockhaus, "wurden schon Tausende Flaschen Sekt und Gin geleert" -- und anschließend im Rhein versenkt.
Die fröhliche Rheinfahrt ging 1960 zu Ende, als die Briten das Beute-Boot an Emmy Göring abliefern mußten -- die Marschallswitwe hatte mit Erfolg reklamiert, daß die Yacht niemals für militärische Zwecke eingesetzt war, sondern nur zum privaten Vergnügen. Behalten mochte sie das Schiff aber auch nicht. Frau Göring verkaufte an einen Bonner Druckereibesitzer, der aus "Prince Charles" eine "Theresia" machte und sie der Bonner Studentenschaft als Tagungsstätte zur Verfügung stellte -- 13 Jahre lang, bis das Boot zum derzeitigen Eigner wechselte und wieder zur alten "Carin" wurde.
Wer die nun kriegt, samt Marschallsuniform, Göringschem Silberbesteck, Luftwaffenadler aus Brillanten und Gold, Bordbibliothek und Photoalben,
* Italiens Luftwaffen-Chef Balbo (oben l.), Göring-Adjutant.
ist völlig offen; bislang wollte niemand die runde Million hergeben. Interesse erhofft sich der Verkäufer vor allem von britischen Schiffahrtsmuseen, die ihre Sammlung vielleicht um eine Rarität aus dem Dritten Reich bereichern wollen. "Die Engländer". so spekuliert er, "restaurieren ja auf der Insel Jersey sogar die alten Nazi-Bunker für die deutschen Touristen."
Vergleichbare Absichten sind auf deutscher Seite anscheinend nicht anzutreffen. Ein Angebot an das Bremerhavener Schiffahrtsmuseum, die "Carin II" zunächst kostenlos zu übernehmen und den Preis langfristig aus Besuchereinnahmen zu begleichen, stieß bei den Ratsherren der SPD-regierten Stadt weder auf Zustimmung noch auf Ablehnung, sondern auf Schweigen. "ich kriege", so der Museumsdirektor, "nicht einmal ein Nein zu hören."

DER SPIEGEL 38/1978
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